Europop Im Ufo über Bratislava

Stolze 80 Meter über der grün-grauen Donau geht der erste Frühlingstag zu Ende. Aus dem Brückenpfeiler-Restaurant Ufo in Bratislava blicke ich von meinem transparenten Plastikhocker auf den gegenüber liegenden Hrad, die viertürmige Burg der einstigen ungarischen Ersatzhauptstadt. Gleich nebenan auf dem Burgberg steht hingeklotzt das slowakische Parlament im spätsozialistischen Monumental-Stil.

watch. taste. groove. So lautet der claim des . Passend dazu weht gerade eine Brise Cool Jazz über die halbrunde Bar herüber, während weit unten der Feierabend-Verkehr von der Novy Most vorbei am Martinsdom die historische Altstadt Bratislavas umkurvt. Für die Zubringerstraße zur Brücke musste einst ein ganzes Viertel abgeräumt werden. Eine brachiale Bausünde aus Ostblock-Zeiten, welche die einzige Kathedrale der Welt mit direktem Anschluss an eine Stadtautobahn zurückgelassen hat.

Hier oben in der hippen Bar sind die Brüche des Fortschritts milde abgedämpft. An den Tischen ringsumher sitzen diejenigen, die es geschafft haben. Ein Pilsener Urquell ist fast dreimal so teuer wie in den Studentenkneipen da unten, das Interieur spielt ambitioniert mit dem Kosmonauten-Chic der Siebziger. Eine Top-Location des neuen Zentraleuropa - auf Augenhöhe mit dem benachbarten "Aupark Tower", aus dem heraus internationale Konzerne ihre hiesigen Dependancen steuern.

Besonders im historischen Zentrum sind die Resultate der slowakischen Tigerstaat-Politik mit seiner Niedrigsteuer von 19 Prozent, die besonders Autoindustrie und deren Zulieferer massiv angelockt hat, zu besichtigen: Sorgsam restaurierte Stadtpalais aus der barocken Blütezeit wechseln sich ab mit ruhigen Gaslaternen-Winkeln, in denen es keineswegs überraschen würde, käme ein (historischer) Edelmann mit Pumphosen um die Ecke.

Auf dem tiptop hergerichteten Hauptplatz Bratislavas, dem Hlavné Namesti, erinnert eine Freiluft-Ausstellung an die Vielvölkertradition der Stadt, die einst ungarisch Pozsony und deutsch Pressburg hieß. Von Josef Haydn und Franz Liszt über den Rabbi Moshe Schneider bis zum Exil-Italiener Grazioso Lanfranconi wird das Leben großer Persönlichkeiten nachgezeichnet, die einst im Schatten des Hrad wirkten. Das Kaffeehaus Meyer stellt stolz seine Vergangenheit als k.u.k.-Hoflieferant für das habsburgische Kaiserreich heraus.

Wer Alternativen zu dieser Kopfsteinpflaster-Romantik sucht, sollte sich auf die quirlige Geschäftsstraße Obchodna am Rande des Stadtkerns begeben, wo sich graue Flachbauten mit Baulücken abwechseln. Hier lockt zwischen Neon-Boutiquen und Handyshops der mit seiner korrekten Mittagskarte, die von deftigen Hausmannsgerichten aus eigener Bio-Schlachtung dominiert wird. Unter den strengen Blicken slowakischer Volkshelden in Öl probiert man hier Brimsennockerln, Piroggen oder Sauerkrautsuppe im Brotmantel. Genau wie bei der Cafebar Channels hinter dem mittelalterlichen Michaelerturm verstecken sich die besonderen Orte in den Nischen des Aufschwungs.

Die Off-Location der progressiven Kunstszene liegt ausgerechnet am lang gezogenen Paradeplatz Hviezdoslavovo. Zwischen Nationaltheater und Hotel Carlton flanieren hier heraus geputzt die Operngäste. Hinter Absperrgittern residiert die US-Botschaft, gediegene Restaurants bewirten ihre überwiegend aus Businessmenschen bestehende Kundschaft in Glaspavillons.

In einem Hinterhof der nahen Akademie betreibt die 29-jährige Konzeptkünstlerin Dorata Kenderova in einem Kellergewölbe die , die gerade das polnische Künstler-Duo XYZ Group mit ihren Video-Installationen ausstellt. "Etwas im Verborgenen können wir uns in dieser Lage seit 2003 halten", erzählt die. "Seitdem hat sich unser Hof zum wichtigen Treffpunkt entwickelt. Ansonsten ist die Innenstadt für die Subkultur leider zu teuer geworden."

Für Kenderova, die nach einem Stipendium in Porto und als Preisträgerin des Wiener Essl-Awards zu den international engagierten Newcomern der slowakischen Kunstszene gehört, bleibt Bratislava dennoch ein spannendes Versuchslabor. "Der Wirtschaftsboom hat schicke Cafes und saubere Fassaden gebracht. Aber: Wie sieht es dahinter aus?"

Um die heimische Szene in Bewegung zu halten, setzt Dorata Kenderova mit ihrer Non-Profit-Galerie auf Austausch vor allem mit den östlichen Nachbarländern. Und auch Wien ist nur 70 Kilometer entfernt. "Wir müssen auch kulturell wieder die alte Brückenkopf-Funktion übernehmen", fordert Kenderova, "um - wie es unsere Stadtwerbung auf den Straßenbahnen verkündet - zur echten little big city zu werden."

Inzwischen ist der Abend angebrochen. In der menschenleeren DJ-Kanzel des Ufo-Restaurants läuft die neue CD der englischen Sängerin Sade vor sich hin. Eine Cocktail-Runde feiert ein bisschen zu laut den Abschluss eines erfolgreichen Deals. Und am südlichen Donau-Ufer leuchten weithin die Plattenbauten. Bratislava, die kleine, große Stadt hat sich mit all ihren krassen Gegensätzen hübsch gemacht.

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Autor:
Ralf Niemczyk