Bonn Kein Dinosaurier im Museum Koenig

Fast alle Lebewesen haben eine Sprache und gewisse Rituale, um sich ihren Artgenossen mitzuteilen. Wenn sich ein Besucher des Museums Koenig als alter Bonner zu erkennen geben will, geschieht das folgendermaßen: Er betritt das ehrwürdige, bald hundert Jahre alte Gebäude mit forschem Schritt, verhakt sich fast in der Drehtür, weil der Mechanismus zu langsam ist für seine Ungeduld, schafft es in die Eingangshalle und bleibt dort abrupt stehen. Er hebt beide Arme, lässt sie wieder sinken und ruft schließlich aus: "Wo ist der Dinosaurier?"

Die Dame an der Rezeption kennt diese Szene, beugt sich über den Empfangstisch und bemerkt mit sanfter Stimme: "Es gab niemals einen Dinosaurier." Der Besucher kann das nicht glauben. "Dann war es ein Mammut?" - Nein, es war auch kein Mammut. Sondern das Skelett eines gewöhnlichen Elefanten. "Aber machen Sie sich nichts daraus", sagt die Dame. "Immer fragen alle nach dem Dinosaurier."

So ist das mit Kindheitserinnerungen: Sie sind wirklicher als die Realität. Der Besucher weiß noch genau, wie er vor 20, 30 oder 50 Jahren über die glatten Böden geschlichen ist, so vorsichtig, als dürften die Tiere nicht aufgeweckt werden. Wie er vor jeder Vitrine stehen blieb und die Kakadus und Kakapos, Okapis und Nebelparder von Kopf bis Fuß bestaunte. Wie aus allen Ecken die gelben und grünen Glasaugen glotzten. Wie lebensecht die Rotwildherde hinter Glas im Eichenwäldchen stand, tausendmal schöner als die Steifftier-Ausstellung bei Kaufhof zu Weihnachten. Dämmerlicht lag wie eine Staubschicht über allen Gegenständen in diesen Hallen, und am Eingang des jenseitigen Reichs wachte ein Knochenerberus in Gestalt des dienstältesten unter den Tieren: der Dinosaurier.

An seiner Stelle liegt nun ein Stück Afrika unter der hohen Milchglasdecke des Lichthofs. Zwischen den monumentalen eckigen Säulen sitzen, stehen und kauern zahme und wilde, pelzige, gefiederte oder gepanzerte Tiere auf Euskirchener Sand und echt namibischem Steppengras. Ein Leopard hat eine Antilope auf einen Baum gezerrt und macht sich ans Fressen, in vollem Lauf ist ein Gepard in einem Standbild gefangen. Schmetterlinge sitzen auf dem Dung einer Elefantenkuh, die ihr Junges bewacht, während ein Zebra aus dem Tümpel trinkt und dabei sogar Ringe auf der Wasseroberfläche hinterlässt. Außer einer Python und den beiden Giraffen, die seit mehr als 90 Jahren zur Sammlung Koenig gehören, wurden die meisten Tiere von hauseigenen Präparatoren extra für die Ausstellung angefertigt, die unter dem Titel "Unser blauer Planet - Leben im Netzwerk" seit der Wiedereröffnung des frischrenovierten Museums im Oktober 2003 ständig gezeigt wird. Keins der älteren Tiere ist verschwunden, sie mussten nur umziehen in die oberen Stockwerke - oder ins Archiv. Der Besucher bleibt skeptisch. Das Elefantenskelett in der dritten Etage war doch früher größer und sah eindeutig mehr nach Saurier aus.

Ein Haus, das insgesamt 300.000 ausgestopfte Säugetiere, Fische und Vögel sowie mehrere Millionen präparierter Insekten beherbergt, verleitet zur Legendenbildung. Im Museum Koenig scheint sich "Geschichte" noch im Aggregatzustand von "Geschichten" zu befinden, die aus allen Ecken der Vitrinen und Dioramen (prächtig gestaltete Szenen mit Landschaft und mehreren Tieren) wispern und zum Zuhören, Weitererzählen und Hinzuerfinden einladen. So ist das eben, wenn man sich in einem verwirklichten Kindertraum bewegt.

