Bremen Das Quartier am Ostertor

Der Ostertorsteinweg ist die historische Ausfallstraße für alle, die von Bremen nach Verden oder Hamburg gelangen wollen, der steingepflasterte Weg, die "Steenstrate", die der Reisende betrat, wenn er das östliche Stadttor passiert hatte. Aber wer von denen, die heute diese Straße betreten, wollte denn ernsthaft in die Ferne streben, wo doch hier alles im Überfluss vorhanden ist? Der Ostertorsteinweg ist das lebendigste und bunteste Stück Bremen, die Lebensader, der Lebensmittelstreifen des sogenannten Viertels, das doch in Wirklichkeit ein Ganzes ist, eine Kleinststadt in der gar nicht so großen Großstadt. Links und rechts dieser Straße und erst recht im jeweils anschließenden, von ungezählten pittoresken Bremer Häusern aller Art bestückten Gassengewirr lässt es sich trefflich leben.

Per Auto finden sich hier nur die Anwohner zurecht vor lauter Einbahnstraßen und verkehrsberuhigten Zwischenstücken - und das ist gut so. Gehen Sie einfach zu Fuß! Meine Familie ist beileibe nicht die einzige, die hier ganz ohne Auto auskommt: fußläufig die Bäckereien, das vielfach ausgezeichnete Programmkino, der Ökomarkt mit seinen Käse-, Wurst- und Gemüseständen, das Theater, der Weinhändler, die Schulen, das einzigartige, weitbekannte und doch so wunderbar nachbarschaftlich-klönschnackige, gewürzdufterfüllte Kolonialwaren-Geschäft Holtorf, die Dönerbuden, Restaurants und diversen Szenekneipen zum Drinnen- und Draußen sitzen. Sogar ein nichtschwedisches mehrgeschossiges Möbelhaus hat sich hier behauptet, ein Bettenfachgeschäft mit Laufmaschenannahme und ein familiär geführter Haushaltswarenladen, der von der kleinsten Schraube bis zum elektrischen Eierkocher alles vorrätig hat, was die Ostertorschen zum Überleben benötigen.

Generationen von Kleinkindern haben bei "Panciera " ihre erste Bekanntschaft mit Vanille- und Schokoladeneis gemacht und staunend zugesehen, wie sich der eisbecherbeladene Tabletts balancierende Servierer, einer heranbimmelnden Straßenbahn ausweichend, seinen Weg durch den fließenden Verkehr bahnt, um die wartenden Gäste an den Tischen auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu bedienen. Loriot nutzte den Ostertorsteinweg Anfang der siebziger Jahre als Kulisse für den Sketch-"Parkuhr" (mit Evelyn Hamann als Politesse). Auf den ersten Blick hat sich die Gegend seitdem kaum verändert. Doch teure Boutiquen und Schuhgeschäfte haben sich in die Läden gedrängt, die manch Kleinkrämer zur Trauer der Nachbarn verlassen musste, weil die Mieten für ihn unbezahlbar geworden sind.

Für viele Investoren ist es schick und lukrativ geworden, im "O-Weg" und damit im Viertel einen Fuß in der Tür zu haben. Bislang ist es den Ostertorschen allerdings ganz gut gelungen, ihr Quartier authentisch zu halten, als Wohn- und Lebensort auf der Meile zwischen Kunsthalle und Sielwallkreuzung. Pläne, den Ostertorsteinweg in eine für Autoverkehr gesperrte reine Fußgängerflanier- und Shoppingmeile zu verwandeln, gewissermaßen als Verlängerung der Innenstadt, haben sich schon vor Jahren als Flop erwiesen und wurden nach kurzem Versuch ad acta gelegt. Und auch das Kopfsteinpflaster, das man allen Ernstes unter einer Teerdecke verschwinden lassen wollte, ist geblieben und sorgt wie ehedem für original urbanes Rumpeln im Viertel.

