Rio de Janeiro Modedesignerin Lenny Niemeyer

Am Strand von Ipanema herrscht ein ungeschriebenes Gesetz: Männer müssen stehen. Breitbeinig, mit verschränkten Armen, und hin und wieder wird ein wenig ausgeatmet. Die Wahl des Standorts ist eine strategische. Es gilt, den Überblick zu behalten. Damit man die schönen Mädchen vorbeilaufen sehen kann und sehen kann, wie die sich in den Sand fallen lassen. Und wenn die Männer Glück haben, tragen die Girls von Ipanema auch noch einen Bikini von Lenny. Zumindest träumen sie alle davon. Von jenen perfekt geschnittenen, glamourösen Zweiteilern, für die die Marke steht.

Lenny Niemeyer ist so etwas wie die Coco Chanel unter den Bikini-Designern. Ihre Entwürfe sind kleine Skulpturen - kein Wunder, denn Lenny ist ausgebildete Architektin und war mit dem Neffen von Brasília-Erbauer Oscar Niemeyer verheiratet. Nicole Kidman hat schon einige ihrer Modelle bestellt, Gisele Bündchen trägt sie natürlich, und selbst bei Harrods im kühlen London verkaufen sich die heißen Lenny-Kollektionen, als wär der Hyde Park ein Vorhof zur Copacabana.

Lenny Niemeyer kann über ihren Erfolg lachen. Wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, klingt das manchmal, als wäre alles ein großes Spiel - bei dem sie sich selbst am wenigsten inszeniert, tatsächlich ist sie eine Modemacherin ohne Allüren. In ihrem Apartment an der Lagune sind zwar abends schon mal Charlotte Casiraghi oder Naomi Campbell zu Gast, aber am frühen Morgen oder am späten Nachmittag kann jeder im Prinzip Lenny treffen. Wo? Am Strand natürlich.

An der Ecke Rua Garcia d'Avila, zwischen Posto 9 und Posto 10, ist ihr Sonnenschirm aufgespannt. Ihr ansteckendes Lachen und ihre tiefe Stimme, die nach 50 betrunkenen Bauarbeitern klingt, sind schon von weitem zu hören. "Meine Freunde wissen, dass sie mich hier finden, ich brauche mich gar nicht zu verabreden." Für Lenny ist der Strand das Kraftzentrum von Rio, von dem alles ausgeht. Hier lässt sie sich inspirieren. "Die Cariocas sind so erfinderisch. Weil sie nach dem Strand ins Taxi mit Air-Condition steigen oder noch zum Einkaufen müssen, kamen sie auf die Idee, sich die weißen Hemden von ihrem Vater oder Freund auszuleihen und über den Bikinis zu tragen. Weiße Hemden sind inzwischen ein fester Bestandteil in meinen Kollektionen."

Es ist genau dieses kreative Improvisieren, von dem sich Lenny Niemeyer so gern anstecken lässt, um es in Perfektion umzusetzen. Ihre Karriere begann mit einer "Spielerei", sagt sie. Sie ist in São Paulo aufgewachsen, in den achtziger Jahren waren die Mini-Bikinis, mit dem "fio dental" (der Zahnseide) zwischen den Pobacken, in Mode. "Die Paulistas sind viel zu konservativ für so was, sie brauchten mehr Stoff, einen größeren Bikini, und ich habe ihn entworfen, einfach aus Spaß", erzählt Lenny Niemeyer. Auch heute experimentiert sie viel in ihren Kollektionen, mal integriert sie Formen aus der modernen Architektur, dann verwendet sie hauchdünne Stoffe, die mehr enthüllen, als sie verdecken. Wie sieht die Frau aus, für die sie entwirft? "Leicht gebräunt, hübsch, wenig Make-up, nasse Haare, schöne Haut, es ist eine Frau, die leuchtet - so wie Rio."

Lenny Niemeyer zog nach Rio, weil sie einen Carioca geheiratet hatte, ihre Ehe ging in die Brüche, aber sie war schon längst wieder neu verliebt: in Rio. "Ich wache jeden Morgen mit einer unfassbar schönen Aussicht auf, fahre Wasserski auf der Lagune oder springe ins Meer. Ich glaube dieser dauernde Kontakt mit der Natur ist sehr stimulierend, für jeden Menschen. Und der Strand sozialisiert uns", sagt Niemeyer. "Man kommt leicht in Kontakt mit Leuten, man wird selbst offener dadurch und entdeckt neue Dinge. Ich habe in Rio immer das Gefühl, dass ich auf Reisen bin."

Dabei ist sie wohl eine der wenigen Glücklichen, die auch in einem Liegestuhl arbeiten dürfen. Hinter der Sonnenbrille wandern die Augen hin und her. "Am Strand beobachte ich alles ganz genau, jede Frau - wie bewegt sie sich, fühlt sie sich wohl in ihrem Bikini, was stört?", sagt sie. Daraus entwickelt Lenny Niemeyer in ihrem Kopf dann die Ideen für die neue Kollektion. Lässig, leicht, die Kokosnuss mit Strohhalm in der Hand. Der Tag endet schließlich mit einem ihrer Lieblings-Events, am Posto 9.

Die Leute erheben sich, sie schauen aufs Meer, und in dem Augenblick, in dem der rot leuchtende Ball im Atlantik verschwindet, klatschen und jubeln sie. "Ist das nicht wundervoll?", fragt die Designerin, "so etwas Einfaches wie ein Sonnenuntergang, etwas, das jeden Tag passiert, und trotzdem bewegt es die Cariocas immer wieder, sie lassen sich davon mitreißen." Und wenn man sich das so vorstellt: Lenny Niemeyer, inmitten von hundert klatschenden Frauen in Bikinis, von denen viele "Lenny" tragen, dann ist jeder Sonnenuntergang im Meer auch so etwas wie das Finale ihrer eigenen Modenschau.

Schlagworte:
Autor:
Carmen Stephan