Niedersachsen Schlösser, Rathäuser und Villen an der Weser

Die Fachwerkhäuschen, die sich oberhalb des Weserufers aneinander kuscheln, verbreiten den Liebreiz eines urdeutschen Städtchens. Wer mit dem Rad über die große Brücke in die Ortsmitte von Bodenwerder rollt, trifft auf ein auffallend großes Fachwerkhaus, das heute das Rathaus ist. Am 11. Mai 1720 wurde hier Hieronymus von Münchhausen geboren: jener Mann, den sie nur den Lügenbaron nennen.

Hier, in diesem beschaulichen Ort, erzählte der Gutsherr während der Abendgesellschaften von seinen Abenteuern aus Russland. Wundersame, von der Fantasie aufgeblasene Geschichten, die ohne sein Wissen veröffentlicht wurden. Dies wiederum brachte Münchhausen zu diversen Wutausbrüchen und zu unverhofftem Ruhm - und Letzteren auch dem kleinen Bodenwerder. Im Museum neben Münchhausens Geburtshaus hockt ein Pappbild des Lügenbarons auf einer Kugel und wacht über die vielen Ausgaben seiner Erzählungen: In Bodenwerder fließen wie vielerorts entlang der Weser Geschichte und Geschichten zusammen. Münchhausens Heimat ist ein guter Startplatz für eine historische Spurensuche entlang des Weser-Radweges, der einer der schönsten in Europa ist. 260 Kilometer und vier Tage, dann soll Bremen die Endstation sein.

Stromabwärts führt der Weg am Ufer entlang und beschert dem Radler ein eigenwilliges Naturerlebnis. Wenige Meter entfernt von der träge fließenden Weser liegen Kühe im Gras, als sei ihre Weide ein Strandbad. Nebenan spielen Schafe Fangen, und hinter dem Zaun grasen Pferde in einem Gemüsebeet: ein Bild, als sei Noahs Arche hier gestrandet und hätte alle bäuerlichen Nutztiere an Land gelassen. Die Kulisse für die pastorale Idylle bilden die sanft geschwungenen Hügel des Weserberglandes.

Ein schmaler Asphaltweg führt den Radler in langen Geraden durch Wiesen und Weiden, Widerstand während des gemütlichen Radelns bietet nur der kräftige Wind, der über das flache Land treibt. Auf einer Gierseilfähre schließlich, die nur durch die stete Kraft des Wassers ans andere Ufer getrieben wird, scheint die Zeit für wenige Minuten entschleunigt - der Fluss nimmt den Reisenden für die Dauer der Überfahrt gefangen. Die Entdeckung der Langsamkeit ist eines der schönsten Erlebnisse dieser Tour.

Kurz vor Hameln dann stopp. Hier steht ein Star der Weserrenaissance: das Schloss Hämelschenburg. Zwischen 1524 und 1618 machten die üppigen Getreideernten und die günstigen Transporte auf der Weser die Region reich.

Man zeigte,was man hatte - Bürger und Adelige ließen sich prächtige Residenzen im Stil der Renaissance erbauen.Aus Italien kopierte man die opulenten Säulen, aus Frankreich die achteckigen Türme, aus Holland die Erkervorbauten. Diese Elemente komponierten die Baumeister mit dem für die Region typischen Sandstein zur Weserrenaissance.

Neben einer von Bäumen gesäumten Landstraße erhebt es sich dann plötzlich aus den Feldern: das mächtige Hauptgebäude von Schloss Hämelschenburg. Eine Frau tritt aus der Tür in den Hof, die Strickjacke leger über die Schulter gelegt: Christine von Klencke. Eine Schlossherrin mit perfekter aristokratischer Haltung, eine, die in ihre Rolle hineingewachsen ist. Geboren in Baltimore, Studium in Boston, seit drei Jahrzehnten Burgdame. "Der erste Anblick war imposant", erinnert sich Christine von Klencke. Danach kam die Realität, die nichts gemein hat mit Prinzessinenträumen. Herr von Klencke arbeitet im Sozialministerium in Hannover. "Ich lebe für das Schloss", sagt er oft, "nicht von dem Schloss."

Das Los vieler adliger Großimmobilienbesitzer. "Wir haben eine Verantwortung, das Vermächtnis zu erhalten", ergänzt seine Frau. Denn seit zwölf Generationen ist die Hämelschenburg im Familienbesitz.

