Fotografie Die Kamera immer im Gepäck

MERIAN.de: Herr Easton, an welches Motiv und an welche Reise können Sie sich besonders gut erinnern?
Craig Easton: Eigentlich habe ich keine einzige vergessen! Denn meine Fotos bewahren die Erinnerungen an alle Reisen. Aber als erstes in den Sinn kommt mir mein Trip nach Zentralamerika. Nicaragua 1989. Es war nicht nur meine allererste Reise sondern auch das erste Mal, dass ich mit  einer Kamera reiste und die Welt anders wahrnahm.

Wird es nach 20 Jahren als Reisefotograf schwieriger immer wieder spektakuläre Motive zu finden?
Ich will gar keine spektakulären Bilder aufnehmen, sondern das Alltägliche festhalten. Aber zu fotografieren ohne nachzudenken, das wird schwieriger. Oft sorgt man sich zu viel um das richtige Licht und das richtige Wetter, dann versucht man es in einer anderen Position, probiert etwas aus - so macht man sich selbst das Leben schwer. Die Herausforderung dabei ist, wenn Licht und Wetter denn einmal mitspielen, das Alltägliche auch gut aussehen zu lassen.

Wohin wollen Sie unbedingt noch reisen?
Oh, überallhin! Sehr gerne würde ich mal nach Neuseeland reisen. Ich bin Schotte und jeder sagt mir, dass Neuseeland wie Schottland sei. Nur etwas größer. Und ich liebe meine Heimat!

In Ihrem Blog schreiben Sie über Ihre gebrauchten Kameras, die Sie liebten. Wie wichtig ist richtiges Equipment für ein gutes Foto?
Sehr wichtig! Aber das richtige Equipment ist immer abhängig davon, was ich zeigen will. Das kann auch eine sehr billige Kamera sein. Je nachdem, was ich aufnehmen möchte, reichen mir manchmal drei bis vier Kamerasysteme. Für einen Streifzug durch die Stadt packe ich nur eine leichte Kamera ein, aber wenn ich große Panoramen aufnehme, brauche ich die Breitbildkamera.

Yankee Stadium in the Bronx NYC, April 2013
www.craigeaston.com
Das Yankee Stadium in der Bronx: Was wäre New York ohne sein American-Football-Team?
Porträts und Landschaftsaufnahmen scheinen in Ihren Arbeiten eng miteinander verbunden. Warum?
In Landschaftsaufnahmen findet sich immer etwas, das der Mensch hinterlassen hat. Häuser, Pfade, Boote. Und bei Porträts ist es für mich wichtig zu zeigen, in welchem Umfeld das Foto entstand, welche Stimmung das Motiv umgibt. Beides gehört also zusammen.

Wie viel darf ein Reisefotograf retuschieren?
Eine Hälfte meiner Arbeit ist Kunst, die andere Dokumentarfotografie. Bei meinen Dokumentarfotografien bearbeite ich nur so viel, wie ich früher auch in der Dunkelkammer ändern konnte, zum Beispiel das Verstärken von Kontrasten. Fotografen manipulieren eigentlich immer, weil sie die dreidimensionale Realität nur in 2-D ablichten können, früher sogar nur in schwarz-weiß. Aber man sollte ehrlich mit dem Betrachter sein. Ich möchte, dass man weiß, wie es sich an dem Ort angefühlt hat. Wenn ich eine düstere, kalte Stimmung auf dem Foto ausdrücken möchte, dann mache ich den Himmel dunkler. Ich versetze aber keine Berge dorthin, wo keine sind. Anders ist es bei der Werbefotografie. Dort ist Retuschieren extrem wichtig.

Craig Easton vor dem InterContinental
www.craigeaston.com
Gewinner des Cutty-Sark-Awards 2012: Craig Easton.

Nach der Reise, stelle ich oft enttäuscht fest, dass meine Fotos immer die selben Postkartenmotive zeigen: den Eiffelturm, die Freiheitsstatue, die Tower Bridge...
Im 21. Jahrhundert wird so viel fotografiert wie nie zuvor und dennoch sieht man immer die gleichen Motive. Ist das nicht schrecklich? Schrecklich und auch witzig. Im Louvre habe ich gesehen, wie sich vor dem winzigen Bild der Mona Lisa bis zu 80 Leute drängten und ihre Handys und i-Pads in die Höhe hielten, um ein Foto zu schießen. Dabei ist genau das das eigentliche Bild! Die Fotos, mit denen ich vergangenes Jahr den Cutty-Sark-Award gewann, zeigen auch den Eiffelturm, aber mit Touristen, die vor dem Eiffelturm stehen und Fotos von sich selber - vor dem Wahrzeichen - machen. Ich leite mittlerweile auch Workshops und erzähle den Teilnehmern, dass man nicht nur lernen muss, richtig zu fotografieren, sondern auch, richtig zu sehen. Viele Fotografen haben durch die technischen Details vergessen, das Leben zu erleben und hinzuschauen. Am Morgen gibt es immer das besondere Licht. Wenn man ganz früh aufsteht und wirklich hinsieht, dann sagt einem die innere Stimme schon, wann man auf den Auslöser drücken muss.

3 Top-Tipps von Craig Easton:

Machen Sie Bilder (fast) direkt in die Sonne!
Es ist eine alte Fotografenweisheit, dass man nicht direkt in die Sonne fotografieren soll. Manchmal jedoch kann eine natürliche Hintergrundbeleuchtung für ein Motiv sehr schmeichelhaft sein. Wenn die Sonne fast im Bild ist, erzielt man schöne Highlights rund ums Haar und die Schultern des Motivs. Fotografieren Sie auch gegen die Sonne, wenn Sie Stadtlandschaften oder Gebäude einfangen wollen. Brechen Sie die Regeln und lassen Sie sich vom Ergebnis überraschen.

Verlieben Sie sich in Details!
Vergessen Sie bei Porträts von Freunden und Familie oder bei Schnappschüssen von Sehenswürdigkeiten nicht die Details. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die verraten, in welcher Stadt Sie sind.

Seien Sie bereit für das Unerwartete!
Ich habe meine Kamera immer bei mir und beobachte die Lichtverhältnisse und die Umgebung. Spontane Aufnahmen sind oft die besten. Wer seine Ausrüstung parat hat, muss auch sein Motiv nicht zu lange warten lassen. Die Ästhetik eines spontanen Bildes geht so nicht verloren.

INFO

Craig Easton ist Reise- und Werbefotograf und Co-Autor des Buches "52 Weekends by the Sea", das Rückzugsorte in seiner Heimat Großbritannien in Szene setzt. Zurzeit bietet Easton in ausgewählten InterContinental Hotels Fotografie-Workshops an, während derer die Teilnehmer zwei Tage lang die Stadt erforschen, fotografieren und sich untereinander austauschen. Weitere Infos per Mail an: WeekendEscapesExperiences@ihg.com

Autor

Franziska Gräfin Adelmann