Europop Motown-Klassiker im Weinkeller

Es geht hoch her in der Vinotéka Sivestr unterhalb der historischen Altstadt von Brno. Junge tschechische Pärchen feiern in den grob gemauerten Gewölben ins Wochenende. Und hinten im Eck hängen die Schlipse der Bürorunde bereits an den Kleiderhaken. Umgeben von rustikalem Zierrat werden hier literweise regionale Tropfen ausgeschenkt, dazu pluckern Soul-Klassiker aus den Boxen, was der Kellergeister-Romantik einen interessanten Dreh verpasst: Bacchus swingt zu alten Motown-Hits.

Auf der Zugfahrt von Wien in die zweitgrößte Stadt Tschechiens habe ich die Weinanbaugebiete Südmährens durchquert, vorbei an den riesigen Parkanlagen der Schlösser und . Dann ist man in Brno, früher das "mährische Manchester" genannt wegen seiner ehemals ausgeprägten Textilindustrie. Der ewige und natürlich Rivale der Stadt ist Tschechiens Hauptstadt, das böhmische Prag.

Auch deswegen hat Brno immer schon ausgeprägte kulturelle und ökonomische Verbindungen ins 130 Kilometer südlicher gelegene Wien unterhalten. Das belegen nicht zuletzt die gründerzeitliche Ringstraße nach Wiener Vorbild und die bereits seit 1839 bestehende Bahnverbindung zwischen beiden Städten. Auch im Technischen Museum von Brno sind Maschinen aus der Gründerzeit zu besichtigen, die aus den Wiener Industriequartieren stammen.

Die räumliche Nähe zu Österreich spielt auch in der touristischen Vermarktung Brnos und Südmährens eine nicht unwesentliche Rolle - wie auch der . Gemeinsam mit dem nahen niederösterreichischen Weinviertel präsentiert sich Südmähren als "Genussregion". Jenseits böhmischer Bierdominanz. Natürlich versteht sich die Gegend auch als Hochschul-, HighTech- und Messe-Standort sowie natürlich als geschichtliche Region.

In letztere Kategorie gehört etwa das Friedensdenkmal im nahen Austerlitz, jenem Ort, an dem Napoleon Anfang Dezember 1805 die entscheidende Schlacht gegen Österreich, Preußen und Russland siegreich für sich entschied. Jedes Jahr zum historischen Datum fechten sie dort ein versöhnliches Schlachtspektakel mit tausenden Historienfans aus aller Welt nach. Vom Feldherrenspektakel geht es in die Altstadt von Brno, die von der neugotischen Peter-und-Paul-Kathedrale und der Burg Spilberk überragt wird. Die Industrie ist längst aus dem Zentrum verschwunden - das vormalige Fabrik-Areal Vankovka hinter dem Busbahnhof ist heute Einkaufs- und Kulturzentrum.

Ich folge den Fußgängerströmen über den bunten Krautmarkt (Zelný Trh) auf den Dominikaner Platz (Dominikánské nam.) mit dem Rathaus aus dem 18. Jahrhundert. Ein Ensemble aus allerlei Baustilen. Tschechischer Funktionalismus auf der einen Seite, auf der anderen die Kirche des Heiligen Michael und in der Mitte gießen ein paar Arbeiter gerade die Betontreppe in den einstigen Keller der Münzmacher, der noch in diesem Jahr zugänglich gemacht werden soll. Im funktionalen Eckbau ist dem in Brünn verstorbenen Schauspieler Vladimir Mensik, bekannt als mürrischer Familienvater Josef Urban aus der TV-Serie "Pan Tau", ein Bistro mit zahlreichen Filmaufnahmen und Portraits gewidmet.

Auch die Ringstraße am Silingrovo nam. erscheint als Viertel im Aufbruch. Ein gründerzeitliches Stadtpalais beherbergt das noble Comsa Brno Palace Hotel mit handelsüblicher Design-Lounge im Foyer, während die gegenüberliegende Straßenseite mit blinden Fenstern auf eine Komplettsanierung wartet. Die Stil prägende in der Cernopolni 45, erbaut im Jahre 1930 von Mies van der Rohe für das Fabrikanten-Ehepaar Tugendhat, liegt in einem ruhigen Wohngebiet mit traumhaftem Blick auf die Stadtlandschaft. Für stattliche sechs Millionen Euro wird dieses Weltkulturerbe gerade generalsaniert und kann leider nur von außen in Augenschein genommen werden.

Eine Information, die man auch im besten englisch-sprachigen Informationsmedium zur Stadt finden kann: wird vom Blogger Michal Kašpárek betrieben, den ich im frisch eröffneten Cafe Falk im Studentenviertel treffe. Mit seiner unabhängigen Website ist Kašpárek der moderne Chronist der Stadt. Als Ein-Mann-Stadtmagazin entdeckt er neue Restaurants und Bars und stellt immer wieder auch deutlich die Unterschiede zur Hauptstadt heraus. Das findet dann auch Ausdruck in einem Eintrag, der die Auswärtsreise von 5000 Fans des örtlichen Eishockeyclubs Kometa (tschechoslowakischer Serienmeister in der 1950er und 1960er Jahren) zum Team von Slavia Prag beschreibt und das stimmgewaltige Auftreten der Gäste in der dortigen O2-Arena preist.

"Im Gegensatz zu den Pragern sind wir in Brno sehr relaxt", sagt der freundliche Lokalpatriot Kašpárek und lobt das weltoffene Klima seiner Stadt mit den zahlreichen Technologie-Firmen und wissenschaftlichen Instituten. 80.000 Studenten geben dem historischen Stadtkern während der Semester ein jungbewegtes Gepräge. Und wenn man auf der Ausfallstraße Viveri Richtung Norden das Zentrum Brnos verlässt, finden sich links und rechts zahlreiche Kneipen mit jungen Menschen, die sich mit dem örtlichen Bier namens Starobrno zuprosten, das hier ungleich präsenter ist als in der weinseligen Altstadt.

Autor:
Ralf Niemczyk