Budapester Thermalbäder Wodka-Partys im Wasserdampf

Männertag im Rudas-Bad. Zunächst ist alles ein bisschen fremd und, gestehen wir es ruhig, unheimlich. Das Gebäude am Ufer der Donau sieht von außen aus wie eine alte Fabrik. Der Neuankömmling betritt einen lang gestreckten Raum mit mürben Holzbänken. Unerklärliche schwarze Löcher klaffen in der Decke. Am Kiosk gibt es szendvics und üdit, und das tönt auch nicht gerade vertrauenerweckend.

Man kauft eine Eintrittskarte und lässt die Kleider in der Kabine, bekommt dafür einen Schlüssel mit einer Nummer drauf. Der weiß gekleidete Wärter, der lautlos in feuchtklebrigen Gängen herumschlurft, schreibt eine Nummer an die Kabinentür, aber eine andere als die, die auf dem Schlüssel steht. Dazu blickt er unverwandt auf den Boden und murmelt unverständliche Worte. Wüsste der Besucher nicht, dass sich hier im Rudas-Bad in Buda der ungarische Ex-Ministerpräsident, der Kabinettschef und der gemäßigte Flügel des Parlaments regelmäßig entkleiden, machte er vielleicht bereits jetzt rechtsum kehrt. So bleibt er aber und empfängt einen weißen Stofffetzen mit zwei langen Bändern. Sie sollen so um den Leib geschnürt werden, dass der Stofffetzen hält und auch der Schlüssel nicht verlorengeht. Allerdings reicht das Tuch bloß aus, um eine Blöße zu bedecken, entweder die hintere oder die vordere. Unauffällige Beobachtungen ergeben, dass beide Varianten beliebt sind.

Ohnehin gleichen die Männer, die sich jetzt, vom dünnen bleichen Schurz verhüllt, über eiserne Treppen, an tropfenden Rohren entlang, in die dampfende Unterwelt begeben, dumpfen, ergebenen Metzgergesellen. Mit Schrecken überzeugt sich der Neuling, dass er, Gott sei's geklagt, keinen besseren Anblick bietet. Dann aber trifft ihn, wie ein Zauber, der Lichtstrahl aus einer der kleinen runden, mit farbigem Glas verkleideten Öffnungen im Kuppeldach, das von acht mächtigen Säulen gestützt wird.

Die Mauern sind mit Marmorplatten verkleidet. In gebranntem Ziegelstein liegt die dampfende Brühe, und vom Moment an, da sich der Besucher darin lagert wie ein Nilpferd nach gewonnener Revierschlacht, von dem Moment an beginnt er sich mit seinem Schicksal anzufreunden. Das Wasser hat 42 Grad, Mutter Erde hat es persönlich aufgewärmt. Es blubbert zufrieden und sagt: Kalzium-Magnesium-Hydrogenkarbonat-Sulfat-Chlorid. Der Besucher ist beeindruckt und fächert leise wie ein Geigenrochen vor sich hin. Dann beginnen in der glitzernden Feuchtigkeit auch noch die alten Mauern zu murmeln. Sie sagen: Gelenkentzündungen, Bandscheibenvorfall, Kalkmangel. Die Mauern sind eineinhalb Meter dick und wurden vor 500 Jahren von den Türken angelegt. Die wussten, dass die Auswüchse der menschlichen Anatomie des Trostes einer festen und erhabenen Architektur bedürfen.

Entspannt lässt sich der Besucher ein bisschen tiefer ins Wasser sinken, bis zum Kinn, und von gesunden Mineralstoffen und den Spurenelementen einer alten Geschichte benebeln. Der Budaer Berg, Ausläufer des Transdanubischen Mittelgebirges, löchriger Beweis erschütternder Vorgänge in den jüngsten 200 Millionen Jahren. Mächtige Kalkstein- und Dolomitschichten brachen auf unter dem Beben der Erde, türmten sich hoch, spalteten sich in Risse und Sprünge, in den Hohlräumen des zertrümmerten Steins sammelte sich so viel Karstwasser wie nirgendwo sonst in Europa, 118 Quellen und Bohrbrunnen allein in Budapest, 30.000 Kubikmeter Thermalwasser täglich, 21 bis 76 Grad warm.

