São Paulo Eine Megacity für Entdecker

Wie eine Luftspiegelung erhebt sich São Paulo auf einer Hochebene. Die gläsernen Würfel der Banken, die verspiegelten Zylinder der Autokonzerne, an deren Fassaden das Licht zersplittert, und die eigenwilligen Fronten der Wohnhäuser, deren Form eingefrorenen Wellen, Pyramiden oder Kegeln gleicht - die gesamte Skyline von São Paulo sieht aus, als hätte ein Schwarm wilder Kinder mit der Geometrie gespielt. Zehn Millionen Einwohner leben in der Stadt. Behauptet die Regierung. Mehr als 20 Millionen, vermuten Bevölkerungsforscher. Den tiefen Graben zwischen den Schätzungen füllen die Nordestinos, kupferfarbene Menschen, deren mongolische Gesichtszüge indianisches Erbe verraten.

Hunderttausende von ihnen fliehen Jahr für Jahr vor dem Hunger aus Brasiliens Nordosten. Ihr Ziel und ihre Hoffnung ist São Paulo. Und kein Stadtplan verzeichnet ihre Favelas, die São Paulo umschlingen wie eine Boa ihre Beute. São Paulo ist das wirtschaftliche Herz Brasiliens. Und die gewaltigste Stadt Südamerikas. Planlos und in alle Richtungen zugleich wälzt sich die Megalopolis. Bis zum Horizont, wo ihre Silhouette mit einem weiten Himmel verschmilzt, der vom Atlantik bis zu den Anden zu reichen scheint. São Paulo wirkt grenzenlos. Und wir sind mittendrin in dem Massiv aus Beton und Grau, das labyrinthische Cañons zerschneiden, auf deren Grund sich Autoschlangen stauen, die nirgendwo hinführen als zu sich selbst.

"Obstipação", sagt Julia und meint den kollektiven Stillstand in den Straßenschluchten, der anderswo Rushhour heißt. Doch dieses Wort würde zu kurz greifen in São Paulo, das morgens und abends für je drei oder vier Stunden an chronischer Verstopfung leidet. Obwohl zu den Stoßzeiten der Wochentage ohnehin nur einem Teil der fünf Millionen Autos das Fahren erlaubt ist. Und darüber, wer wann seinen Wagen benutzen darf, entscheidet die letzte Zahl auf dem Nummernschild. Julia ist Architektin und Weiße. Die junge Frau, deren Vorfahren einst aus Portugal und Frankreich kamen, zeigt uns ihr São Paulo. Und später begreifen wir, dass sie die Stadt - wie so viele Paulistanos - als eine Art von faszinierender Zumutung empfindet, einen Ort, der jeden Rahmen sprengt, unfassbar arm und unbegreiflich reich zugleich ist, grandios und deprimierend in einem.

Zu Fuß folgen wir der Avenida Paulista, einer breiten Schneise durch das Betongebirge, die sich von der Metrostation Paraíso zum Cemitério da Consolação pflügt, vom Paradies zum Friedhof. Eine fiebrige Energie beherrscht die Paulista, und die Menschenmenge, die ihre Trottoirs und die Shopping-Malls füllt, ist bunt wie in Babel. Weiße, Schwarze, Braune, Gelbe, Rote und alle Tönungen dazwischen. Jede Hautfarbe, jedes Gesicht erzähltdie Geschichte einer eigenen Genealogie. Die Paulista ist das Finanzzentrum Südamerikas, der Boulevard der Banken. Und der Wohnhäuser, die am Himmel kratzen.

Die Luftmenschen in ihren Helikoptern

In ihnen und hoch über der Glocke aus Abgas und Lärm residieren jene, die es geschafft haben in der Stadt und im Leben, und die Julia "Luftmenschen" nennt. Denn die Reichen von der Paulista bewegen sich mit Helikoptern und auf Luftstraßen in ihrer uferlosen Stadt. Ein Stau - das ist etwas weit unter ihnen. In einer Lücke, die zwischen den Türmen der Prachtstraße klafft, liegt ein altes Herrenhaus. "Die Casa das Rosas", sagt Julia. "Eine der letzten erhaltenen Villen aus der Ära des Kaffees." Verloren steht sie inmitten der übermächtigen Kulisse, fast wie eine homöopathisch verdünnte Erinnerung an eine versunkene Epoche, als die Kaffeebarone sich anschickten, Brasilien zu beherrschen, ein Schwarzer ein Sklave war und São Paulo eine Kleinstadt.

