Bremen Bremens neue Überseestadt

Die Zeitenwende im Bremer Überseehafen begann mit einem gewaltigen Knall. Am 6. Mai 1966 rutschte beim Kaischuppen 16 eine Kiste aus dem Ladegeschirr der "MS Fairland" und knallte mit voller Wucht auf den wartenden Transport-Lastwagen. Das Führerhaus wurde leicht beschädigt, der Fahrer kam sicherheitshalber ins Krankenhaus, und die Stauer, Schauer- und Tallyleute, Küper, Festmacher, Karrenführer staunten. Das, was da gerade über ihnen einschwebte, hatten sie zuvor noch nie gesehen. Der Container - so die Produktbezeichnung - läutete eine neue Ära ein. Er gehörte zu der ersten Partie, die in einem deutschen Hafen an Land ging. Mit den weiteren 97 Containern ging dann alles glatt.

Wenige Jahrzehnte später haben die Container der ganzen Stückgutherrlichkeit, die es hier einmal gab, den Garaus gemacht. Der Europahafen: eine leere, ölige Wasserfläche ohne ein Schiff. Das Becken des Überseehafens: zwischen Juli und Dezember 1998 mit drei Millionen Kubikmeter Sand aus der Außenweser verfüllt und überbaut. Nur drüben im alten Holz- und Fabrikenhafen sieht es fast so aus wie früher und riecht auch so, vor allem nach Fischmehl. In dem ganzen riesigen Hafenareal baut Bremen seit dem Jahr 2000 seine "Überseestadt", mit 300 Hektar eines der größten städtebaulichen Projekte Europas - dreimal so groß wie die Altstadt.

Wer herausfinden will, was die Hafenwelt einst ausmachte, hat zwei Möglichkeiten. Die erste: Er besucht das Hafenmuseum, Speicher XI, funktional in seinem Kern, mit Giebelchen drauf. Ein paar Räume nur, die man über eine Gangway betritt. Man läuft auf knarrenden Dielen, die den Gewürz- und Kaffeeduft, der diese Räume einmal durchzog, unbeirrt ausströmen. Voller Exponate, Modelle, Dokumente: Stauhaken, Warenproben, hanseatischer Kaufmannsgeist wohl dosiert, weil nicht nur Geld hier alles bewegte, sondern auch viele fleißige Hände.

Der zweite Ort, an dem man den alten Handelshäfen nahekommt, ist die "Anbiethalle", nur ein paar hundert Meter vom Museum entfernt liegt sie am Kopf des Europahafens. Ein Backsteinkasten, als Verwaltungsgebäude errichtet, mit einem Schild über der Tür, "Essen für jedermann" steht darauf. Eine Polizeiwache war hier früher untergebracht, eine der Arrestzellen ist heute die Herrentoilette. An der Wand hängt eine Weltzeituhr: New York, Tokio, Stuhr. Letzteres ein Vorort von Bremen wie es, von hier aus besehen, zu anderen Zeiten auch New York einmal war. Ein Stammessen täglich, montags nur vier Euro, freitags 5,50 Euro, denn dann gibt es Fisch, bis 14 Uhr.

Anbiethallen gehörten zum Hafen wie die Speicher und Schuppen. Der Begriff stammt aus dem Bremer Platt, leitet sich von "anbieden" her, was für "anbeißen" steht: Hier gab es, nach all der Plackerei, endlich was zum Beißen. Wer mehr erfahren will, muss nur den Wirt fragen. Hans-Jürgen Schreiber erzählt gern die ganze Geschichte - von der früheren Polizeiwache bis zur größten Anbiethalle hinter dem Überseehafen, die ihm als Vorbild für seine Variante von Kiezgastronomie diente. Die alten Kunden, die ihre Pausen früher in der originalen Anbiethalle verbrachten, kommen jetzt hierher.

Alleinstehendes Haus sucht Mieter

Arbeiter von der Kellogg's-Frühstücksflockenfabrik und aus Rickmers Reismühle drüben am Weserufer. Stauer und Festmacher von damals, die von ihren Gewohnheiten einfach nicht loskommen - vom Schnack zur Mittagszeit an einem Ort wie diesem. Sie haben noch die alten Bilder im Kopf, mit Hafenbecken voller Dampfer und Masten und Rauch über allem. Es schauen immer öfter aber auch lässig gekleidete Büromenschen aus den Lofts an der Hafenkante vorbei, Anwälte der Kanzlei Eisenführ Speiser, Werber von Interwall und Architekten aus den Büros von Ziegler und Kauert und von auswärts, die schicke Lofts und Geschäftsräume in die Schuppen und Speicher gesetzt haben oder neue errichten, deren Zuschnitt die alte Bebauung aufnimmt. Sie schaffen, und lassen das jeden merken, ein vollkommen neues Quartier.

