Bremerhaven Seestadt mit Skyline

Sechzig Kilometer nördlich von Bremen erwartet keiner mehr irgendwas. Schon gar keine Wunder. Das Land ist flach, und so sind die Aussichten. "Ich weiß, was Sie jetzt denken", sagt Jürgen Adelmann und zeigt ein Foto der Skyline von Bremerhaven, "aber sagen Sie jetzt bitte nicht Dubai!"

Ein paar Monate später fahren wir über die A27 in die Großstadt am Meer. Hier war Adelmann viele Jahre oberster Wirtschaftsförderer. Wir sind mit seinem Nachfolger Nils Schnorrenberger verabredet, seit Mai 2010 Chef der Bremerhavener Gesellschaft für Investitionsförderung und Stadtentwicklung (BIS). Ihlpohl, Uthlede, Stotel - die Ortsnamen auf den blauen Autobahnschildern weisen den Weg in ein Nimmerland. Hätte die Stadt Bremen hier nicht 1827 einen Hafen angelegt, kaum jemand würde den strukturschwachen Nordwesten Deutschlands kennen. Es wäre einfach nur ein Stück Gegend mit Kühen unter einem endlosen Himmel.

Vor den dunklen Wolken über der Küste zeichnet sich der segelförmige Umriss des "Atlantic Hotel Sail City" ab. Von Ferne sieht es tatsächlich aus wie das berühmte Hotel "Burj al Arab" in Dubai. Die Luft riecht nach Nordsee. Windjammer ankern mit gerefften Segeln an den Kajen. Sanft schimmernd liegt das "Klimahaus 8° Ost" am Ufer, daneben das Auswandererhaus, das Schifffahrtsmuseum. Fröhlich schnatternde Touristen ziehen über die Uferpromenade. Sie kommen aus ganz Deutschland, den Nachbarländern, sogar Amerikaner sind da. Fahnen flattern im Wind.

Vor ein paar Jahren noch war Bremerhaven ein Synonym für Tristesse. Fast 24 Prozent Arbeitslosigkeit, Armut, Überschuldung. In der Fußgängerzone standen die Geschäfte leer, in der Stadt hunderte Wohnungen. Werftensterben, das Ende der deutschen Hochseefischerei und der Abzug der US-Truppen hatten Bremerhaven den Rest gegeben. Dabei war die ganze Stadt in den siebziger Jahren auf Zuwachs geplant worden. Sechsspurige Straßen, das Klärwerk - alles gebaut für 180.000 Menschen. Doch stattdessen sank die Einwohnerzahl, schrumpfte bis auf 114.000. Die überdimensionierte Infrastruktur schlotterte wie ein viel zu großer Anzug am ausgemergelten Körper der Stadt. Brachflächen im Werftengebiet und im Hafen dienten als Behelfsparkplätze - bloß für welchen Anlass? Als einziger westdeutscher Ort gehört Bremerhaven zu den 25 nach Kaufkraft ärmsten deutschen Kommunen.

Mit Sparen war der kommunale Haushalt nicht mehr zu retten. Es gab schlicht keine Budgets mehr, die man noch hätte kürzen oder streichen können. In dieser Situation entschlossen sich die Stadt- und Landesväter zu einem "Wechsel auf die Zukunft", wie das Schnorrenberger nennt: Man wollte Bremerhaven neu erfinden und plante eine Art Dubai an der Waterkant. Fünf Punkte umfasste die Strategie zum Wiederaufstieg des abgeschriebenen Gemeindewesens: Anstelle des Schiffbaus sollte der Containerverkehr gefördert werden; in den Hinterlassenschaften der Hochseefischerei sollte sich eine moderne Fischverarbeitung ansiedeln; maritime Forschungsinstitute und Technologiefirmen sollten Fuß fassen; man wollte sich als Standort für die Windenergiewirtschaft etablieren. Und schließlich sollte Bremerhaven Zentrum des maritimen Städtetourismus werden.

Wer nach Bremerhaven kam, wollte sofort wieder weg

All das waren kühne Pläne, aber der letzte Punkt schien geradezu vermessen: Bremerhaven bot weder eine pittoreske Ansicht noch eine historisch gewachsene Struktur, nicht mal eine attraktive Promenade zierte das Ufer der Wesermündung. Seit ihrer Gründung 1827 war Bremerhaven die Stadt der Hafenarbeiter, Fischpacker und Auswanderer. Wer hierher kam, wollte arbeiten oder sofort wieder weg.