Die Römer ließen sich besänftigen vom heilenden Nass, richteten hier an der Donau die Grenze ihres abendländischen Reiches ein sowie ein großes Dampfbad - für Männlein und Weiblein geöffnet. Diese Tradition war den nachfolgenden christlichen Herrschern nicht geheuer, und erst die türkischen Eroberer, die in eineinhalb Jahrhunderten acht prächtige Hamam bauten, brachten die Badekultur zu neuer Blüte. "Die Türcke", so schrieb ein Reisender im Jahr 1574, "nemliche welche besondere lust ab dem wesschen und baden haben, und die fliessende wasser sonderlich in ehren halten, welcher sie offt des tages gebrauchen nit allein des leibs, sonder auch der seelen dreck und unflat abzuweschen."

Es waren wohl vernünftige Menschen, die Osmanen, und immer noch sind in Budapest fünf türkische Bäder in Betrieb, das Rudas-Bad, als einziges nur für Männer offen, ist eines davon. Der Besucher lässt frech seine große Zehe aus dem Wasser spitzeln. Nur unscharf sieht er sie in Dunst und Dampf, und ein Gedanke fliegt ihm zu. Nichts Demokratischeres gibt es auf der Welt als ein Bad in diesem alten Gemäuer: Jede Hässlichkeit verschwimmt, und alle Unterschiede des Ranges und des Geldes weichen auf.

Budapester Badegeheimnisse

Genau in diesem Moment einer glückhaften Erkenntnis nähert sich schwimmend, in krokodilhafter Starre, eine trübe Gestalt der großen Zehe des Besuchers, berührt ihn - kitzelt ihn sogar. Erschrocken zuckt der Neuling aus der behaglichen Wärme, rafft sein Röcklein zusammen und flieht über glitschigen Stein in Richtung Umkleidekabinen. Endlich taucht der mürrische Wärter auf, der die Kabinentür mit seinem Schlüssel öffnet - derjenige, den der Besucher behütet hat die ganze Zeit, taugt zu diesem Zweck offensichtlich nicht. Und wie er sich umzieht, ist dem Besucher klar, dass er, um entspannt einzutauchen in Budapests Bäderwelt, zuerst einmal einen kundigen Führer braucht.

Das 19. Jahrhundert propagierte die Vorteile der körperlichen Hygiene und entdeckte wieder die magischen Kräfte des Wassers. Das Bürgertum schuf Volksdampfbäder und wahre Tempel der Badefreuden, beide mit getrennten Abteilungen für Damen und Herren, und Budapest, untergraben von heißem, mineralisch angereichertem Wasser, wurde zur einzigen Kapitale der Welt, die den Titel Bäderstadt führen durfte, ein Mekka der Kranken und Lahmen bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

42 Bäder zählt Budapest, unter kommunistischem Regime fielen sie unter die Zuständigkeit des Hauptstädtischen Bad-Direktorats und waren häufig benutzte Quellen der Gesundheit und des Nichtstuns. Das Glück des angehenden Bauingenieurs Ferenc Mogyorósi war, dass er ein so guter Schachspieler war, 2200 Elo-Punkte - das reichte für einen Stammplatz am begehrten Turnierplatz mitten im Wasser. Im lauschigen Stadtwäldchen Budapests, im größten Thermalbad-Komplex Europas, im Széchenyi-Bad, erbaut in Neobarock und Renaissance, breite Flure und lauschige Nischen, Glas- und Gold-mosaike, bronzene Springbrunnen, Schwäne und Delfine, hier versinken, sommers und winters, die Liebhaber des Schachs im königlichen Spiel und 36 Grad warmen Wasser.

In zwei Mauern, im Außenbad integriert, die knapp übers Wasser ragen, sind je drei Bretter eingelassen, aber nur die Besten von 150 Enthusiasten, die sich regelmäßig treffen, dürfen an jenen Brettern spielen, welche meistens in einem gnädigen Schatten liegen. Ferenc Mogyorósi spielte immer im Schatten, und als er keinen Gegner mehr fand, der ihn schlagen konnte, aber auch nicht professioneller Schachspieler werden wollte, offerierte ihm das Bad-Direktorat eine Stelle in der Verwaltung.

