Brighton Londons Rivale am Wasser

Jeder war schon mal in Brighton, irgendwann. Entweder als Schüler auf einer der etlichen Sprachschulen - zur Zeit sind es 35 - oder als Tagesausflügler während eines London-Aufenthalts. Oder mindestens gedanklich, etwa beim Betrachten des Spielfilms "Quadrophenia", der an den Sommer 1964 erinnerte, als sich über Tausend Mods und Rocker in den Straßen und am Strand des Seebades blutig prügelten.

Das vulgäre Amüsement ist Brighton erhalten geblieben. Vor allem an den Sommerwochenenden fallen die Horden ein, treffen sich zum "Pub Crawl" und schlafen die Nacht über ihren Rausch am Kiesstrand in der Nähe des bekannten Brighton Piers aus. Ein Stück Jugendfolklore, ein verzichtbares, sagen die einen, aber auch eines, das zu Brighton 2010 gehört. Genauso wie die Mittelschicht-Flüchtlinge aus London, die Schwulen in Kemptown, die Dreadlockpunks in der North Laine, die Ökobetriebe, die reichlich erstklassigen Restaurants und die Statistiken, in denen Brighton die englische Stadt mit den meisten Drogentoten ist. Mit Abstand.

"Ist Brighton Britanniens hippste Stadt?", fragte der "Guardian" im Mai dieses Jahres. Da würden Londoner, Mancunians und Liverpoodlians mit Sicherheit widersprechen. Zumindest aber ist die an der Südküste Englands anzutreffende Mischung aus Bürgerlichkeit, Hippietum, Dragqueens und übergewichtiger Arbeiterklasse speziell. Insofern ist Brighton wohl eher das englische Rostock. Mit mindestens dem Unterschied, dass Rostock zwar einen grünen Bundestagsabgeordneten vorweisen kann, der aber spröde über Liste ins Parlament gelangt ist. Caroline Lucas aus Brighton hingegen schaffte den Sprung ins Unterhaus als Direktkandidatin und erste Grüne überhaupt.

Sowas ist nur in Brighton möglich, sagen die Menschen in Brighton. Jedenfalls die, die finden, dass ihre Stadt, die seit der Zusammenlegung mit Hove 1997 korrekt Brighton & Hove genannt gehört, für Werte wie Liberalität und Toleranz steht. Mit großer Tradition, einer 200-jährigen, um genau zu sein.

Die Keimzelle des Anderssein, der Visionen und des freien Geistes steht mitten in Brighton. Und wer denkt, der sei eine Touristenfalle, verbaut sich den Weg zum Verständnis, wie aus einem schlichten Fischerdorf dieser bunte, agile Stilmix werden konnte, der Brighton heute ist.

Denn was man in diesem, im Auftrag des Prinzregenten, Exzentrikers und Supersnobs George IV. (1762-1830) umgebauten und binnen 35 Jahren zum Palast erweiterten Bauernhaus zu sehen bekommt, ist betörend, grandios: chinesische Einflüsse und kompromisslose Opulenz auf den Gängen und in den Sälen, fortschrittliche Technik in der Küche, souveräner Geschmack in den Schlafräumen. Hier hat jemand eine großen Vision von Freiheit durchgesetzt und Brighton auf den Weg geschickt.

"Fühlt sich an wie permanente Ferien"

Ohne George und seinen Impuls hätte die aus Sussex stammende Anita Roddick in der damals weniger als heute angesagten North Laine 1976 möglicherweise nicht den ersten "Body Shop" eröffnet und Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Inzwischen ist aus dem Lädchen eine weltweit operierende Kette für natürliche, umweltfreundliche Kosmetik geworden - mit mehr als 2500 Läden in über 60 Ländern. Doch schon vorher hatte Brighton den Ruf weg, "eco" zu sein.

In der Innenstadt Brightons, am Ende der North Laine (Ecke Gardner Street) findet sich das Infinty Café. 1971 öffnete hier der erste Öko-Laden der Stadt, ganz hippietraditionell aus einer Kooperative entstanden. Heute findet sich der Shop von , in dem bis heute umweltbewusste, lokal erzeugte Produkte angeboten werden, um die Ecke in der North Street. Dort, wo auch jüngere, zeitgemäße Nachfahren wie das vor zwölf Jahren in Lewes gegründete ein ökologisch fundiertes Warenangebot zum Kauf oder Konsumieren an stylischen Holztischen bereit hält. Auch das nahe gelegene bietet politisch korrektes Fast Food feil.

Deutlich bürgerlicher als in Brighton geht es in Hove zu. Hier finden sich die besseren Restaurants (die besseren Pubs hat Brighton), die schöneren und teuren Häuser. Hinterm Strand kann man Tennisplätze mieten oder eine Runde Golf auf einem öffentlichen Kurzplatz spielen. Es ist die Heimat des weltbekannten DJs Fatboy Slim und die von Paul McCartneys Ex-Frau Heather Mills. Auch die Journalistin und Bestsellerautorin Julie Burchill hat hier mal ein Haus besessen. 1995 erworben, verkaufte sie es zehn Jahre später für das Dreifache des Marktwerts an einen Bauunternehmer. Burchill machte dabei einen Profit von angeblich einer Million Pfund.

Diese Beispielrechnung markiert einen Trend der letzten zehn, fünfzehn Jahre. Denn in dem Maße, in dem das heruntergekommene Seebad sich selbst renovierte, stellvertretend dafür mag die 2005 eröffnete stehen, fielen die London-Flüchtlinge ein. Mittelständler, die in Brighton nicht nur das bessere Klima suchten, sondern auch bezahlbare Häuser und Wohnungen. Das trieb die Preise auf dem Immobilienmarkt in die Höhe, wer heute unweit zum Meer wohnen will, kommt nicht mehr günstig weg.

Was Brighton für viele in London arbeitende Leute so interessant macht, ist die gute Erreichbarkeit. 53 Minuten braucht der Zug bis London-Victoria. Morgens zwischen sieben und neun sind die Großraumabteile voll. Oft muss man stehen, nicht so heute. Es sind Sommerferien in England.

In der ersten Klasse des 06:56-Uhr-Zuges von Brighton nach London sitzt Andy. Andy ist 33, im Finanzbusiness tätig, sein Blackberry liegt auf dem Tisch. Er liebt Brighton, deswegen ist er vor drei Jahren aus London dorthin gezogen. "Fühlt sich an wie permanente Ferien", sagt er. Kosten habe er durch den Umzug keine gespart. Aber seit sie vor anderthalb Jahren den Fahrplan erweitert hätten, wäre es jetzt auch in der Ersten Klasse leerer.

Einen Wagen dahinter hat Terry Spark Platz genommen, zweiter Klasse und mit einem anderen Blick auf die Dinge. "Das, was ich durch den Umzug von London nach Brighton gespart habe, das fressen jetzt die Fahrtkosten auf." Seit drei Jahren fährt der Hausmeister die Strecke von Brighton nach London. Sein Arbeitstag wird dadurch auf 13 bis 14 Stunden verlängert. Vor kurzem ist Terry Vater geworden, er will sich einen Job in Brighton suchen. "Aber das Geld ist hier lange nicht so gut wie in London."

Irgendwas darf ja auch mal schlecht an Brighton sein.

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Autor:
Thomas Lötz