Bonn Die Ex-Hauptstadt ist wieder wer

"Hier gibt es ja nicht mal Rohmilchkäse", maulte ein Pariser Zeitungskollege, den es Mitte der achtziger Jahre von der Seine an den Rhein verschlagen hatte - in die damalige Bundeshauptstadt Bonn, die man je nach Couleur mal verächtlich Provinz, mal liebevoll Idyll nannte. Mittlerweile ist Bonn nicht mehr Hauptstadt, dafür gibt es Rohmilchkäse in jedem Discount-Laden.

Als Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth am 20. Juni 1991 um 21.47 Uhr das knappe Abstimmungsergebnis verkündete - 338 Stimmen für Berlin, 320 für Bonn -, waren die Bonner wie gelähmt, herrschten Ratlosigkeit, Wut und Zukunftsängste. Parlament, Regierung und Landesvertretungen, die Botschaften, Verbände und Medien beschäftigten etwa 30.000 Menschen. Einschließlich der Familienangehörigen drohte der Exodus von mehr als 80.000. Es wäre der Kollaps der Stadt gewesen.

Die Angst ist verflogen. Bonn ist wieder wer. Die Kommune gehört zu den wenigen deutschen Großstädten, deren Bevölkerung wächst. Der Geburtenüberschuss macht Bonn - gegen den Trend - zu einer jungen Stadt. Seit dem Berlin-Bonn-Beschluss sind etwa 4000 Einwohner dazugekommen. Das Bildungsniveau, ein wichtiger Standortfaktor, ist hoch. 18 Prozent aller Beschäftigten haben Hoch- oder Fachhochschulabschluss, mehr als in allen anderen NRW-Städten. Fast die Hälfte aller Schulabgänger erreicht Hochschulreife mit Bestnoten: Bonner Abiturienten fahren landesweit die meisten Einser-Abschlüsse ein.

Die Arbeitslosigkeit (7,8 Prozent) ist im Vergleich zum Landesdurchschnitt (10,2) deutlich niedriger, der Arbeitsmarkt hat sich relativ stabil entwickelt. 2003 lag die Zahl der Beschäftigten um 3000 über der des Umzugsjahres 1999. In den vergangenen zwölf Jahren sind Jahr für Jahr durchschnittlich 600 neue, allerdings überwiegend kleine Unternehmen gegründet worden, vor allem im Umfeld von Deutsche Telekom und Deutsche Post AG. Mit den beiden Global Players ist die Stadt sogar im Dax vertreten, zusätzlich mit T-Online im TecDax und mit dem IVG Immobilienkonzern im MDax. T-Mobil und Deutsche Postbank sind feste Größen der Stadt. Mit der Privatisierung von Post und Telekom erfuhr die Region eine Dynamisierung.

Würden beide Konzerne mit ihren Töchtern irgendwann auch richtig Steuern zahlen, hätte Bonns Kämmerer gut lachen. Wegen hoher Abschreibungen fallen die Beiträge für den Fiskus derzeit noch sehr schmal aus. Immerhin: In Bonn wachsen beide Konzerne weiter, obwohl sie bundes- und weltweit Arbeitsplätze abbauen.

Kennzeichnend für den Strukturwandel ist: Die Neugründungen sind überwiegend Kleinunternehmen des Dienstleistungssektors. Drei Viertel aller Arbeitsplätze liegen in diesem Bereich, der seit 1991 um knapp 30 Prozent (etwa 23.000 Beschäftigte) zugelegt hat und als "Job-Maschine" gilt.

Jeder Dritte arbeitet in der Informations- und Kommunikationstechnologie. Allein dieser Zweig, den die Stadt besonders fördert, hat den Rückgang des produzierenden Gewerbes mehr als kompensiert. Das Bonner Bruttoinlandsprodukt (Maß für den Wert der wirtschaftlichen Leistung) stieg zuletzt um fast neun Prozent (Landesdurchschnitt 1,3 Prozent).

An der Wertschöpfung, die sich daraus ableitet, haben die Dienstleistungen einen Anteil von 91 Prozent. Die langjährige SPD-Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann sieht das als Bestätigung: "In schwieriger Zeit ist die Stadt in guter Verfassung." Dies belegt auch eine Umfrage: Gegen den Trend in der Republik haben 77 Prozent der Bonner eine positive Einstellung zur Zukunft. Die Stimmung ist gut. Bonn erlebt neue Gründerjahre. Zukunftsträchtige Sektoren wie Informationstechnologien und Biowissenschaften genießen Priorität. In rund 800 Unternehmen des IT-Sektors sind 25.000 Menschen beschäftigt. Mit der Universität, mehreren Fachhochschulen, Forschungsinstituten und -organisationen kann die Wirtschaft der Region auf mehr als 60 Wissenschaftseinrichtungen zugreifen.

