Bonn Orgel zwischen Himmel und Erde

Eine knarzende Stiege hinauf, dann über den Korridor; am Ende des Raumes stehen Geräte, die in dieser Umgebung wirken wie Vorboten einer fernen Welt: Monitore, Rechner, Drucker. Dem Chef sind sie nicht sonderlich sympathisch: "Es geht auch nicht viel schneller mit den Dingern", sagt Philipp Klais. Ungeduldig drängt er weiter, in jene Regionen des Labyrinths, wo es nach Holz duftet, wo gehobelt, gesägt und geschliffen wird. In die Windladen-Schreinerei, wo Handwerkszeug zum Einsatz kommt, das schon sein Urgroßvater verwendet hat.

Aber halt. Der Blick bleibt haften auf den Konstruktionsplänen an der Wand: Schwungvolle Formen, elegante Linien - das Objekt wirkt wie eine abstrakte Skulptur. "Das ist die Orgel für den Konzertsaal von Madison", sagt Klaus Flügel, der Mann am Computer. Die Pfeifen bilden eine Sinuskurve; der Konstrukteur hat sich von Mathematik und Akustik inspirieren lassen. Und von der Natur des US-Bundesstaates Wisconsin, in dessen Hauptstadt das Instrument stehen wird: "Die Landschaft dort ist hügelig und sanft gewellt", erklärt Flügel, der seit 30 Jahren bei Klais arbeitet und vorher als Reisestimmer viele Orgeln kennengelernt hat.

Ein anderer Entwurf, nicht weniger kühn: Obwohl für die mittelalterliche Elisabethkirche in Marburg bestimmt, hat das Instrument eine entschieden moderne Gestalt. Sie spielt mit den gotischen Formen der Kathedrale und leuchtet in bunten Farben wie die Glasfenster im Gotteshaus. "Es ist ein Geschenk, für diese Kirche eine Orgel bauen zu dürfen", sagt Klaus Flügel.

Man könnte ihn als Orgel-Designer bezeichnen, aber solche Begriffe verwendet hier niemand. "Wir sind alle gelernte Orgelbauer oder Schreiner", sagt Philipp Klais; alle 63 Mitarbeiter, nur die Sekretärin und die Finanzchefin nicht. Er selbst hat das Handwerk von seinem Vater gelernt. Seit vier Generationen arbeiten und wohnen die Orgelbauer der Familie Klais hier in der Kölnstraße in Bonn. "Die Werkstatt war mein Spielplatz", erinnert sich der Chef. "Als Teenager wollte ich aber auf gar keinen Fall Orgelbauer werden." Mit 19 Jahren durfte er nach Australien reisen, sein Vater ließ dort die Orgel von Brisbane montieren.

"Plötzlich erkannte ich: Die Welt des Orgelbaus ist sehr bunt." Es gibt keine genormten Teile und keine Bauordnung", schwärmt er heute. "Jede Orgel hat ihre eigene Persönlichkeit, spricht eine unverwechselbare Sprache." Klais ist voller Leidenschaft für sein Metier. "Ich will mit den Orgelklängen nicht die Ohren erreichen, sondern das Herz. Wenn ich das schaffe, dann ist das Werk gelungen." So altmeisterlich, wie sich das anhört, wirkt Philipp Klais keineswegs. Er ist 37, ein erfolgreicher Jungunternehmer, smart und eloquent. Sein Betrieb ist einer der ganz großen in Europa, er bearbeitet vier bis fünf Projekte im Jahr. Die Konkurrenz ist hart, am Wettbewerb um die Orgel in Marburg haben sich 20 Firmen mit ihren Entwürfen beteiligt. Rund 160 gibt es in Deutschland, alle Einmannbetriebe mitgezählt.

Die Atmosphäre bei Klais erinnert ein wenig an die aus der Jack-Daniel's- Reklame: dieses gelassene Wir-haben-es-hier-schon-immer-auf-unsere-Art gemacht. Da wird mit geschultem Blick Maß genommen, hier ein Grat entfernt, dort mit ruhiger Hand eine Öffnung geweitet, das Werkstück wieder und wieder prüfend betrachtet.

Stolz führt Philipp Klais durch seine Schatzkammer: Im Holzlager stapeln sich die Stämme hundertjähriger Eichen. Jahrelang müssen sie hier ruhen und trocknen, bevor sie verarbeitet werden. Die besten hat er selber ausgesucht, hat sogar den genauen Zeitpunkt bestimmt, an dem die Bäume geschlagen wurden. Der Stand des Mondes ist für ihn dabei ein entscheidender Faktor.

Die Hölzer werden passend zum Instrument ausgewählt. Bei der Orgel für die neue Moskauer Musikhalle, dem aktuellen Großauftrag, kommt nicht deutsche Eiche zum Einsatz, sondern Sibirische Lärche. Das Holz wird in mächtige Balken geschnitten, die das tonnenschwere Instrument tragen; es wird zu Windkästen und Pfeifen verarbeitet und zu hauchdünnen Leisten, die Tasten und Ventile miteinander verbinden. Insgesamt sind diese sogenannten Abstrakten mehrere Kilometer lang.

