Braunschweig Das Stadtschloss

60 Jahre nach Gründung des Landes Niedersachsen ist Braunschweig auf dem besten Weg, wieder Residenzstadt zu werden. Als erste Schlossreplik des neuen Jahrtausends - früher als in Berlin, so oder so - entsteht das 1944 teilweise kriegszerstörte ehemalige Domizil der Herzöge von Braunschweig neu.

Jedenfalls zum Teil oder auf den ersten Blick. Von der Innenstadt aus präsentiert sich dem Betrachter die beeindruckende, 116 Meter breite Hauptfront genau so, wie sie Hofbaumeister Carl Theodor Ottmer 1833-40 schuf - ein wahres Juwel des Klassizismus. Schaut man hinter die Fassade und nach links, erkennt man einen riesigen Neubau, der kein historisches Vorbild hat, und lernt fein zu unterscheiden: "Residenzschloss" heißt die Rekonstruktion, "Schloss-Arkaden" wird der Annex genannt, der auf dem einstigen Schlosshof entsteht.

Der Gesamtkomplex gehört dem Hamburger Investor ECE, einem der größten europäischen Geschäftsimmobilienunternehmen, und der schweizerischen Credit Suisse. In das Residenzschloss (13.000 Quadratmeter) ziehen das Stadtarchiv, die Stadtbibliothek, die Öffentliche Bücherei, das Kulturinstitut und ein Schlossmuseum ein. In den Schloss-Arkaden (30.000 Quadratmeter) eröffnet auf drei Ebenen eine Shopping-Galerie mit 150 Geschäften, Restaurants, Cafés, Lebensmittel- und Delikatessläden und Servicebetrieben.

Das 200 Millionen Euro teure Großprojekt soll nach einer Rekordbauzeit von nur 20 Monaten im März 2007 fertig werden, die Diskussion der Braunschweiger jedoch, ob diese Verbindung von Historismus und Moderne - oder der Kompromiss von Kulissenarchitektur und Kommerz - zulässig oder faul sei, ist dann gewiss noch nicht beendet.

Unstrittig ist, dass die Kommune oder selbst das Land den Neubau des Schlosses mit eigenen Mitteln auf absehbare Zeit nicht hätte verwirklichen können. Viele Braunschweiger wollten das Welfenschloss wiederhaben. Erstens vermutlich, um einen repräsentativen Ausgleich für so manchen unglücklichen Innenstadtneubau in der späten Nachkriegszeit zu schaffen, und vor allem wohl, um einen banausenhaften Beschluss des Stadtparlaments von 1959 wieder gutzumachen: die Abrissverfügung für das Schloss, dessen Kriegsschäden durchaus zu beseitigen gewesen wären.

Das Land Niedersachsen hatte 1955 als Rechtsnachfolger des bis 1946 bestehenden Landes Braunschweig das Schloss der Stadt Braunschweig übereignet. Daran war die Bedingung geknüpft, den Bau binnen fünf Jahren entweder wieder instandzusetzen oder abzureißen. Geld, das zur Verfügung stand, wurde jedoch nur für Sicherungsmaßnahmen verwendet. Damals tauchten Pläne auf, das Schloss zur Stadthalle mit Kinos und Restaurants umzubauen.

Doch weder wurde dieses Projekt verwirklicht (die Stadthalle entstand später weitab vom Zentrum in der Nähe des neuen Hauptbahnhofs) noch die originalgetreue Wiederherstellung. Die mit absoluter Mehrheit im Stadtrat vertretenen Sozialdemokraten ließen sich in ihrer Abneigung gegen das Schloss weniger von antimonarchistischen Ressentiments leiten, sondern sahen in dem Bau vor allem ein Symbol des Nazi-Regimes, das in den Schlossräumlichkeiten zwischen 1935 und 1945 eine seiner beiden SS-Junkerschulen unterhalten hatte. Zwei Stimmen Mehrheit im Rat besiegelten das Schicksal des Welfenschlosses.

Ein Schloss als Spiegel alter und neuer Zeiten

1960 wurde die Residenz plattgemacht, begleitet von wütenden Protesten der Braunschweiger. Große Bauteile wurden im städtischen Bauhof eingelagert, andere kamen auf dem Gelände späterer Kleingartenkolonien und am Kralenrieder Rodelberg unter die Erde.

Doch immerhin wurde dafür gesorgt, dass viele Relikte nicht zerstört, sondern "zur Wiederverwendung irgendwann" nur vergraben und zuvor sogar zum Teil akribisch gekennzeichnet wurden. An der Stelle des abgerissenen Schlosses und des früheren Schlossgartens entstand die Grünanlage "Schlosspark".

