Braunschweig Hochschule für Bildende Künste

Auf der grünen Wiese, am Rande von Braunschweig, ehemals Zonenrandgebiet, findet die statt, die es normalerweise von der Umklammerung der Provinz in die Arme der Metropole treibt: die Kunst.

"Die Provokation", sagt Deutschlands Provokateur Christoph Schlingensief "wird heute Abend so ablaufen, dass es keine gibt." Als Gastprofessor vermittelt er für zwei Jahre theaterpädagogische Inhalte.

Die Aula der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste, kurz HBK, platzt aus allen Nähten. Die Show wird auf eine Großleinwand nach draußen übertragen, wo man Bier ausschenkt und die Studenten ihre Schrägpony-Frisuren in lauer Frühsommerluft schütteln. In den ersten Stuhlreihen des Saales sitzen Universitätshonoratioren, den Kitzel der kommenden Brüskierung genießend, und auf der Bühne hacken Kunststudenten Knoblauch.

Antrittsvorlesung von Christoph Schlingensief

Aktionskünstler Christoph Schlingensief hält seine Antrittsvorlesung und in den Händen einen rohen Puter. "Ich freue mich sehr darüber, Professor der HBK zu werden. Mein Vater wird von seinem Prostata-Arzt seither sehr zuvorkommend bedient", erklärt er. Und was hat die HBK von ihm? Mit dem Engagement von Schlingensief kommt nicht nur eine Extraportion Glamour in die HBK, auch der Studiengang erfährt eine erhöhte Aufmerksamkeit. Und was bringt er den Studenten bei? Das, worum es geht im Leben. Nämlich "um die Momente, in denen es ruckelt".

Um diese Ruckelmomente geht es überhaupt an der HBK: Um die eigene Sicht auf die Welt. Um die Gewissheit, dass es möglich ist, die Welt durch die Kunst zu gestalten. Oder darum, die Welt durch die Kunst zu begreifen.

"Es geht mir in meiner Kunst um eine neue Wahrnehmung von Schönheit", sagt Ewa Surowiec. Sie sieht aus wie eine Elfe und steht in einem der lichten Ateliers, die die HBK ihren Studenten zur Verfügung stellt. Es läuft groovige Musik, die Wand ist bemalt, es riecht nach Kaffee. Ewa kommt aus Polen, sie studiert freie Kunst und malt großformatige Bilder, wunderbar bunt und ausdrucksstark. Malt Demonstranten und Boxer, übermalt wieder, dekonstruiert, reproduziert, collagiert. Am letzten Bild hat sie zwei Monate gemalt. Sie hat es für 400 Euro verkauft. Um Geld zu verdienen, geht sie putzen. Ihre Entscheidung für die Kunst sei naiv. Und hoffnungsvoll, sagt sie still.

Laut ist es auf der Bühne bei Schlingensief. Er fängt an zu kochen: ein Fenchelbett muss in einen Bräter, darauf Knoblauch, ganze Mengen, der Puter, dazu Mangochutney, Wein und Würze. Und ab in den Ofen!

Franziska Pester ist eine seiner zehn handverlesenen Studentinnen. Sie sitzt mit ihren Kommilitonen auf der Bühne, sorgt für gehacktes Gemüse, Wein und den einen oder anderen Einwurf. Sie hat raspelkurze Haare und ein fein geschnittenes Gesicht. Von Berlin ist sie nach Braunschweig gekommen, sie will Lehrerin werden. Darstellendes Spiel ist in zehn Bundesländern Unterrichtsfach - drittes künstlerisches Fach neben Musik und Kunst an der Oberstufe der Gymnasien.

Als sich die Möglichkeit bot, in den Christoph-Orden einzutreten, hat Franziska nicht gezögert. Am Wiener Burgtheater arbeitete sie an Schlingensiefs Großprojekt "Area 7. Matthäusexpedition" mit. Spannend sei das gewesen, sagt sie, aber grundsätzlich will sie mit Schülern arbeiten. Sie will ihnen vermitteln, selbständig zu denken - und bei ihren Praktika bemerkte sie schnell Fortschritte. "Ich sehe in dem Beruf Sinn", sagt sie. Sie liebt die Schauspielerei, schon ihr Großvater hatte in der DDR mit Bertolt Brecht zusammenarbeiten dürfen. Als Kind ging sie fünf Jahre lang in Moskau zur Schule. Mit dem Gedicht über die Kleinen Weidenkätzchen am Großen Weidenbaum hatte sie in der Aula brilliert.

Im Saal läuft jetzt ein Film über einen toten Hasen - sein Kadaver verrottet im Schnelldurchlauf. Käfer legen Eier in sein Fell, der mürbe Pelz ploppt an mancher Stelle auf, und ein Madenteppich überzieht das Tier. Leben, das sich aus dem Tod gebiert. Würziger Fleischgeruch strömt aus dem Ofen. "Ich möchte euch jungen Menschen sagen, dass da etwas ist, was auf euch wartet, nämlich dieser Tod."

Schlingensief erklärt den Animatographen, sein reisendes Theater-Kunst-Jahrmarktsdrehgroßmöbel, er schiebt Wirklichkeitsebene zwischen Wirklichkeitsebene und streift bei Wagnermusik den Nationalsozialismus, das Es und erklärt seinen Ästhetikbegriff.

