Budapest Komponist Béla Bartók

Feierlich hob sich der Eiserne Vorhang, um einem Toten Einlass zu gewähren. 43 Jahre nach seinem Ableben im amerikanischen Exil kehrte Professor Béla Bartók im Juli 1988 in gravitätischem Adagio nach Budapest zurück: erst an Bord der "Queen Elizabeth 2", dann im Leichenwagen über Paris und Wien bis an die Grenze, wo ihn etliche Offizielle, die Ehrenformation der Zöllner und ein Chor erwarteten. Dann ging es über die Dörfer, in denen Tausende Menschen Spalier standen, um ihn postum willkommen zu heißen.

War es bloß eine Laune der Geschichte, oder stellte seine Heimkehr womöglich die Generalprobe für die nachfolgende Wendezeit dar? Ein derartiger Reliquienkult hat in Ungarn durchaus Tradition, und natürlich dienen solche Akte vornehmlich der Selbstdarstellung derer, die das Sagen haben. Doch in diesem Fall holte man sich einen reichlich unbequemen Heiligen ins Haus. Nur wenige Künstler verkörpern wie Bartók schöpferische Souveränität und moralische Lauterkeit. Seine Rückführung lässt sich als ein Zeichen dafür werten, dass die Gesellschaft reif war für eine neue Zeit.

Sich mit Bartók zu befassen, heißt direkt zum Kern der ungarischen Frage vorzustoßen: Freiheit und Identität. Am 25. März 1881 wird er in Nagyszenter miklós geboren, einer siebenbürgischen Kleinstadt zwischen Donau und Karpaten. Der Vater leitet die Landwirtschaftsschule, die Mutter ist ausgebildete Lehrerin - zeitlebens wird Bartók sich als Erzieher verstehen. Eine Hautkrankheit setzt dem zarten Jungen derart zu, dass er bis zu seinem fünften Lebensjahr wie in Quarantäne lebt. Bald darauf stirbt der Vater. Mit Müh und Not bringt die Mutter Béla und seine Schwester durch.

Bevor er richtig sprechen lernt, ist er von der Magie der Klänge fasziniert. Der Vierjährige kennt bereits 40 Volkslieder - er sollte noch Tausende sammeln. Seine Mutter hat eine Schlüsselszene überliefert:"Tiefernst und aufmerksam" begleitet der Dreijährige auf einer Trommel ihr Klavierspiel. Präzise klopft er den Takt, und wenn sie ihn wechselt, passt er sich schlagfertig an. In diesem häuslichen Idyll sind einige Eigenheiten Bartóks bereits vorgeformt, von der Vorliebe für Schlagzeug - worunter bei ihm auch das Klavier fällt - über die Freude an Taktwechseln bis zum hellwachen Konzertieren.

Der Zehnjährige verfasst einen Klavierzyklus über den "Lauf der Donau", ein Stück vertonter Heimatkunde, das die Mutter gewissenhaft als "op. 18" verzeichnet. Als er es auf seinem ersten Konzert vorträgt, erntet "kolossalen Applaus", sieben Blumensträuße und eine hymnische Kritik. 1899 wird er schließlich an der Budapester Musikakademie angenommen. Die befindet sich damals noch an der Andrássy út, Ecke Vörösmarty utca, wo heute ein nostalgisches Museum an ihren Gründer Franz Liszt erinnert.

Zunächst scheint Bartók eher zu einer Karriere als Klaviervirtuose berufen, und in der Tat unternimmt er später Tourneen durch ganz Europa, bei denen der Pianist Bartók immer auch als Herold des Komponisten Bartók wirkt. Noch von Brahms und Richard Strauss beeinflusst, zugleich aber von unverkennbar magyarischem Kolorit, gerät die symphonische Dichtung "Kossuth" von 1903 zu seinem ersten großen Erfolg. Es sollte für 20 Jahre auch sein letzter sein.

"Mein Reich ist das der Dissonanzen"

Das Junggenie zieht sich zunächst in den Schmollwinkel zurück, um dann kompromissloser denn je seinen Weg zu gehen: "Mein ist das Reich der Dissonanzen!" Die gleichzeitige Lehrtätigkeit sichert Bartók einigermaßen ab, schon mit 26 Jahren wird er als Professor für Klavier an die Akademie berufen. Pünktlich zu seinem Einstand zieht diese in den neuen Kunsttempel am Liszt-Platz um. Zimmer 14 dient über all die Jahre als Wirkungsstätte des strengen, von den Studenten scheu bewunderten Meisters. Zugleich hat Bartók in der Akademie gegen fast alles ankomponiert, wofür dieser Prachtbau steht. Gegen Habsburg, gegen die deutsche Leitkultur, gegen spätromantischen Schwulst und wohlfeiles Kunstgewerbe.