Trotz des Umzugs hat die Kaufkraft der Region nicht gelitten. Unter 439 Städten und Landkreisen liegt Bonn mit knapp 20.000 Euro pro Einwohner und Jahr auf Platz 20. Das Kapitalanlage-Magazin "Cash" bescheinigt Bonn, einer "der attraktivsten Standorte für den Einzelhandel" zu sein. Der brauchte allerdings einige Zeit, sich von der Beamtenkundschaft auf die Geschmacks- und Kaufgewohnheiten der Neu-Bonner einzustellen. Inzwischen sei die Talsohle durchschritten, sagt Brigitte Grüll, Vorsitzende des Marketingausschusses in Bonn-Bad Godesberg.

Der Bund, dem immer noch 500.000 von insgesamt 3,7 Millionen Quadratmetern Bürofläche gehören, hat seit Mitte der neunziger Jahre rund 500 Millionen Euro in die Renovierung seiner Bonner Liegenschaften investiert. Die positive Entwicklung der Region wäre ohne die Unterstützung des Bundes nicht möglich gewesen. Im Umzugsbeschluss war eine "faire Arbeitsteilung" zwischen der alten und neuen Bundeshauptstadt vereinbart. "Der Bund hat seine Pflicht getan", sagt Werner D'hein, langjähriger Pressedezernent der Stadt Bonn. Der Ausgleich für Bonn und die Region fiel großzügig aus. Die Kernpunkte der Vereinbarung:

• Sechs Ministerien behielten ihren ersten Dienstsitz in Bonn und bekamen einen zweiten in Berlin für etwa zehn Prozent (seit 1998 bis zu 25 Prozent) des Personalbestandes.

• Die übrigen Ministerien haben in Berlin den ersten und in Bonn den zweiten Dienstsitz.

• Als Kompensation erhielt Bonn 22 Bundesbehörden aus Berlin und Frankfurt am Main.

• Bonn wurde Verwaltungssitz für neun weitere Einrichtungen wie Telekom und Post.

• Von den auf zehn Milliarden Euro begrenzten Umzugskosten bekam die Region 1,43 Milliarden Euro.

• Das Land Nordrhein-Westfalen steuerte rund 300 Millionen Euro bei, vorwiegend für die S-Bahn-Anbindung an den Flughafen Köln/Bonn.

• Wegen seiner Rolle als Wegbereiter der deutschen Demokratie erhielt Bonn den Titel "Bundesstadt". Das kostete nichts, nahm den Bund aber moralisch in die Pflicht.

Der Ausgleich brachte mehr, als erhofft. Ex-Sprecher D'hein, mit dem Hintergrund der Verhandlungen vertraut: "Für weitere Subventionen gibt es keine Begründung mehr. Die Region muss jetzt aus eigener Kraft bestehen." Auch Guido Kahlen, Co-Dezernent und im Rathaus für die Verwaltungskoordination zuständig, bestätigt: "Berlin hat Wort gehalten."

Im Bundesviertel herrscht wieder Hochbetrieb

Der Umzug war kein Exodus. Mehr als die Hälfte der vom Umzugsbeschluss betroffenen Bonner hält weiter Wacht am Rhein. Eine Jobbörse sorgte für sozialverträgliche Lösungen. Wer nicht nach Berlin wollte, konnte sich bei den nach Bonn versetzten Behörden bewerben und umgekehrt. Die Tauschbörse vermittelte mehr als 7000 Bundesbeschäftigte; der Umzug ging innerhalb weniger Wochen über die Bühne, wobei am Ende das Limit von zehn Milliarden Euro um zehn Prozent unterschritten wurde. Im alten Regierungsviertel, heute "Bundesviertel" genannt, herrscht wieder Hochbetrieb. Parkplätze sind so rar wie zu Bundestagszeiten. Der nahe gelegene Post-Tower, 162,5 Meter hoch, belebt das Umfeld, vorübergehend verwaiste Landesvertretungen sind verkauft oder vermietet, das Abgeordneten-Hochhaus "Langer Eugen" wird Teil des neuen Uno-Campus.