Das virtuelle Literaturhaus Bremen

Rainer Maria Rilke hat dieses Haus bestimmt gemocht. Anfang 1902 verbrachte er mehrere Wochen in Bremen und wird oft hier vorbeigeschlendert sein. Der Dichter inszenierte für die feierliche Einweihung des Erweiterungsbaus der Kunsthalle ein paar hundert Meter weiter ein Theaterstück und ließ dabei auch eine Festspielszene einstudieren, die er zu diesem Anlass verfasst hatte. Rilke war dem Leben in exklusiven Villen ebenso wenig abgeneigt wie den Wohltaten ungezählter Mäzene und Mäzeninnen. Man darf annehmen, dass es ihm eine gewisse Freude bereitet hätte, zu erfahren, dass dieses Haus, die spätere Villa Ichon, in ferner Zukunft ein Ort der Literatur sein würde. Hier ist nämlich seit einigen Jahren das Literaturhaus Bremen untergebracht.

Wohlgemerkt: Das Gebäude ist nicht das Literaturhaus Bremen, sondern es beherbergt das Literaturhaus Bremen - ganz oben unter dem Dach, in einem winzigen Zimmerchen mit schrägen Decken und Wänden, wo Heike Müller an ihrem Computer sitzt. Bremens Literaturhaus ist ein virtuelles. Eines, in dem selbst der "Netzresident", der jährliche Preisträger, nur im Cyberspace wohnt, das aber ganz real zu einem der 365 deutschen "Ausgewählten Orte im Land der Ideen 2008" gekürt worden ist.

Die Villa Ichon, Baujahr 1843, in der das kleine Zimmerchen liegt, ist eines der schönsten Häuser des Quartiers. Wer sie betritt, wird im wahrlich herrschaftlich anmutenden Treppenhaus von einer imposanten, fackeltragenden, mystischen, goldbronzenen Schönheit begrüßt. Ein Prachtbau mit hohen Stuckdecken und intarsienverzierten Holzböden. Eine Rückwand im Erdgeschoss zeigt Fragmente eines gründerzeitlichen Freskos, ein riesengroßer, reich verzierter Fayenceofen füllt ein Gutteil des Vortragssaals im Erdgeschoss.

Das Literaturhaus übrigens ist nur einer von mehreren Mietern in dieser Villa, über deren Geschicke ein Verein wacht. Der stadtbekannte Mäzen Klaus Hübotter, ein kulturbeflissener, Aphorismen schreibender Kaufmann, der sich zum linken politischen Spektrum zählt, hat vor Jahren die Restaurierung und den Betrieb dieses Gebäudes zu einem seiner Lebensinhalte gemacht. Ohne ihn wäre die Villa längst abgerissen. Das Literaturhaus, das Bremer Literaturkontor und Amnesty International sind nur drei der zahlreichen politischen und kulturellen Organisationen, die dank ihm hier untergekommen sind, ihr Haus ist eine der feinsten Adressen der Stadt.

Ein wunderbarer Sachensucher

Nein, er verfügt über keine eigene Website, ein Katalog seiner Arbeiten ist nie erschienen, kein Galerist hält seine Malereien, Collagen und Objekte vorrätig, kaum jemand hat je über ihn geschrieben, und wer auf seine nächste Ausstellung wartet, kann darüber ganz schön alt werden. Aus dem Munde Hannes Goldas wird man auch niemals die Behauptung vernehmen können, er sei ein Künstler. Womit spätestens klar sein dürfte, dass er sich erst recht nicht zu einer Gruppe oder Schule zählt und dass sein Name auch nicht in der Mitgliederkartei irgendeines Künstlerverbandes gebunkert ist. Und sein Atelier, das sei hinzugefügt, findet nur jemand, der weiß, wo genau er zu suchen hat: im Hinterhof einer Möbelspedition in der Friesenstraße, durch deren Eingangstor man ihn vielleicht gerade noch verschwinden sieht mit seinem alten, krähen - federgeschmückten Hollandrad, auf das er einen selbst gezimmerten Holzkasten montiert hat. So transportiert er seine Materialien hin und her zwischen dem kleinen Bremer Haus im ostertorschen Sielpfad, das er seit Jahrzehnten bewohnt, und seiner Werk- und Wirkungsstätte.

Die ist eine Fundgrube, denn man muss wissen: Hannes, als Jan Pawel Golda 1949 in Schlesien geboren und als neunjähriger Aussiedler mit Mutter und Schwester über das Lager Friedland nach Norddeutschland geraten, gehört zur Spezies der begnadeten Sucher und Sammler, die überall auf der Welt Dinge finden, an denen den meisten von uns auch nach dreimaligem Hinschauen nichts Bemerkenswertes auffiele. Hannes ist ein großmeisterlicher Collageur, der Gegenstände und Materialien zusammenfügt, die angeblich gar nicht zusammengehören, die sich aber unter seinen Augen und Händen zu geheimnisvoll organischen Objekten verschmelzen. Zu grotesk-skurrilen Wesen, urkomischen, batteriebetriebenen Mechanismen und - immer wieder - zu Gesichtern, denen er durch einige wenige Farbtupfer, Striche und Punkte den letzten Schliff der Vollendung verpasst.