Nach der Wende wurde aus dem Direktorat die Budapester Heilbäder und Thermalquellen AG, 1400 Angestellte, Ingenieur Ferenc Mogyorósi ist verantwortlich für Betrieb und Unterhalt der 16 wichtigsten Bäder von Budapest. Niemand kennt die Bäder der Hauptstadt besser als er. Die westlichen Gäste, erklärt er, besuchten am liebsten die hohen, majestätischen Hallen des Gellért-Bades, orientalisch in der Architektur, in der Anlage so großzügig wie ein Römerbad. Russen und andere Besucher aus dem Osten bevorzugten das Széchenyi-Bad, und das sei auch für ihn das schönste Bad in Budapest.

Von den Türkenbädern sei das Rudas-Bad das geheimnis- und stimmungsvollste. Dorthin gingen viele Politiker und Sportler. Die Schauspielerinnen würden sich gerne ins Rác zurückziehen, Raitzen-Bad auf Deutsch, wo es auch ein Fitnessstudio gibt. Die Gymnasiasten gehen, schmunzelt er, ins Lukács-Bad. Warum? Das Lukács-Bad, lacht Ferenc Mogyorósi, ist der Treffpunkt der berühmten Sänger und Schauspieler. Deswegen gehen die jungen Mädchen hin. Und ihnen folgen die Gymnasiasten.

Dem Besucher aber, die schmähliche Flucht aus dem türkischen Bad noch in bester Erinnerung, brennt noch eine andere Frage auf der Zunge, die ungarischen Badesitten betreffend. Herr Mogyorósi hört aufmerksam zu im großen Büro des Verwaltungsgebäudes der Budapester Bäder. Und weil er ein guter Schachspieler ist, verrät er auch nichts von seinen Gefühlen. Er prustet nicht los, freundlicherweise, hüstelt nur ein bisschen. Da, sagt er, fragen Sie am besten unseren László Kiss, seit 45 Jahren im Dienste der Badekultur, der erfahrenste Bademeister der Stadt.

László Kiss arbeitet im Lukács-Bad, einer wunderbaren, von geschützten Platanen gesäumten Oase am Fuß des Josephbergs. Noch prangen draußen an der Wand die zahlreichen Danksagungen, in Stein gemeißelt, in Bronze gegossen, von Leuten, die in Schlammbad und Schwefelwasser von Gicht, Rheuma und bösartigen Geschwulsten erlöst wurden.

Ja, bestätigt László Kiss, 67 Jahre, ja, hier haben schon einige Patienten wieder gelernt zu gehen. Seine wässrigen blauen Augen blinzeln, und die Äderchen in der durchsichtigen Haut röten sich ein bisschen. Er lacht. Weil man ihnen die Krücken gestohlen hat!

Am Hals trägt er ein Hundert-Lire-Stück, Ersatz für die Bademeisterpfeife, die ihn so lange begleitet hat. Jetzt braucht er sie nicht mehr, er ist Respektperson genug. Begann als Masseur im Gellért-Bad, wechselte dann ins Lukács-Bad, wo er bald so berühmt war wie die Künstlerprominenz, die sich hier regelmäßig den unterschiedlichsten Baderitualen hingibt. Die einen schwimmen bloß für 30 Minuten. Andere begeben sich zuerst in die Heißluftkammer, kühlen sich im 24-Grad- Becken ab, benützen das Dampfbad, bevor sie sich zuerst im lauwarmen (32 Grad), dann im heißen (40 Grad) Wasser den heilenden Kräften aussetzen. Neuestens, rühmt László Kiss, gibt es auch ein Erlebnisbad mit Sprudel- und Prickel-Vorrichtungen. Das aber erinnert den Besucher an seine eigenen prickelnden Erlebnisse im Rudas-Bad.

Nein, ruft László Kiss und lacht, dass der weiße Schnurrbart zittert, es ist allgemein bekannt, dass jene Männer, die lieber Männer, und jene Frauen, die lieber Frauen haben, dass die sich nachmittags im Király-Bad oder im Raitzen-Bad treffen. Aber, und jetzt flüstert der alte Bademeister, das Wasser im Rudas, dem Türkenbad, ist radiumhaltig und gilt als potenzfördernd. Nicht wenige Politiker, die sich regelmäßig dort treffen, verfehlen nie, ein paar Schlucke davon zu trinken.

Wenn es so ist, antwortet der Besucher, endlich eingeweiht in die Badegeheimnisse Budapests, werde ich doch wohl dorthin zurückkehren.

Autor:
Ruedi Leuthold