Brasilien Auf der Airbnb-Couch

Die Gastgeberin in Rio de Janeiro sitzt auf der Mauer vor ihrem Haus, Dosenbier in der einen, Zigarette in der anderen Hand. Als sie ihre Besucher sieht, sprüht die Herzlichkeit nur so aus ihr heraus. Ein Küsschen links, ein Küsschen rechts, eine feste Umarmung. Wüsste man nicht, dass hier einfach nur Gäste einchecken, man hielte es für eine Begrüßung unter Freunden, die sich nach einer langen Zeit endlich wieder sehen.

Vor einer Woche entstand der Kontakt zwischen den beiden Studenten aus Regensburg und Vermieterin Myle, die eigentlich Frontfrau einer Elektroband ist. Gefunden haben sie sich über Airbnb – eine Online-Community, die private Vermieter und Mieter auf der ganzen Welt zusammen bringt. Die Übernachtungsmöglichkeiten werden dabei häufig gegen ein geringes Entgelt angeboten, eine zusätzliche Vermittlungsgebühr wird an die Online-Plattform gezahlt. 

Bei Airbnb geht es um die Unterkunft, aber auch um die Personen, die zusammentreffen. Vermieter stellen entsprechend nicht nur ihre Herberge vor – sondern haben zusätzlich ein Personenprofil. Auch der Gast wird bei der Buchung angehalten, sich vorzustellen. Das ist wichtig. Denn mitunter werden während des Aufenthaltes auch mal Küche und Bad geteilt.

Das Konzept: Teilen statt Konsumieren

Die Idee zu Airbnb entstand 2007, als die Gründer Brian Chesky und Joe Gebbia im Internet ihr Gästezimmer anboten – sie brauchten Geld. Heute dürften die Kassen voll sein. Denn das Konzept, dem das Motto "Teilen statt Konsumieren" zugrunde liegt, geht auf. Rund 100 Nutzer melden sich stündlich neu an – über 100.000 Unterkünfte sind in der Datenbank, in insgesamt 192 Ländern. Vom Boot über das klassische Gästezimmer bis hin zum Zelt ist so ziemlich jede Behausung dabei.

Bei Myle haben die Deutschen ein Zimmer mit geteiltem Bad gemietet. Henning und Tina waren auf der Suche nach einer bezahlbaren Unterkunft in Rio de Janeiro – und das zur Karnevalszeit – ein heikles Unterfangen. Vor allem, da in der brasilianischen Metropole so ziemlich jede Abstellkammer zu Mondpreisen vermietet wird.

Alexandra Tapprogge
Mittendrin statt nur dabei: Vermieterin Myle lädt zum Karneval
Vermieterin Myle hat sich an diesem saisonalen Preisgeschacher nicht beteiligt. Ihre Zimmer gibt es für 45 Euro die Nacht. Ähnliche Unterkünfte kosten zur Sambazeit durchaus das Achtfache. "Mir geht es nicht um das schnelle Geld. Eher darum, Menschen meine Stadt und meine Kultur näher zu bringen. Von neuen Leuten zu lernen und mit ihnen zusammen das Leben zu genießen. Wer viel gibt, bekommt auch viel zurück." Vor einiger Zeit noch hat Myle ein Zimmer bei Couchsurfing eingestellt – ein weiteres Gastfreundschaftsportal, das kostenlos für Gäste Unterkünfte anbietet. Jetzt allerdings muss sie ein wenig unternehmerischer denken. Denn das Haus ist erst kürzlich in ihren Besitz übergegangen und ein Kredit zahlt sich nicht mal eben so ab.

Wer im "Corcovado Hostel" eincheckt, will nichts wissen von Fünf-Sterne-Hotels und Pauschalreisen. Liebe statt Luxus könnte auch das Motto lauten. Eine klinisch reine Umgebung gibt es nicht, dafür läuft alles sehr herzlich und eher locker ab. Das Gebäude ist teilweise noch Baustelle, das Badezimmer teilen sich die 23 Gäste, die Zimmer sind "puristisch" gehalten und den Abwasch machen alle gemeinsam. Gegessen wird in der "Special Lounge" – gleichzeitig auch Myles Wohnzimmer. Hier zwischen den Favelas der Stadt, fühlt es sich an wie in einer spontanen Groß-WG für Traveller aus aller Welt.

Und genau die will Myle auch zusammen bringen. Daher macht sie wahr, was sie vorher schon per Mail bei ihren Gästen angekündigt hat. Sie lädt zu vier Tagen Karneval mit ihren Freunden ein. Die Kostüme werden gleich mitgeliefert. Umsonst kann sich jeder Gast aus der großen Kiste im Wohnzimmer bedienen.

