Ungarn Budapest, eine merkwürdig moderne Stadt

St.-Stephans-Basilika in Budapest.

Wenn Sie hier die Augen schließen, läuft die Zeit rückwärts. 42 Grad heißes Wasser strömt in Ihren Nacken, und umhüllt von feucht-würziger Luft verlangsamen sich Bewegungen und Bewusstsein. So könnten sich auch die Gäste um das Jahr 1550 gefühlt haben, als das Rudas-Bad unter türkischer Besatzung entstand. Und wer nach oben blinzelt, sieht die bunten Lichtstrahlen, die durch farbige Glasbausteine aus der uralten Kuppel in das dunkle Gewölbe dringen.

Doch plötzlich mischt sich ein merkwürdiger Beat in die Trägheit. Blitze durchzucken den Raum, Stummfilme werden an die Wände projiziert. DJs treiben mit pulsierenden Klängen Tanzende am Beckenrand in Trance. "Cinetrip Sparty" heißen diese Ereignisse, die Budapests Bäder vorübergehend in avantgardistische Nachtclubs verwandeln. Besser lässt sich die ungarische Hauptstadt kaum auf den Punkt bringen: Sie steckt voller historischer Spuren - aber erfindet sich unentwegt neu. Ein Ort, der auf den ersten Blick von seiner Geschichte bestimmt scheint, sich bei genauem Hinsehen jedoch als vibrierend modern erweist.

Eine Stadt mit zwei Gesichtern: Wenn Sie aus dem Rudas-Bad treten, zieht sich rechter Hand die Freiheitsbrücke über die Donau. Mit ihrer grün gestrichenen Eisengitterkonstruktion repräsentiert sie die Gründerzeit, die der Stadt ihre Grundanmutung verlieh. Aber schon der Blick nach links zeigt ein anderes Budapest: Die leuchtend weiße, 1964 neuerrichtete Elisabethbrücke erinnert mit ihrer filigranen Bauweise daran, dass die europäische Moderne nicht zuletzt von zahlreichen Ungarn geprägt wurde. Als ich zum ersten Mal durch diese Stadt lief, war ich überrascht von den großzügigen Straßen und Plätzen und dem nervösen Durcheinander. Gingen denn die Uhren im Osten nicht langsamer und gerne auch mal ein wenig nach? Offenbar gab es in Budapest eine unerwartete Seite Ungarns zu entdecken.

Kettenbrücke in Budapest
Gerald Hänel
Bei Nacht leuchtet die 380 Meter lange Kettenbrücke mit dem Burgberg am Budaer Ufer um die Wette.
Der Politiker und Theologe Friedrich Naumann hat das ungarische Volk einmal als "merkwürdig modern" bezeichnet. Und tatsächlich zieht sich eine erstaunliche Bereitschaft, sich immer wieder auf Neues einzulassen, durch die Geschichte Budapests. Einen ersten, im europäischen Vergleich späten, doch umso heftigeren Modernisierungsschub erfuhr Budapest am Ende des 19. Jahrhunderts. Innerhalb von 25 Jahren verdreifachte sich die Bevölkerung und verdoppelte sich die Zahl der Gebäude. Durch den "Ausgleich" mit Österreich war Ungarn politisch aufgewertet worden, und das neue Selbstbewusstsein schlug sich nicht zuletzt in kühnen städtebaulichen Ideen und einer zeitgemäßen Infrastruktur in der Metropole nieder. So eröffnete in Pest 1896 die erste Untergrundbahn Kontinentaleuropas; und der heutige Andrássy-Boulevard, unter dem sie verläuft, erhielt sein prachtvolles Aussehen.

An den Kaffeehäusern zeigt sich das Talent der Budapester zur Erneuerung

Es lohnt sich nach wie vor, auf dieser Straße zu flanieren, um einen Eindruck vom gründerzeitlichen Glanz zu bekommen. Trinken Sie einen Kaffee im restaurierten Károly-Lotz-Saal des ersten Budapester Großkaufhauses aus dem Jahr 1910. Hier, in Nummer 39, kann man etwas von der Habsburger Kaffeehauskultur erahnen, die zum Budapest der Jahrhundertwende gehörte. Viele 100 Kaffeehäuser hatte die Stadt damals - großzügig gestaltete Orte mit hohen Decken, Marmortischen und Thonet-Stühlen, in denen Menschen unterschiedlichster Couleur debattierten und Autoren ihre Texte schrieben. An den Kaffeehäusern zeigt sich das Talent der Budapester zur Erneuerung besonders deutlich: Nur wenige Cafés im alten Stil haben überlebt. Ende der 1930er Jahre, als die Zeiten hektischer wurden, setzten sich zunächst die Espressobars durch. Hier ging es um die schnelle Tasse im italienischen Stil. Bis in den "Gulaschkommunismus" der Jahrzehnte nach dem Aufstand von 1956 blieben sie populär. Und heute? Treffen sich vor allem junge Leute in spontan entstehenden Ruinenkneipen, bald in einem Hinterhof, bald auf einem Dach. Das Improvisationstalent, mit dem sie diese Lokale einrichten, gehört zu den erfreulichsten Facetten der unverwüstlichen Budapester Beweglichkeit.

