Belgien Brüssel: "Bio" hat Wurzeln geschlagen

Zugegeben, auf der Brüsseler To-do-Liste stehen Naturschutz und nachhaltige Lebensweise nicht an erster Stelle. Doch das zarte Pflänzchen "Bio" hat längst Wurzeln geschlagen in der Stadt der Eurokraten. Erste Blüten sind zu sehen: Vor allem beim Thema Nahrungsmittel sind die Brüsseler schon aus Tradition sensibel.

Für ihre Mägen ist ihnen das Beste, Frischeste, Aromatischste gerade gut genug, was jeder Spaziergang über die Märkte der Stadt beweist. Ein Koch, der seine Speisekarte mit Prädikaten wie "Frisch vom Land", "Garantiert ohne Chemie" oder "Beste Bio-Qualität" schmückt, würde sich eher verdächtig machen: Warum hätte er es sonst nötig, solche Selbstverständlichkeiten extra zu betonen?

Schwieriger ist das Thema Umweltschutz. In einer Stadt, in der die Bilanz stimmen muss und in der sich 19 Gemeinden auf einen Konsens einigen sollen, versickern Beschwerden häufig im bürokratischen Nirwana. Nur langsam wächst die Einsicht, dass eine intakte Umwelt ein Garant für Lebensqualität ist. Die Promenade Verte ist daher eine prächtige Blüte des Brüsseler Bio-Pflänzchens, beweist sie doch die gedeihliche Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinweg.

Einkaufen

Den Teepot
Seinen Ruf als bester und unschlagbar zentraler Bioladen der Stadt verteidigt Den Teepot mit gut gelauntem Personal, einem umfangreichen Sortiment auf kleinem Raum, zu dem natürlich auch Biopralinen aus fair gehandeltem Kakao und heimischer Produktion zählen, sowie einem speziellen Kühlraum für Gemüse und Früchte. Vollkorngebäck und belgische Käsespezialitäten bieten sich für eine gesunde Picknickpause beim Stadtbummel an. Wer keine Lust auf Picknick hat und auch nicht selber kochen will, kann zur Mittagszeit im angeschlossenen Restaurant im ersten Stock zu zivilen Preisen delikat sättigende Gerichte aus der vegan-makrobiotischen Küche mit fernöstlichem Touch genießen. Info: Den Teepot, Ilôt Sacré, 66, Rue des Chartreux, Metro: Bourse, Laden: Mo-Sa 8.30-19 Uhr, Restaurant: Mo-Sa 12-14 Uhr

Bio-Markt auf der Place Ste-Catherine
Wenn der Käsehändler Ignace Sepulchre und seine Kollegen jeden Mittwoch morgens um 7 Uhr ihre mobilen Verkaufsbuden auf der Place Sainte-Catherine in die richtige Position rangieren, wissen die Feinschmecker aus dem Stadtzentrum: Es gibt wieder originelle und tagesfrische Produkte aus den Höfen der flämischen und wallonischen Biobauern: Brennnesselpesto und Kräuterhumus vom weit gereisten Olivier De Visscher, junger Gouda, der garantiert nicht nach Silage schmeckt, und knackige Karotten von der Cooperative de l'Yerne. Die Auswahlauf dem bisher einzigen Wochenmarkt mit biologischen Erzeugnissen im Zentrum ist übersichtlich, aber fein, die Preise sind günstiger als in anderen europäischen Großstädten. Info: Bio-Markt, Ilôt Sacré, Metro: Ste-Catherine, Mi 7-12 Uhr

Look 50
Wer Kleidung und Accessoires aus zweiter Hand kauft und in individuellen Kombinationen auf den Boulevards der Stadt vorführt, beweist nicht nur Kreativität, Esprit und Mut zum Nonkomformismus, wie es für die Freunde bzw. Freundinnen des Vintage-Stils üblich ist, sondern auch - zumindest ansatzweise - ökologisches Feingefühl. Schließlich werden Kleidungsstücke so nicht schon nach einer Saison entsorgt, sondern in Secondhandshops erneut vermarktet, was den Geldbeutel und die Umwelt gleichermaßen schont. Ein Traum für modebewusste Umweltaktivisten ist Look 50 in Ixelles. In diesem Geschäft wird Vintage als Lebensstil zelebriert, und wer Glück hat, findet sogar die schicken Kreationen eines jungen belgischen Designerstars auf den Kleiderbügeln, kaum getragen und für kleines Geld. Schließlich lebt in der Nachbarschaft die bessere Gesellschaft von Brüssel, und die lässt des Öfteren die Kleiderschränke ausräumen. Auch bei den Accessoires, von der Flower-Power-Häkelmütze bis zur Handtasche mit dem sündteuren Logo, lohnt sich so manch prüfender Griff in die Regale. Info: Look 50, Ixelles, 10, Rue de la Paix, Metro: Louise, Mo-Sa 10.30-18.30 Uhr