Sein Arbeitsmaterial besteht aus (Treib-)Hölzern aller Art und Herkunft, aus Blech, Eisen, Draht, Pappe, Tauen, Nägeln, Schrauben und Muttern, alten Schalt- und Klingelkästen, Buchrücken, Federn, Hühnerschnäbeln, Fußballeintrittskarten und Ziegelsteinen, um nur einen Bruchteil der Bruchteile zu nennen, aus denen er Neues entstehen lässt. Sein Material sammelt er en passant in den Straßen und Gassen von Dublin, in den Spülsäumen seiner Lieblingsinseln Korsika und Bornholm (wo er viel Zeit verbringt), am Atlantikstrand Andalusiens, in Istanbul, Berlin und natürlich in Bremen und umzu (wie man hier sagt).

Seine große Vorliebe für Gesichter und für das menschlich Figürliche geht zurück auf das Land seiner Herkunft und die dem Großvater abgeguckte Kunst der polnischen Holzschnitzerei. Auch davon kann man sich bei einem Besuch in seinem Atelier oder in seinem Haus ein Bild machen: Hunderte, wenn nicht über tausend Holzfiguren aller Größen und Formen hat er im Laufe der Jahrzehnte mit fabelhaftem Geschick geschnitzt und bemalt. Ganze Heerscharen dieser oft sehr ernst dreinblickenden schwarzbärtigen Herren, die alle ein wenig wie ihr Schnitzer aussehen, haben in ungezählten Häusern und Stuben des Bremer Ostertorviertels und der restlichen bewohnten Welt Stellung bezogen und vertreten dort ausgesprochen würdevoll den jeweiligen Baum, aus dessen Holz Hannes Golda sie einst geschnitzt hat.

Wo Rudi Dutschke die Wände hoch ging

Eigentlich dürfte es dieses Haus gar nicht mehr geben. Und auch die Häuser zur Linken und zur Rechten zwischen Osterdeich und Ostertorsteinweg müssten längst verschwunden, die ganze Mozartstraße vom Stadtplan ausradiert sein. Ersetzt durch eine breit ausbetonierte Piste, über die jetzt Autos und Lastwagen Anlauf nehmen würden zu ihrer Brückenquerung der Weser. "Mozarttrasse" lautete das böse Zauberwort aus der Hexenküche autogläubiger Stadtplaner, die schon weit ausgeholt hatten zum finalen Abrissbirnenschwung, der flachgelegt hätte, was den Bombenteppichen des Zweiten Weltkrieges noch entkommen war. Doch die Leute des Quartiers haben die Trasse verhindert damals, 1973, als solche Formen des nachbarschaftlich organisierten Widerstands noch kaum bekannt waren.

Es ist ein Haus mit Geschichte und Geschichten: Das Gedicht der indischen Autorin Sujata Bhatt mit dem Titel "Mozartstraße 18" ist in viele Sprachen übersetzt worden. In den späten siebziger und frühen achtziger Jahren hat der Dichter Erich Fried oft in diesem Haus übernachtet, auch der australische Schriftsteller Les Murray, die irischen Poeten Pearse Hutchinson und Matthew Sweeney waren hier zu Besuch, der Schauspieler Bruno Ganz oder der spätere Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele, der in diesem Haus sogar Stromleitungen verlegt haben soll, wie die Hausbesitzerin erzählt.

Eine der schönsten Geschichten aber ist die vom Übernachtungsgast Rudi Dutschke, der, als er des Morgens die Haustür verschlossen fand, das Gebäude kurzerhand über ein an der Fassade angebrachtes Malergerüst kletternd verließ, um seine Gastgeber mit frischen Brötchen zu überraschen. Der Malermeister, der inzwischen seine morgendliche Anstreicherarbeit aufgenommen hatte, soll, als Rudi Dutschke, vom Bäcker zurück, auf dem gleichen Wege, wie er das Haus verlassen hatte, wieder nach oben zum Fenster hinaufkletterte, angesichts des urplötzlich vor ihm stehenden und fröhlich grüßend durchs Fenster ins Haus steigenden Revolutionärs für einen kurzen Moment die Fassung verloren haben. Was angeblich für den scharfsichtigen Betrachter noch heute an einer ganz bestimmten Stelle in der Unregelmäßigkeit des Fassadenanstrichs nachvollziehbar ist.