Treppenhaus des Parlaments in Budapest.
Gerald Hänel
Fast 40 Kilogramm Gold schmücken die Räume des Parlaments - davon zeugt schon das prächtige Treppenhaus.
Der Modernisierungsschub um 1900 hat im Stadtbild übrigens eine besonders schöne Spur hinterlassen: den ungarischen Jugendstil. Architekten wie Ödön Lechner und Zsigmond Quittner gelang es, landestypische Volkskunstmotive mit einer neuen Formensprache zu verbinden. Achten Sie auf die glänzenden Zsolnay-Kacheln an zahlreichen Gebäuden, wenn Sie die Leopoldstadt durchstreifen! Mein Favorit ist das überwältigende Entree des "Gresham Palace" am Pester Fuß der Kettenbrücke. 1906 nach Plänen von Quittner fertiggestellt, diente der Bau ursprünglich als Sitz einer Versicherung. Pünktlich zum EU-Beitritt wurde er saniert und im Jahr 2004 als Luxushotel wiedereröffnet.

Viele Völker drückten Budapest ihren Stempel auf

Wer auf den Spuren von Lechner und Quittner durch die Stadt läuft, erkennt an den Fassaden immer neue Formen, Kombinationen und Balancen. Und damit einen tieferen Grund für die Beweglichkeit der Ungarn: ihr fortwährendes Ringen um etwas Eigenes. Dieses Land in der Mitte Europas musste unzählige Invasionen, Einwanderungen und Besatzungen über sich ergehen lassen, viele Völker drückten ihm ihren Stempel auf. Die Namen auf den Klingelschildern zeigen das bis heute, viele Leute heißen Török (Türke), Orosz (Russe) oder Németh (Deutscher).

Andrássy-Boulevard in Budapest.
Gerald Hänel
Der Andrássy-Boulevard ist die zweieinhalb Kilometer lange Prachtmeile von Budapest.
"Was ist ein Ungar?", lautet eine Frage, die sich dieses Volk in seiner tausendjährigen Geschichte immer wieder gestellt hat. Vielleicht ist es die Suche nach einer Antwort, die vor allem in der Hauptstadt die Unruhe und ständige Erneuerung erzeugt. Und die leider auch zu Spannungen und politischen Extremen führen kann. Übrigens: Ganz Budapest ist eine moderne Stadt. Nicht nur die flache, quirlige Pester Seite mit ihrem Sirenengeheul. Auch das hügelige, ruhigere Buda mit dem musealen Burgviertel und das verschlafene Alt-Buda, wo die Römer ihre Siedlung Aquincum gründeten. Mit ein wenig detektivischem Spürsinn kann man hier einen weiteren Erneuerungsschub entdecken: die europäische Moderne, zu der ungarische Künstler maßgeblich beitrugen. Nehmen wir nur das Bauhaus. Etwa 25 Ungarn, darunter so berühmte Namen wie Marcel Breuer und László Moholy-Nagy, bereicherten diese Schule als drittstärkste nationale Gruppe.

Ich habe viele Wochenenden damit verbracht, in Budaer Wohngegenden nach versteckten, allzu oft verfallenen Meisterwerken der Moderne zu suchen - und überraschend viele gefunden. Mein persönlicher Tipp ist die Napraforgó-Straße, eine 1931 nach dem Vorbild der Stuttgarter Weißenhofsiedlung entstandene Mustersiedlung moderner Architektur. Absolut sehenswert! Zurück auf der Pester Seite sollten Sie unbedingt die von Neonreklamen und Filmtheatern erleuchtete Große Ringstraße erkunden. Folgen Sie dem Rat von Klaus Mann und entdecken Sie die Stadt bei Nacht! Der Schriftsteller hielt sich 1935 auf Einladung seines ungarischen Gönners Baron Hatvany in Budapest auf. Bedrückt über die rechtsnationale, antisemitische Atmosphäre, war Mann zugleich beeindruckt von den liberalen Intellektuellen, die hier weiterhin im Verborgenen wirkten. In Neu-Leopoldstadt beispielsweise entstand damals ein modernes Wohnviertel, in dem Schriftsteller wie Antal Szerb Quartier bezogen und - glaubt man dessen Beschreibungen - ein exaltiertes, weltläufiges Leben führten.

Einen kosmopolitischen Kern hat die Stadt bis heute. Gerade dann, wenn kulturkämpferische Parolen, handfeste Intoleranz und politische Zumutungen in den Vordergrund rücken, darf dieses andere Budapest nicht übersehen werden. Nach wie vor melden sich kritische Schriftsteller wie Péter Esterházy und Péter Nádas aus Ungarn zu Wort. Und wussten Sie, dass weltweit erfolgreiche Tanz- und Theaterkünstler wie Eszter Salamon und Árpád Schillings Ensemble "Krétakör" hier ihre Basis haben? Dass junge Budapester Popmusiker wie Dorottya Karsay mit Protestsongs im Internet Hunderttausende Klicks erreichen?

Budapest bleibt in Bewegung. Und sollte sich auf Ihren Erkundungen Erschöpfung einstellen, können Sie es wie die Einheimischen halten und eines der uralten Thermalbäder aufsuchen. Denn wo, wenn nicht in den dunklen, dampfenden Becken, könnte man besser von der Unruhe ringsum Abstand gewinnen?

Autor:
Viktor Iro