Bremen Das schwere Erbe von Worpswede

Durch Worpswedes Hauptstraße mit ihren ständig wechselnden Namen flutet der Verkehr von Bremen nach Gnarrenburg. Radfahrer fegen die Besucher mit grellem Klingeln an den Rand und lächeln dabei. Kühle Betonklötze, Lidl- und Aldi-Märkte brechen die ländliche Stimmung auf - etwas Niedliches ist Worpswede mit seinen gut 9000 Einwohnern nicht zu eigen, das kann man dem deutschen Künstlerdorf auf den Kopf zusagen. "Ein grausiges Land, in dem ihr da lebt", sagte Rilke, um sich dann doch hier anzusiedeln.

Das wahre Worpswede lebt zwischen den Straßen. Auf der Terrasse des Hotels "Worpsweder Tor" durchscheint die Abendsonne verheißungsvoll einen sagenhaften Baumbestand. Darüber breitet sich der berühmte, niemals harmlose Malerhimmel aus. Man kann in Worpswede selig sein. Wie jedes Jahr gibt es einen Theatersommer auf dem Barkenhoff, dem Anwesen des Jugendstilmalers, Buchkünstlers, Architekten, Innenausstatters, Kunsthandwerkers und Weltverbesserers Heinrich Vogeler, der alles konnte, nur nicht sich selbst schützen vor der Welt und seinen eigenen Phantasien. Gespielt wird das Stück "Berge der Utopie", es geht um den Monte Verità und Fontana Martina bei Ascona, vor allem aber eben um Vogelers Barkenhoff hier amWeyerberg.

"In uns ein neuer Gott, vor uns ein lichtes Leben" - voller Pathos beginnt das Drama. Komische Vollbärte werfen sich der Natur in die Arme, das verachtete Geld wird zum Gemeinwohl verwendet oder verschwendet. Die Dunkelheit bricht herein, während aus der Tiefe des Raumes immer wieder neue Utopisten und dämliche Polizisten auftauchen. Unentwegt wird Vogeler, der reinste Träumer von allen, vom Schicksal geprüft. Nach dem langen Applaus für sechs Schauspieler, die um die 40 historische Figuren darstellen und dazu noch kräftig Musik machen, begibt sich der Zuschauer nachdenklich auf den Weg ins Hotel mit der Vorfreude auf einen Sonntag im Dorf der Künstler, Bauern und Touristen.

Ach, Worpswede. Besucher müssen sich mit der gewaltigen Fläche arrangieren und mit dem Mythos vergangener Glorie, der aufscheint, wenn sich Paare und Familien vor der Gästeinformation in der Bergstraße einfinden, um sich auf die Spuren der Landschaftsmaler, Hobbykünstlerinnen und Alleskönner zu heften. Die Stadtführerin geht auf den Weyerberg ein: "Wir Worpsweder sagen, er ist fünftausendvierhundertvierzig … Zentimeter hoch." So flach und dennoch dominant. Vom Masterplan ist die Rede, neun Millionen Euro sollen in den Wiederaufbau der historischen Stätten fließen, das Geld kommt vorwiegend aus EU-Mitteln. "Wir fragen uns, ob wir Worpswede danach noch wiedererkennen", sagt die Frau vom Fach und zeigt den Ort, an dem alles begann: das Heim der Kaufmannstochter Mimi Stolte in der Findorffstraße.

Mimi lockte den Kunststudenten nach Worpswede

Mimi hatte den Kunststudenten Fritz Mackensen von Düsseldorf nach Worpswede gelockt, wo er in einen Farbentaumel geriet. Eine Tafel an Stoltes Laden erinnert an "Familie Stolte, der es zu danken ist, dass ich Worpswede für die Kunst entdeckte und so Worpswede von der Welt entdeckt wurde. Fritz Mackensen". So reden Größenwahnsinnige. Mackensen, der Moorbauernmaler, wurde zum Anstifter für Hans am Ende, den Radierer, Fritz Overbeck, den Wolkenmaler, und Otto Modersohn, den Farbpoeten. "Fort mit den Akademien, die Natur ist unsere Lehrerin" - das feurige Bekenntnis steht 1889 am Start der Künstlerkolonie.

Heinrich Vogeler und Paula Becker, später Modersohn-Becker, entdecken Worpswede bald darauf. Man malt, dichtet, modelliert, liebt und heiratet. Der Sensationserfolg der Worpsweder Künstlerkompagnie ereignet sich 1895 mit der Ausstellung ihrer Werke im Münchner Glaspalast. Glück und Eintracht der Gründergeneration sind nur von kurzer Dauer, 1899 löst sich die Künstlerkompagnie auf. Doch den Gründungsmitgliedern zogen andere nach, nicht so erfolgreiche, damals "Hungerleider" genannt. Die Wolken-, Moor- und Birkenmalerei nimmt kein Ende, bis heute nicht.

Zu schaffen macht uns der Mythos der Künstlerkolonie ", seufzt Ingrid Fiedler im Atelier Hemberg, einem Wunderland, vollgestopft mit bunten Kleinig- und Kostbarkeiten. "Die Leute kommen hierher und suchen die Maler an der Staffelei." Erhard Kalina kann man durchaus mit Skizzenblock und Digitalkamera im Moor antreffen. Er hat seinen Dreh gefunden, die Landschaft zu malen, indem er den Rhythmus von Musik auf sie überträgt, wie schwierig das sein mag. Dennoch hat er gezögert, seine Landschaftsbilder auszustellen, "weil ich nicht in die zitierende Richtung wollte".