Der im Jahr 1858 geborene Alexander Koenig, Naturforscher, Universitätsprofessor und Museumsgründer in spe, war 14 Jahre alt, als er sein erstes "Naturhistorisches Cabinet" aus präparierten Tieren eröffnete. Er wuchs auf der gegenüberliegenden Straßenseite in der elterlichen Villa auf, die, nebenbei gesagt, Jahrzehnte später den westdeutschen Bundespräsidenten unter dem Namen "Hammerschmidt" als Amtssitz dienen sollte. Mit den Jahren vervielfachte sich die Sammlung und brauchte mehr Platz. Und irgendwann ein Museum. Im Jahr 1912 erfolgte die Grundsteinlegung in der heutigen Adenauerallee 160.

Seine Bestimmung sieht man dem Gebäude auf den ersten Blick an. Auf dem griechisch anmutenden Dreiecksfries über dem Portal sind statt Apoll und Aphrodite eine Menge Vier- und Zweibeiner zu sehen, die ohne Weiteres als Reisegruppe auf der Arche Noah durchgehen könnte. Über allen Gebäudeecken spreizen Adler die Flügel; ringsum wird die Fassade von Reliefs mit Füchsen, Eichhörnchen, Hasen, Eulen und anderem Getier verziert. Bevor es seinen regulären Betrieb aufnehmen konnte, hatte das Haus der toten Tiere vier politische Systeme und zwei Weltkriege zu überstehen. Mehrfach wurde es beschlagnahmt, diente als Lazarett, Kaserne, Gefängnis oder Luftschutzbunker, während die empfindliche Sammlung zeitweilig im Keller eingemauert lag.

Historische Irrungen und Wirrungen

Im Jahr 1934 wurde das Museum erstmals offiziell eröffnet und sein Gründer mit Anerkennung und Ehrbezeigungen überhäuft. Dennoch wäre es dem NSDAP-kritischen Alexander Koenig wahrscheinlich nicht gelungen, sein Lebenswerk gegen die Nationalsozialisten zu verteidigen - hätte Reichsjägermeister Hermann Göring bei einem Besuch in Bonn die koenigliche Sammlung nicht für ein "Jagdmuseum" gehalten. Görings Begeisterung für die angehäuften Trophäen mag wie ein Schutzschild gewirkt haben. Koenig starb im Jahr 1940 und erlebte nicht mehr, wie seinen Tieren weiterhin das Haus streitig gemacht wurde.

Als am 1. September 1948 der Parlamentarische Rat seine Eröffnungssitzung im Lichthof des Museums feierte, mussten sie sich allesamt hinter Verschlägen und Vorhängen verstecken. Die stehende Giraffe war zu groß, um unter die Seitengänge geschoben zu werden, und so hieß es in der Presse, dass hohe Tier habe den hohen Tieren vorwitzig und mit rot drapiertem Hals bei ihren ersten Schritten zur Erschaffung des Grundgesetzes zugeschaut. Wieder eine Legende.

Nur knapp entging das Museum der zweifelhaften Ehre, zum deutschen Parlament gekürt zu werden. Zum Ausgleich stellte es der frisch gebackenen Republik seine Räume als Kanzleramt zur Verfügung. Nach dem Einzug in sein provisorisches Büro notierte der erste Bundeskanzler irgendwie erleichtert in sein Tagebuch, die "ausgestopften Affen und Ichthyosaurier [seien] hinter Glas und blaugrauen Vorhängen verschwunden". Offensichtlich hat auch Konrad Adenauer an den Dinosaurier geglaubt.

An diese historischen Irrungen und Wirrungen erinnert heute nur noch eine Bronzetafel im Eingangsbereich, während unter der Decke Goldlettern in lateinischer Sprache verkünden, dass die Natur die Lehrerin aller Künste sei. Nur wenige Schritte weiter tritt die afrikanische Savanne den Beweis dafür an, dass auch die Nachahmung der Natur eine ausgesprochen hohe Kunst ist. Die Tiere der Ausstellung erzählen nicht nur von sich selbst und ihrem Lebensraum, sondern auch von den Kreisläufen des Umweltsystems und der ökologischen Bedeutung sogenannter Biodiversität (Artenvielfalt). Der öffentlich zugängliche Teil der Sammlung ist nur die Spitze des berühmten Eisbergs: Hinter dem Museum steht ein Zoologisches Forschungsinstitut (ZFMK) mit etwa 60 Mitarbeitern.