Diese Zeit liegt kaum mehr als ein Jahrhundert zurück. Um 1880 bedeckte ein einziger Wald von Kaffeeplantagen das Hochplateau und die Hügel um São Paulo. Die Stadt und das halbe Land lebten vom Kaffee. Doch 1888 wurde - auf internationalen Druck - die Freilassung aller Sklaven befohlen. Damals lockten die Herren des Kaffees Kontraktarbeiter nach São Paulo. Sie kamen in Scharen. Erst aus den Armenhäusern Brasiliens, dann aus Südeuropa, später aus Polen und Russland, aus Asien. São Paulo ging auf wie ein Teig, in den zu viel Hefe geraten ist. Viel zu viel. Und eindringlicher als ein ganzer Rosenkranz von Zahlen spiegelt die heute so winzig erscheinende Casa das Rosas das gespenstische Tempo, in dem São Paulo die Hochebene unter sich begraben hat.

Irgendwann bleiben wir einfach stehen auf der Paulista. Weniger aus Erschöpfung, mehr aus Mutlosigkeit gegenüber der Größe dieser Stadt und der Länge ihrer Straßen. Man läuft und läuft. Aber São Paulo läuft mit. Und beinahe ist es wie im Märchen von "Alice hinter den Spiegeln", jener Geschichte, in der es ein kleines Mädchen in ein verhextes Land verschlägt, wo man immerfort rennen muss, nur um am gleichen Fleck zu bleiben. Julia treibt uns weiter. Zum Friedhof von Consolação, wo die Reichen und die Prominenten ruhen. Jacarandas und Lebensbäume beschatten den Streifen Erde, den hohe Bauten umfassen wie Felswände ein Tal. Die Brandung des Verkehrs ist nur noch ein polyphones Murmeln.

Der Friedhof von Consolação, von dem Julia sagt, er sei der berühmteste und vielleicht auch der schönste von São Paulo, ist ein Garten großbürgerlicher Gräber und Mausoleen, vor denen Christusfiguren und Engelsstatuen wachen. Jeder Name im Marmor verrät eine andere Herkunft. Italienische, portugiesische, kroatische, arabische, armenische und auch ein paar deutsche Katholiken füllen die Reihen. Auf vielen Grabsteinen sind Fotografien zu sehen. In Medaillons und hinter welligem Glas, so dass die Toten auf seltsame Weise Ertrunkenen gleichen. Als wir den Cemitério schon fast durchquert haben, ohne auf das Grab von Ayrton Senna zu stoßen, fragen wir Julia nach der Ruhestätte des Nationalhelden. "Er liegt in Morumbi, im Südwesten der Stadt. Nur dort war genug Platz für das Staatsbegräbnis und all die Trauernden."

Die Brasilianer verehren Senna. Die Paulistanos aber vergöttern ihn. Zuerst, weil er einer von ihnen war. Und dann vielleicht auch, weil in ihrer Stadt der Verkehr mit der Langsamkeit einer Schildkröte kriecht und man deshalb einen Gott der Geschwindigkeit braucht, den man anflehen kann um ein schnelleres Fortkommen. An der Bushaltestelle vor dem Cemitério wartet ein Schwarzer. Er ist dünn und lang wie ein Schatten am Abend, die Dreadlocks wuchern ihm bis zur Hüfte, und ins Gesicht hat er sich eine spiegelnde Sonnenbrille montiert. Der Rasta bittet um eine Zigarette. "Babylon!", sagt er dann, bläst den Rauch durch die Nase und zeigt hinaus in das Meer aus Stein, das São Paulo ist. Und als er später in den Bus steigt und aus dem Fenster winkt, sieht er aus wie Bob Marley auf dem Cover von "Babylon by Bus".

