Budapest Eine Stadt mit Eleganz

Jede Stadt hat ihre geheime Regierung. Wer genau hinsieht, kann ihre Mitglieder erkennen, auf den Straßen und Plätzen, in den Cafés und U-Bahnen. Alle Städte der Welt werden von ihren schönsten Bewohnern regiert. New York zum Beispiel von den 27-jährigen Frauen, denn in New York sind die 27-jährigen Frauen die Schönsten. Tel Aviv von den 18-jährigen Mädchen, denn dort sind die 18-jährigen Mädchen die Schönsten.

Die geheime Regierung von Budapest aber sind die alten Männer - alte Männer in verschiedenen Schattierungen von Grau. Einem von ihnen kann ich genau in die Augen sehen, im Café Eckermann an der Andrássy út, aber leider sieht er nicht mir in die Augen, sondern der flamingogefärbten Blondine, die ihm gegenüber am Marmortisch sitzt. Er trägt einen grauen Anzug, hat seinen grauen Hut an den Garderobenhaken gehängt, und die Tapeten im Café Eckermann sind grau gesprenkelt auf flamingofarbenem Grund. Der Schnurrbart des alten Mannes biegt sich an den Enden bis zu den Augenwinkeln auf, als er leider nicht mir zulächelt, sondern dem Flamingomädchen, und ich möchte dieses Mädchen sein oder wenigstens dieser Mann, denn in Budapest möchte ich ein alter Mann sein, oder noch lieber: von einem alten Mann geliebt werden.

Das kurze Aufblenden eines weißen Hemdes zwischen den Bäumen im Stadtwäldchen. Die Sauberkeit und Steifheit eines 30 Jahre alten verwöhnten Hutes an einem Haken. Ein besonderer Geruch, den jemand in der U-Bahn-Station Opera zurückgelassen hat: Um den alten Männern nahe zu sein, muss man mit der kleinen U-Bahn fahren, immer unter der Andrássy út auf und ab. Die alten Männer sind viel mit der U-Bahn unterwegs, denn alte Leute dürfen in Budapest umsonst fahren, und in der kleinen, der ältesten U-Bahn kommt man sich am nächsten; so nah, dass man beim Einsteigen das Bedürfnis hat, die anderen Fahrgäste zu grüßen.

Die Bahnhöfe sind so schön, dass es nie einen Grund gab, etwas an ihnen zu ändern: braun und weiß gekachelt, mit Holzkabinen für die Fahrkartenverkäufer - und den üblichen Cologne-Verwirbelungen in der Luft, die immer dann zurückbleiben, wenn ein alter Mann vorübergegangen ist.

Was, wenn man verliebt ist? Was, wenn man verliebt ist in eine Stadt? Und zwar so wie in jemanden, den man kaum kennt, von dem man aber einmal verfänglich geträumt hat und dem man seit diesem Traum nicht mehr in die Augen sehen kann? Man kann wiederum nur davon träumen, zurückgeliebt zu werden. Meist verlange ich von den Städten, in die ich verliebt bin, unbedingt, dass sie mich zurücklieben. Meine Freundin Juha hält mich deshalb für charakterlich ungefestigt und rät mir vom Reisen dringend ab. Du reist nicht, du schmeichelst dich ein, meint sie, und sie hat recht. Es gibt Kinder, bei denen immer andere Kinder übernachten. Und es gibt Kinder, die immer bei anderen übernachten und dort mit Begeisterung Zunge essen und Kümmeltee trinken und sich nach dem Essen die Zähne putzen.

Ich reise wie ein Kind, das bei einem Schulfreund zu Besuch ist und dort das Essen und die Eltern und einfach alles besser findet als zu Hause. Ich versuche mich beliebt zu machen bei den Chicagos, Krakaus und Zürichs, mache ihnen Komplimente und werde wie sie, passe mich der durchschnittlichen Schrittlänge auf den Straßen an, den Stimmfrequenzen in den Cafés, der Dauer von Ampelphasen, der Gefühlslage der Gesichter.

