Barbados Spaß unter karibischen Palmen

Johnson gibt gut auf seine Ladung Acht: eine Handvoll Touristen und eine Kühlbox mit Rum Punch, die er mit dem Geländewagen auf Inselsafari nimmt. Wer den Ellbogen leger über die Bordkante hinausragen lässt, wird sofort lautstark ermahnt. Bei den engen Straßen und dem Fahrstil vernünftig. "Das gibt nur Schmerzen", sagt Johnson, macht eine Kunstpause und fährt fort: "Und Schmerz bedeutet Papierkram. Wir mögen keinen Papierkram." Ein Scherz, der uns noch weitere Male auf Barbados begegnen wird. Ein Körnchen Wahrheit wird wohl dran sein. Barbados' internationale Stellung als Steuerparadies kann ja auch daher rühren, dass hier niemand gerne Formulare ausfüllt.

Die kleine Insel feiert 2011 45 Jahre Unabhängigkeit, bis 1966 war Barbados eine britische Kolonie. Das englische Erbe ist nach wie vor vorhanden, in der Sprache, der stolzen parlamentarischen Demokratie oder auch nur in der rätselhaften Vorliebe für Makkaroni-Käse-Auflauf, der zu fast jedem Mittagessen gehört. Elf Parishes dienen als Verwaltungsbezirke oder Gemeinden. "Parish" kann man auch mit "Pfarrei" übersetzen, womit man ebenfalls nicht falsch läge: Zehn der elf Namen (bis auf Christ Church) beginnen mit "Saint" - nicht aus Heiligenverehrung, wie Johnson spöttisch anmerkt, sondern weil es sich besser anhört.

Christlich sind die Bewohner dennoch: Über 360 Kirchen gibt es auf der Insel, vorwiegend anglikanische - ein weiteres Erbe. Ganz im Norden liegt Saint Lucy, nur Saint Peter grenzt daran. Oder wie die Bewohner von Barbados sagen: Only Peter touches Lucy. Dass der einzige Parish, der nach einer Frau benannt ist, auch der einzige ist, der nur an einen einzigen weiteren Parish grenzt, wirkt in der Tat recht galant. Eine ausgesprochen höfliche Insel - das fiel uns bereits auf.

Buchstäblich über Stock und Stein führt der Vormittagstrip über das tropische Eiland, mit reichlich Witzen, ein wenig Erdkunde und sogar einer Spur Globalisierungskritik: Unser Chauffeur, der sich die meiste Zeit routiniert wie ein Barkassenkapitän auf Hafenrundfahrt durch ein gut abgehangenes Sprücherepertoire klopft, ist beim Thema Zuckerrohrproduktion erstaunlich bei der Sache: So exportiert Barbados fast seine gesamte (subventionierte) Zuckerproduktion und muss für den Eigenbedarf Roh- und Weißzucker importieren. Die Produktion von Rum und Melasse aus Zuckerrohr spielt nach wie vor eine Rolle für die Wirtschaft der Karibikinsel, allerdings eine untergeordnete. Seit den Neunzigern ist die wichtigste Einkunftsquelle der Tourismus.

Im Nordosten sehen wir Little Bay mit seinen beeindruckenden Felsformationen, fahren über den ABC-Highway (der offiziell nach den Politikern Adams, Barrow und Cummins benannt ist, dessen Kürzel im Volksmund aber für "always be careful" steht), besuchen Bathsheba mit dem berühmten freistehenden Felsen kurz vor der Küste, erwehren uns der Straßenverkäufer und landen bei der Weiterfahrt irgendwo im Gestrüpp. Die frei herabhängenden Wurzeln der Feigenbäume gaben der Insel den Namen: os barbados - die Bärtigen.

Am Strand sind alle gleich

Kurz kommt auf der Sightseeing-Tour tatsächlich Safaristimmung auf. In den Bäumen krabbeln Äffchen - Grüne Meerkatzen, die hier einigermaßen zahlreich sind. Dann überholt uns einer der anderen Jeeps mit einer lustig-lauten amerikanisch-britischen Mischpoke und beendet das flüchtige Abenteuer ins Tierreich, man sieht nur noch ein paar Blätter zittern. Deren Kühlbox ist bereits ausgetrunken.

Deutlich aufregender als vereinzelte Mungos und Meerkatzen ist die Fauna auf der Karibikinsel allerdings auch nicht. Und die Flora? Früher war Barbados fast vollständig von tropischem Regenwald bedeckt. Zuckerrohranbau und Ackerland machten ihm den Garaus. Die majestätisch hohen Palmen sind ebenfalls nicht wild gewachsen. In der Regel stehen die Riesen in Formationen, eine Erinnerung an dunklere Zeiten: Als natürliche Wegweiser sollten sie den Sklaven als Orientierung dienen. Nachdem das Britische Empire 1834 die Sklaverei abschaffte, verschwand sie nach einer vierjährigen Übergangsphase auch auf Barbados.

Nachdem das Land buchstäblich abgeklappert ist, geht unsere Erkundungsreise auf dem Wasser weiter - und ein wenig darunter. Von Bridgetown fahren wir am nächsten Tag mit dem Katamaran die Westküste hinauf, zum Schnorcheln. Ein Hinweisschild mahnt zaghaft, dass vom Verzehr alkoholischer Getränke abzusehen sei, bevor es ins Wasser geht. Niemand hält sich daran: Rum Punch, Rum-Cola und das lokale Bank's Bier wandern über den kleinen Tresen, etwas später stört sich auch niemand an Selbstversorgung. Fragende Blicke beantwortet das als Barmann abgestellte Crewmitglied mit einem freundlichen "Just help yourself, man".

Außer Taucherbrille und Schnorchel muss auch eine Schwimmweste festgezurrt werden, die bei Bedarf aufgeblasen werden kann. Ohne Ausnahme. "Mir egal, ob ihr Leistungsschwimmer seid, Schwimmhäute zwischen den Zehen habt oder eure Mutter ein Seehund war", sagt der Kapitän. Sämtliche Mitreisende sind weit von allem Genannten entfernt, trotzdem stört die Weste: Selbst mit der wenigen Restluft darin lässt sich nämlich kaum unter die Oberfläche tauchen. So bleibt ein bisschen Toter-Mann-spielen, Kopf im Wasser und Blick auf den nahen Grund. Hier tummeln sich Riesenschildkröten, an anderer Stelle bunt schimmernde Fischschwärme.

Der Katamaran fährt wieder etwas näher an die Küste heran, nah genug um mit ein paar Zügen an Land zu schwimmen. Wir liegen vor Sandy Lane, einem der exklusivsten Resorts nicht nur auf Barbados, sondern in der gesamten Karibik. Das Schöne: Es gibt auf der gesamten Insel keine Privatstrände. Wer von den Oberen Zehntausend ins Wasser will, muss an uns vorbei. Immerhin am Strand gibt es eine wirklich klassenlose Gesellschaft. Als wäre hier nicht schon genug Paradies.

Dabei liegt Barbados durchaus im Einzugsgebiet der atlantischen Hurrikans, die letzte schlimme Verwüstung ist dabei Jahrzehnte her. Zuletzt knickte Hurrikan Tomas im Oktober einige Strommasten um, wirklich bedrohlich war die Witterung das letzte Mal vor einem halben Jahrhundert. Es ist, als belohnte das Schicksal Barbados für seine demonstrative Unbekümmertheit.

Da mit Papierkram anzufangen könnte nur ein schlechtes Omen sein.

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Autor:
Michael Weiland