Im Privattrakt derer von Klencke dominiert die Gegenwart, nur ein paar Antiquitäten erinnern an vergangene Zeiten. In den als Museum hergerichteten Räumen jedoch spiegelt sich das Auf und Ab der Familie während der vergangenen 550 Jahre. Seit der Fertigstellung im Jahr 1618 durchlebten die Bewohner eine turbulente Zeit: Den Dreißigährigen Krieg überstand das Anwesen, weil die Schlossherrin Anna von Holle unerschrocken mit dem Feldherrn Tilly verhandelte und dadurch Plünderung und Zerstörung verhinderte.

Im 18. Jahrhundert mussten die von Klenckes die Schulden des Münchhausen-Clans zurückzahlen, für den sie gebürgt hatten. Im 20. Jahrhundert schließlich vermietete man Wohnungen an Feriengäste und speiste dort mit ihnen, wo zuvor ein Pferdestall war. So ist das Schloss seit Jahrhunderten eine Baustelle der Familien- und Gesellschaftsgeschichte - nie ganz fertig und alle paar Jahre wieder anders. Von seinen Bewohnern mal mit Möbeln der Renaissance, mal im Stil des Biedermeier eingerichtet. Nur die Fassaden mit ihren skurrilen Löwenfratzen blieben über die Jahrhunderte erhalten. Sie blicken so grimmig, als könnten sie das Schloss vor dem größten Unheil bewahren.

Der Radweg führt durch kleine Dörfer zurück an die Weser. Nach wenigen Kilometern wird die Fahrt auf dem Marktplatz von Hameln durch einen Menschenauflauf gestoppt .Mindestens hundert Kinder belagern dort eine Bühne, auf der ein Mann in altmodischem Kostüm tanzt und singt. "Rats" ist das Musical zur Rattenfänger-Sage. Nach dem Auftritt umringen die Kinder den Schauspieler. "Sie kreischen, lachen, weinen. Ich bekomme alle denkbaren Gefühlsregungen mit", beschreibt der Rattenfänger-Darsteller die Faszination der Mär, die er in seinem Spiel immer wieder neu belebt. Ein kleines Mädchen zupft an seinem Kostüm, es hat im Gedränge den Vater verloren. Der heutige Rattenfänger ist ein Lieber, er bringt das Kind dem Papa zurück.Derweil erklingt am Hochzeitshaus, das die reich verzierten Renaissancefassaden der Osterstraße beschließt, ein Glockenspiel, zu dem sich eine Flöte spielende Figur auf kleinen Karussell dreht: Hameln ist fest in der Hand des Rattenfängers. Selbst auf dem Weg zum Hotel, das in ein malerisches Fachwerkhaus einlädt, überfahren die Reifen kleine, auf den Asphalt gemalte Ratten.

Die Weser war im 16. und 17. Jahrhundert Lebensader der Region

Die Erfahrung der ersten Etappe: Schon nach nur 40 Kilometern über flaches Land schmerzen Oberschenkel und Gesäß. Hoffentlich lässt der kräftige Gegenwind nach!

Am nächsten Morgen geht es zurück an die Weser. Für einen viel versprechenden Zwischenstopp wird die Tour abseits der Weser in den bewaldeten Bergen jetzt zum Kraftakt: Schloss Bückeburg, die Schatztruhe der Weserrenaissance und die Belohnung für die Bergetappe. Von außen ist das Schloss herrschaftlich, wenn auch unspektakulär. Doch beim Betreten der Schlosskapelle öffnet sich eine andere Welt: Der Altar mit seinen Engeln ist vollständig in Gold getaucht.

1396 zunächst im gotischen Stil erbaut, wurde die Kapelle im frühen 17. Jahrhundert mit feinstem Kunsthandwerk vom Altar bis zu den Decken verziert. So entstand eine der wenigen Kirchen Deutschlands im Renaissancestil. Später, im großen Festsaal mit den Kronleuchtern, weckt die opulente Pracht Märchenphantasien - von einer Sissi im rauschenden Ballkleid, die hinter einer marmorierten Säule hervortritt. Und die Decke des Goldenen Saals schmücken, ganz von Blattgold überzogen, die vier klassischen Elemente Erde, Feuer,Wind und Wasser.

Noch immer ist Schloss Bückeburg im Besitz der Fürsten zu Schaumburg-Lippe, die Familie wohnt jedoch in einem weniger bemerkenswerten Seitentrakt. Ab und an aber lädt man die adlige Verwandtschaft aus ganz Europa ein - dann wird im Goldenen Saal diniert und parliert, im Festsaal getanzt, dass Freunde von Sissi, Aschenputtel und Gala ihre Freude haben.