Das Institut kooperiert mit der Universität Bonn und ist Teil eines wissenschaftlichen Netzwerks, in dessen Rahmen es als Leibniz-Institut für terrestrische Biodiversität verschiedene Forschungsprojekte durchführt. Weiterhin verfügt das ZFMK über eine Museumsschule, ein eigenes Präparationsatelier und eine Fledermaus-Beringungszentrale. Es untersucht Fisch-Lebensgemeinschaften in der Sieg und ist mit der Erstellung eines Weltregisters für wandernde Tierarten beschäftigt.

Meist geht es aber um das Auffinden und die Klassifizierung unerforschter Lebewesen. "Was's dat denn?", ist die Kernfrage des Naturforschers und wohl auch der meistgehörte Ausspruch im öffentlichen Teil der Sammlung.

"Auch so eine Art Schwein", erklärt ein überforderter Vater seinen Sprösslingen den Weißbart-Pekari. Wer es genauer wissen will, kann nach einem der Ferngläser greifen, die neben den Informationstafeln hängen, und die Ausstellungsstücke im Detail untersuchen. "Eine Frau!", ruft ein kleiner Junge, der sein Glas ganz offensichtlich nicht auf das Diorama gerichtet hält. "Oh, wie süß!", meinen zwei weitere Miniaturforscher in der Europa-Abteilung im ersten Stock ausgerechnet unter den hämisch grinsenden Skeletten zweier eiszeitlicher Riesenhirsche. Ihre Lehrerin betrachtet derweil die Rebhühner, Fasanen und Wachteln: "Hm, lecker."

Eine Bache liegt im Gras und säugt ihre Frischlinge, Meisen bauen Nester unter Dachrinnen, die Mäuse kriechen im Kartoffelsack umher und Möwen sitzen auf einem durchaus lebensechten Müllhaufen. Niemandem, nicht mal den Kindern scheint es unangenehm aufzufallen, dass sie sich in einer der größten Leichenhallen der Republik befinden. Die Präparatoren haben es geschafft, jedem ihrer Werke das ausgehauchte Leben wieder einzuhauchen. Bei einem Eichhörnchen gelingt das in zwei bis drei Stunden; die Präparation eines Großtiers kann schon mehrere Tage in Anspruch nehmen.

Die meisten Tiere kommen als Geschenke aus Zoos und Naturparks in aller Welt nach Bonn und sind auf natürliche Weise gestorben - nur die Elefantenkuh wurde nach einem erfolgreichen Mordanschlag auf ihren Wärter zum Tode verurteilt. Ihnen allen wird im Atelier unterm Dach der Balg abgezogen und zur Konservierung gegerbt. Für Kleintiere wird ein Innenleben aus Holzwolle und Garn gewickelt, während man von den Großen ein kunstvolles Modell aus einem leichten Kunststoffschaum fertigt, auf das Fell oder Federkleid aufgebracht werden können. Jeder Präparator verbindet die Fähigkeiten eines Modellierers und Kunstmalers mit zoologischen und anatomischen Kenntnissen.

Besondere Sorgfalt wird stets dem Gesicht des Tieres gewidmet. Lebensechtheit in Ausdruck und Haltung bis ins letzte Detail sind die Zielpunkte aller dermoplastischen Kunst. Was dabei herauskommt, spricht das Kind im Forscher ebenso an wie den Forscher im Kinde. Es ist ein Kabinett aus Fremdartigem und Vertrautem, nicht ganz lebendig und auch nicht richtig tot, alles unbewegt und wie in der Bewegung erstarrt, dem Auge des Betrachters in größter Nähe und bis in alle Einzelheiten dargeboten. Wer Kinder hat, soll sie mitbringen. Und nicht vergessen: Am Eingang nach dem Saurier fragen.

Autor:
Juli Zeh