Bremen Die Hansestadt der kurzen Wege

Die vier Haustiere, die weltweit als Bremer Stadtmusikanten bekannt sind, kamen nie in Bremen an. Anders geht es den Millionen Besuchern, die Jahr für Jahr Bremen entdecken. Ihnen zeige ich gern meine Stadt.

Ich fange auf dem Marktplatz an. Hier, auf einem Dünenrücken, hat Bremen begonnen: Der Legende nach zeigte eine Henne mit ihren Küken, wo am Weserufer ein sicherer Platz zu finden sei. Exakt hier haben wir Bremer vor 600 Jahren unser Rathaus gebaut und in den Mittelpunkt der Marktplatzszene gerückt - deutlich abgesetzt vom Dom, dem Sitz des Bremer Bischofs, mit dem die Bürger lange um die Macht konkurrierten. Damit sich die Ratsherren nicht jeden Sonntag im Dom anhören mussten, was sie alles falsch gemacht haben, machten sie die Pfarrkirche "Unser Lieben Frauen" auf der anderen Seite des Rathauses zu ihrer Ratskirche. Denn das Rathaus ist von zwei wunderschönen Kirchen eingerahmt.

Davor steht der 5,55 Meter große steinerne Roland. Diese 1404 errichtete Statue symbolisiert die Freiheitstradition der Hansestadt und deren Marktfreiheit. 170 Bremer Mark hat sie seinerzeit gekostet! Eine Krüppelfigur zwischen den Füßen des Rolands gibt Anlass zum Rätseln. Meines Erachtens weist sie auf den Schutz gehandicapter Bürger hin. In vielen Städten gibt es Rolandstatuen, wir verstehen unsere als Zeichen für Selbstständigkeit, die nur Napoleon und Hitler brechen konnten. Es ist den beiden aber nicht gut bekommen, und wir in Bremen sehen niemanden, der sich erneut an der Selbstständigkeit dieses Stadtstaates vergreifen will. Jedenfalls nicht, solange der Roland steht!

Gegenüber dem Rathaus steht der Schütting, der Sitz der Bremer Handelskammer. Seit über 550 Jahren werden hier die Wirtschaftsinteressen der Hansestadt vertreten, sorgfältig getrennt vom Rathaus, in dem jahrhundertelang jeweils dieselben Bürger auch für die "res publica" Verantwortung übernahmen. Das Szenario aus Mittelalter und früher Neuzeit wird ergänzt durch das moderne Haus der Bremischen Bürgerschaft und durch wiederaufgebaute Häuser wie die Raths-Apotheke, das Deutsche Haus, die Sparkasse. Alles versammelt sich um das in den Boden des Marktplatzes eingelassene Hanseatenkreuz.

Das ist das Zentrum unserer Stadt, wir nennen es Bremens "Gute Stube". Hier beginnt jährlich das Musikfest, findet ein kleiner Ableger des fast 1000-jährigen Freimarkts statt, trifft man sich auf dem berühmten Weihnachtsmarkt. Und wenn Bürger und Parteien ihre Meinung öffentlich verkünden wollen, versammeln sie sich auf dem Marktplatz. Keine Bannmeile, keine Absperrungen trennen das offizielle Bremen von den vielen Besuchern - jeden Tag mischt sich hier alles, was wichtig ist. Bremen ist die Stadt der kurzen Wege.

Das Rathaus als erste Adresse

Gäste führe ich immer ins Rathaus. Seine Weserrenaissance-Fassade hat Lüder von Bentheim ab 1605 vor den spätmittelalterlichen Kern mit seinen gotischen Fenstern gesetzt. Ihre reich verzierten Arkaden, Balkone und Erker erzählen von der stolzen Hansestadt, die sich einst sogar hatte vorstellen können, das "Rom des Nordens" zu werden. Ins Innere des Gebäudes führt der Eingang im Neuen Rathaus gegenüber von Dom und Bismarck-Reiterstatue.

Schon die Empfangshalle ist beeindruckend: Zwischen einem alten Kauffahrtei-Segelschiff, dem Bild des legendären Flugzeugs "Bremen", mit dem die erste Atlantiküberquerung in Ost- West-Richtung 1928 gelang, und dem Modell des Seenotrettungskreuzers "Wilhelm Kaisen" führt eine Treppe hinauf in die "Marmoretage" - benannt nach dem Bodenbelag. Hier stehen die Skulpturen von Bremens berühmtem Bürgermeister Johann Smidt und den Präsidenten Ebert, Heuss und Carstens. Daneben residiert der Bürgermeister und Regierungschef des "Zwei-Städte-Staates" Bremen und Bremerhaven. Tagsüber steht die Tür zum Büro des Bürgermeisters offen - eine Einladung zum Eintritt. Das ist beste Bremer Art, informell wollen wir sein, ohne Etikette, ohne Statussymbole, bescheiden und zugleich offen für alles, was sich in diesem Stadtstaat ereignet.