Als Kind lief ich eine Zeit lang mit selbst getippten Blanko-Adoptionspapieren herum, in der Hoffnung, dass mal jemand unterschreiben würde, nur um zu sehen, wie es wäre, jemand anderer zu sein. Voller Vorfreude und Angst freundete ich mich nachts mit meinen zukünftigen Inkarnationen an. Mit 16 fuhr ich nach Prag und stellte schnell fest, dass mich meine Schuhe als Wechselbalg entlarvten. Ich ging in einen sozialistischen Schuhladen, stellte mich an verschiedenen Stellen an und bekam ein Paar harter gelber Plastikschläppchen, die mir die Füße wund scheuerten. Es tat sehr weh, aber nun konnte ich, wie die Prager Frauen, beim Gehen die Absätze auf das Pflaster knallen lassen.

Mit Budapest ist es anders. Nachdem ich das erklärt hatte, ließ mich meine Freundin Juha auch ein zweites Mal beruhigt dorthin fahren. Von Budapest verlange ich überhaupt nichts. Ich verlange nicht einmal, dass mich diese Stadt überhaupt bemerkt. Ich will mich nicht aufdrängen. Mit dem Zug komme ich näher, vorsichtig, über Dresden, Prag, Bratislava. Vier Uniformen, drei Grenzen, zwei Flüsse. Die Schaffner tragen ihre Uniform auf vier verschiedene Weisen: die Deutschen wie eine Uniform, die Tschechen wie eine Livree, die Slowaken wie eine Uniform, die ihnen nicht gehört, was sie sich aber nicht anmerken lassen, und die Ungarn wie einen Anzug. Unauffällig fahren wir in den Westbahnhof ein, der Junge aus L.A., der mich eben im Zug noch gefragt hat, ob Ungarisch eine eigene Sprache sei, worauf ich ihm geraten habe, das niemals einen Ungarn zu fragen, lässt sich von den Hostel-Haien einfangen und in irgendeine Zehn-Dollar-Spelunke im Süden der Stadt fahren, und ich gehe einfach los, nehme die Bewegung des Zuges mit; es ist eine einzige Bewegung von Berlin bis in mein kleines Hotelzimmer am Jókai tér in Budapest, wo neben mir, jenseits der Wand, ein glückliches Paar gerade sehr glücklich ist. Ich lege mich ins Bett und schlafe trotzdem sofort ein. Damals, in meiner allerersten Nacht in Budapest, schlief ich 16 Stunden, mit einer Unterbrechung zwischen elf und Mitternacht, einer Stunde, in der ich wie ein Gespenst durch die Elisabethstadt lief, voller Staunen über die Schwärze und Weichheit dieser Straßen, über die vorläufige Unmöglichkeit, am Leben hinter den Türen teilzunehmen, und gleichzeitig voller Zufriedenheit darüber.

Die riesigen, schönen, schmutzigen alten Türen in Budapest sind durch Tastaturen gesichert, in die man einen Zahlencode eingeben muss. Wer nicht ständig die Treppe hinunterlaufen und die Tür öffnen will, gibt all seinen Freunden diesen Zahlencode, und so sind alle Budapester voller Zahlen, die zu ihren Freunden und Türen gehören, aber ich kenne keine einzige davon. Ich suche nach einer offenen Tür, stehe in einem Hof. Die Hauswände drängen nach innen, aber ein Gerüst aus umlaufenden Balkonen hält sie auf. Über diese Balkone gelangt man in die Wohnungen. Auch aus meinem Hotelzimmerfenster sehe ich solche Balkone, wie aus fast jedem Fenster dieser Stadt; sie sind voll gestellt mit abenteuerlichsten Gegenständen. Wo sind wohl all die Sachen, die in dieser Welt verlorengehen? Wahrscheinlich landen sie hier.

Es wird früh Nacht in Budapest, die Nacht ist schwerer als anderswo, und ich schlafe länger und tiefer als sonst. Das ist der Luxus desjenigen, der nichts zu tun hat in Budapest. Wer zu tun hat in Budapest, hat sehr viel zu tun. Vor allem die Frauen arbeiten hart.