Nette Leihgabe: Die Karnevalskostüme stellt Vermieterin Myle
Alexandra Tapprogge
Nette Leihgabe: Die Karnevalskostüme stellt Vermieterin Myle
Myle versteht sich nicht nur als reine "Vermieterin". Sie ist Touristeninformation, Essensbeschafferin und Szeneguide in einem. Ihre Gäste lernen Rio so von einer völlig anderen Seite kennen. „Ich bin überwältigt. Wir waren unterwegs mit Myle und einer großen Truppe "cariocas" (Anmerk. der Redaktion: Einwohner von Rio de Janeiro). In der Favela auf einer Party und bei einem völlig verrückten Karnevals-Umzug. "Das hätten wir niemals erlebt, wenn wir einen reinen Hotelaufenthalt gebucht hätten," ist Alex aus Sao Paulo überzeugt. Er ist so begeistert von der Unterkunft und der Gastfreundschaft, dass er sich revanchieren will. Als Graffitikünstler sprayt er noch am selben Tag Kunst an die Herbergswand. Das Prinzip Geben und Nehmen scheint also aufzugehen.

Bem Vindo in Buzios – Luxusherberge mit Ausblick

Geben und Nehmen wird auch im mondänen Küstenort Búzios groß geschrieben, zwei Bus-Stunden von Rio de Janeiro entfernt. Allerdings – das Preisgefüge spielt sich in einem völlig anderen Rahmen ab. Es ist ein Ort der Reichen und Schönen – hier checkt der brasilianische Jet-Set ein. Entsprechend hoch sind die Preise. Das schlägt sich selbst bei Airbnb nieder. Ein günstiges Privatzimmer ist kaum zu kriegen. Lofts und Villen hingegen wie Sand am Meer. Yasmin und ihre Mutter Claudia sind auf den Luxus-Zug aufgesprungen.

Auch Luxusunterkünfte lassen sich über Airbnb finden
Alexandra Tapprogge
Auch Luxusunterkünfte lassen sich über Airbnb finden
Sie haben innerhalb von 14 Monaten eine "Komfort-Villa" an den Hang gebaut – mit Infinity-Pool und Blick über die gesamte Küste. Hier vermieten sie "Executive Suites". Große in weiß getünchte Designerzimmer mit Jacuzzi und jeglichem Komfort. Es gibt vierquadratmetergroße Oberbetten, Komfortmatratzen, Seidenkissen und Duschproben aus der Edelpafümerie. "Es ist uns unglaublich wichtig, dass alles perfekt ist. Halbe Sachen mögen wir nicht," so die 17-jährige Yasmin, die sich um die Gästebetreuung kümmert. Vor kurzem hat sie in Rio selbst eingecheckt – auch über Airbnb. In der gewählten Unterkunft kam es zu einem ungewollten Zwischenfall mit einer Kakerlake. Für sie kaum nachvollziehbar und auch mal ein Grund auszuchecken.

Ihre Mutter Claudia denkt ähnlich. Daher liegt die Perfektion in den Alto Buzios Suites tatsächlich im Detail. Die Gäste werden persönlich vom Busbahnhof abgeholt, dürfen eine Brötchenbestellung für’s Frühstück aufgeben und ihnen wird mit dem Privatwagen die Umgebung gezeigt. Für diesen "inkludierten Conciergeservice" und die Unterkunft mit Frühstück zahlt der Gast ab 118 Euro pro Nacht. Und er bekommt noch mehr – Gastfreundschaft in Reinform und gefühlte Familienzugehörigkeit. Denn in regelmäßigen Abständen schauen auch Papagai "Lola" und der weiße kleine Malteserhund am Pool vorbei.

Relaxen am Privat-Pool
Alexandra Tapprogge
Relaxen am Privat-Pool
Gäste, die so einen Austausch mögen, sind bei Airbnb genau richtig. Denn die Plattform im Internet ist mehr als eine reine Unterkunftsvermittlung. Es ist auch eine "Börse", die Menschen und ihre Geschichten zusammen bringt. Nicht nur der Gast bewertet am Ende den Gastgeber, auch der Gastgeber schreibt etwas über seinen Besucher. So bleibt es auch eine Begegnung auf Augenhöhe. Freundschaften seien über Airbnb schon viele entstanden, so Myle. Für ihre nächste Deutschlandreise plant sie auch einen Besuch in Regensburg. Die Erinnerungsfotos vom Karneval liegen schon bereit.
Autor:
Alexandra Tapprogge