"Wir haben uns selbst eingesperrt"

Von Consolação sind es nur 20 Fußminuten bis zum Haus von Julia. Sie lebt auf der reichen Seite der Paulista, der westlichen. Dort, in Vila Madalena, Alto de Pinheiros oder Jardins, haben sich die Wohlhabenden verschanzt, Weiße allesamt. Apartmentbauten mit übereinander gestapelten Maisonettewohnungen und viel Glas wechseln ab mit Villen. Häuser wie Zitadellen, umgeben von Gittern, deren angeschliffene Stäbe an Harpunen denken lassen. Jede Mauerkrone ist mit Stacheldrahtrollen und Elektrozäunen gesichert. Kameras observieren die Eingänge. Und Bewaffnete, in Wächterlogen hinter Panzerglas. "Wir haben uns selbst eingesperrt", sagt Julia und lacht. "Vielleicht leiden wir ja an Verfolgungswahn."

Aber bloße Paranoia ist das gewiss nicht in São Paulo, wo die Kriminalitätsrate höher liegt als in Rio und jedes Jahr fast 6000 Menschen entführt werden. Die meisten kaufen sich selbst wieder frei, mit ihrer Scheckkarte an einem Bankautomaten. Nur die ganz Reichen verschwinden für Tage oder Wochen. Die Angst vor einer Entführung sitzt tief in São Paulo. Tiefer als die vor Diebstahl oder Raub. Und sie ist auch der Hauptgrund, warum auf den Straßen von São Paulo so gut wie niemand Schmuck trägt, der Kidnapper anziehen könnte wie ein Magnet das Eisen.

Fünf Schlüssel braucht Julia, um in ihre Wohnung zu gelangen. Je einen für das Tor im Eisengitter und für die Haustür. Einen, um den Lift betreten zu können, einen anderen, um ihn im zehnten Stock wieder zu verlassen. Mit dem letzten öffnet sie ihr Apartment, eine Art Studio mit niedrigen Möbeln und riesigen Fenstern und voll gestellt mit Büchern über Architektur. Auf dem Boden, denn nur dort ist genug Platz, breitet Julia einen Übersichtsplan von São Paulo aus. Die Karte bedeckt eineinhalb Quadratmeter Parkett, und mit roten Strichen hat Julia auf ihr die Umrisse der Stadt nachgezogen. Aus zwei, drei Schritten Entfernung betrachtet, verwandeln sich die roten Konturen in den Kopf eines Terriers. "Die reichen Viertel", sagt sie, "bilden den oberen Teil des Hundeschädels. Und die armen die Schnauze."

In den nächsten beiden Wochen sind wir mit Julia an vielen Stellen von São Paulo. Es ist Frühling geworden in der Stadt. Flammend geht die Sonne auf. Flammend geht sie unter. Und dazwischen liegen die Tage und die Nächte im Kopf des Terriers. Zuerst sind wir im alten Zentrum, das zwischen den Plätzen República und Sé und dem Colégio São Bentoliegt, wo die Stadt ihren Anfang nahm. Doch von dem Jesuitenkolleg, das im Januar 1554 ein paar portugiesische Mönche der Societas Jesu errichtet haben, ist kaum etwas geblieben. Nur ein Stück Mauer aus Holz und Lehm und Steinen.

Kreuz und quer dirigiert uns Julia durch den alten Stadtkern, der so voll gestopft ist mit Menschen, dass man unwillkürlich an einen aufgewühlten Ameisenhaufen denken muss. Julia ist besessen von Architektur und redet und redet. Von Bauhaus, Konstruktivismus, neuer Sachlichkeit, Futurismus.Sie führt uns zum Copan, der gigantischen Betonwelle von Oscar Niemeyer, die das größte Wohnhaus Brasiliens ist, zur Kirche des Heiligen Franz, zum stählernen Bahnhof von Luz, zum Teatro Municipal. Schließlich stehen wir vor dem Edifício Martinelli, das reiche Italiener 1929 errichtet haben. "Der erste Wolkenkratzer von São Paulo", sagt Julia. Tauben umflattern den Turm, und im weichen Licht des Nachmittags ist es, als sei er nicht aus Stein aufgeschichtet, sondern aus rotem Plastilin geknetet.

