Braunschweig Stadt an der Oker

Das Schöne an der Oker? Dieter Werner schaut aufs Wasser, ein klein wenig irritiert, das verrät sein Blick. Falsche Frage, ganz klar. Unsinnig obendrein. Ich muss ja nur hingucken, da, auf die Weiden, die ins Wasser ranken, auf die Spiegelung der alten Steinbrücke im Wasser, dort, auf die Fische, die ihre Bahnen ziehen.

Behäbig tanzen weiße Pappelsamen durch die Luft. Dieter Werner, der Mann vom Bootsverleih OkerTour, weiß alles über den Fluss. Er ist seine Leidenschaft. Werner blickt noch immer aufs Wasser und zeigt plötzlich auf seine Paddelboote, die auf dem Steg liegen.

"Wollen Sie mal?" Ich will sofort. Die Mittagssonne scheint, der Himmel ist blau wie noch nie, also hinein ins Boot. Im leichten Bogen Richtung Norden, rasch tauchen die Paddel ins Wasser, erst links, dann rechts, dass es nur so spritzt. Fast wie von selbst zieht mein kleines Boot an Villen und Gärten vorbei, durch die Äste der Bäume flutet das Sonnenlicht. Ein Idyll. Nach ein paar Metern gleite ich unter der ersten Brücke hindurch, dumpf hallt der Schlag meiner Paddel von den Wänden wider. Ja, der Fluss gehört mir!

Die Oker entspringt bei Altenau im Oberharz, schlängelt sich 80 Kilometer durchs Harzvorland, bis sie, mittlerweile 20 Meter breit, aufs südliche Braunschweig trifft. Einst floss sie mitten durch den Ort, doch legten die Braunschweiger schon im Spätmittelalter Umflutgräben an - als Verteidigungslinie. Acht Kilometer Wasserstraße, die noch heute den Stadtkern umarmen. Meine Paddelstrecke.

Erst einmal aber mache ich Pause. Vielleicht ein bisschen früh nach vier Minuten Fahrt, aber am rechten Hochufer erhebt sich jetzt das Café Okerterrassen. Ein klassizistischer Prachtbau, hundert Jahre alt, das einzige Terrassencafé der Stadt.Da muss man gesessen haben. Drei Etagen, alles wie zu Kaisers Zeiten, die Gartenstühle, die Tische. Ich bestelle den berühmten Rhabarber-Stachelbeer- Kuchen, sitze im Schatten der Bäume, schaue auf den Fluss und genieße den Moment.

Zurück aufs Wasser. Andere Boote kommen entgegen, Kanus, Einsitzer, ein Betrieb wie im Freizeitpark. Fremde Paddel klacken gegeneinander, kurz müssen wir alle Register des Manövrierens ziehen, um nicht zusammenzustoßen. Irgendjemand ruft "Ahoi", wir haben es geschafft. Rechts blühen rot und weiß die Rosen im Botanischen Garten, und in der Ferne erhebt sich das graue Hochhaus der Technischen Universität. Ein Junge und ein Mädchen, eng umschlungen, überholen mich in ihrem Tretboot. Dann lassen sie sich treiben, vorbei an dem kleinen Pavillon, der dicht umrankt ist von Büschen und Bäumen. Dort soll Hansjörg Felmy, Schauspieler und in der Stadt groß geworden, seinen ersten Kuss bekommen haben. Sagt die Legende.

Ein Strom für alle Fälle, auf dem Braunschweig gern Mörder jagt

Ein paar Minuten und eine scharfe Linkskurve später: das Wendenwehr. Das erste auf dem Weg rund um Braunschweig. Weiterfahrt nicht möglich. Ich muss das Boot umsetzen, Gott sei Dank helfen ein paar Paddler beim Herausheben. Die nächsten 300, 400 Meter sind kein Zuckerschlecken; auch kleine Glasfiberboote können verdammt schwer sein. Ich schwitze. Schleppe mein Boot über den Gaußberg, hinein in einen Park, und dort, ein paar Meter entfernt, nimmt der Fluss wieder seinen Lauf. Ich schleife das Boot zur Böschung - und rutsche ab. Sofort reicht mir das Wasser bis zum Schenkel. Meine Okertaufe. Zum Glück hat's keiner gesehen. Triefnass, aber beherzt hüpfe ich ins Boot. Schwer klebt die Hose am Bein, und es riecht nach Brackwasser. Einen echten Paddler stört das nicht. Und der bin ich, schließlich habe ich drei Kilometer Fluss hinter mir.