 

Nach einem Planungsangebot des Investors ECE, das die Frontrekonstruktion des Schlosses beinhaltete,beschloss der Rat der Stadt im Juli 2004 den Bau des Einkaufszentrums - mit einer Stimme Mehrheit. Wie 45 Jahre zuvor gab es Proteste. Bürgerinitiativen befürchten Nachteile für den Einzelhandel in der Innenstadt oder forderten die Erhaltung des Schlossparks. D

en internationalen Architektenwettbewerb für das Einkaufszentrum entschied das Berliner Architektenbüro Grazioli und Muthesius für sich. Oberbürgermeister Gert Hoffmann (CDU) nahm am 13. Juli 2005 den Spaten für den ersten Stich in die Hand, und seitdem gehen die Arbeiten unter Federführung des Generalunternehmers Hochtief fast schneller voran, als man zugucken kann.

Von den 8814 Quadern, die vor den Beton der Schlossfassade bis in 21 Meter Höhe, der oberen Simskante, gesetzt werden, wurden 8250 in der Sächsischen Schweiz und in Süddeutschland neu gebrochen. Die erhaltenen 564 Originalteile ließ man in Pirna sorgsam mit Wasser und Bürste aufpolieren. Die originalen Stücke seien, wie Stadtbaurat Wolfgang Zwafelink betont, ein wichtiger Bestandteil des rekonstruierten Schlosses, weil sie die direkte Verbindung zum historischen Bau herstellten und dem Neubau Authentizität gäben. Es sei auch im Sinne einer "kritischen Rekonstruktion", wenn sich alte und neue Steine farblich leicht voneinander abheben würden.

Zu den erhaltenen Teilen gehören neben einfachen Quadern Bogensteine, Säulen, Kapitelle und figürliche Reliefs. Einige wiedergekehrte Kapitelle stammen aus dem Brunnen im Schlosspark, dem Atrium eines Hotels und einem privaten Vorgarten. Schön, aber aufwendig zu restaurieren ist der Figurenfries, der sich über dem Portikus des Schlosses befand und Darstellungen aus der Zeit Heinrichs des Löwen zeigt.

Hofbaumeister Carl Theodor Ottmer, ein Bewunderer des berühmten Schinkel, hatte ein klassizistisches Schloss mit vielen barocken Adaptionen gebaut. Es entstand anstelle des Vorgängerbaus aus dem 18. Jahrhundert, den Braunschweiger Revolutionäre im September 1830 angezündet hatten, woraufhin der wegen seiner Verschwendungssucht verhasste "Diamantenherzog" Karl II. floh. Sein Bruder und Nachfolger Wilhelm erteilte den Auftrag zum Neubau der Residenz, deren Front von einer sechssäuligen antikisierenden Tempelfassade dominiert wurde. Auf der Rückseite des dreiflügeligen, U-förmigen Baus war eine Rotunde Mittelpunkt des Schlosshofes. 1837 waren die herzoglichen Privatgemächer im Nordflügel und drei Jahre später die Repräsentationsräume im Haupt- und Südflügel fertig, 400 Schlossräume insgesamt. 1841 war festliche Eröffnung.

Höfische Pracht konnte sich unter dem Hausherrn Wilhelm allerdings nicht so recht entfalten. Der Herzog war Junggeselle und vergnügte sich mit den nicht wenigen ihm zugetanen Damen häufig anderswo. Mit seinem Tod 1884 war auch die braunschweigische Linie der Welfen ausgestorben. Die Preußen setzten den Hohenzollernprinzen Albrecht als Regenten ein, ihm folgte 1906 der Mecklenburger Johann Albrecht. Erst nach der Hochzeit des Hannoveraners Ernst August mit der Kaisertochter Viktoria Luise herrschte wieder ein Welfe am Bohlweg. Nach der Abdankung des Herzogspaars 1918 zogen das Naturhistorische Museum, das Kleine Haus des Staatstheaters und die Landessteuerstelle in das Schloss. Und 1935 nisteten sich die Nazis dort ein. Der Rest der Geschichte ist bekannt.

Mit dem Neubau des herzoglichen Schlosses wird eine bedeutende Epoche Braunschweiger Geschichte wieder lebendig : "Mit der Unterbringung der städtischen Kultureinrichtungen", sagte Oberbürgermeister Hoffmann beim Richtfest, "wird das Schloss jetzt erstmalig ein Schloss für alle Bürger." Wenn auch ohne Hofbälle und Wachablösungen.

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