Braunschweig Klaviere und Flügel der Spitzenklasse

Das Lebenswerk von Matthias König ist 2,80 Meter lang, wiegt 500 Kilogramm und kostet 80.000 Euro. Da steht es, raumgreifend, von klassischer Noblesse, schwarz und auf Hochglanz poliert. König fährt mit der Hand wie beiläufig über die Tastatur und erzeugt im Nu einen Reichtum an Klangfarben, der bereits in diesem flüchtigen Moment die Sinne berührt. Der 47-Jährige ist Klavierbaumeister beim Traditionsunternehmen Schimmel. Und sein Baby ist der K 280 T - Schimmels Premium-Instrument in der "Königsklasse", den Konzertflügeln.

Für den Klang, erklärt König, ist die Maserung des Holzes entscheidend. Ideal ist eine 200 bis 300 Jahre alte Bergfichte, langsam gewachsen, am besten oben auf den Höhen des Bayerischen Waldes, wo Böen und Kälte des spröden Klimas an den dünnen Stämmen zehren. Viel Holz ist an so einem Baum nicht dran, der Wuchs ist kärglich, und dennoch sei gerade dieses Holz wertvoll, sagt König. Er spricht über die weichen und harten Frühjahres- und Spätjahresringe, die sich im Rhythmus der Jahreszeiten abwechseln und für hohe Elastizität sorgen. Der dünne Resonanzboden aus Bergfichte muss im Klavierbauch harmonisch schwingen. Das aber geschieht nur, wenn die biologischen Feinheiten stimmen.

Klavierkonstrukteur König steht vor der Flügelwandpresse. In dieser monströsen Maschine werden die bauchigen Wände für die Flügelklaviere geformt. Ein hydraulischer Keil drückt die schmalen Holzfurniere in eine Pressschablone. Bei 100 Grad Celsius und 12 bar Druck trocknet der Leim, ohne dass das Holz bricht. Die Form hält dann eine Ewigkeit.

Vereinfacht betrachtet besteht ein Flügelklavier aus drei Bauelementen: Gehäuse, Klangkörper und Spielwerk, das sind insgesamt 12.000 Einzelteile. Das Herz des Instruments schlägt im Spielwerk, in den 88 Tasten der Klaviatur, den 88 Hämmern, den 70 Dämpfern. Der Ton entsteht im Klangkörper: dem Resonanzboden und den über 200 Saiten, die auf einen eisernen Gussrahmen aufgezogen werden. Erst wenn diese drei Komponenten montiert sind, wird das Instrument gestimmt und intoniert. Das edel schwarz polierte Gehäuse dagegen hat keine klangliche Funktion, es ist der glänzende Mantel, der dem Piano seine Eleganz verleiht.

Mit ausgefallenen Klaviergehäusen ist Schimmel bekannt geworden. Von dem legendären gläsernen Flügel, Markenzeichen von Udo Jürgens, wurden mehr als 200 Exemplare verkauft. Dabei sollte 1951 das erste Modell des Acrylglasflügels nur ein originelles Messeobjekt sein. Durch knallige Farben besticht die Art Edition CC 213 von Otmar Alt und Nikolaus W. Schimmel. Und der italienische Designer Luigi Colani kreierte die Pegasus-Reihe mit revolutionärer, unverwechselbar fließender Linienführung.

Zurzeit entwirft Daniel Libeskind ein Modell; sechs Meter lang wird es werden, mit irren Spitzen und schiefen Wänden. Mehr wird vorerst nicht verraten. "Wir haben in den letzten zehn Jahren alle Instrumente neu konstruiert.Vom kleinsten Klavier bis zum Konzertflügel. Den gesamten Klangkörper, die Gehäuse, jede Saite, jedes Holzstück. Das war ein Traum, ein Schlaraffenland für Klavierkonstrukteure wie mich." Matthias König, seit mehr als 30 Jahren dabei, schwärmt vom neuen Modell K280T. Und von den wenigen, aber wichtigen Quadratzentimetern, die beim Resonanzboden dazugewonnen wurden. Dadurch klingt der K 280 T wie ein 2,90-Meter-Flügel, obwohl er nur 2,80 Meter lang ist. Zehn Zentimeter mehr Resonanzboden - das sind im Klavierbau Welten, denn hier sitzt die Seele des Klaviers. Je größer die Resonanzbodenfläche, desto mehr Wumm, desto mehr Seele hat das Instrument.