Links lasse ich Löbbeckes Insel liegen, eine der ältesten Parkanlagen der Stadt, am Ufer steht ein Pfau, und durchs Ufergestrüpp hindurch sehe ich Kinder, die Federball spielen, ihre Mütter, die sich sonnen, und um einen Grill herum stehen junge Männer. Rauchschwaden steigen gen Himmel, sacht klacken Bierflaschen aneinander. Ansonsten: Ruhe. Nur das Platschen meiner Paddel ist zu hören. Ein Boot kommt entgegen, zwei Jungs darin, die Schnüre ins Wasser halten. Ob sie angeln? Wäre ja möglich, es schwimmen genug Fische hier: Karpfen, Hechte, Schleie.

 

Oben, auf den Balkonen, sitzen die Braunschweiger beim Kaffee und grüßen mit leichtem Kopfnicken herunter. Langsam treibe ich vorwärts. Bis zum nächsten Wehr. Doch jetzt bin ich Profi. Einfach umsetzen und weiter. Drei Kilometer, neun Brücken und zehn Biegungen später taucht am rechten Ufer Braunschweigs alter Sackbahnhof auf: Von hier aus dampfte 1838 die erste deutsche Staatseisenbahn nach Wolfenbüttel. Und ich könnte jetzt einen Abstecher in die Innenstadt machen, so nah ist sie. Geradeaus hineinlaufen, auf den Kohlmarkt. Ich könnte dem Glockenspiel lauschen, das dreimal am Tag erklingt, wenn Till Eulenspiegel unterm Dachgiebel erscheint. Könnte am Ulrichsbrunnen sitzen und seinen Meerjungfrauen beim Wasserspeien zuschauen. Aber eine Okertour zählt nur, wenn die Innenstadt auf dem Fluss umrundet wird.

Die moderne Volkswagenhalle lasse ich rechts hinter mir und nähere mich dem Bürgerpark, den die Oker im Süden umschlängelt. Ziehe am "Okercabana" vorbei, dem ersten Beachclub. Musik dröhnt, junge Menschen hängen lässig in Strandkörben, einige sitzen am Ufer und lassen die Beine ins Wasser baumeln.

Nur ein paar kräftige Paddelstöße noch bringen mich zurück zu Dieter Werner, der erst gar nicht fragt, wie's war. Er weiß ja, dass es schön ist. Eine Offenbarung für Naturfreunde. Und für Kulturliebhaber. Der Bootsverleiher sagt nur: "Mord auf der Oker". Seit fünf Jahren ausverkauft. "Ein Erfolg." Sieben Schriftsteller und passionierte Kriminalforscher erzählen im Wechsel bei einer Floßtour von echten und erdachten Verbrechen. Ein schöner Ausklang.

Die Sonne steht bereits schräg im Himmel, als das Floß Fahrt aufnimmt. 34 Zuhörer sind an Bord, und vorne liest Christian Bauch aus seinem Roman "Das unsichtbare Kreuz". Bauch ist Kriminaloberkommissar, sein Buch eine düstere Mörderjagd durch halb Europa. Gespannt lauschen wir, als wieder das Café Okerterrassen vorbeizieht. Auf den Tischen steht Merlot, und hinten am Steuer erzählt Lokalhistoriker Armin Rütters Grausiges. "Dort", und sein Zeigefinger wandert zu einem weißen Haus am Ufer, "wurde die Frau eines Verlegers ermordet." Raunen auf dem Floß, klar, da war mal was, nie aufgeklärt, die Geschichte, oder doch? Wer weiß. "Und da", sagt er und zeigt in das undurchdringliche Grün der Böschung, "da oben, in dem Haus auf der anderen Straßenseite, da haben Studenten einen Kommilitonen kleingehackt und durch die Toilette gespült." Gruselgeschichten. Alles lange her. Eine Entenfamilie dreht bei, vielleicht fallen ja ein paar Brotkrumen ins Wasser ...

Eine letzte sanfte Kurve, dann ist die Anlegestelle in Sicht. Krimiautor Bauch schließt sein Buch und zündet sich eine Pfeife an. Mücken sirren über dem Floß, und in die beginnende Nacht hinein zwitschern noch ein paar Vögel.

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Franz Lenze