Rheintal Eine Gegend wie ein Dichtertraum

Wer nach einer Weltreise vom Frankfurter oder Köln-Bonner Flughafen nach Hause nicht die neue ICE-Strecke, sondern die alte Rheinstrecke wählt, wird beim Blick auf das vorbeiziehende Rheintal an eben erst bereiste Landschaften erinnert.

Das Jangtsetal, das Niltal, die Wolga, das Rhonetal oder den Mississippi. Alle diese weltberühmten Landschaften sind deshalb so populär, weil sie auf den Betrachter wirken wie Kunst.

Besonders das Mittelrheintal ist Landschaftskunst, von Menschen gestaltete Natur mit Burgen und Weinterrassen. "Der höchste Grad der landschaftlichen Kunst ist da erreicht, wo sie wieder freie Natur, jedoch in ihrer edelsten Form, zu sein scheint", schreibt Hermann Fürst von Pückler-Muskau, der vielleicht bedeutendste deutsche Landschaftskomponist, 1834 in seinen "Andeutungen über Landschaftsgärtnerei".

Dass sich beim Rheintal Gott selbst als Landschaftsgärtner betätigt hat, meint Heinrich von Kleist in einem Brief von seiner Rheinreise aus dem Jahr 1801: "Der schönste Landstrich von Deutschland, an welchem unser großer Gärtner sichtbar con amore gearbeitet hat, sind die Ufer des Rheins von Mainz bis Koblenz, die wir auf dem Strome selbst bereist haben. Das ist eine Gegend wie ein Dichtertraum."

Es waren nicht deutsche Träumer, die das Rheintal zwischen Bonn und Mainz als romantische Schauer- und Sehnsuchtskulisse erfanden, sondern englische Maler und Dichter, die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts den Rhein bereist haben. William Turner malte die rheinischen Flusslandschaften. Doch es war eine Frau, die das Rheintal als eine abgründige Unheil drohende Gegend entdeckt hat.

"Trübe Gedanken bedrückten mich, während ich durch die schöne und herrliche Landschaft fuhr", lässt sie ihre tragische Figur, den Wissenschaftler Viktor Frankenstein aus Ingolstadt, erzählen. "Meine Augen starrten blicklos nach vorn. Über den schroffen und unwegsamen Abgründen thronten verfallene Burgen inmitten dunkler Wälder…", düstere Kulisse für einen Stoff von unheimlicher Aktualität: Frankenstein hat aus Leichenteilen und Technik einen künstlichen Menschen erschaffen und kann seine Erfindung nicht mehr beherrschen. Er sitzt auf dem Dampfer, das Monster verfolgt ihn zu Fuß auf den Pfaden und Hängen des Rheintals. Der 1818 erschienene Weltbestseller von Mary Wollstonecraft Shelley wurde für alle Rheintouristen zum Salz in der Suppe aus lieblichen Landschaftsbildern.

Das Rheintal - Toskana für reiche Kölner und Bonner

Die Landschaft der Dichter und Maler zählt seit Juni 2002 zum Welterbe der Unesco. Damit gehört der Rheinabschnitt von Koblenz bis Rüdesheim wie das Loiretal, das Donautal der Wachau und neuerdings das Dresdner Elbtal zu den schützenswerten Flusslandschaften der Welt. Allerdings würde keiner der Maler und Poeten von einst begreifen, warum die Romantik erst bei Koblenz beginnt und nicht schon kurz hinter Bad Godesberg. Sie hätten ohnehin Schwierigkeiten, den Kegelvereins-Tourismus zu verstehen, der sich besonders um den Loreleyfelsen breit macht, Massenweine und Schnitzelkultur, Prospekte ohne englische Übersetzung, Touristeninformationen mit servicefeindlichen Öffnungszeiten.

Das alles hat dem Mittelrhein kein gutes Image eingebracht. Es schreckt Gäste ab, die Wert legen auf Qualität und Exklusivität zu entsprechenden Preisen. Das Rheintal ist dabei, dieses Image abzuschütteln, und merkwürdigerweise besonders an den Rändern des Welterbes. Ein Beispiel ist Rolandswerth, eigentlich ein südlicher Vorort von Bad Godesberg-Mehlem, aber durch die Landesgrenze zwischen Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen Remagen zugeschlagen.

Wer von den Niederlanden rheinaufwärts kommt, trifft hier unmittelbar vor der ersten Erhebung des Rheinischen Schiefergebirges auf einen rätselhaften Park.

Nach langer Zeit der Verwilderung hat das Berliner Künstlerpaar Caroline Bittermann und Peter Duka das Gelände zu einer wildromantischen Parklandschaft umgestaltet. "Die vollendete Speculation führt zur Natur zurück", ist das Motto. Der Aphorismus des romantischen Dichters Novalis bringt das Grundprogramm der deutschen Romantik auf den Punkt: Nicht zurück zur Natur wie bei Rousseau, sondern der Versuch, eine Versöhnung herzustellen zwischen den Eingriffen in die Natur und den Verletzungen, die daraus entstehen.