Sein zugeknöpftes Wesen befördert seine Karriere nicht gerade. Er bildet den Prototyp des scheuen, nur für und durch die Arbeit lebenden Künstlers. Ein Einzelgänger, so leutselig wie sein "Blaubart" und so locker wie sein "Holzgeschnitzter Prinz". Äußerlich schmächtig wie ein Heiliger, innerlich bebend vor Energie. Im Umgang lakonisch und eher monoton, dabei sorgfältig bis zur Pedanterie. Ein Mann von schier explosivem Ernst, Ungarns Buster Keaton. Aber dann diese ungeheuerliche Musik! Diese Schärfe, diese Glut! Die phosphoreszierenden Klänge, die furiose Rhythmik, die erhabenen Melodien - diese Hochspannung zwischen dem Menschen und seiner Musik bildet das eigentliche Faszinosum.

1905 beginnt Bartók auf seinen Wanderungen neben Schmetterlingen und Gesteinen auch Volkslieder zu sammeln. Sie werden ihm zur Offenbarung, und fortan erforscht er systematisch die Volksweisen des Donauraums. Spätere Reisen führen ihn bis nach Algerien und Anatolien, und noch in Amerika transkribiert er Folkloreaufnahmen. Gemeinsam mit seinem Freund Zoltán Kodály leistet er Pionierarbeit. Nicht nur, dass die beiden die Musik-Ethnographie zur Wissenschaft erheben - zugleich retten sie Ungarns ausgeschlagenes Erbe. Bis dahin wurden weinselige Stehgeigerschnulzen und effekthascherische Galoppaden für bare Volksmusik gehalten; Zigeunerbaron grüßt Csárdásfürstin. Bartók und Kodály fördern dagegen eine eher stille, geheimnisvoll archaische Musik zu Tage, deren tiefste Schichten bis zur Völkerwanderung zurückreichen.

Den Wissenschaftler wie den Patrioten Bartók fasziniert die Aussicht, hier eine Art Urmusik dingfest machen zu können. Für den Komponisten bildet die Folklore eine unerschöpfliche Inspirationsquelle. Wobei er nie etwas direkt übernimmt, sich jedoch Techniken und Tonfälle zu Eigen macht, die ihn über etliche Schaffenskrisen hinwegtragen. Besonders haben es ihm die altertümlichen Tonleitern mit ihrer changierenden Harmonik und ihren gedeckten Farben angetan.

Für den Menschen schließlich bedeuten die Feldforschungen eine regelrechte Therapie. Neugierig zieht er von Dorf zu Dorf und schwätzt bei "roher Milch und Schwarzbrot" mit den Landleuten. Tagelöhner, Mägde und Ziegenhirten singen inbrünstig in den Trichter seines Phonographen. Die etwa 4500 Wachszylinder werden heute im Ethnographischen Museum aufbewahrt. Wie Kompottgläser stehen die Tonkonserven in den Kellerregalen, Schuhschachteln bergen die dazugehörigen Transkriptionen Bartóks. Während die Haustechniker bereits in der zweiten Generation damit beschäftigt sind, die Schätze auf das jeweils aktuelle Medium zu überspielen, zapfen vermehrt Forsche und Musiker diese Quellen an.

Bartóks Liebe zur Tradition und den Frauen

Zu ihnen zählt auch die Volkssängerin Márta Sebestyén, heute wohl Ungarns berühmteste Stimme. Wer sie einmal gehört hat, und sei es nur in der Filmmusik zum "Englischen Patienten", dem bleibt ihr helles, schnarrendes, immer ein paar Umdrehungen zu schnell rotierendes Organ im Ohr. Es gehört nicht etwa einem alten Weiblein, sondern einer eleganten Mittvierzigerin, die ihre Manierismen den historischen Aufnahmen abgelauscht hat. "Schon mit minus neun Monaten", erzählt Sebestyén, sei sie von Volksmusik infiziert worden, im Bauch ihrer Mutter, die bei Kodály studierte. Später durchstöberte sie selbst das Land nach neuem Material. Sie fand sogar noch eine alte Bäuerin, die vor Jahr und Tag "einem Herrn mit gebügelten Hosen" vorgesungen hatte - Béla Bartók.

