Bonn Veränderung in Sachen Kultur und Sport

Ein Sommertag. Es regnet. Typisch Bonn. "Entweder es regnet, oder man hat Kopfweh, oder die Bahnschranken sind zu." Die Stille im früheren Regierungsviertel ist zur Mittagszeit schon beinahe erdrückend. Schräg gegenüber dem Post Tower, 40 Stockwerke Glas und Stahl, verteilt auf 162,5 Meter Höhe, warten ein paar Taxifahrer auf Kundschaft. Umwuchert vom dampfenden Grün des Rheinauen-Parks, "Little Central Park South", scheint der Gigant, Wahrzeichen des neuen Bonn, fast unwirklich.

Der neugierige Besucher, der vielleicht von einem Blick aus majestätischer Höhe auf Rheintal und Siebengebirge träumt, scheitert schon beim Portier. "Nein, betriebsfremden Besuchern ist der Zutritt verboten. Vielleicht versuchen Sie's mal am Tag der offenen Tür!" So weltoffen ist man denn auch wieder nicht. Die Post, die mit der Schlagzeile "Gebaute Visionen" für die Zukunft wirbt, ist eine geschlossene Gesellschaft. Sicherheitsfragen.

Ein Spaziergang durchs ehemalige Regierungsviertel offenbart nostalgische Züge. Noch immer künden gusseiserne Schilder vor prunkvollen Gründerzeitvillen mit parkähnlichen Gärten von vergangenen Zeiten: "Vertretung des Landes Schleswig-Holstein beim Bund". Oder "Residenz des Botschafters der Republik Ägypten". Die Besitzer haben inzwischen gewechselt.

Firmen der IT-Branche, Direktionen von Gesundheitsunternehmen und Wissenschaftsinstitute haben Besitz ergriffen von den Prachtbauten, in denen noch vor einem Jahrzehnt Länder und Bundesländer Staat machten. In einer der Villen, einst Landesvertretung Hamburgs, trifft man überraschend auf alte Bekannte, das berühmte italienische Gastronomenpärchen Dea und Pietro Robichon, das zu Regierungszeiten im benachbarten Regierungsviertel Willy Brandt über Hans-Dietrich Genscher bis zu Helmut Kohl fast jedem Prominenten den Gaumen kitzelte. Sie sind dem Ruf der neuen Herren gefolgt. Ihr Restaurant "Forissimo" lebt von der Deutschen Welle gegenüber, von der Post, der Telekom und den neuen Einrichtungen der Uno. Einbußen gab es kaum, auch wenn die Spesenetats deutlich eingeschränkt sind.

Das Intime hat sich verflüchtigt: "Unsere Kundschaft ist vielschichtiger geworden, pragmatischer, kühler. Den Politikern galt Vertraulichkeit mehr als der Preis auf der Karte."

"Bonn boomt", behauptet die Bonner Stadtwerbung, ein Hinweis auf eine neue Selbstwahrnehmung. Der hektischen Betriebsamkeit des politischen Geschäfts ist ein entschlossener Pragmatismus gefolgt, doch ohne die Idylle der alten Universitätsstadt am Rhein zu stören. Gefragt sind Leistung, Konzentration, praktische Arbeit. Neuer Wein gärt in alten Schläuchen.

Im Tulpenfeld, einst so etwas wie der Olymp des politischen Journalismus in Deutschland, sind die Regulierungsbehörden für Post und Telekommunikation oder Organisationen der Entwicklungshilfe heimisch geworden; im Gebäude der Bundespressekonferenz arbeitet der Deutsche Entwicklungsdienst.

Der Schürmann-Bau, einst fast in den Fluten des Rheins ertrunken, hat der Deutschen Welle zu einer neuen Heimat verholfen. Das Bundeshaus wird zum internationalen Kongresszentrum umgebaut. Der Plenarsaal ist für 11.100 Euro Miete am Tag zu haben, das Wasserwerk, die letzte provisorische Wirkungsstätte der Abgeordneten, schon für schlappe 4400 Euro.

Die Bundesstraße 9, vom Volksmund "Diplomaten-Rennbahn" genannt, verbindet Alt-Bonn und Bad Godesberg. Einst Grenze des politischen Ghettos, ist sie heute fest in Telekom-Hand. Das Erich-Ollenhauer-Haus, früher SPD-Hauptquartier, hat man kurzerhand okkupiert, das Konrad-Adenauer-Haus, die langjährige Schaltzentrale der CDU, verschwand unter den Schlägen der Abrissbirne. Hier baut die Konzernzentrale. Bonn hat sich verändert und ist sich doch treu geblieben. Mit Fremdbestimmung hat man Erfahrung. Römer, Kurfürsten, Napoleon, Preußen, der Bund - sie alle nutzten den hübschen Winzling am Rhein für ihre Zwecke, sie alle hinterließen ihre Spuren.