Die etwas andere Kneipe

Immer mal wieder höre ich von ostertorschen Hausbesitzern, die beim Buddeln in ihren handtuchbreiten Hinterhausgärtlein auf einen geheimnisvollen unterirdischen Gang gestoßen sein wollen. Einen jener Gänge, die der Legende nach das St.-Paul- Kloster in vorreformatorischen Zeiten mit der Innenstadt verbunden haben, als hier, im östlichen Vorfeld der Stadt, noch Benediktinermönche ihre Kräuterbeete bestellten und Wein anbauten. Jawohl, Wein anbauten. Eine Weserhanglage sozusagen, die aber den damaligen Gourmets so nachhaltig die Gaumen verätzt haben muss, dass die gut gemeinten Tropfen es niemals bis in den Ratsweinkeller geschafft haben dürften. An das Kloster erinnern heute noch einige Straßen- und Flurnamen - und eine Kneipe mit dem Namen "Beim Paulskloster", die eigentlich schon längst mitsamt dem Wirt und einigen hier seit Jahrzehnten wie festgeschraubt sitzenden Stammkunden unter Denkmalschutz gestellt sein müsste.

Die einzige Kneipe weit und breit, die ohne Musikbeschallung auskommt, ohne Fußballübertragungsleinwände, ohne Neonleucht-stoffröhren, ohne den leisesten Anflug von hipper Coolness. Ein Halber ist ein Halber ist ein Halber - und nicht 0,4 oder 0,3! Die Frikadellen hat der Kneipier persönlich gebastelt, die Matjesfilets sind handverlesen, die Bratkartoffeln Legende. Ende der siebziger Jahre hat Wolfgang Biller die schon seit dem 19. Jahrhundert bestehende Kneipe übernommen, eine stubengroße, mit dunklem Holz getäfelte Nachbarschaftstankstelle mit einem Baldachin über dem Tresen, hinter dem der Wirt Abend für Abend außer sonnabends das Bier ins Glas schießen lässt, aus einer hochbetagten Zapfanlage, die sein ganzer Stolz ist.

Meister Biller ist die personifizierte Lokalnachrichtenstation. Er weiß alles, was vor sich geht zwischen Ostertorsteinweg und Weser oder im nahen Theater, dessen Stars und Sternchen, Regisseure und Gastspieler zur Stammkundschaft zählen. George Tabori hat er gekannt, Evelyn Hamann, Rainer Werner Fassbinder und Hans Kresnik, von dem drei tiefe Kratzer auf dem Tresen stammen. Wer das Glück hat, Wolfgang Biller in einer ruhigen Stunde an seinem Arbeitsplatz anzutreffen, der sollte ihn nach seinem Allerheiligsten fragen, einer mit Erinnerungen an seine Gäste gefüllten Zigarrenkiste, wozu er die irrwitzigsten Geschichten erzählen kann.

Und wer es einzurichten versteht, sollte an einem Freitagabend sein Bier im "Paulskloster" trinken. Dann nämlich, zwischen 21 und 22 Uhr, rumpelt der Lieferwagen des greisen Otto Winkelmann um die Ecke, sehnsüchtig erwartet von Einkaufstaschen tragenden Nachbarn. Aus Grasberg nahe Worpswede kommen Winkelmann und sein Sohn, die hier vorm "Paulskloster " einmal pro Woche die letzte Station ihrer am Morgen begonnenen Verkaufstour anlaufen und ihren Stammkunden heimische Gemüse, Früchte, Eier, Wurst offerieren. Auch Wolfgang Biller kauft für den kleinen Hunger seiner Gäste, während der olle Winkelmann sein Bierchen zischt und in wunderbarem Plattdeutsch über den Wandel der Zeiten räsoniert. Der zu seiner und aller Freude am "Paulskloster" spurlos vorbeigegangen ist.

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Autor:
Michael Augustin