Europop Brüssel - das schlampige Paris

In den Gassen am Grande-Place (oder Grote Markt, wie der Flame sagt), diesem Wohnzimmer Europas, wird getafelt, dass sich die Tische biegen. Touristen-Nepp und Traditionsrestaurants liegen Haus an Haus, und die anderorts eher dezentral anzutreffenden Schwulenkneipen sind gleich um die Ecke. In der Hauptsaison platzt die Zone rings um das Manneken Pis aus all ihren Nähten.

Dieses Bad in der Menge wirkt als Brüsseler Feuertaufe. Eine Trüffelpraline zum Willkommen. Danach ist man reif für weniger frequentierte Innenstadtreviere und Stadtteile außerhalb des autobahnbreiten Ringboulevards; solche, wie sie der empfehlenswerte Führer "Meine Hauptstadt, meine europäischen Viertel" vorstellt. Selbst dem Europaquartier mit seiner aus der "Tagesschau" bekannten Verwaltungsarchitektur ist eine Route gewidmet. Hier erfahre ich auch, dass die Parlamentarier ihre Nach-Sitzungs-Drinks gerne am Place du Châtelain reinkippen. Genau die richtige Perspektive, um das andere Brüssel zu erkunden.

Auch beim Jugendstil, der hier Art Nouveau heißt, funktioniert diese kulinarische Mischung ganz hervorragend. Die bequeme City-Version beginnt im 1886 erbauten Café Le Cirio an der Börse. Hier bestellt man einen präzise eingeschenkten "half en half" (Weißwein/Champagner) und lässt den Blick über ältere Damen, gedrechselte Kugellampen und palmenartige Säulen hinweg schweifen.

Auch das von Emile Hobion reich verzierte Restaurant Le Falstaff liegt vis-a-vis des Börsentempels, und zum Café des Hotel Metropole am Place de Brouckère mit seinem pompösen Glasdecken ist es ebenfalls nur ein kurzer Fußmarsch. Über den benachbarten "Platz der Märtyrer" erreicht man das Comic-Museum in der Rue des Sables, das Victor Horta, der große Star der Art Nouveau, im Jahre 1906 als noble Stoffhandlung konzipiert hatte. Zum Abschluss gibt es noch einen grandiosen Blick von Paul Saintenoys Stahlkonstruktion des Kaufhauses "Old England". Mit einer kostenlosen Aufzugkarte gelangt man in das Dachcafé des heutigen Instrumentenmuseums.

Weitaus raumgreifender gestalten sich die Touren durch die Bezirke Schaerbeek, Ixelles und Saint Gilles. Auf gefühlte 5000 Vorstadtgebäude aller Epochen kommt ein Original aus dem Jugendstil-Katalog. Es ist nicht weiter schlimm, sich bei der Spurensuche gelegentlich zu verzetteln und nicht alle im Plan markierten Gebäude zu entdecken. Dafür stößt man auf afrikanische Plattenläden und Friseure.

Der immer lässiger ausgeführte Architektur-Trip gerät vollends zum Dialog mit dem Alltag, wenn auf dem großzügigen Place Flagey Exil-Portugiesen in ihrer Marktbude Spanferkel-Brötchen und Vinho Verde feilbieten. Im Hintergrund prunkt stolz wie ein Ozeandampfer das ehemalige im Moderne-Stil errichtete Gebäude des Belgischen Rundfunks, das heute das Cafe Belga beherbergt. Hier pluckern milde Electro-Beats über die langgezogene Theke. Im großbürgerlichen Quartier an den nahen Teichen von Ixelles schwenke ich wieder in die Jugendstil-Spur und entdecke im Vorübergehen Ernest Blerots wundersame Schnörkelhäuser.

Der Brüsseler Rhythmus aus netten Zufällen und Sehenswürdigkeiten nach Plan ist vollends gefunden, als im Chatelain-Viertel ein enormer Straßenflohmarkt mit regionalen Spezialitäten lockt. Da rücken die berühmten Häuserzeilen in der Rue Defacz in den Hintergrund, und auch das Atelierhaus von Victor Horta muss noch eine Weile warten. Schließlich lande ich gestärkt im filigranen Doppelgebäude in der Rue Américaine, das seit der umfangreichen Restaurierung Anfang der Neunziger auch .

Unter einer transparenten Dachkuppel gliedern sich die Räume um das lichtdurchflutete Treppenhaus. Ein Vorzeige-Objekt des Meisters, in dem selbst die Heizung in die organischen Strukturen eingepasst ist. Hochkant gestellt wirkt die Wärmeröhre wie eine gold-metallene Palme. Ein kleines Traumschloss, das die herbe Umgebung der nahen Chaussée de Charleroi für eine Weile vergessen lässt.

Die Karte"Fünf Jugendstil-Rundgänge durch Brüssel" ist für drei Euro im Tourist Office des Rathauses erhältlich.

Cafes/Restaurants an der Wegstrecke:

L'Ultime Atome, 14 Rue Saint-Boniface
Café Belga, 18 Place Eugène Flagey
Restaurant Le Varietes, 4 Place Sainte-Croix

Autor:
Ralf Niemczyk