Niedersachsen Der geschichtsträchtige Elm-Lappwald

Kurz vor Helmstedt liegt in einer Mulde Kloster Mariental, die Torbögen für gewaltige Heufuder gemacht, Scheunen vom Ausmaß einer Königshalle und im Hintergrund die romanische Kirche. Der Horizont hingegen ist gezeichnet von Überlandleitungen, Windenergieanlagen und einem Braunkohlekraftwerk. Lange Namen für kurzlebige Dinge.

Das Kloster wird noch stehen, denke ich, wenn jene Stahlgerippe längst verschwunden sind, und noch immer werden dann dem, der an einem heißen Sommertag über das Feld hinweg horcht, die Stimmen der Menschen erscheinen, die hier beteten und arbeiteten. Selten ist in Deutschland so intensiv zu erleben, wie das Alter eines Landes an der Gegenwart nagt wie im Braunschweiger Land zwischen Königslutter, Helmstedt und Schöningen. Selten so deutlich, wie der Geist einer alten Zeit Bestand hat und weiter wirkt.

Nehmen wir Warberg: ein kleines Dorf am östlichen Elm, geschmückt mit einer Burg. Aber mit was für einer. Es kann kein kleiner Ritter gewesen sein, der hier residierte. Und tatsächlich: Bis 1570 waren die Warberger Herren reichsunmittelbar, unterstanden nur dem Kaiser, besaßen 71 Dörfer und beherrschten als Lehnsherren etliche Güter. Ich versuche von einer Anhöhe aus, die Orte zu zählen: Die Warberger Macht muss weit über alle Horizonte gereicht haben. Oder eines jener Dörfer gleich nebenan: Räbke. Oben vor der Straße wechseln die Jahrtausende. Dort markiert ein Kreis aus alten Kastanien einen Grabhügel, einer von vielen in der Gegend, Heiligtum und Grenzmal, denn vermutlich hatte vor 4000 Jahren jedes Dorf so einen Tumulus, in Sichtweite zum nächsten.

Schon damals kamen Wasser, Wild und Holz aus dem Elm, hinter dem die Sonne versinkt, schon damals war der wilde Wald dort oben segensreich. Auch für dieses verschlafene Örtchen am Flüsschen Schunter. Der Bach trieb einst Mühlen an, die kein Mehl, sondern Papier mahlten. Vier Stück arbeiteten zuweilen gleichzeitig, der Ausstoß an feinstem Bütten war enorm und bescherte Räbke großen Wohlstand. Im 17. und 18. Jahrhundert war Räbke the place in der norddeutschen Papierproduktion. Aber wie konnte das sein, da doch kaum einer im Dorf lesen oder schreiben konnte?

Die Antwort sehe ich am nördlichen Horizont: Der Julius-Universität in Helmstedt war nach ihrer Gründung 1576 schnell das Papier knapp geworden, denn sie war eine Bestseller-Uni: Nirgendwo in Norddeutschland wurde in derartigen Mengen publiziert. Der Buchdrucker Hermann Brandes gründete gleich mehrere Papiermühlen, unter anderem in Räbke. Räbker Papier war so wertvoll wie holländisches, und das war Weltspitze.

Der Ruf ist längst verhallt, aber einige Mühlen stehen noch, und die Helmstedter Universität gibt es auch schon seit fast 200 Jahren nicht mehr. Jérôme Bonaparte - Bruder Napoleon hatte ihn für ein paar Jahre zum König von Westfalen gemacht - ließ die Alma Mater schließen und steckte alles Geld ins konkurrierende Göttingen. Das Aus für eine außerordentliche Lehranstalt mit 234-jähriger Geschichte. So versank der Name Helmstedts und wurde den Deutschen erst wieder als Grenzübergang geläufig.

Helmstedt/Marienborn war der meistfrequentierte Kontrollpunkt zur DDR, und die Erinnerung an Mauer und Stacheldraht wird wach im Zonengrenzmuseum, das eine Ausstellung und mehrere Orte im Freien umfasst. So richtig das ist, so sehr drängt sich mir doch die Frage auf, was wohl in weiteren 200 Jahren sein wird: Wird dann nicht die DDR wie eine skurrile Randnotiz der Geschichte erscheinen, während der Juleumsturm weiterhin das prächtige Renaissancegebäude der Universität und damit die Stadt überragt? Und gar das Ludgerikloster mitten in der Stadt, das schon seit 1200 Jahren Gott gefällt: Was sind da 40?