Eine Attraktion gab es allerdings: das 1975 eröffnete Deutsche Schifffahrtsmuseum. Und ab 1990 entstand noch dazu das "Schaufenster Fischereihafen": Man wandelte die alte Fischpackhalle IV in eine Restaurant- und Flaniermeile um, machte eine alte Reparaturwerft zum Marktplatz und errichtete ein Forum mit Meerwasseraquarium, Theater, Schauküche und Café. Im Rückblick war die Gestaltung des "Schaufensters" eine Generalprobe für jene große Inszenierung, die wenig später im Alten und Neuen Hafen stattfinden sollte.

Deren Start wurde durch einen finanziellen Befreiungsschlag des Landes Bremen erleichtert. Die Landesregierung hatte wegen mangelhafter Finanzausstattung beim Bundesverfassungsgericht geklagt - und Recht bekommen. So flossen zwischen 1994 und 2004 insgesamt achteinhalb Milliarden Euro in die Landeskasse. Damit wurde zum einen die Schuldenlast reduziert und zum anderen investiert: Die Entwicklung Bremerhavens sollte, so der Beschluss von Senat und Bürgerschaft, Vorrang haben. Das Ziel: ein Tourismuskonzept, das Bremerhaven eine Zukunft sichert.

Lange wurde darum gerungen. Die Erwartungen waren hoch: Rund 270 Millionen Euro hatte das Land den Bremerhavenern für das neue Hafenviertel in Aussicht gestellt. Der erste Vorschlag sah einen futuristischen "Ocean Park" vor und sollte auch mithilfe privater Anleger finanziert werden. Doch die Bürger protestierten gegen die Errichtung "künstlicher Welten auf historischem Grund", erst im März 1999 ebneten sie per Bürgerentscheid den Weg für die Bebauung des Hafengebietes. Zunächst vergebens: Für einen "Ocean Park" fanden sich nicht genügend Investoren.

Anfang 2000 dann übernahmen die BIS und die Bremerhavener Entwicklungsgesellschaft Alter/Neuer Hafen die Regie. Man wollte das Gebiet jetzt dezentral entwickeln. Nicht mehr ein einziger Megakomplex sollte entstehen, sondern einzelne Projekte, jedes für sich unabhängig konzipiert, finanziert, gebaut und betrieben. Sowohl Hotel, Restaurant und Einkaufszentrum als auch ein Sportboothafen mit Wohnkomplex wurden getrennt ausgeschrieben und gebaut. Das Projekt hieß bald ganz bodenständig "Havenwelten".

Doch war die geplante Hauptattraktion, ein Großaquarium, wirklich die zündende Idee? Schon im Frühjahr 2000 war der Chef des erfolgreichen Bremer Universums befragt worden. Carlo Petri schlug ein "Klimarium" vor - eine Weltreise auf dem 8. Längengrad. Sein Konzept löste zunächst keine Begeisterungsstürme aus. Schließlich aber wurde nach Exklusivität entschieden: Großaquarien gab es schon überall auf der Welt, ein Klimahaus nirgendwo. Dennoch vergingen Jahre bis zum Baubeginn: Stadt und Land wollten zwar den Bau finanzieren, nicht aber den Betrieb übernehmen. Der Ideengeber ging darum 2005 selbst ins Risiko: Die Petri & Tiemann GmbH verpflichtete sich, das Klimahaus zu betreiben.

Der Anfang einer asiatisch anmutenden Erfolgsgeschichte

Was dann geschah, ist schier unglaublich, klingt nach asiatisch anmutender Erfolgsgeschichte. Anders gesagt: Man setzte in Bremerhaven alles auf mehrere Karten, und innerhalb kürzester Zeit erwiesen sich alle als Volltreffer. Bereits ein Jahr später, 2006, ähnelte Bremerhavens Ufer einer Großbaustelle. Es wurde gebaggert, gewühlt, gehämmert, geschweißt. Monströse Kräne wuchteten Stahlträger in schwindelerregende Höhen. Unterirdische Parkdecks und die Fundamente des "Atlantic Hotel Sail City", heute höchstes Gebäude des Bundeslandes, wurden ins Weserufer gerammt. Oberbürgermeister Jörg Schulz plagten gelegentlich Ängste: "Ich habe mich in Albträumen gefragt, ob die Bürger einmal mit dem Finger auf mich zeigen: Der da hat uns das eingebrockt."