Kalina ist gern in Worpswede, auch wenn das Leben der Künstler hier purer Existenzkampf sei, man sei außerhalb eher anerkannt als innerhalb: "Die Museen müssen sich für das öffnen, was jetzt hier geschieht." Leicht gesagt. Die Besucher wollen die Legenden erleben. Man muss nur einen Tag in Worpswede sein, um Paula zu sagen statt Paula Modersohn-Becker, so vertraut wird einem die Frau, die nur 31 Jahre alt wurde. Man versteht ihre Hinwendung zum stillen Landschaftsmaler Modersohn, versteht, dass ihr Worpswede bald zu wenig Anregung bietet, dass sie hin nach Paris flieht und weg von Modersohn, bis sie dann doch zurückkommt, eine Tochter gebiert und stirbt.

Nach einer verheerenden Ausstellungskritik zieht sie sich in ihr unzugängliches Atelier in Brünjes Bauernhaus zurück, und lange Zeit ahnt niemand etwas von der großen Kunst, die hier entsteht. In den Räumen liegen immer noch Paulas Worte in der Luft: "Die Hamme mit ihren dunklen Segeln, es ist ein Wunderland, ein Götterland …" Auf dem Flüsschen Hamme brachten früher die Bauern den Torf nach Bremen. Ihre Kähne sind noch immer unterwegs, heute schippern sie Touristen übers Wasser, und wenn man die dunklen Segel der Torfkähne sieht, hat sich der Weg von Worpswede zum Hamme-Anleger Neu Helgoland schon gelohnt. Noch schöner, wenn man selbst unter einem solchen Segel sitzt.

Ein bisschen Wahnsinn erwartet man hier

Mit heiserer Stimme erzählt Käpt'n Sievers die Geschichte der Torfbauern, die in jämmerlichen Katen auf feuchtem Grund in feuchter Luft lebten. Der Königlich- Hannoversche Moorkommissar Jürgen Christian Findorff kolonisierte das Teufelsmoor, indem er den Ärmsten der Armen ein Stück Land versprach, wenn sie mithalfen, die schließlich 8000 Gräben und Kanäle zu ziehen, die anfangs die einzigen Verkehrswege zwischen den 46 Moordörfern waren. Der Torf wurde in den sogenannten Halbhuntkähnen zu den Abnehmern gebracht, bei Westwind mussten die Schiffer ihre Boote selbst durchs Wasser ziehen wie die Wolga-Schlepper. Seit einem halben Jahrhundert werden Bäume, Büsche und Reet in der Hamme-Niederung nicht mehr geschnitten, Wildnis breitet sich aus, tiefe Stille liegt über dem Moor. Zwischen Himmel und Land zeigen sich alte und neue Bilder an. Auf einem Brückenpfeiler campieren ein paar Jugendliche, ein anderer Menschenschlag als die einfachen Leute, die Paula hier einst suchte.

Unentwegt erzählen Worpsweder Orte die Geschichten dieser Gegend weiter. Wer dem Mythos nahe kommen will, muss weite Wege gehen, immer noch ein Museum findet er, und unter den alten Bildern sind viele kaum bekannte zu entdecken. Überschwemmungen im Moor zeigen sie, grandiose Himmel und einsame Bäume, das Licht liegt förmlich auf der Wiese, Alleen gesäumt von Birken, die Stämme wie sich windende Leiber haben. Die Menschen halten den Kopf meistens gesenkt, häufig ist ein halber Mond zu sehen. Paulas mit dem Rücken an ein Schafsgatter gelehntes Mädchen hinterlässt einen ähnlich schwer zu deutenden Eindruck wie Paula selbst auf Fotos. Wo weilt sie gerade mit ihrem dunklen Blick?

Heute leben in Worpswede an die 150 Künstler und Kunsthandwerker. Dazu kommen ungezählte Malschüler. Die Künstler sehen aus wie Bürger und bedienen das Klischee vom verrückten Genie in keinem Fall. Die Landschaft zieht sie an, aber sie findet sich in ihren meist abstrakten Bildern kaum wieder. "Jetzt fangen schon die Künstler an, Wasser zu trinken", mokiert sich ein Hotelier. Das hängt natürlich mit Worpswedes weiten Wegen zusammen, die nur mit dem Auto zu bewältigen sind, aber ein bisschen mehr Attitüde erwartet man insgeheim doch, ein bisschen Wahnsinn. Es kann ja sein, dass der Mensch, wenn er sein Leben gestemmt und etwas Geld auf der hohen Kante hat, nach Worpswede geht und malt - da ist nichts Ehrenrühriges dabei. Aber neue Mythen entstehen so nicht.

Man verlässt Worpswede nicht, ohne einen Blick auf die Bauernreihe, die älteste Besiedlungsebene, zu richten. Die Grundstücke sind riesig, die breiten roten Backsteinhäuser nach hinten versetzt, ein paar Meter hinter dem Bremer Teekontor liegt das Atelier von Ines Waldbrunn, einer blonden Frau mit roter Latzhose und aufgekrempelten Ärmeln, in ihrer eigenen Welt voller Bilder und Objekte, zusammengefügt aus ungewöhnlichen Materialien wie Fell, Knochen oder Horn. "Das ist der Spieltrieb. Ich mag das Alchimistische", sagt Ines Waldbrunn. Wer malt heute noch den Himmel von Worpswede? "Ich male ihn", sagt die Malerin und deutet auf das Bild in ihrem Rücken. "Hohe grüne Gegend" - Öl, Pigment, Steinmehl. Ein kompakt aufgetragener, dennoch poröser Himmel. Wir könnten uns an ihn gewöhnen.

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Autor:
Fritz-Jochen Kopka