Bremen Werder Bremen - Die Unberechenbaren

Bremen ist eine der wundervollsten deutschen Städte. Klein, schön, sogar sehr schön, nicht reich, eher arm, aber würdevoll. Und eben wundersam. Im Prinzip ist der Bremer sachlich, manche sagen sogar stur, aber regelmäßig wirken über Bremen magische Kräfte, und dann ereignen sich Dinge, die man einfach nicht verstehen kann. Meist geschieht dies an jener Weserbiegung, wo der Fluss erst eine Rechtskurve, dann sofort wieder eine Linkskurve macht und wo er vor Jahrhunderten. Ein Stück Land, die Peterswerder, aufgeschwemmt hat.

Dort steht das Bremer Weserstadion, und das Weserstadion ist eine der letzten Wunderstätten einer an Wundern armen Republik. Man hat einmal behauptet, die Menschheit würde Fußball lieben, weil man nicht weiß, wie es ausgeht. Eigentlich trifft dies auf keinen Verein besser zu als auf Werder Bremen. Wir wissen, wie das Leben ausgeht, wir wissen sogar meist, wie die Ehe ausgeht, aber kein Mensch weiß, wie ein Spiel von Werder Bremen ausgeht. Ich bin mit dieser Ungewissheit und den Wundern groß geworden. Nicht nur in Worpswede in der Künstlerkolonie, sondern vor allem bei Werder.

Das erste Wunder habe ich in der Ostkurve erlebt, 1987 im November, einer dieser berühmten Bremer Flutlichtabende, UEFA-Pokal, 2. Runde, Rückspiel gegen Spartak Moskau. Dichter, kalter Nebel lag über dem Rasen, und ich hatte über mein Karl- Heinz-Riedle-Trikot noch das alte Manfred-Burgsmüller-Trikot und das noch ältere Rudi-Völler-Trikot drübergezogen. Das Hinspiel hatte Werder 1:4 verloren, keiner rechnete mehr mit einem Weiterkommen. Und dann das, 4:1 für Bremen nach 90 Minuten, Verlängerung: Riedle mit dem Kopf ins Glück, 100. Spielminute. Ich weiß noch, dass ich mir alle anderen Trikots wieder vom Leibe riss, um nur im Karl-Heinz-Riedle-Trikot zu jubeln. Und dann kam sogar noch Burgsmüller mit einem Drehschuss, 6:1! Es ist zwar fast ein Vierteljahrhundert her, aber ich sehe mich immer noch, wie ich mir in Ekstase im Wesernebel wieder das Manfred-Burgsmüller- Trikot über das Karl-Heinz-Riedle- Trikot zog.

Ich habe noch ein Wunder von der Weser erlebt: Nikolausabend 1989, UEFA- Pokal, Rückspiel gegen den SSC Neapel, den Titelverteidiger, damals eine der besten Mannschaften der Welt. Endergebnis: 5:1! Wunder! Natürlich wieder unter Flutlicht! Für Neapel spielte im Weserstadion: Diego Maradona, also Gott; auf Bremer Seite hießen die Spieler ganz einfach Jonny Otten, Günter Hermann oder Dieter Eilts. Die Eintrittskarte von diesem irren Nikolausabend habe ich immer noch.

Es gab natürlich auch tragische Momente, die ich nie vergessen werde. Man muss nur "Kutzop" sagen, dann umarmen sich wildfremde Werder-Fans und halten sich noch 25 Jahre danach tröstend in den Armen. April 1986: Handelfmeter in der vorletzten Minute gegen Bayern München. Wenn Kutzop trifft, dann ist Werder Bremen vorzeitig deutscher Fußballmeister. Kutzop, der alle sieben Elfer dieser Saison sicher verwandelte, läuft an, er verlädt Jean- Marie Pfaff im Bayern-Tor, aber - rechter Außenpfosten. Das nächste Spiel gewinnt Bayern und Bremen verliert, aus, vorbei, Meistertraum ade. Kurzum: "Kutzop", wie man hier in Bremen sagt.

Gegen Stümperei und Weserwunder kamen die Bayern nie an

Werder Bremen war schon immer die Horrormannschaft der Toto-Tipper. Auf Werder konnte man sich nicht verlassen: Ausscheiden gegen den FC Superfund Pasching im UI-Cup und in derselben Saison 2003/04 dann deutscher Meister und Pokalsieger. Aber vielleicht waren diese Temperaturstürze genau das, was die Werderaner zur beliebtesten Mannschaft des Landes machte. Einen Tag gelingt gar nichts, man ist unfassbar schlecht, und dann geht plötzlich im Wesernebel das Flutlicht an, und ein Wunder geschieht. Eine Mannschaft also, die sich immer wieder aus dem Sumpf zog und über sich hinauswuchs in offensivster Schönheit - das mochten die Menschen, da konnten die Bayern aus München auch noch so siegen, wie sie wollten, gegen diese typische Bremer Mischung aus Stümperei und Weserwundern, aus Genie und Wahnsinn kamen sie nie an, denn die Werderaner aus Bremen hatten immer etwas Lebendigeres, ja Menschlicheres.