Für den Spieltisch werden edle Obsthölzer verwendet, die Tasten sind aus schwarz glänzendem Ebenholz. Und - nein, nicht mehr aus Elfenbein; der Artenschutz verbietet den Handel mit Elefantenstoßzähnen weitgehend.

Eine Zeit lang hat Philipp Klais Mammut-Stoßzahn aus dem sibirischen Permafrost verwendet. Aber irgendwann traute er dem Angebot nicht mehr; es war verdächtig viel von dem vermeintlichen Eiszeitprodukt auf dem Markt. Oberschenkelknochen vom Rind sind jetzt die Alternative. Holz ist der eine Orgel-Rohstoff, die anderen liegen in silbrigen Barren im Schuppen nebenan: Zinn und Blei.

Das Metall wird geschmolzen, die glühend heiße Brühe mit einer Schöpfkelle in den Bottich gefüllt und gleichmäßig ausgegossen, damit sie zu einer dünnen Platte erstarrt. Mit einer Ziehklinge bringen die Handwerker das Blech auf die geforderte Stärke, Span für Span, zum Rand hin abfallend, Präzisionsarbeit im Zehntelmillimeter-Bereich. Die fertigen Platten werden zu Pfeifenkörpern gerundet und gelötet, manchmal auch von Hand geklopft, je nachdem, was das Klangbild erfordert. Fast 6000 Pfeifen hat allein die neue Moskauer Orgel, 30 Gramm bis 680 Kilo schwer.

Stephanie Helmes, eine von zwei Frauen in der Werkstatt, setzt Pfeifenkörper und Pfeifenfuß zusammen. Sie ist noch Azubi, der Ausbildungsplatz ist heiß begehrt. Sie spielt Orgel, ein Plus bei der Bewerbung. "Musikalität ist wichtig", sagt ihr Chef, "und handwerkliches Talent." Der Schulabschluss hat keine große Bedeutung.

Christoph Paas schneidet mit einem Messer das Labium ins weiche Metall. An dieser Öffnung entsteht der Ton. Mit einer Zahnbürste säubert er die Schnittstelle, bessert noch ein wenig nach; dann setzt er die Pfeife an die Lippen und bläst kräftig hinein. Die Luftsäule bricht sich an der Öffnung, die Königin der Instrumente gibt ihren ersten Laut von sich. Rauh ist der Klang und ungeschliffen, aber ein Orgelton, unverkennbar. Er stellt die Pfeife zu den anderen auf die Intonierlade.

Dort werden sie angespielt und aufeinander abgestimmt. Später, beim Aufbau vor Ort, wird der Intonateur mit seinen Gehilfen die Feinarbeit übernehmen. Ein Wunderwerk entsteht, das die zartesten Flötenklänge erzeugen und im nächsten Moment einen Orkan entfesseln kann, ein Getöse, das Mauern erzittern lässt. Das den Raum einer Kathedrale mit Wohlklang füllen kann, mit warmen, weichen, vollen Tönen; tausende von Einzelstimmen, die zu einer harmonischen Einheit verschmelzen. "Die Orgel ist ein Spiegel der Gemeinde", sagt Philipp Klais. "Sie ist ein Bindeglied wischen Himmel und Erde."

Doch nicht alle Orgeln sind sakrale Kunstwerke. Im England des 19. Jahrhunderts erklangen Townhall-Orgeln zur Erbauung der Arbeiterklasse, Eintritt frei. Inzwischen geht es mehr um Prestige: Im Dortmunder Konzerthaus steht eine Klais-Orgel.

Aber auch im höchsten Doppelhaus der Welt, in den Petronas Towers der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur, und demnächst in der Pekinger Philharmonie. Die Orgel für den Moskauer Konzertsaal wird gerade im Montagesaal in Kisten verpackt, 16 Meter hoch, fünf Meter tief, zwölf Meter breit und 36 Tonnen schwer ist der Koloss. Neun Monteure werden zwei Monate brauchen, ihn wieder zusammenzusetzen und zu stimmen. Runde zweieinhalb Millionen Euro kostet solch ein gutes Stück. Die kleinste Orgel von Klais passt in einen VW Bus und schlägt mit 40.000 Euro zu Buche.

"Unser primärer Arbeitsraum ist die Kirche", sagt Philipp Klais. Ein Drittel der Aufträge sind Restauration. Er hält ein wurmstichiges Stück Lindenholz in der Hand, Teil der berühmten Gabler-Orgel aus dem oberschwäbischen Ochsenhausen.

"Natürlich könnte man das mit Kunststoff ausgießen", sagt er. Aber Hightech-Restauration passt nicht in sein Konzept. Ein Ersatzteil wird originalgetreu nachgefertigt und vor das marode Stück gesetzt. "Wir wollen, dass die Spuren der Restauration sichtbar bleiben. Andere müssen unsere Arbeit jederzeit wieder rückgängig machen können", erklärt er den Sinn der aufwendigen Operation. "Wir wissen nicht, welche Fragen zukünftige Generationen an das Instrument stellen werden", sagt Philipp Klais. Orgelbauer denken in anderen Dimensionen. "Was wird den Menschen in ein paar Jahrhunderten wichtig sein?", fragt er und schaut nachdenklich auf das Innenleben des barocken Meisterwerks, das seine Handwerker behutsam zerlegen.

Autor:
Fred Langer