Nur wenige Schritte sind es zur Oberen Halle, dem historischen Rathaussaal. Hier erzählt alles von der republikanischen Geschichte der Stadt: die Wandbemalung, die Decke, das Inventar, die von der Decke herabhängenden Schiffsmodelle, die Wappenfenster, die vielen politischen Bilddokumente. Früher haben sich regelmäßig alle Wahlberechtigten in dieser Halle versammelt und mit den Bürgermeistern die Geschicke ihrer Stadt gelenkt. Mehrfach führten die Bremer im 17. Jahrhundert gegen die Schweden Krieg, wurden belagert und haben widerstanden - mir fällt dabei Auguste Rodins berühmte Plastik der Bürger von Calais ein. Das gleiche Pathos spüre ich hier.

Kein Wunder, dass alles von Bedeutung in diesem Raum passiert: Hier wird alljährlich im Februar die traditionelle "Schaffermahlzeit" ausgerichtet, werden die neuen Professoren unserer zwei Universitäten vorgestellt. Lassen sich Staatsgäste vom Flair der Hansetradition beeindrucken, treffen sich aber auch Schüler im couragierten Einsatz gegen Rassismus ("Dem Hass keine Chance") oder bei der Auszeichnung von gelungenen Integrationsprojekten ("Feuer und Flamme"). Und natürlich sind Bremer Traditionsunternehmen daran interessiert, hier mit Mitarbeitern und Kunden Jubiläen zu feiern. Mich nimmt immer wieder gefangen, wie in diesem jahrhundertealten Ambiente ohne Mikrofone, ohne Transparente und Spektakel so oft Konsens erzielt worden ist - Bremens Rathaus- und Hansepolitik lebt von der Einstimmigkeit.

Weltmeister am Rednerpult

Auf dem offiziellen Rundgang durchs Rathaus sehen die Besucher nur den Festsaal des Neuen Rathauses. Dort tagte bis 1966 die Bürgerschaft. Ich habe als Schüler - meine Schule war in der Nähe - den Plenarsitzungen zugehört und so Parlamentarismus kennengelernt. Die Abgeordneten stritten sich wie die Weltmeister am Rednerpult und mit Zwischenrufen. Wenn sie danach aber gemeinsam zum Kaffeetrinken den Saal verließen, duzten sie sich. Einige Redner verwechselten in ihrer Aufregung auch schon mal "intrigieren " mit "integrieren" - damals habe ich als Schüler Mut gefasst, es später auch einmal zu versuchen.

Der nächste Raum des Rathauses, der Kaminsaal, wurde 1978 während einer Tagung des Europäischen Rats für die Klausur der Präsidenten genutzt. Hier haben Valéry Giscard d'Estaing und Helmut Schmidt ihre Kollegen in neunstündiger Sitzung (ohne Berater) von der europäischen Währungsunion überzeugt. Ich nenne diesen schönen Raum darum gerne den "Kreißsaal des Euros". Nach dem Kaminsaal folgt das kleine, eher intime Gobelinzimmer, in dem viele Verhandlungen stattfinden. Etwa die Gespräche zu Koalitionsverträgen, die wöchentlichen Vorberatungen zur Senatssitzung, aber auch zu größten Investitionsprojekten wie beispielsweise den Ansiedlungen von Daimler-Benz. Vieles ist uns da unter den Augen einer Büste von Simón Bolívar gelungen. Und welche Freude, dass sich seit Jahren jeden Freitag Paare hier trauen lassen! Bei einer Ministerpräsidentenkonferenz, der ich einst turnusmäßig zu präsidieren hatte, mischte sich die Hochzeitsgesellschaft mit meiner hochoffiziellen Länderchefrunde. Das hat uns allen gut getan.