"Braunschweig ist die deutsche Klavierbaustadt"

Fast jedes zweite deutsche Klavier kommt aus der Stadt an der Oker. "Braunschweig ist die deutsche Klavierbaustadt", sagt Burkhard Stein, Geschäftsführer von Grotrian-Steinweg, der anderen Pianofortemanufaktur am Ort. Kaum jemand wisse das. Wäre Braunschweig Kulturhauptstadt geworden, orakelt Stein, hätte sich daran vielleicht etwas geändert.

Warum gerade Braunschweig? Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die meisten Klaviere noch in Berlin und Leipzig gebaut.Aber schon 1858 war die seit 1835 bestehende Grotrian-Steinweg-Pianofortefabrik nach Braunschweig gezogen. Das Unternehmen versprach sich von dem neuen Standort Handelserleichterungen im Zolldickicht der deutschen Kleinstaaterei. Und als in den zwanziger Jahren Friedrich Schimmel einen Fabrikstandort mit Know-how im Pianofortebau suchte, fiel seine Wahl auf Braunschweig, wo neben Grotrian- Steinweg noch die Firmen Fritz Ohm und Zeitter & Winkelmann Klaviere bauten.

 

In sechster Generation produziert Grotrian-Steinweg heute. "Jungs, baut gute Klaviere - dann kommt alles andere von selbst", schrieb Gründersohn Wilhelm Grotrian seinen Nachkommen ins Stammbuch. Clara Schumann, die bedeutendste Pianistin ihrer Zeit, äußerte sich begeistert:"Von nun an diesen Flügel und keinen anderen..."

Alles, was beim Klavierbau Fingerspitzengefühl erfordert, wird bei Grotrian-Steinweg im eigenen Haus erledigt. 2003 wurde das Unternehmen restrukturiert, und heute haben die 60 Mitarbeiter "alle Zeit der Welt", gute Klaviere zu bauen. Rund 600 Stück im Jahr. Der Umsatz steigt. Gerade wurde für 150.000 Euro ein neuer Flügel entwickelt: "Charis", benannt nach den antiken Göttinnen der Anmut. Qualität und Lebensdauer der Instrumente sprechen sich herum. Selbst der Scheich von Dubai besitzt einen Grotrian.

Heinz Burgdorff ist seit 1970 dabei, nennt sich selbst einen "Grotrianer". An seiner Werkbank werden Klangkörper und Spielwerk zu einer mechanischen Einheit. Die Hämmer und Dämpfer müssen genau das Saitenchor treffen. Erst dann, wenn jedes Teil an seinem Platz ist, beginnt das Herz des Pianos zu schlagen.

Seine Seele bekommt das Instrument ganz zum Schluss in einem schallisolierten Raum. Hier wird gestimmt und intoniert. Die drei Saiten, die bei einem Tastendruck angeschlagen werden, müssen unisono gestimmt, der Anschlag muss gleichmäßig sein. Nur dann kann der Pianist Dynamik und Gefühl allein aus den Fingerspitzen dosieren.

Der Mann, der dafür verantwortlich ist, heißt Hitoshi Nakajima, von Beruf Intonateur. Er trillert gerade im Diskant eines Pianos, sticht dann mit seinem Werkzeug, einigen spitzen Nadeln, die aussehen wie mittelalterliches OP-Besteck, in den Hammerfilz aus Schafswolle. Er schleift und sticht, immer wieder, stundenlang.

Obwohl man mit technischen Mitteln die Schwingung der Saiten präzise messen könnte, setzen die großen Klavierbauer auf Handarbeit, Feingefühl und Gehör. Denn Daten sagen nichts über den Klang eines Klaviers, seinen Charakter. Der entfaltet sich erst unter den Händen eines gefühlvollen Intonateurs. Das Gehör von Hitoshi Nakajima ist daher von unschätzbarem Wert.

Alle zwei Jahre hat das Klavier seinen großen Auftritt im Braunschweiger Kulturleben. Renommierte Künstler und Nachwuchspianisten spielen Klassik, Boogie, Barmusik und Jazz beim renommierten Festival "Tastentaumel". Initiiert wird das Musikereignis von Schimmel und Grotrian-Steinweg mit Unterstützung der Stiftung Nord/LB ? Öffentliche. Das Publikum ist anspruchsvoll, das Programm ambitioniert, und auf den Erfolg sind besonders die beiden Braunschweiger Manufakturen stolz. Denn auf den Bühnen stehen jeden Abend Tasteninstrumente aus der deutschen Klavierbau-Hauptstadt.

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Autor:
Christian T. Schön