Budapest Ungarns interessanter Jugendstil

Wo liegt Budapest? In Wien besteigt man den Zug am Westbahnhof und erreicht die ungarische Metropole am Ostbahnhof. Doch die Himmelsrichtungen sollen nicht irritieren. Wir nähern uns der Stadt durch ihre Geschichte, und die beginnt im Osten mit einem Reitervolk, Nachfolger der Hunnen, Brüder der Finnen und einzigartig in der Mitte Europas.

Hundertfach erklären die Ungarn ihre Schöpfungsgeschichte dem Gast, der die schwierige Landessprache nicht verstehen kann: Mitten in der Stadt krallen sich Greifvögel, aus Steppenerde gebrannt, an den Dächern fest, Schlangen kriechen die Fliesenwände hoch, und noch sonst allerlei Getier der magyarischen Arche Noah erzählt von den Anfängen - ja, mitten in der Stadt und an wichtigen Gebäuden. So wird der Besucher in der einstigen Postsparkasse, der heutigen Ungarischen Nationalbank, mehr durch Sagenschätze als durch den schnöden Mammon unterhalten, auch wenn in den Darstellungen auf die mühevolle Arbeit des Geldverdienens hingewiesen wird: Die Lisenen sind mit emsig arbeitenden Bienen dekoriert und die Oberlichter des Kassensaales ganz bewusst in der Form von Bienenwaben gestaltet. In Büchern ist zu lesen, dass der Architekt Ödön Lechner von den Londoner Bauten im indischen Stil beflügelt gewesen sein soll.

Zweifelsfrei war das ungarische Verlangen nach einer eigenen Ausprägung des Jugendstils. Budapest befand sich am Höhepunkt seiner städtebaulichen Entwicklung, der Pester Stadtteil mit seinen Ringstraßen und Boulevards brauchte den Vergleich mit Wien nicht zu scheuen, vielmehr verglich man sich mit Paris. War die Wiener Postsparkasse von Otto Wagner - der übrigens in Budapest die Synagoge in der Rumbach Sebestyén utca entwarf - ganz im Geiste einer rationalen, universalistischen, westlich orientierten Auffassung gebaut, so scheuten die Ungarn nicht den Blick nach Osten.

Denn der Osten ist hier positiv besetzt. Nicht nur der Greif, der Urvogel Turul, ein Fabeltier des Orients, beflügelte die Phantasie: Die unverwechselbaren sattgrünen und gelben Keramiksteine, Pyrogranit genannt, schillern über der Stadt. Sie krönen die Zeltdächer der Lechner-Bauten, so das Kunstgewerbemuseum und das Geologische Institut. Nicht nur sie, eine Erinnerung an die heldenhafte Nomadenzeit des Reitervolkes aus dem Osten, schillern da - und doch: Die wahre Geschichte erzählt sich etwas anders.

Das durch Türkenkriege entvölkerte Ungarn wurde im 18. Jahrhundert zu einem Gutteil von slawischen Nachbarn besiedelt. Mythen sind da stärker: Alle Budapester Architekten zelebrierten den "Hunnenstil". Das Hotel Gellért, benannt nach Szent Gellért (dem heiligen Gerhard), einem der ersten Bischöfe Ungarns und - was viel wichtiger war - einem Unterstützer des königlichen Árpáden-Hauses, präsentiert sich genauso in Mythengestalt wie die vielen blau- und grünfunkelnden Grabmäler auf dem Jüdischen Friedhof im Stadtteil Kbánya.

Waren die ungarischen Juden denn auch ein Reitervolk des Königs Attila? Die im alttestamentarischen Stil geschilderte "Landnahme" der Ungarn erfolgte bekanntlich nicht nur durch die sieben Stämme, sondern auch durch zwei sagenumwobene Chasaren-Stämme: jenes zum Judentum konvertierte Turkvolk aus dem Gebiet zwischen Wolga und Don. So bekam die Villa des Balázs Sipeki (Architekt Ödön Lechner) logischerweise ein Minarett, und in die ebenfalls morgenländisch inspirierte Villa des Bildhauers György Zala zog nach der kommunistischen Enteignung die Libysche Botschaft ein.

Der wahre ungarische Nationalstil

Ungarische Gelehrte wollen diese Bauten in einem Atemzug mit dem antiken Babylon (das ungarische Zweistromland von Donau und Theiß vorwegnehmend) erwähnt haben. Das sprichwörtliche babylonische Sprachengewirr erleben wir in architektonischer Entsprechung auch im Budapester Zoo, erbaut um 1911. Wieder einmal geht es um die Abstammung. Was ist nun der wahre ungarische Nationalstil? Der "indische" Hunnenstil mit den Fabeltieren und Zeltdächern, also der Stil Ödön Lechners, oder der des Vogelhauses, nachempfunden der siebenbürgischen Holzarchitektur, die mit ihren spitzen steilen Türmen bisweilen an norwegische Stabkirchen erinnert? Beides hat mit dem Ursprung der Ungarn zu tun. Der Stil der Fabeltiere und Zeltdächer erzählt von den Träumen nationaler Herkunft, kann eine nahezu religiöse Dimension annehmen, aber auch als bildungsbürgerliches, entpolitisiertes Steckenpferd gesehen werden. Siebenbürgen und seine Geschichte hingegen sind klar politisch besetzt: Dies ist das Land des Exils.