Den Rathaus-Rundgang beende ich gern im Senatssaal, einem schönen, von Rudolf Alexander Schröder eingerichteten Sitzungssaal: Alle sitzen dort an einem großen ovalen Tisch, die Senatoren und Staatsräte und der Bremerhavener Bürgermeister. Über ihnen hängen die Kaiserbilder, die daran erinnern sollen, dass Bremen sagenhafte 13 kaiserliche Edikte und Diplome zu seiner Selbstständigkeit erhalten hat - einige auch teuer bezahlt. Wir müssen täglich beweisen, dass dieses Erbe nicht verloren geht.

Wir verlassen das Rathaus und besuchen die Ratskirche "Unser Lieben Frauen". Gebaut in schönster hanseatischer Frühgotik, innen fällt zauberhaft leuchtend das Tageslicht durch die von Alfred Manessier gestalteten Fenster. Dort habe ich in den Nachkriegsjahren im Chor Bach, Palestrina, Monteverdi gesungen, und hier klingt, schöner als je zu meiner Zeit, heute der meisterhaft von Ansgar Müller-Nanninga dirigierte 200 Knaben starke Chor. Die Veitskrypta ist nach der Domkrypta das älteste Gemäuer Bremens. Ihre Wandbemalungen wirken auf mich wie eine Meditationshilfe - mitten in der Stadt helfen sie, zur Ruhe zu kommen.

Schnoor - das älteste Viertel Bremens

Gegenüber der Ratskirche stehen an der Außenmauer des Rathauses die Bremer Stadtmusikanten, Anziehungspunkt für Jung und Alt. Gleich daneben aber verführt der Eingang zum Ratskeller zu einem Abstecher. Der Weinkeller ist weltberühmt, das Ambiente ebenso, die fröhliche Atmosphäre steckt an. Wer hat nur behauptet, die Bremer seien verschlossen? Wir gehen über den Marktplatz weiter in die Böttcherstraße. Der erfolgreiche Kaffeehändler Ludwig Roselius hat dort gemeinsam mit Baumeistern wie dem Bildhauer Bernhard Hoetger ein unverwechselbares Ensemble geschaffen.

Was wirkt wie eine gewachsene mittelalterliche Gasse, entstand zwischen 1924 und 1931 als Gesamtkunstwerk. Die Nazis erklärten den Straßenzug zur "Verfallskunst" - obwohl Roselius ein begeisterter Anhänger Hitlers war. Die Kunstgewerbeläden und -werkstätten, die Museen (Paula-Modersohn-Becker-Museum) und die Gastronomie ("Ständige Vertretung") in der engen und lärmgeschützten Böttcherstraße sind alle fußläufig miteinander verwoben. Die Gasse ist zugleich der direkte Weg zu Weser und Schlachte, der Promenade am Wasser. Museumsschiffe liegen hier am Ufer, und es hat sich eine Open-Air-Gastronomie breitgemacht, die an warmen Tagen Tausende anzieht.

Wer noch nicht müde ist, sollte stromaufwärts zum Schnoor gehen, unserem ältesten Stadtviertel. Von den Bomben verschont, hat sich dort das alte Bremen erhalten: Die Giebelhäuser stehen eng aneinandergelehnt. Die winzigen Gärten zeigen, wie bescheiden Menschen sich früher innerhalb der Stadtmauern einrichten mussten. Heute findet man hier erlesenen Goldschmuck, Souvenirs und jede Art von Gastronomie. Mitten im Schnoor haben wir seit wenigen Jahren wieder ein lebendiges Kloster: den Schwesternkonvent der Birgitten. Die Nonnen sind sehr gastfreundlich und laden in ihre Kapelle ein. Das ganze Anwesen liegt direkt neben der 1938 von den Nazis zerstörten Synagoge und hinter dem Fachbereich Musik der Hochschule für Künste, die mit ihren hundertjährigen Mauern das Viertel schützt.

Wer jetzt eine Pause vom Pflastertreten braucht, kann sich in den Wallanlagen entspannen. Der Park entstand vor 200 Jahren aus dem alten Festungsring, sein Grundriss ist noch sichtbar - das romantische Gartengrün umschließt heute wie ein Rahmen das historische Zentrum und trennt es von der ständig wachsenden Stadt. Nur ein paar Schritte weiter, jenseits der Wall anlagen, beginnt schon die Kunstmeile mit Kunsthalle, Theater, Stadtbibliothek und weiteren Attraktionen. Sie ist zugleich der Beginn des Ostertorviertels. Früher bekannt als Milieu der Hausbesetzer, ist es heute ein buntes, friedliches Dorf in der Großstadt, das Lust macht auf mehr. Entdecken Sie es, und nehmen Sie sich Zeit für Bremen!

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Autor:
Henning Scherf