Die Götter von São Paulo sprechen alle Sprachen

Wieder und wieder sagt Julia, dass wir noch so gut wie nichts gesehen hätten, und dann sprudeln die Namen von Kirchen, Museen, Galerien und Viadukten aus ihr wie Wasser aus einer Pumpe. Die Stadt ist grenzenlos. Tag für Tag finden wir ein neues São Paulo. Bei den Italienern von Bixiga, den Japanern und Koreanern in Liberdade, den Juden in Bom Retiro und bei den Arabern, irgendwo zwischen Ipiranga und Cambuci. Und auf unseren Expeditionen entdecken wir nicht nur die Küche von São Paulo, eine Art kulinarische Quersumme aller Kontinente, sondern auch einen Basar der Bekenntnisse, bunt und verwirrend wie in New York: Tempel des candomblé und Schinto-Schreine, Synagogen, Kirchen und Moscheen. Die Götter von São Paulo sprechen alle Sprachen.

An einem Samstagabend treffen wir uns mit Natalie und João. Im Figuera, einem Bau aus Glas, in dessen Mitte üppige Feigenbäume wuchern, so dass man glauben kann, nicht in einem Restaurant, sondern in einem tropischen Garten zu sein. Natalie ist Journalistin, João Schulpsychologe. Sie sind weiß und leben ebenfalls auf der richtigen Seite der Paulista, der westlichen, der reichen. Aber sie kennen auch die Nachtseite von São Paulo. Natalie schreibt über Obdachlose. Wochenlang ist sie ihnen gefolgt, überall hin und ungefähr so, wie man eine Katze auf dem Bauch robbend begleitet, um ihre Welt zu verstehen. João betreut neben seiner Arbeit Sozialprojekte in einer Favela, tief im Osten, in der Schnauze des Terriers.

Zum Hauptgericht entbrennt eine Diskussion über Pedro Silva. Der Dichter, der sich nach seiner Erblindung Glauco Mattoso nannte, hat sich São Paulo auf ungewöhnliche Weise genähert. Mit der Zunge. Er schleckte an Füßen von Freiwilligen, an Mauerwerk, an Sitzen im Bus, an Stühlen in der Oper. Schließlich verfasste er einen Roman über den Geschmack von São Paulo. João ist begeistert von der Idee. Doch Natalie findet das nur degoutant. Beim Dessert geht es um Marta Suplicy, eine Sexologin, die jahrelang im Fernsehen die Brasilianer über die Geheimnisse des Orgasmus aufgeklärt hat. Jetzt ist die 56-Jährige Chefin der sozialistischen Arbeiterpartei. Und Bürgermeisterin von São Paulo.

"Sie macht ihren Job besser als ihre Vorgänger", sagt João. "Immerhin ist sie nicht korrupt." Sie habe den Bau einer vierten Metrolinie begonnen und mit der Stadtbegrünung, ergänzt Natalie.Aber sind ein paar U-Bahnhöfe und Bäume die Antwort auf die Probleme einer Stadt, die keine Grenzen mehr kennt, neun Milliarden Dollar Schulden hat und zehn Millionen Menschen zu viel? Für einen Moment ist es still am Tisch.

"São Paulo", sagt João dann, "überblickt sich selbst nicht mehr. Niemand kann diese Stadt wirklich steuern. Sie ist das vielleicht größte Sozialexperiment der Welt. Und keiner weiß, wie es ausgehen wird." Am Sonntag verlassen wir São Paulo. Am Rand zerfasert die Stadt wie ein Tintenklecks, man kann die Holzfeuer und die offenen Abwassergräben der Favelas riechen. Schließlich sind wir am Flughafen. Mit einem Mal liegt São Paulo unter uns. Und selbst von oben scheint die Skyline, die aussieht, als hätte ein Schwarm wilder Kinder mit der Geometrie gespielt, keinen Anfang und kein Ende zu haben.

Autor:
Walter Saller