Es ist keine leichte Aufgabe, im Braunschweiger Land die Jahrhunderte und Epochen zu ordnen. Und es ist kaum möglich, sich einen Moment in der Gegenwart auszuruhen, ohne dass die Vergangenheit anklopft. In Schöningen, zwischen südlichem Elm und dem großen Braunkohlerevier, klopft sie nicht, sie tritt mächtig gegen die Tür. Nicht nur, dass dies die älteste Stadt der Region ist - Pippin der Kurze erwähnt sie lobend 748 -, in ihren Böden finden sich Zeugen fernster Tage des Menschen.

Kann ich mir vorstellen, wie es hier vor 400 Jahren zuging? Wir kennen die Daten, aber wie klang das Niederdeutsch, das die Menschen hier sprachen, wie roch es auf den Straßen, wie fühlte man sich als Leibeigener? Und vor 4000 Jahren? Als die ersten Gerüchte über ein phantastisch hartes Metall auftauchten, die Bronze, als Geister und Dämonen in Pflanzen und Tieren hausten, als die Welt das Dorf war und das nächste Dorf ihr Ende? Und noch einmal dieselbe Zeit zurück? Nicht einmal, sondern hundertmal?

Mit Holzspeeren erlegten unsere Vorfahren hier Wildpferde

Vor 400.000 Jahren erlegten Menschen mit Speeren eine Reihe von Wildpferden, in einer Zeit, in der die Berge schon standen, wo sie heute stehen, aber die Flüsse und Seen waren andere und auch die Pflanzen und Tiere. Sieben Speere, etwa zwei Meter lang, aus jungen Fichtenstämmen geschnitzt und sorgsam geglättet: Dies sind die ältesten erhaltenen Jagdwaffen der Menschheit, gefunden bei archäologischen Ausgrabungen, die den Braunkohleabbau begleiteten, und in einem eigenen Museum ausgestellt. Homo erectus hat sie gefertigt. Die Waffen beweisen, dass dieser frühe Mensch Fähigkeiten hatte, die den unseren nahekamen. Er jagte Großwild, er verständigte sich mit seinesgleichen, und dies lange bevor sein Nachfahr, der Neandertaler, erschien. Nirgends sonst auf der Welt sind derart vielsagende Überreste aus jener tiefsten Vergangenheit erhalten.

Dass die Schöninger Speere überdauerten, ist einer seltenen Konstellation zu verdanken, Holz vergeht schnell, aber es hält sich sehr lange unter Luftabschluss im sauren Moorboden. Eben solchen haben die Braunkohlelager gebildet und sich so als archäologisches Dorado erwiesen. Reste aus allen Zeiten der Menschengeschichte treten hier zu Tage, darunter Meilensteine wie das früheste Dorf, das wir in Mitteleuropa kennen. Vor 7200 Jahren, in der Jungsteinzeit, hatten die ersten Bauern hier gesiedelt. Zentraleuropa war ein einziger Urwald, Stamm für Stamm mussten sie schlagen, den Boden entwurzeln und umgraben, bis sie die ersten Körner aus ihren Lederbeuteln in die Erde senken konnten und eine winzige bewohnte Insel in einem Ozean aus Baumkronen geschaffen hatten.

Was das bedeutet haben mag, wird mir klarer, als ich im Elm wandere. Gewiss ist dies kein Urwald, aber in großen Bereichen so schonend bewirtschaftet, dass ich immer wieder den Eindruck der Unberührtheit habe. Sonnenschein wärmt junge Blätter, allerlei Vögel lärmen unbekümmert, und huschte da nicht eben ein Wildschwein durchs Unterholz? Um diesen Hügelwald zu durchqueren, braucht es nur einen Tag, an dessen Abend der Wanderer im Norden Königslutter erreicht und also den Kaiserdom. Dieses Städtchen entwickelte sich aus einem Gut, nachdem Kaiser Lothar III. beschlossen hatte, hier einmal seine letzte Ruhe zu finden. Seine Grabeskirche stiftete er 1135, und schon zwei Jahre später kamen seine Gebeine hierher.

Wer seine Augen nach oben richtet, sieht neben den gerade restaurierten kräftigen Farben der Bögen und Säulen auch die erstaunlichen Details, eine Welt voller fremd gewordener Symbolik. Da stürzen steinerne Vögel im Relief hinab, ein Kapitell zeigt Menschen, die die Zöpfe eines dritten tragen. Fratzen, aufgerissene Mäuler, Schreckensgestalten. Ist das alles christliches Gut und Böse, oder mischt sich hier auch Urtümlicheres, Heidnisches hinein?

