Interview Matto Kämpf über die Poesie der Alpen

"Das Berner Oberland ist ein mit Tannen bewachsener Unsinn", lautet der erste Satz in Matto Kämpfs neuem Buch "Kanton Afrika". Darin erzählt er die – frei erfundene – Biografie seines Urgroßvaters, der vom Berner Oberland aus die ganze Schweiz erkundet und als Gelehrter in das heimatliche "Panoptikum der Einfalt" zurückkehrt.

MERIAN: Herr Kämpf, wie kamen Sie zu Ihrem ruppigen Bild des Berner Oberlandes?

Matto Kämpf: Ich bin in der Nähe von Thun aufgewachsen, also am Rande des Berner Oberlandes. Dort haben wir häufig Ferien gemacht. Ich bin vertraut mit der Gegend. Es geht dort rauer zu als in den Städten. Für mich ist das Berner Oberland der Wilde Westen der Schweiz. Ein mythischer Ort, auf den man vieles projizieren kann. In meinen Texten behaupte ich "stotziges" – schroffes – Zeug über die Gegend, und die Zuhörer wollen es gerne glauben. Die Urtümlichkeit kommt vielleicht auch einer nostalgischen Sehnsucht entgegen. Ein Verwandter sagte einmal: "Heimat ist da, wo man sich aufhängt." Das trifft es. Welches Verhältnis hat die Schweizer Kulturszene zum Berner Oberland? Das Berner Oberland ist eine Bauerngegend. Die meisten Schweizer, auch die Städter, haben eine direkte Verbindung zum Bauerntum. Manchmal liegen nur eine oder zwei Generationen dazwischen. Das ist natürlich zwiespältig. Man will sich distanzieren und modern wirken. Gleichzeitig hat man in den Ferien noch die Großeltern auf dem Bauernhof besucht und dort die schönsten Stunden verbracht. In der Schweiz gibt es ja das Bedürfnis nach einem neuen Umgang mit Brauchtum und Tradition, auch mit Mundart. Das entdeckt die Kulturszene im Moment wieder. Man will nicht alles der rechtspopulistischen Partei SVP überlassen.

Wie unterscheidet sich Ihre Sicht auf das Berner Oberland von der der Touristen?
Ich sehe es vor allem von innen. Also aus der Sicht derer, die sich einerseits über die Touristen aufregen, andererseits aber von ihnen profitieren. Die Fremden und die Städter wollen ja immer, dass alles altmodisch bleibt, weil es so schön aussieht. Aber die Einheimischen haben vielleicht lieber eine Autobahnzufahrt in der Landschaft, weil das für sie bequemer ist.

Was empfehlen Sie also Gästen, die einmal das wahre Berner Oberland sehen wollen?
Die sollen mal einen bunten Abend in einer Mehrzweckhalle irgendwo in einem Dorf besuchen. Die Plakate hängen an den Bushaltestellen. Da tritt der Jodelverein auf, vielleicht wird ein Schwank aufgeführt, und es gibt eine Tombola, wo man eine Büchse Ananas gewinnen kann. Das ist die echte
Kultur der Einheimischen.