In eigener Sache Wer war Maria Sibylla Merian?

Maria Sibylla Merian hatte keine einfache Kindheit. Sie wird am 2. April 1647 in Frankfurt am Main geboren, da liegt Deutschland in Trümmern. 30 Jahre Krieg, raubende Banden und Anarchie haben das Land verwüstet. Dann stirbt der Vater: 1650 wird der Kupferstecher und Verleger Matthäus Merian beigesetzt, dessen Name auch Titel dieser Website ist. Der 56-Jährige hinterlässt eine Frau und eine dreijährige Tochter Maria Sibylla, deren späterer Ruhm den des Vaters erreicht - wenn nicht übertrifft.

Sie, die sich kaum kennen durften, eint ihr offener Blick auf die Dinge. Matthäus Merian wurde bekannt durch seine "Topographien", wirklichkeitsnahe Wiedergaben von Städten und Landschaften. Er erfindet Städteansichten, nicht in der üblichen Sicht aus der Höhe eines imaginierten Hügels, sondern Städte, wie sie sich dem Auge eines in der Höhe kreisenden Adlers darstellen mögen - so übersichtlich und scharf im Detail. Heute ist uns dieser Blickwinkel vertraut, aber den Menschen seiner Zeit erschien es, als sei ihnen die Gabe des Fliegens verliehen. Leicht zu glauben, dass manchem Betrachter seiner Werke - so ist es überliefert - schwindlig wurde.

Merians ältester Sohn Matthäus (1621-1687) übernimmt das Erbe des Vaters. Maria Sibylla Merian aber geht ihren eigenen Weg. Von Kindheit an begeisterte Zeichnerin, ist ihr der Stiefvater, der Blumenmaler Jacob Marrell, ein erstklassiger Lehrer. Nur: Blumen begeistern Maria Sibylla nicht so sehr wie Insekten, Spinnen und Würmer. Teufelsgetier war das in jener Zeit, Empörung und Abscheu ruft die junge Frau hervor, aber sie lässt sich nicht beirren. Sie sammelt Raupen und zeichnet sie, sieht sie sich verpuppen und zeichnet dies, sieht sie als Schmetterling schlüpfen, deren Farben sie aufs Pergament bannt. Für die einen ein Graus, für sie ein Wunder. Die Metamorphose wird ihr Lebensthema. Mit 18 Jahren heiratet sie den Maler Johann Andreas Graff und folgt ihm fünf Jahre später in seine Heimatstadt Nürnberg. Er ediert ihr "Neues Blumenbuch" und vor allem "Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung" in zwei Bänden, ein Meisterwerk, das bis heute als der Geburtsakt der Insektenforschung gilt. Niemand hatte zuvor das Leben der Kerbtiere so aufmerksam beobachtet, kaum jemand auch deren Schönheit wahrgenommen.

Maria Sibylla Merian eröffnet, darin dem Vater ähnlich, eine neue Perspektive. Während ihr Ruhm und damit ihr bereits kräftiges Selbstbewusstsein wachsen, bleibt der Erfolg ihres Mannes aus. Die Ehe wird ihr zur Last, sie trennt sich von ihm, ja man kann sagen: Sie lässt ihn nach fast 20 Jahren sitzen. Das ist im 17. Jahrhundert ein fast unerhörtes Ereignis.

Die Künstlerin zieht mit Mutter und Töchtern nach Holland. Amsterdam, damals Europas blühende Metropole, wird schließlich ihre neue Heimat. Beharrlich widmet sie sich auch dort ihren Forschungen. Angeregt von tropischen Schmetterlingssammlungen reist sie 52-jährige nach Surinam. Der Norden Südamerikas, ist gerade erst entdeckt worden und nur in einem schmalen Streifen am Meer besiedelt. Das Land ist eine urtümlich grüne Hölle, heiß und gefährlich. Hier zeichnet Maria Sibylla Käfer, Raupen, Schmetterlinge und exotische Pflanzen, präpariert Frösche, Spinnen und Krokodile.

1701 erkrankt sie an Malaria, kehrt zurück nach Amsterdam. Der Prachtband "Metamorphosis insectorum Surinamensium" mit 60 kolorierten Kupferstichen ist nicht nur zauberhaft schön, sondern ein Standardwerk naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Der Foliant wird ein Bestseller in ganz Europa. Sogar Zar Peter der Große, in jenen Tagen einer der reichsten und mächtigsten Männer der Welt, schickt 1717 seinen schottischen Leibarzt, um Kupferstiche von Maria Sibylla Merian zu kaufen. Doch der Gesandte kommt zu spät. Nach einem Schlaganfall ans Bett gefesselt, schließt sie, die so vielen die Augen für eine neue Welt öffnete, am 13. Januar die ihren für immer.

Schon zu Lebzeiten anerkannt, wird Maria Sybilla später großer Nachruhm zuteil: Das Konterfei der Merian ziert der 500-D-Mark-Schein und eine Briefmarke der Bundespost. Auf der Venus ist ein Krater nach ihr benannt und seit einigen Jahren trägt das deutsche Eisrand-Forschungsschiff den Namen der Frankfurterin.