Wie wenig wir die Bilder aus der Zeit Lothars verstehen, wird mir klar, als ich den Fries betrachte, der die Chorapsis außen schmückt. Jagdszenen gibt es dort, was haben sie an einer Kirche zu suchen? Hund beißt Schwein, Mensch bläst Halali. Und seltsam: hier ein Mann, der einen erlegten Hasen über der Schulter trägt, dort, noch seltsamer, zwei Hasen, die einen liegenden Mann fesseln. Die Hasen, sagt eine etwas hergeholt klingende Interpretation, seien die Christenheit, die über Dämonen gesiegt hätten. Aber soll der Besiegte der Teufel sein? Warum sieht er dann aus wie die Bravheit selbst, während die Hasen hasserfüllt ihre Reißzähne (!) blecken? Und wer ist der Mann, der einen toten Hasen fortträgt? Angeblich soll dies der Steinmetz Nikolaus sein, der sich hier wortspielerisch als nikolagos (Hasenbesieger) dargestellt hat. Er war wie die gesamte Steinmetzmannschaft aus Italien angereist.

Weniger verklausuliert erscheinen die Kirchen, die meist im Schatten der großen Dome stehen: die romanischen Dorfkirchen etwa in Ampleben oder in Kneitlingen. In Evessen steht in schlichter Wehrhaftigkeit ein Gotteshaus seit Mitte des 11. Jahrhunderts. Wer es von innen sehen will, muss es zu Gottesdienstzeiten besuchen. Aber auch wer die Tür verschlossen findet, erlebt seine Zeitreise:Vor der Kirche steht eine Linde, die 400 Jahre alt ist, aber der Baum hundert Meter weiter ist doppelt so alt, eine Gerichtslinde, die auf einem steilen Hügel steht: der besterhaltene Tumulus der Region, vor 4000 Jahren angelegt. Und als ich die Häuser des Dorfes und die Jahreszahlen auf ihren Fachwerken betrachte, wird mir klar, dass, als diese Häuser erbaut wurden, die Kirche schon seit Jahrhunderten stand. Diese alten Orte liegen wie aufgereiht an der Südseite des Elm, in den Tälern, die aus dem Höhenzug mit Wasser versorgt werden. An einem sehr frühen Sommermorgen gehe ich in eines dieser Täler, das Reitlingstal, zur Quelle der Wabe. Der Weg endet in einem verwunschenen Sumpfgebiet, aus dem sich das Wasser der Wabe sammelt, eine Vielzahl kleiner Waldquellen speist den feuchten Grund, es gluckst und gluckert ursuppenartig, und die Frösche sind hier schon in der Früh hyperaktiv.

Auf dem Rückweg durch das einzige erschlossene Tal des Elm folge ich der Wabe nach Lucklum, wo sie unter einer Mauer verschwindet. Dies ist die Einfriedung der Deutschordenskommende. Um 1260 hatte der von Kreuzrittern im Heiligen Land gegründete Orden hier eine Niederlassung eingerichtet. Alle Bewohner gehörten dem Ritterorden an; die übrigen Bauern wurden höflich zum Auswandern in die Nachbarorte gebeten. Die riesige Anlage wird noch heute als Hof bewirtschaftet. Im Innern finde ich die Wabe wieder, wie sie sich zu einer Viehtränke erweitert, am Ende des Hofes unter einem Stallgebäude verschwindet und in Richtung Riddagshausen fließt.

Als ich ihr folge und zurückschaue, sehe ich, wie sich um die Kommende das Dorf Lucklum entwickelt hat, die geistigen Zentren der Zeit waren Wachstumskerne, die Brot und Sicherheit boten, und sie entwickelten sich entlang der Quellen des Elm. Sehr zur Freude der Zisterzienser, die in Riddagshausen ihrer großen Passion, der Fischzucht, nachgingen. Das Kloster, um das sich bald eine größere Ortschaft scharte, hatten die Mönche 1145 gegründet, und bis zur Auflösung 1568 hatte ihre ungewöhnlich rege Tätigkeit die Region verändert: Elf Teiche, künstlich angelegt, bilden eine Kette, sie gehen in alte Eichenwälder über, hinter denen der Spelz der Getreideernte durch den Sommer weht. Und weiter dahinter der Elm. Ich denke an dessen Morgenkühle, die mir wie die Auflösung einer wundervollen Dialektik erscheint. Die alten Antagonismen von Geschichte und Natur, von Menschenwerk und Gotteswerk, von Ratio und Sinnlichkeit: hier sind sie für einen Moment aufgehoben, hier scheint das Wirtschaften der Menschen gleitend in Naturschönheit überzugehen.

Autor:
Roland Benn