Bonn hat gute Aussichten, neben New York, Genf, Nairobi und Wien wichtiger Uno-Standort zu werden. Internationale Kongresse belegen die Attraktivität der Region als Konferenzort. Hoteliers (mehr als 7300 Betten) und Gastronomen (rund 5000 Beschäftigte) sind zufrieden. Die Gegenbauer Gebäudemanagement GmbH, Betreiber des im Bonner Bundeshaus neuangesiedelten Internationalen Kongresszentrums Bundeshaus Bonn (IKBB), plant den Bau eines neuen Plenarsaals, weiterer Büros und eines Fünf-Sterne-Hotels. Die Kapazität soll bis zum Jahr 2008 von 2000 auf 5000 Teilnehmer erhöht werden.

Eine der Säulen des Ausgleichs ist der Wissenschaftssektor mit 19.000 Beschäftigten in Bonn und Umland. Außer der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Helmholtz-Gemeinschaft siedeln hier drei Max-Planck-Institute, Humboldt-Stiftung und Fraunhofer-Gesellschaft - insgesamt mehr als 60 Forschungseinrichtungen. Die ehemalige NRW-Landesvertretung soll als Nukleus einer kleinen Elite- Universität dienen. Handverlesene Professoren der neuen Bonn-Aachen-IT-Akademie bieten handverlesenen Studenten ein Turbo-Studium für Biowissenschaften.

Ein ehrgeiziges Projekt ist das Hochtechnologie-Forschungszentrum CAESAR (Center of Advanced European Studies and Research), eine Stiftung, die 384 von insgesamt 820 Millionen aus dem Ausgleichfonds für Wissenschaft und Bildung erhält. Mit 220 Mitarbeitern bildet CAESAR einen Kristallisationspunkt für einen Wissenschaftsverbund, in dem Unternehmen der Region, Institute und die Bonner Universität eingebunden sind. Frei von staatlichen Vorgaben forschen internationale Arbeitsgruppen interdisziplinär an den Schnittstellen von Chemie, Physik, Medizin, Biologie und Informatik. Kein Elfenbeinturm, sondern ein Think-Tank nach US-Vorbild. Ein Projekt forscht nach Implantaten für die vierten Zähne, um die dritten zu sparen. Ein weiteres beschäftigt sich mit computerunterstützter Chirurgie. Auf dem Gelände des Klinikums der Universität Bonn entsteht die neurowissenschaftlich ausgerichtete Modellinstitution "Life & Brain".

Die Bonner Uni genießt einen guten Ruf. In einer Ranking-Liste von 57 deutschen Universitäten lag sie zuletzt auf Platz fünf. Ein Highlight ist die elektronische Netzhaut, entwickelt in interdisziplinärer Zusammenarbeit unter Leitung des Bonner Neuroinformatikers Professor Rolf Eckmiller, eine Sehprothese für Blinde. Revolutionär ist die Fassadenfarbe mit dem Lotos-Effekt, eine Entdeckung von Professor Wilhelm Barthlott vom Botanischen Institut. Er hat die selbstreinigenden Eigenschaften bei Pflanzenoberflächen wie der Lotos-Blume erforscht.

Doch gibt es auch Rückschläge für das boomende Bonn. So hat die Forschungsministerin Edelgard Bulmahn die Hochschulabteilung ihres Bonn-Ministeriums nach Berlin abgezogen; die Stadt fürchtet einen "Rutschbahneffekt", und der Bund der Steuerzahler und einige Hinterbänkler des Bundestages fordern den kompletten Regierungauszug nach Berlin. Nach einem Gutachten des Bundesrechnungshofs kostet die Zweiteilung jährlich zehn Millionen Euro. Ein Komplettumzug würde aber weitere fünf Milliarden Euro kosten. Allein von den Zinsen dieses Betrags wäre der Status quo über Jahrhunderte finanzierbar.

Garantien gibt es für Bonn nicht. Ob die Stadt künftig allein die Folgelasten für die Infrastruktur der bisherigen Hauptstadt verkraften kann, steht noch aus. Früher hat der Bund die Ausgaben für das Vorzeige-Bonn zum größten Teil übernommen, heute fördert er gerade noch die Bonner Kulturlandschaft bis zum Jahr 2010 - mit 44,5 Millionen Euro. Bis dahin muss die Bonner Kultur auf Normalmaß gestutzt sein. Einziger Trost: Mussten sich die Bonner immer anhören, wie auf "die in Bonn" geschimpft wurde, wenn die Politik sich mal wieder übernommen hatte, können die Bonner nun über "die in Berlin" herziehen.

Autor:
Wolfgang Hoffmann