Ein Experiment sei die Überseestadt, das sagen sie alle, vom Investor bis zum Kranführer, von dem keiner so richtig weiß, wie es ausgehen wird. Vorbilder gibt es, die Docklands von London, die Hafencity in Hamburg, die Piers von New York. Das meiste davon wirkt so schick wie steril. "Überall nur diese Glasfassaden und astronomisch hohe Mieten", sagt Andreas Heyer, Chef der Wirtschaftsförderung Bremen, "eben das wollen wir gerade nicht." Dafür gibt es gute Gründe: Schiffe legen in der Überseestadt zwar nur noch wenige an. Die Hafenwirtschaft, die dazugehörte, ist aber nicht weg.

Zukunft Hafen, damit wirbt sie unverdrossen für sich, mit einigem Recht. Lagerei, Produktveredelung, Logistik: 6.500 Arbeitsplätze bietet der Hafen den Bremern, die schiebt man nicht einfach über die Kante. Als sich Ende der Neunziger die Stadtplaner die Leerstände auf dem Areal anschauten, beäugten die Hafenarbeiter sie mit gehöriger Skepsis. Schon, weil von Anfang an auch an Wohnbebauung gedacht wurde. Wie sollte das zusammenpassen? Es gibt ja immer noch Ladeverkehr im Quartier. Züge der Hafenbahn werden rangiert, manchmal fällt auch heute noch was vom Haken, von der Getreidepier weht Mehlstaub herüber. Im Gewirr der Bauzäune und Gerüste stehen aber auch schon Schilder, die von großer Gelassenheit künden. "Alleinstehendes Haus sucht Mieter", so wirbt ein Bauträger für ein Gebäude, das in seinem derzeitigen Zustand Verhau genannt werden dürfte. Derzeitiger Zustand freilich, das sagt hier nicht viel.

Dreihundert Hektar Fläche. Man hätte, wie in tausend anderen Fällen, die vorhandene Bausubstanz einfach zusammenschieben können, mit ein paar das Vergangene zitierenden Akzenten. Jeder Schuppen, jede Industrieanlage, jeder Zweckbau wurde im Bremer Hafen stattdessen erst einmal auf seine weitere Nutzbarkeit untersucht, auch einer veritablen Dummheit wegen, die am Anfang der Erfolgsgeschichte der Überseestadt steht. Auf das verfüllte Becken des Überseehafens baute man einen Großmarkt. Der behindert die Entwicklung des Quartiers seither mehr, als er ihr nützt.

Man spürt hier und da schon etwas von der Dichte und Vielfalt, die hier entsteht. Am Kopf des Europahafens, mit seiner Mixtur aus "Ports" genannten Neubauten, den Restaurants, die sich noch ein wenig mühen, und der schicken Ladenzeile im äußerlich unangetasteten Schuppen 2 an der Franziuskaje. Auch der Landmark Tower steht schon, gerade sind die ersten Wohnungen bezogen. Das Hochhaus ist Abschluss einer Sichtachse, auf der anderen Seite ragt Helmut Jahns Weser Tower in die Höhe, fast schon der City verbunden liegt er mit den Türmen von St. Stephani im Widerstreit. Davor das Kaffeequartier, Resultat einer Operation am offenen Herzen einer Rösterei, deren Abbruch schon deswegen undenkbar war, weil ihr Name, Eduscho, mit Bremen so sehr verbunden ist wie kaum ein anderer.

Die alte Feuerwache 5 bietet heute italienische Küche, Makler trinken hier mittags ihren Espresso. Sie gehören zu den Menschen der neuen Überseestadt wie die Online-Tüftler aus der zum Medienhaus umgebauten Energieleitzentrale, die Trucker im Hafen-Casino am Holz- und Fabrikenhafen, die Studenten der Hochschule für Künste im Speicher XI und die Flaneure, die schon jetzt von der Altstadt bis zum Molenkopf des Europahafens flanieren, obwohl hier ein echter Boulevard erst noch entstehen soll. Diese Mixtur zeichnet die Überseestadt aus: ein Miteinander von Typen und Ideen, Zukunft und Vergangenheit, von Verdichtung hier, Leere dort, von glänzenden Aussichten und bröckelndem Putz. Wege, die noch ins Offene führen, und Türen, die man schon hinter sich zuziehen kann. Die Zwischenbilanz ist, wie Andreas Heyer von der Wirtschaftsförderung sagt, schon mal "beängstigend positiv".

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Autor:
Gerald Sammet