Sie haben Kinder und zwei Jobs und rote Augen, damit ihre Männer in Ruhe Kette rauchen und Essays schreiben können. Meine Freundin Juha hatte mal einen ungarischen Liebhaber, der sich jeden Morgen darüber wunderte, dass das Weiß ihrer Augen so weiß war. Und darüber, dass sie sich lieber in die Badewanne legte als in der Küche Wein zu dekantieren und Eier zu braten. Mit der Zeit bekommen die Frauen trotz ihrer Schönheit eine Schiefe. Die Männer dagegen bleiben aufrecht, und ihre Augen leuchten, nur ihre Haut wird grau und dünn vom Rauchen.

Die alten Männer können viel erzählen, davon, wie es mal war und nicht mehr ist, von den Cafés, die es nicht mehr gibt, von den Schriftstellern, Diktatoren und Frauen, die nicht mehr sind. In jeder anderen Stadt würde ich mit den alten Männern um die Zeit trauern und sie verfluchen. Aber nicht in Budapest. In Budapest geht die Zeit nicht verloren, sie umgibt einen in all ihrer Schönheit und Hässlichkeit.

Einmal sah ich auf dem Stadtplan etwas eingezeichnet, in einer Ecke des Városliget, des Stadtwäldchens, darüber eine Nummer, dazu die Information: "Das Zeitrad". Ich fuhr zum Stadtwäldchen, ging nicht in den Vergnügungspark oder in den Zoo, sondern das Zeitrad suchen, aber ich fand es nicht. Ich rettete mich in den Gedanken, dass die ganze Stadt ein Zeitrad sei. Ein Freund erzählte mir von einem Motiv, das in vielen Gemälden aus dem 14. Jahrhundert auftauche: drei Skelette und drei Könige, die einander begegnen, und die Skelette sagen zu den Königen: Das, was ihr seid, das sind wir gewesen, und das, was wir sind, das werdet ihr sein.

Die Spuren, die ich in dieser Stadt hinterlasse, sind kaum sichtbar. Allein die Idee, von einem alten Mann geliebt zu werden, genügt mir. Ich habe auch keine Angst, etwas zu verpassen. Ich will nur sehen.

Morgens will ich frühstücken im Café Eckermann und gehe zur Andrássy út. Dort, wo ich auf sie treffe, schauen sich über die Straße hinweg zwei Dichter in die Augen, Mór Jókai und Endre Ady. Der Romancier sitzt, der Lyriker steht, wie man es vermuten sollte. Manche mögen die Andrássy nicht: eine große, alte, reiche, arme, neureiche Straße, die alle Leute anzieht ohne Unterschied. Eine Straße, die die Touristen verstehen, eine Straße, die die Touristen versteht. Eine Straße ohne Geheimnisse? Eine Straße voller Geheimnisse. Am Oktogon schändet ein Fastfood-Restaurant die Ringstraßen-Architektur.

Am Kodály körönd sitzen vier der schönsten Mietshäuser der Stadt wie riesige, alte, blinde Fledermäuse um das Rondeau. Die beste Buchhandlung. Die ehemalige Ballettakademie. Schuhe von Salvatore Ferragamo. Das chinesische Restaurant, wo es laut Speisekarte "duftendesmürbrig Huhnhappen" zu essen gibt. Das Café Mvész, das wie alle Cafés nicht mehr ist, was es mal war. Die Penner kopfunter auf den Schwellen, auf den Gittern, aus denen es warme Küchenluft bläst. Ein deutscher Rechtsanwalt. Ein Varieté namens Moulin Rouge. Ein alter Mann in einem grauen Mantel und einem sich an den Enden aufbiegenden Schnurrbart auf dem Weg zum Café Eckermann.

Das Café Eckermann ist in der Nähe der Oper, im selben Haus, wo früher das Café Die Drei Raben, das Három holló, war. Hier saß Endre Ady und schrieb. Im Eckermann gibt es sehr guten Kaffee, es gehört zum Goethe-Institut. Der deutsche Wirt ist Herausgeber einer Literaturzeitschrift und Kaffeehaus-Wissenschaftler und bringt die hübschen, bärtigen ungarischen Studenten, die im Eckermann servieren, dazu, es wieder genauso zu tun wie damals die Kellner im Három holló, als Endre Ady dort Stammgast war. Das Eckermann ist nicht das Három holló. Soll man darüber traurig sein? Nichts ist, wie es mal war. Das, was ihr seid, sind wir gewesen. Und das, was wir sind, werdet ihr sein.