Entgegen seinen Befürchtungen erfreut sich Ungarns Volksmusik bis heute guter Gesundheit. Weder sozialistischer Internationalismus noch globale Massenkultur vermochten die Liebe zur Tradition zu brechen. Im Gegenteil. So erstarkt etwa seit den achtziger Jahren die Tanzhaus-Bewegung, auch und gerade in Budapest. In den Bezirkskulturhäusern führen altgediente Musikanten aus entlegenen Regionen ihre Künste der städtischen Jugend vor - die sie sich abschaut und begeistert dazu tanzt, mit der gleichen Vehemenz, mit der hier zu Lande Tango oder Salsa zelebriert werden.

1909 heiratet Bartók in aller Stille seine blutjunge Schülerin Márta Ziegler. Mit einem beiläufigen "Márta wird bleiben" führt er sie im mütterlichen Hause ein. Im Jahr darauf wird ihr Sohn Béla geboren, wenig später übersiedeln sie nach Rákoskeresztúr, einer reizlosen Gartenkolonie am östlichen Stadtrand.

Bartók will hier vor allem eines: seine Ruhe. Er führt ein schalldichtes Leben. Kein Kino, kein Kaffeehaus, kein Alkohol. Unterricht und Forschung lassen ihm nur wenige Wochen im Jahr zum Komponieren. Doch in diese legt er alles Feuer, das in ihm brennt.

1923 lässt er sich von Márta scheiden, heiratet seine ehrgeizige, ebenfalls noch jugendliche Schülerin Ditta Pásztory. Sie schenkt ihm bald einen zweiten Sohn, Péter. Die treu sorgende Márta weiht die Nachfolgerin sogar noch in ihre Pflichten ein: Wie hege ich ein Genie. Unterdessen wächst in der europäischen Musikwelt Bartóks Nimbus als Avantgardist; als Pianist genießt er ohnehin einen exzellenten Ruf. Doch der leibhaftige Anti-Star vermag beim Publikum zwar Hochachtung, aber nie Begeisterung zu wecken - bezeichnend die Bemerkung über seinen "granitenen Chopin".

Ende der zwanziger Jahre rückt die Familie in ein Villenviertel im zweiten Bezirk auf. Das Haus dient heute als Gedenkstätte und präsentiert Memorabilien wie des Meisters Bösendorfer und die kleine rote Remington. Dazu die schönen Bauernmöbel, die er bei einem Siebenbürger Tischlermeister in Auftrag gab. Die Hände in den Manteltaschen, wacht Bartók als Bronze im Garten: eine melancholische Gestalt, schreckhaft und spitz wie eine Amsel im Regen.

Voller Zorn und voller Sorge erlebt der Künstler Ungarns Weg in den Faschismus. 1940 bleibt ihm schließlich nur mehr "der Sprung ins Unge wisse aus dem gewussten Unerträglichen". Die Familie emigriert in die USA - und geht harten Zeiten entgegen. Zwar erhält er Kompositionsund Forschungsaufträge, zwar unterstützen Freunde und Bewunderer ihn nach Kräften, doch in seiner überkorrekten Art schlägt er ihren Beistand immer wieder aus. Körperlich baut er mehr und mehr ab. Gleichwohl entstehen in dieser Zeit einige seiner populärsten Werke wie das Konzert für Orchester und das dritte Klavierkonzert. Von Blutkrebs ausgezehrt, stirbt Béla Bartók schließlich am 26. September 1945 in New York.

Einige Wochen zuvor hat ihn noch die Berufung ins ungarische Parlament erreicht. Die Nation sucht händeringend neue Idole. Ausgerechnet die Horthy-Straße wird zur Bartók- Straße transponiert. Doch die Erneuerung härtet bald zum kommunistischen Beton aus, für Bartóks Genialität und Größe bleibt da wenig Raum. Man respektiert ihn, mehr aber auch nicht. Und während Klaviereleven in aller Welt mit seinem "Mikrokosmos" ihre ersten Gehversuche unternehmen, wird er an den heimischen Schulen weit unter Wert gehandelt.

Seit der Wende erlebt er als Komponist wie als Folklorist ein Comeback. Der staatliche Klassiksender Radio Bartók pflegt seinen Patron nach Kräften. "Seine Werke sind dem Publikum heute durchaus geläufig", konstatiert der Musikwissenschaftler András Wilheim, der lange Jahre am Bartók-Archiv tätig war. "Ob es ihn deshalb aber auch begreift, ist eine andere Frage." Stücke wie die mittleren Quartette oder die "Sonate für Violine solo" verlangen den Zuhörern auch heute kaum weniger ab als den Interpreten. Und doch sind es gerade seine unbequemen Werke, die seine Unvergänglichkeit sichern. Praktisch im Alleingang hat Bartók Ungarn eine herausragende Stimme verliehen in diesem großen Orchester namens Europa.

Autor:
Stefan Schomann