Der Park, bis in die dreißiger Jahre im Besitz einer Industriellenfamilie englischer Abstammung, wurde nacheinander von Nazis, Amerikanern, Engländern und Franzosen okkupiert, ehe die Sowjetunion die prächtige Villa als Botschaft nutzte. Ende der sechziger Jahre zogen die Sowjets aus; der Park verwilderte. Die Villa verfiel und wurde abgerissen. Schließlich verkaufte die Bundesvermögensverwaltung das Areal an die Stadt Remagen, die es vor Abholzung und Bebauung schützte, den Urwald roden und die alten Parkstrukturen wieder zum Vorschein kommen ließ. Heute ist der Park ein Zwischending aus Urwald und Landschaftspark, aus Kunst und Natur und Teil des geplanten 14 Kilometer langen Skulpturenufers von Remagen, an dem bis 2006 alle tausend Meter ein Künstler ein Projekt verwirklichen soll.

Für Raimund Stecker, Leiter des Arp Museums in Remagen, ist der Skulpturenpark nur eine von vielen Herausforderungen. Der Kulturmanager hat große Teile des Künstlerbahnhofs Rolandseck in den Bauzustand von 1906 zurückverwandelt.

Hinter den Gleisen wird bis 2006 auf den Hängen ein neuer Museumskomplex für die Kunst des 20. Jahrhunderts entstehen, mit dem Bahnhof als Entree.Architekt ist der Amerikaner Richard Meier (Pritzker-Preisträger und Erbauer des Getty-Center in Los Angeles). Das Museum soll die Sammlungen der Stiftung Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp aufnehmen. "Die Rheinhänge zwischen Rolandswerth und Remagen", sagt Raimund Stecker auf der weiten Terrasse des Bahnhofs, "waren einst die Toskana der reichen Kölner und Bonner, die sich hier ihre Sommersitze bauen ließen." Vom einstigen Kopfbahnhof Rolandseck fuhren sie im Landauer zu ihren Anwesen.

Rolandseck war Treffpunkt für Künstler und internationale Prominenz. Zu den Gästen zählten Königin Viktoria von England, Otto von Bismarck, Kaiser Wilhelm II. und Clara Schumann, Heinrich Heine, Guillaume Apollinaire und Franz Liszt. Prächtig sind die Säle mit dem Deckenschmuck im pompejanischen Stil.Vom Piano Nobile blickt man zur Klosterinsel Nonnenwerth und auf den Drachenfels.

Eine Burg am Rhein zu besitzen ist vielleicht der Traum aller Rheinreisenden. Wie ist das, wenn man plötzlich eine Burg erbt? Heide Prinzessin von Hohenzollern blickt kurz aus dem Fenster in die Baumkronen." Wenn wir gewusst hätten, was auf uns zukommt, hätten mein Mann und ich das Schloss verkauft." Das Ehepaar hat nach dem Tod der Mutter des Prinzen Godehard die Zelte in München abgebrochen und ist mit der Familie an den Rhein gezogen.

Burg Namedy liegt nicht auf einer Höhe, sondern in einer Rheinaue zwischen Bad Breisig und Andernach. Ein scheinbar von der Welt abgeschlossener Ort, wie von einem Idyllendichter des 18. Jahrhunderts erfunden. Wiesen und ansteigende Wälder.

"Ich kam hierher", erzählt die Prinzessin, "um den Haushalt meiner Schwiegereltern aufzulösen. Wir haben uns sofort in das Gebäude verliebt, obwohl es in keinem guten Zustand war." Ohne die Zuschüsse vom Land und die Hilfe vom Landesamt für Denkmalpflege hätte sie, besonders nach dem Tod ihres Mannes, aufgeben müssen.

Nirgendwo drängen sich die Burgen so dicht wie am Mittelrhein

Eine Burg trägt sich ökonomisch nicht von selbst. Prinz Godehard von Hohenzollern (rheinische Linie), eng mit dem belgischen Königshaus verwandt, hat bereits in den siebziger Jahren ein Konzept entwickelt, das später zum Vorbild für viele Schlösser und Burgen im Rheintal wurde. Er hat das Anwesen nach außen geöffnet: Es gibt regelmäßige Konzerte im Spiegelsaal des Schlosses, verbunden mit Veranstaltungen der "Villa Musica" in Mainz und im Jagdschloss Engers bei Neuwied. Außerdem werden die prächtigen, antik möblierten Räume für Feste, Hochzeiten und geschäftliche Anlässe vermietet.

Thomas Metz ist, wenn man so will, Nachfolger aller Kommandanten auf der größten preußischen Festung, der Koblenzer Akropolis, dem wohl am meisten von den Rheintouristen des 19. Jahrhunderts gezeichneten und gemalten Bauwerk. Der Leiter des Landesmuseums auf der Festung Ehrenbreitstein, zugleich verantwortlich für den Bereich Burgen, Schlösser, Altertümer beim Mainzer Landesamt für Denkmalpflege, hat Ehrenbreitstein als Experimentierfeld entdeckt. In einem der Kasemattengewölbe sitzt ein Soldat in historischer Uniform hinter einem Tisch und erzählt die Geschichte des Festungsgebäudes aus seiner ganz persönlichen Erfahrung.