Nach so viel Prunk geht es in langen Abfahrten durch Wälder und Wohnsiedlungen zurück in die Wirklichkeit nach Minden. Am Wasserstraßenkreuz fährt ein Schiff mit gewaltigem Getöse durch die riesige Fahrrinne des Mittellandkanals, der 13 Meter über die Weser hinweg führt. Der Stahlbeton scheint zu ächzen - ein Geräusch, als fahre das Schiff geradewegs durch den eigenen Kopf.

Grüne Auen säumen den Weg zum Etappenziel. Für Entspannung sorgt dann das Schloss von Petershagen. Von der Weser zieht feuchte Luft bis hinein in die vornehmen Hotelbetten. Nachtruhe, wie sie schon die Bischöfe von Minden im Mittelalter genossen. Radfahrers Fazit: 80 Kilometer von morgens bis abends, aber der Muskelkater ist weg, und die Bilder von Schloss Bückeburg kehren im Traum zurück. Am nächsten Tag hat sich das Weserbergland verabschiedet.

Viele Kornmühlen am Weg erinnern daran, dass der Reichtum der Region von den Feldern stammt. Die Auenlandschaft der Mittelweserregion lockt seltene Besucher an: Ein Fischreiher stakst über eine Wiese, wenig später ein Storch auf der Suche nach Fröschen. Am Ufer erzählt ein Angler, dass es hier alle Arten von Süßwasserfischen gibt. "Die Weser ist sauber", sagt er und deutet mit seinen Händen an, wie groß der größte Fisch war, den er aus der Weser gezogen hat - zwischen beiden Händen liegt mindestens ein halber Meter. Noch weiter gen Norden wird es auf der Weser munter: Ein Wasserskifahrer durchpflügt hinter einem Motorboot den Fluss. Enten fliegen empört auf, der Wasserskifahrer stürzt ins Wasser. Die Enten gackern, und den Radfahrer amüsiert es. Die Langsamkeit bringt unerwartet kleine Einsichten und kleine Freuden.

Nach gemächlichen fünf Stunden liegt das Hotel "Weserschlößchen" in dem beschaulichen Nienburg noch einmal so nah am Wasser, dass der Geruch des Flusses bis in die Hotelbetten kriecht. Hinter Nienburg dann nur noch flaches Land, Weite. Radfahrers Fazit: 40 Kilometer im Trödeltempo, auf der flachen Strecke wird das Radfahren zum Automatismus. Es bleibt Zeit für die Schönheiten am Fluss.

Mit rund hundert Kilometern ist die letzte Etappe auch die längste. Der Radweg verlässt immer wieder die Weser, teilt Felder und Wiesen, die Räder rollen von allein und lassen die Landschaft links und rechts zum Film werden, der von reetgedeckten Bauernhöfen mit roten Ziegelmauern und idyllischer Landschaft handelt. Grüne Schilder mit einem Vogel machen auf Naturschutzgebiete aufmerksam - zum Beweis startet ein Schwarm Wildgänse aus einem Feld. Immer wieder taucht die Weser als blinkender Wegweiser auf, führt bis zu den ersten Häusern von Bremen. Endstation Rathaus. Auch zum Schluss ein Schmuckstück der Weserrenaissance. Hinter der reich verzierten Fassade mit dem Mittelgiebel nach dem Vorbild des Antwerpener Rathauses liegt das politische Herz der Hansestadt, die viel über den Wohlstand ihrer Bürger aussagt: Räume wie die Güldenkammer mit ihrer goldüberzogenen Ledertapete -wie geschaffen für Könige. Möglich, dass die baulichen Zeugnisse Bremer Stolzes der Stadt bis heute geholfen haben, als kleinstes Bundesland zu überleben.

Die Weserrenaissance ist ihre funkelnde Visitenkarte: Auf dem Platz vor dem Rathaus bleiben die Besucher stehen, recken die Köpfe, staunen. Als wolle er den Abschied von den Schönheiten an der Weser erleichtern, fleht ein Straßensänger die Landstraßen an, ihn nach Hause zu führen. Fazit: Nach zwei Reifenpannen auf dem letzten Abschnitt und einigen Kilometern auf den Felgen fällt dem Radler der Abschied nicht gar so schwer - persönliches Pech. Doch nach vier Etappen haben sich die Muskeln ans Radfahren gewöhnt und sein Bildarchiv im Hirn ruft nach immer neuem Material. Große Kunst und große Wasser können süchtig machen.

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Autor:
Michael Kraske