Und das hieß auch, sie hatten nie Geld. Das Geld, das die Bayern besaßen, um ihre Millionenkäufe auf die Reservebank zu setzen, damit sie nicht woanders spielen konnten, so was gab es in Bremen nie. Da waren sich der besonnene Bremer Kaufmannsgeist und Werder immer sehr nah. Man kaufte billig ein, formte aus dem Erworbenen eine Weltmarke und gab sie teuer weiter: Für Micoud, das französische Genie der Meistermannschaft von 2004, holte man Diego von der Ersatzbank aus Porto. Dann gab man ihn für viel Geld Juventus Turin, aber hatte vorher Özil geholt, den sie auf Schalke nicht haben wollten. Heute spielt Özil bei Real Madrid. Und offenbar ist es in Bremen so schön, dass auch einige Spieler wiederkamen; Torsten Frings flüchtete von den Bayern zurück an die Weser, eben - so Tim Borowski oder der wundervolle Stürmer Claudio Pizarro. Ja, Werder Bremen ist innerhalb des globalen, oft seelenlosen Transferfußballs eine kleine, familiäre Trutzburg geblieben, geradezu bremisch stur darin, noch irgendwie menschlich zu bleiben.

Das hat natürlich auch mit der Bremer Trainerpolitik zu tun. Wechselte man die Trainer beim Hamburger Sportverein, dem großen Nordkonkurrenten, fast wie Unterhosen neunmal in neun Jahren, gab es bei Bremen nur: Thomas Schaaf, Thomas Schaaf, Thomas Schaaf. So etwas fällt natürlich auf in schnelllebigen Zeiten und hat seit Otto Rehhagel, der 14 Jahre in Bremen war, Tradition, der sich Manager wie Willi Lemke und Klaus Allofs verpflichtet fühlten. Man kann sich eine Trainerentlassung, die eigentlich das Normalste der Welt ist, in Bremen nicht vorstellen. Eher würde in Bremen der Roland auf dem Marktplatz umfallen, als dass Thomas Schaaf einfach so entlassen würde.

Thomas Schaaf, seit 1972 Mitglied bei Werder, erst als Jugendspieler, dann als Profi, später als Trainer, ist eigentlich das neue Wahrzeichen von Bremen, man könnte ihn neben eben jenen Roland stellen oder auf die berühmten Bremer Stadtmusikanten einfach oben draufsetzen mit Trainingsjacke. Dabei ist Schaaf gar nicht Bremer, sondern Mannheimer. Aber alle Menschen, die lange in Bremen leben, werden irgendwann bremisch, und daher fällt die Intonation mehrsilbiger Wörter auch bei Schaaf nach schon der ersten Silbe ab, so etwas ist mittlerweile sogar schon bei dem Peruaner Pizarro zu beobachten.

Er boxte sich mit Boubacar Sanogo wie Klitschko mit Fallobst

Schaaf, von dem auch einige behaupten, er würde nur zu Hause im Keller lachen, hat sich in Bremen einen Traum verwirklicht, den wahrscheinlich nur ein einstiger Abwehrspieler unter Otto Rehhagel träumen kann: eine totale Sturmmannschaft! Eine Mannschaft, die so bedingungslos nach vorn spielt und dem Defensivfußball so offensiv den Kampf ansagt, dass sie manchmal quasi überhaupt keine Abwehr mehr hat. Nur in Bremen sind deshalb Ergebnisse möglich wie 5:4 gegen Hoffenheim, 3:6 gegen Stuttgart, 8:1 gegen Bielefeld, 4:4 gegen den FC Valencia usw., mit der sonstigen Bremer Sparsamkeit hat das natürlich nichts zu tun.

Es gibt Leute, die vorwiegend aus dem Süden kommen und behaupten, Bremen sei zwar vielleicht ganz niedlich, aber doch sehr langweilig. Das ist natürlich Unsinn. In den sechziger Jahren brachte Bremen ein bisher unvergleichliches Theaterwunder unter dem "Manager" Kurt Hübner hervor, mit den "Trainern" Zadek, Stein, Fassbinder und den "Spielern" Ganz, Lampe, Buhre - da spielte man in den Münchner Kammerspielen noch brav vom Blatt. Und richtig aufregend, sagen die Südleute weiter, sei auch nur der FC Bayern mit seinem von Uli Hoeneß geleiteten Komödienstadel. Auch das ist Unsinn.