Als die Osmanen große Teile Ungarns einnahmen, zog sich dessen politische Führungselite in das dicht bewaldete Fürstentum Siebenbürgen - Transsilvanien - zurück. Bis zum heutigen Tage ist Siebenbürgen den Ungarn Synonym und Platzhalter für Freiheitsbestrebungen. Kein größerer Kontrast ist vorstellbar zwischen den teuren Keramikfassaden von Ödön Lechners Repräsentativgebäuden und den schlichten, der siebenbürgischen Tradition nachempfundenen Holzbauten in der Siedlung Wekerle (Kós Károly tér und Umgebung) im Süden Budapests. 1909 bis 1929 unter der Leitung von Károly Kós errichtet, ist sie eine der ersten Gartenstädte Europas. Mit ihren 920 Wohneinheiten bot die Siedlung in den bautypologisch unterschiedlichsten Häusern (Ein- bis Sechsfamilienhäuser) den vom Lande in die Stadt strömenden Arbeitern Heimat an.

Natürlich lebten auch einige nationale Vordenker hier. Sie priesen den siebenbürgischen Holzstil als wahren Nationalstil des zum Großteil versteppten Landes. Ungarn ist einer der wenigen Staaten, der die Idee eines Nationalstils lebendig gehalten hat - ganz im Gegensatz etwa zu Finnland und der Tschechoslowakei, wo es zu Zeiten des Ersten Weltkriegs ähnliche Bestrebungen gegeben hatte.

Sicher, auch in Budapest gab es die mondänen Geschäftshäuser der Jahrhundertwende, die in ihrem floralen Stil eher Frankreich und England nacheiferten als dem fernen Hunnenland Attilas oder der hölzernen Bergwelt Draculas. Kühne Konstruktionen wie das Pariser Kaufhaus mit seiner paraboloiden Fassadenstruktur künden heute noch vom großstädtischen Flair an der Andrássy út. Nachdem der Bau dank seiner hochwertigen Ausführung ein halbes Jahrhundert Diktatur und Enteignung überlebt hat, weiß die neue, kapitalistische Wirtschaftsordnung nun nichts mit ihm anzufangen. Das liegt auch an der nicht aufgearbeiteten Vergangenheit Ungarns.

Im Gegensatz zu anderen postkommunistischen Staaten gibt es hier keine Naturalrestitution, die ehemaligen Eigentümer erhalten als Entschädigung Coupons staatlicher Betriebe. Die Häuser selbst gehören der Stadt oder wurden an die einstigen Mieter verkauft. Diese vermögen nur in seltenen Fällen die Baujuwele zu erhalten. Das von den Brüdern Vágó entworfene Jugendstilhaus Árkád-Bazár (Dohány utca 22) mit der gerne zitierten einzigartigen Steinplattenverkleidung ist so dem Verfall preisgegeben. Wenn etwa im Falle des eleganten Kasselik ház (Vörösmarty tér 3) selbst die detailreiche feinsinnige Struktur der Fensternischen minutiös renoviert ist, so beeinträchtigen die angrenzenden baufälligen Gebäude die Ensemble-Wirkung. Diese Ensembles, die im Stadtteil Pest nahezu alle um die Jahrhundertwende geschaffen wurden, spiegeln in ihrer Unterschiedlichkeit die Vielfalt und die große Dynamik der Metropole.

Mit dem Jahre 1920, als Ungarn zwei Drittel seiner Territorien an die Nachbarstaaten abgeben musste, schlitterte nicht nur die Bauindustrie in die Krise. Der König und Kaiser war ebenso gefallen wie der Jugendstil. Die restaurativen Kräfte bestimmten die Politik, die Kirche geriet zum wichtigsten Bauherrn. So ist auch der in Europa einzigartige Rückgriff auf das Barock zu verstehen. Dem Wohnungsproblem - Hunderttausende von Flüchtlingen aus den verlorenen Gebieten strömten nach Budapest - widmete man wenig Aufmerksamkeit.

Soziale Wohnbauten wie Rotes Wien wurden nicht einmal im Ansatz geschaffen. Die Moderne kann sich nur im privaten Sektor durchsetzen, hält sich aber erstaunlicherweise bis in die frühen vierziger Jahre. Die Nachkriegsjahre waren vom Wiederaufbau geprägt. Ein Viertel der Bauten war beschädigt. Die kommunistische Machtübernahme zwang freischaffende Architekten, ihre Ateliers aufzugeben und von nun an in staatlichen Großbüros zu arbeiten.

Mit viel Geschick konnten die Ungarn den aus der Sowjetunion exportierten Sozialistischen Realismus im Planungsstadium halten. Das politische Tauwetter brachte dann auch eine Neubelebung der Moderne mit großzügig gestalteten Wohnhäusern, die auch wieder die Budapester Balkone hatten, die man in unseren Breiten vielmehr als Terrassen bezeichnen würde. Die Sommer können dort eben sehr heiß sein.

In der Architektur wird heute weniger aus der eigenen Geschichte geschöpft. Zu sehr versucht man die Versäumnisse der verlorenen vier Jahrzehnte aufzuholen, leider oft mit billigem Westimport. Wenn man doch auf Magyarisches zurückgreifen will, dann auf die siebenbürgische Tradition. Die farbenfrohen "Hunnenbauten" mögen im härter gewordenen Alltag frohe Farbtupfer sein. Ihre Geschichte ist gegenwärtig zu fern - nicht greifbar.

Autor:
Stephan Templ