Vor ihm sitzen Besucher, die der "Ewige Soldat" (abwechselnd dargestellt von den Schauspielern André Wittlich und Boris Weber) schon kreuz und quer durch die Festung und durch die Jahrhunderte bis ans Ende des Zweiten Weltkriegs geführt hat.

Auch andere Burgen und Schlösser im Rheintal werden jetzt auf diese Art bespielt: Geschichte als erlebtes Theater statt Frontalunterricht in langweiligen Museumsführungen.

Thomas Metz hat das Konzept zusammen mit der amerikanisch-schweizerischen Bühnenautorin Dominique Caillat entwickelt, die auch für Schloss Stolzenfels eine fiktive Figur als "Zeitzeugen" erfunden hat. Die Idee funktioniert, in die Gebäude kommt Leben, die Mauern beginnen zu sprechen. Geschichte wird lebendig.

Burg Stolzenfels, wenige Kilometer südlich von Koblenz am linken Rheinufer gelegen, war eine Ruine, als Preußens Kronprinz, der spätere König Friedrich Wilhelm IV., das Bauwerk 1823 von der Stadt Koblenz als Geschenk erhielt. Er ließ es von seinem Architekten Karl Friedrich Schinkel zu einem romantischen Schloss (1836-42) mit Park umbauen, heute das rheinische Gegenstück zu den später gebauten bayerischen Schlössern Ludwigs II.

Das Mittelrheintal hat die größte Burgendichte der Welt. 15-mal mussten die Schiffer in diesem Flussabschnitt Warenzoll bezahlen. Die Ruinen, an denen sich die melancholische Stimmung der englischen Touristen Ende des 18. Jahrhunderts entzündete, wurden keine hundert Jahre später im Stil der Zeit wieder aufgebaut. Es gibt nur noch zwei Burgen, die nie zerstört wurden: Pfalzgrafenstein, die Zollburg auf einer Insel mitten im Rhein bei Kaub, und die Marksburg über Braubach, Inbegriff einer perfekten mittelalterlichen Burg. Sie begeisterte einen Japaner so sehr, dass er sie originalgetreu in seinem Land nachbauen ließ. Einige Burgen bieten als Hotels zeitgemäßen Komfort wie Rheinfels in St. Goar oder die Schönburg in Oberwesel. "Wir wollen erreichen, dass jede Burg am Rhein ihre unverwechselbare Identität bekommt", sagt Thomas Metz.

Recht unverdient ist der Loreleyfelsen der größte Publikumsmagnet im Rheintal. Das neue mit Expo-Geldern erbaute Besucherzentrum ist noch die größte Sehenswürdigkeit auf dem Felsplateau. Sonst stehen hier nur ein Hotel, das kein Touristikführer loben möchte und ein schreckliches an die dreißiger Jahre erinnerndes steinernes Freilichttheater. Der

Düsseldorfer Schriftsteller und Künstler Niklas Stiller plant zusammen mit dem Arp Museum ein Projekt. Sechs 40 Meter lange Planen, wie sie für Gebäudewerbeflächen benutzt werden, sollen mit den sechs Strophen des Loreley-Liedes von Heinrich Heine bedruckt, den Felsen schmücken.

Wahre Romantiker finden ausgewiesene Wanderwege auf den Höhen mit traumhaften Ausblicken und Vier-Sterne-Burgen für die Nacht. Besucher, die den Fluss mit dem Passagierschiff befahren, können einen ganzen Tag auf dem Mittelrhein verbringen, aussteigen, wo sie wollen, oder an Deck die Landschaft an sich vorbeiziehen lassen, mit Engländern, Amerikanern und Chinesen, Japanern oder Franzosen Gespräche führen oder die Abgründe der Maschine des Schaufelraddampfers "Goethe" bestaunen, den letzten seiner Art.

Man kann, wenn man denn will, auch das neueste Aushängeschild der Köln-Düsseldorfer-Schifffahrtsgesellschaft besteigen, die "RheinEnergie" - ein Katamaran mit Bühne und zweigeschossiger Zuschauerebene, mit Bars und Salons. Auf dem größten Flussboot Europas den Rhein hinauf oder hinunterzufahren, bietet durch große Fensterfronten einen nie vorher gesehenen Blick auf die Landschaft. Im Rheintal wird musiziert und gespielt, bietet die Veranstaltungsreihe "Musik in Burgen und Schlössern" zwischen März und August 80 Konzerte in 30 Burgen, Schlössern, Villen und historischen Sakralbauten. Wer im Juli oder August den Rhein zwischen Düsseldorf und Rüdesheim besucht, kann fast an jedem Wochenende ein Großfeuerwerk erleben. Das spektakulärste lockt - jeweils am zweiten Augustwochenende - eine halbe Million Menschen nach Koblenz, eine Show der Superlative mit dem längsten Schiffskorso Europas. Der Name könnte romantischer kaum sein: Rhein in Flammen.

Autor:
Michael Winter