Unvergessen der Boxkampf der Werder-Spieler auf dem Trainingsgelände: Ein brasilianischer Gelegenheitsspieler, der vorwiegend in den Diskotheken am Hauptbahnhof munter war und während der Spiele einschlief, boxte sich mit dem Ivorer Boubacar Sanogo wie Klitschko mit Fallobst. Diego, der zarte und geniale Spiellenker, würgte in Karlsruhe plötzlich seinen Gegenspieler wie im Wrestlingring. Ivan Klasni, der kaltblütige Kroate, musste sich zwei Nieren-Transplantationen unterziehen, verklagte den Mannschaftsarzt und schoss neun Monate nach der Operation fast im Alleingang Leverkusen und Schalke ab, eine medizinische Sensation. Miroslav Klose, der geheimnisvolle Stürmer, suchte irgendwann das Weite, weil in ganz Bremen das Gerücht brodelte, seine Frau erwarte ein Kind von einem anderen Werder-Spieler. Und nebenbei fuhr die halbe Werder-Mannschaft mit gefälschten Führerscheinen der Klassen A und B durch die Hansestadt, weil sie keine Zeit für Fahrstunden hatte, aber eben Geld für tolle Autos.

Es gibt auch wunderbare Typen bei Werder: Tim Wiese, der frisierte Torwart, der vermutlich genauso oft seine Haare fönt wie trainiert und der so undiplomatisch ist, dass es in der immer artiger werdenden Profiwelt schon wieder erfrischend wirkt. Oder Torsten Frings, der sich quasi fast für jedes Spiel weitere chinesische Lebenssymbole auf seinen Oberkörper tätowieren lässt und immer sehr knauzige Interviews der Syker Kreiszeitung gibt, mittlerweile die Werder-Hauspostille.

Existenzielle Bluttrikots und Papierkugeln Gottes

Außerdem herrschen die Bremer magischen Kräfte mittlerweile sogar auch auswärts. Während des UEFA-Cup- Halbfinales im Mai 2009 beim HSV flog eine Papierkugel genau in dem Moment auf das Feld, als ein HSV-Verteidiger einen Rückpass spielen wollte. Doch die Papierkugel hob den Ball an, so dass der Verteidiger den Ball versehentlich mit dem Schienbein über die eigene Torauslinie lenkte. Was folgte, ist Geschichte: Ecke Diego, Kopfball Baumann, Tor. Ausgerechnet Baumann, der noch nie ein wichtiges Tor vollbracht hatte. Es war Baumanns quasi letztes Spiel, der HSV flog raus, Bremen fuhr zum Finale nach Istanbul, und die Papierkugel wurde versteigert für ein Kinderhospiz in Syke. Oder das Wunder von Genua im August 2010, Qualifikation zur Champions League. Bremen hatte das Hinspiel 3: 1 gewonnen und lag dann bei Sampdoria Genua 0: 2 hinten. Alles schien dahin, vorbei, und Schaaf, Allofs, alle saßen ganz blass auf der Bank.

Zudem stand ein Werder-Spieler an der Seitenauslinie und wurde vom Schiedsrichter nicht mehr aufs Spielfeld gelassen, da sein Trikot blut - verschmiert war. Werders Zeugwart hatte kein frisches mehr, nicht mal das funktionierte. Und dann wechselte Schaaf aus lauter Verzweiflung Markus Rosenberg ein, der schon gefühlte zwei Jahre keinen Ball mehr getroffen hatte. Und was passierte? Erst noch ein Drama: Es gab ein weiteres Gegentor. Aber in der dritten Minute der Nachspielzeit zog Rosenberg aus 18 Metern flach ab und traf. Ausgerechnet Rosenberg! Das Tor (und ein weiteres, diesmal von Pizarro, in der Verlängerung) bescherte Bremen 15 Millionen Euro, sodass man sich noch schnell einen Ersatz für Özil kaufen konnte. Existenzielle Bluttrikots und Papierkugeln Gottes, so etwas gibt es nur bei Werder. Man spricht bei den Bayern immer vom profanen "Dusel", bei Bremen sind es die "Wunder".

Von Dieter Burdenski hatte ich auch immer ein Trikot. Burdenski ist die Torwartlegende von Werder, 444 Spiele, so viele wie keiner, er ist auch Ehrenspielführer des Klubs. Als ich Kind war und eine Zeit lang im Tor spielte, steckte ich mir immer das Burdenski-Hanuta- Abziehbild von der WM '78 in Argentinien unter die Stutzen. Es sollte mir Glück bringen, und als Werder-Fan glaubte natürlich jedes Kind an Magie. Und es brachte Glück. Heute sehe ich fast jedes Spiel der Bremer in der Dieter-Burdenski-Loge, zusammen mit anderen Werder-Besessenen wie Matthias Brandt, dem Schauspieler und Sohn von Willy Brandt, mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann oder Günter Grass, dem Nobelpreisträger. Denn sie alle lieben Wunder. Besonders bei Flutlicht.

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Autor:
Moritz Rinke