Die Welt lässt sich durch Kunst gestalten

Dieses intellektuelle Kunterbunt passt zum Konzept der HBK: Da verschmelzen und verwachsen die Disziplinen miteinander und treiben am Ende die schönsten Blüten. "Braunschweiger Modell" nennt sich an der HBK die Praxis der Zusammenarbeit von Kunst, Design und Wissenschaft. Und diese Zusammenarbeit hat sich in den letzten Jahren noch entwickelt: Man will "weg von einem starren - und hin zu einem biologischen Bild", wie HBK-Präsidentin Barbara Straka sagt. Die HBK soll nicht wie ein Tempel mit den drei Säulen Kunst, Design und Wissenschaft organisiert sein, sondern als lebendiges Gefüge, wie eine Zelle mit Kern, die sich teilt und wächst.

Im Zuge des Braunschweiger Modells durchdringen sich die praktischen und theoretischen Studiengänge gegenseitig. Freie Kunst, Kunstwissenschaft, Industrial Design, Kommunikationsdesign, Medienwissenschaft oder Darstellendes Spiel - die Studiengänge sind interdisziplinär organisiert. Da sitzen die Studenten der freien Kunst in der Vorlesung "Die Ismen in der Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts" und die Kunstwissenschaftler stehen im Atelier und malen. Und die Medienwissenschaftler oszillieren sogar zwischen Luhmanns Systemtheorie und "Technischer Informatik I-III" an der Braunschweiger TU. Werden fit gemacht für die "Implementierung von Datenbanksystemen" und die Analyse des Films der dreißiger Jahre.

 

"Klar bleibt manches fragmentarisch", sagt die 24-jährige Maika Jirous. Aber sie liebt den Schnittstellencharakter ihres Studiums - und dass sie zwischen den "zwei Kulturen" surft, kennt sie. Schon ihre Leistungskursfächer am Gymnasium waren Mathematik und Kunst. Wenige Menschen trauen sich die Verknüpfung von geistes- und naturwissenschaftlichem Denken zu. Maika und ihre Kommilitonen sind immer noch Exoten. "An der TU gelten wir als die verrückten Künstler, an der HBK als die trockenen Techniker", lacht sie.

Bei Schlingensief geht es rasant weiter, immer, wenn man meint, gedanklich auf einen der Streitwagen von Schlingensiefs rhetorischer Tour de Force aufspringen zu können, dreht er wieder bei, zerstückelt den Puter, gibt mit fettglänzenden Händen das Fenchelbett auf Pappteller und verteilt das Essen im Publikum, derweil läuft Musik, und Schlingensief tobt wie ein amerikanischer Evangelist über die Bühne. "Der Mann berauscht sich an sich selbst", schrieb der Spiegel einmal über ihn, "Schlingensief, das ist Eigenblut-Doping."

Die Studenten hatten sich um ihn als Professor bemüht - er hatte zunächst Bedenken. Er sei kein Theoretiker und könne nicht mit 50 Leuten auf einmal arbeiten. Deswegen machte er zur Bedingung, dass er mit einer kleinen Anzahl von Studenten arbeiten könne. Und zwar ortsunabhängig - in Wien, zum Beispiel. Oder in Berlin.

Dass die Initiative oft von Studenten ausgeht, ist üblich an der HBK. "Wir sind als Studenten keine Gefäße, die mit Wissen gefüllt werden. Sondern können aktiv mitgestalten", sagt Luise Mahler, die an der HBK Kunstwissenschaft studiert. Sie kommt aus Berlin und ist ausgebildete Fotoredakteurin. Sie hat bei den Fotografenagenturen Lookat in der Schweiz und Magnum in New York gearbeitet. Jetzt studiert sie in Braunschweig. Warum in die Provinz? "Weil es hier optimale Studienbedingungen gibt. 25 Studenten pro Semester, ein nahes Verhältnis zu den Professoren und die Stadt, die volle Konzentration auf das Studium ermöglicht." Manche Professoren bevorzugen die Variante BSlight. Sie pendeln im ICE ins grelle, schnelle Berlin zurück. Oder unterhalten, wie HBK-Präsidentin Barbara Straka, noch eine Wohnung in Potsdam, oder in Hamburg, oder in Köln.

Auch Schlingensief wird nicht in Braunschweig wohnen. "Viel zu teuer, viel zu weit weg", grinst er. Er spricht, prescht atemlos über seine geistige Landschaft, nimmt die Zuhörer mit auf eine Reise durch seinen Kopf. Joseph Beuys kommt vor und das Ur-Klo, auf dem man sich zur eigenen Scheiße bekennen soll. Luzides wird unterbrochen von Gaga, ganz Tiefes verschränkt sich mit Verstiegenem. Und alles so rasant, dass man kaum Luft holen kann. "Wenn Sie noch alles unter Kontrolle haben, fahren Sie noch nicht schnell genug!" ruft Schlingensief hinein in dieses tosende Pandämonium aus Leni Riefenstahl mit Hakenkreuz-Schnuller, wilden Thesen und Musik aus Wagners Parsifal.

Vielleicht ist ja gerade Braunschweigs Beschaulichkeit die Folie, vor der sich Gedankengewitter besonders plastisch absetzen können. Vielleicht bietet die Ruhe der kleinen Stadt, die Behutsamkeit der HBK, die beste Voraussetzung für die jungen Künstler, den genuin eigenen Weg zu finden.

Draußen, auf der Wiese senkt sich still die Dämmerung. Eine langhaarige Studentin steht vor einer Leinwand, sie malt, hochkonzentriert, versunken in ihrer eigenen Welt. Unerreichbar für die Wirklichkeit. Holt aus, trägt in melodiösen Schwüngen Farbe auf die Leinwand. Ein Kunstwerk entsteht, bricht sich Bahn. Sie bewegt sich, wischt die Farbe und tänzelt, leicht wie ein Faun, anmutig und barfuß, über den Abendtau der grünen Wiese.

Schlagworte:
Autor:
Verena Lugert