Ein Paradoxon der Geschichte: Dass es seiner Zukunft beraubt wurde, als es gerade begann, sich als Hauptstadt zu konsolidieren, hat sich für das Stehauf-Städtchen am Rhein als glücklicher Umstand erwiesen. Die pfiffigen Bonner verlegten sich auf das, was sie ein halbes Jahrhundert lang geübt hatten - Internationalität, und sie hatten Erfolg. Eine Stadt ist im Aufbruch, Veränderung ist ihr Programm. Es braucht keinen "Bericht aus Bonn" mehr, um die Stadt in die Schlagzeilen zu bringen.

Momentaufnahme, Sommer 2004, die erste:

In Bonn tagt die Internationale Konferenz für erneuerbare Energien. 154 Delegationen mit 130 Ministern und über 1000 Regierungsvertretern sind, begleitet von 2000 Beobachtern und Journalisten, an den Rhein gekommen, um über Weichenstellungen bei einem der wichtigsten Themen globaler Zukunftsgestaltung zu beraten. Bundeskanzler Schröder erklärt: "Bonn ist der richtige Ort."

Momentaufnahme, die zweite:

Das Auswärtige Amt hat in- und ausländische Experten zum 10. Forum "Globale Fragen" in den früheren Plenarsaal "Altes Wasserwerk" eingeladen, um über den Zusammenhang von wirtschaftlicher Entwicklung und Konfliktvermeidung zu beraten. Minister, Botschafter und Wissenschaftler sind zwei Tage lang zu Gast, um Wege zu suchen, wie man die Krisen der Welt entschärfen und zugleich eine soziale Befriedung herbeiführen kann.

Momentaufnahme, die dritte:

Neun Tage lang ist New York kultureller Gast der neuen "Biennale Bonn". Mehr als hundert Veranstaltungen, Theater, Musik, Kunst, Film locken 10.000 Besucher an, um einen Hauch von "Big Apple" am Rhein zu erhaschen. Vor der Caspar-David-Friedrich- Kulisse der Klosterruine Heisterbach etwa mordet ein schwarzer Macbeth aus Harlem im ekstatischen Machtrausch - die Romantik bietet der Welttragödie eine Heimat von menschlicheren Dimensionen.

Momentaufnahmen, Ausschnitte, gewiss, aber sie zeigen, dass die Stadt sich ihre Internationalität zurückgeholt hat. Das Flair dieser einzigartigen Verbindung von Rheinromantik und Weltoffenheit, von Geschichte und Lebensart, von Beschaulichkeit und schöpferischer Energie konnte bewahrt werden.

Bonn bewegt sich. Mit Gelassenheit. Glückliche Fügung: Doch noch ein Sonnentag. Der Bonner Marktplatz, fast zugewachsen von Straßencafés und Restaurants, gerahmt vom Rokoko-Rathaus und Bürgerhäusern des 19. Jahrhunderts, bevölkert von Studenten, Touristen, Flaneuren. Vor dem Metropol-Kino wird der rote Teppich ausgerollt, Uraufführung des Films "Höllentour", die Stars quetschen sich zwischen den Marktständen durch. Ein Pantomime verulkt die Biertrinker vor dem "Sternhotel".

Am Nebentisch erklärt der Bonner Schriftsteller und Fernsehautor Gerd Schneider, schwergewichtig und bärtig, einem Gast aus Berlin die Vorzüge Bonns: "Wo finden Sie diese einzigartige Mischung aus Beschaulichkeit und Bedeutung?" Und er zählt auf: Beethovenfest, Biennale, Stummfilmtage, Macke-Sammlung, der Neandertalerschädel im Rheinischen Landesmuseum, Bundeskunsthalle, Haus der Geschichte. Oder im Sport. Die Telekom Baskets spielen in der Bundesliga, das -Mobile-Team liegt vorn bei der Tour de France, der Godesberger Schachclub wird von einem amtierenden Weltmeister trainiert.

Und dann schwenkt er das Glas Kölsch gegen die bunte, lärmende Marktplatz-Kulisse: "Auf Bonn, die nördlichste Stadt von Italien. Salute!"

Autor:
Lothar Schmidt-Mühlisch