Grund für Zweifel gab es allemal - vor allem beim Klimahaus: Der 125 Meter lange und 82 Meter breite Baukörper aus Aluminium, Stahl und Glas führte an die Grenzen technischer Machbarkeit. Allein 4700 gebogene Glasscheiben, von denen nur jeweils zwei die gleichen Maße haben, mussten eingepasst werden. Nicht minder anspruchsvoll die Energieversorgung der 11.000 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche, die alle Klimazonen der Welt von tropisch-schwül bis arktisch-kalt nachbilden kann. Die Arbeiten verzögerten sich, steigende Stahlpreise erhöhten die Kosten, und als man 2009 endlich Einweihung feierte, waren 102 Millionen Euro verbaut worden - fünfzig Prozent mehr als geplant. Allerdings wurden auch die Erwartungen übertroffen: Bis September 2010 kamen mehr als eine Million Besucher. Gerechnet hatte man mit 600.000 im Jahr.

Eine positive Überraschung erlebten die Bremerhavener auch mit dem Deutschen Auswandererhaus, das sich ebenfalls viel stärker als erwartet zum Hit entwickelte: Fast 150 Jahre hatten Auswanderer die Stadt geprägt, sieben Millionen Menschen waren zwischen 1830 und 1974 von hier aus in eine neue Heimat aufgebrochen. Ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor - zeitweise lebten sechzig Prozent der Stadtbevölkerung von den Emigranten. Bereits 1985 gründete sich ein Verein, der Dokumente, Briefe, Postkarten, Passagierlisten und Fotos sammelte. Doch ein Haus für die Sammlung gab es nicht. Erst 2004 bewilligte der Senat die Mittel für den Bau des neuen Erlebnismuseums, 2005 wurde eröffnet, pünktlich zum großen Windjammertreffen. Pro Jahr zählt man seitdem mehr als 200.000 Besucher, allein 10.000 kommen jährlich aus den USA.

Die Bremerhavener haben ihren Frieden mit den neuen Havenwelten geschlossen. Auch der umgebaute Zoo am Meer und das Schifffahrtsmuseum profitieren vom Boom. Es ziehen wieder Menschen in die Stadt - Wissenschaftler von neuen Forschungsinstituten und Ingenieure von Windkraftfirmen. Die heimische Wirtschaft profitiert, 1700 Arbeitsplätze bieten die Havenwelten inzwischen. Und BIS-Chef Schnorrenberger zweifelt keine Minute, dass sich die Investition von 315 Millionen Euro öffentlicher Gelder gelohnt hat. Wenn er aus den Fenstern seines Büros schaut, hat er Bremerhavens Zukunft fest im Blick. Manchmal träumt der Stadtmanager davon, was man noch alles machen könnte: "ein Erlebniscenter für Ernährung" vielleicht - die Bremerhavener kennen sich schließlich aus mit Fisch. Erfolg ist planbar. Kein Wunder.

"Havenwelten" - Adressen

Atlantic Hotel Sail City / Aussichtsplattform Sail City, Am Strom 1, Tel. 0471309900, , April-Sept. 10-20 Uhr, Okt.-März 11-17 Uhr

Deutsches Auswandererhaus, Columbusstraße 65, Tel. 0471902200, , März-Okt. 10-18, Nov.-Feb. 10-17 Uhr

Klimahaus Bremerhaven 8° Ost, Am Längengrad 8, Tel. 04719020300, , April-Okt. Mo-Fr 9-19, Sa, So 10-19 Uhr, Nov.-März tgl. 10-18 Uhr

Schaufenster Fischereihafen, An der Packhalle IV, Abteilung 12, Tel. 04713010003, , April-Okt. Mo-So 9.30-18 Uhr, Nov.-März 9.30-17, Sa, So 10-16 Uhr

Mediterraneo, Am Längengrad 12, Tel. 047192690790, , Geschäfte Mo-Sa 10-20 Uhr, Restaurants tgl. 10-21 Uhr

Deutsches Schifffahrtsmuseum, Hans-Scharoun-Platz 1, Tel. 0471482070, , tgl. 10-18 Uhr, Nov.-März Mo geschl.

Museumshafen, April-Sept. 10-18 Uhr

Zoo am Meer, H.-H.-Meier-Straße 7, Tel. 0471308410, , Apr.-Sept. 9-19, März-Okt.9-18, Nov.-Febr.9-16.30 Uhr

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Autor:
Christiane Oppermann