Feste und Events

Semaine Bio
In ganz Belgien wirbt das Bio-Forum jedes Jahr Mitte Juni eine Woche lang für nachhaltige Lebensweise und naturbelassene Nahrungsmittelproduktion. Mit kurzen Gourmand-Spaziergängen, reizvollen Gemüse-Kochkursen, mit Degustationen und einer Menge Informationsmaterial - natürlich penibel in beiden Landessprachen verfasst - machen sie auch auf der Grand' Place Werbung für wirklich gesundes Essen, nachwachsende Rohstoffe und eine ökologische Bauweise. Viele Umweltthemen, die in Deutschland oder Österreich seit Jahrzehnten diskutiert und mit Erfolg umgesetzt werden, dringen erst jetzt langsam in das Bewusstsein der Belgier und ihrer Hauptstädter vor. Info auf der Internetseite Semaine Bio

Sehenswertes

Recyclart Fabric
Kunst aus Schrott, das kennt man. Aber wo sonst gäbe es ein ganzes Kunst- und Kulturzentrum, das sich dem großen Thema "Recycling" und seinen ungeahnten Möglichkeiten verschrieben hätte, wenn nicht unter einer hässlichen Hochbrücke aus Spannbeton am Bahnhof Brüssel- Chapelle? Inspiriert von den fantasievollen Drahtspielzeugen afrikanischer Bastler und den Abfalleimern aus alten Lkw-Reifen, die in Kambodscha die Gehwege zieren, bauen die ungestümen Künstler aus der Recyclart Fabric begrünte Metalltürme, knallbunt lackierte Spielmöbel aus Multiplexplatten, schräge Dekorationen für langweilige Plätze und kreative Unikate für das modernistische Interior Design der urbanen Elite. Weil jedoch nicht jeder Schrottschaffende von Aufträgen allein leben kann, bietet das Gelände am Rand des malerisch-schäbigen In-Viertels Marolles viel Platz für Ausstellungen und Events, für Theaterperformances und wilde Konzerte. Marc Jacobs, der künstlerische Direktor, versteht die kreative Fabrik als "Lokomotive für jede Form von Innovation", schließlich entstand das Projekt 1997, um eine urbane Ödnis wiederzubeleben. Das hat zwar nichts mit Umweltschutz zu tun, aber sehr viel mit Lebens- und Arbeitsqualität für die alternative Kulturszene. Zudem kann man von Dienstag bis Freitag in der stimmungsvollen Bar des Kunstzentrums lecker zu Mittag essen, auch vegetarische Gerichte. Info auf der Internetseite Recycleart

Aktivitäten

Pro Velo - Jugendstil auf Rädern
Eine luftige, gesunde und umweltverträgliche Variante, die einzigartigen Jugendstilfassaden von Ixelles zu bewundern, ist eine Fahrradtour durch die schicken Straßen südlich der Avenue Louise bis zum Bois de la Cambre. Solide Tourenfahrräder, Fahrradhelme und einen Plan des Viertels samt Routenvorschlag erhält man bei Pro Velo; wer nicht alleine in die Pedale treten will, kann sich auch einer geführten Tour anschließen und erfährt dabei im Vorüberrollen noch viele Anekdoten und Hintergrundinformationen über die Architekten Horta, Hannon Cauchie & Co. Info auf der Intereite Pro Velo

Promenade Verte
Der 63 km lange, weitgehend barrierefrei ausgebaute und übersichtlich ausgeschilderte Spazierweg Promenade Verte, der durch die Parks und Gartenanlage der Metropole führt, zeigt Freizeitwanderern und Fahrradfahrern eine neue Dimension des Brüssel-Feelings. Auf dem "Grünen Spaziergang" durch touristisch weitgehend unbekannte Zonen des Hauptstadt-Konglomerats wechseln sich dunkle Waldflecken und sumpfige Wiesen ab mit jahrhundertealten Landschaftsparks und biederen Schrebergärten. Speziell für dieses Projekt wurden einige der bisher unbekannten Brüsseler Grünzonen wie der Parc Duden in Anderlecht oder der große Hauptfriedhof von Brüssel mit etablierten Wegvarianten wie der Promenade du Chemin de Fer kombiniert, einer ehemaligen Bahntrasse in Woluwe. Dort, wo der Grüngürtel Lücken aufweist, werden Fußgänger und Radfahrer auf wenig befahrenen Wegen durch Wohnviertel jenseits der touristischen Routen geleitet. Abstecher zu Museen, Denkmälern und Abenteuerspielplätzen, zu versteckten Ausflugslokalen und urigen "Cités Jardins", den Kleingartenanlagen der einfachen Brüsseler, machen die Tour zu einem abwechslungsreichen und einzigartigen Naturerlebnis, das völlig neue Perspektiven auf Brüssel bietet. Der Weg ist in sieben Abschnitte von 5 bis 10 km Länge unterteilt. Wer sich nicht drei bis vier Tage Zeit zum Metropolentrekking in voller Länge nehmen kann, erreicht die einzelnen Abschnitte der Promenade Verte problemlos mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Auf der Webseite steht eine ausführliche Broschüre, die die Streckenführung erklärt, zum Download bereit.

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Dieser Text von Christine Rettenmeier ist ein Auszug aus dem MERIANlive-Reiseführer "Brüssel"