Wallis Der Berg und das Dorf

Auf der engen Bahnhofstraße setzt Heinz Julen zu einem Höhenflug an. Der hagere Riese geht mit raschen Schritten und erklärt sein Projekt "Dream Peak". Eine gläserne Pyramide will er auf den Gipfel des Kleinen Matterhorns setzen. Sie soll aus dem 3883 Meter hohen Berg einen Viertausender machen. Julen schwärmt von einer architektonischen Inszenierung, in der Energieversorgung autark und mit Multimedia- Konferenzraum. Reisende können dort mit künstlichem Druckausgleich übernachten …

Bimmelnde Schellen unterbrechen den Visionär. Von hinten kommt eine Kutsche, gezogen von zwei Schimmeln. Ein frierender Kutscher hält die Zügel, er trägt einen blauen Umhang und eine Schirmmütze mit dem Schriftzug "Zermatterhof". In dieses Hotel bringt er die Gäste, die er vom Bahnhof abgeholt hat. Heinz Julen geht einen Schritt zur Seite, Schneeflocken fallen auf seine schwarze Brille und das gewellte Haar, das er zu einem Pferdeschwanz gebunden hat.

Die Kutsche rumpelt vorbei, er schwärmt weiter von seiner Zukunftskapsel auf dem Gipfel: "Das wird eine ökologische Alternative zum Weltraumtourismus." Wir sind in Zermatt. In diesem Dorf, 1620 Meter hoch am Ende des engen Mattertals gelegen, prallen die Kontraste hart aufeinander. Vom 200 Jahre alten Speicher, den die Bergbauern auf Stelzen und runde Steinplatten gestellt haben, damit die Mäuse nicht ans Brot kommen, sind es nur ein paar Schritte bis zum Sushi-Restaurant. Einheimische entbieten den alten Gruß "Tagwohl ", junge Engländer feiern in einer Lounge im Ibiza-Style. In der Whymper- Stube riecht es nach Käsefondue, schräg gegenüber spielt eine Rhythm'n'Blues-Band aus den USA. Die schmalen Gassen sind autofrei, über den eng zusammengluckenden Dächern schwebt ein Hubschrauber mit Gästen zum Heliskiing. Willkommen im Bergdorf mit Weltanschluss.

Heinz Julen wurde 1964 hier geboren. Sein Vater August Julen war Bergbauer und Skilehrer, seinen Sohn nannte er nach einem berühmten Feriengast von Zermatt, dem amerikanischen Ketchup-Fabrikanten Mister Heinz. Der junge Julen besuchte ein Jahr die Kunstschule im Unterwallis, seither mischt er als Gestalter sein Heimatdorf auf. Er polemisiert gegen den alpinen Einheitsstil, der in den achtziger Jahren auch Zermatt verschandelt hat. Die Betonorgien der Hotels und Apartmenthäuser, mit Holz auf heimelig getrimmt, nennt er "aufgeblasene Pseudo-Kuhställe".

Julen baut verspielte Kronleuchter, die mit Ersatzteilen aus der Klempnerwerkstatt den Protz der Kristalllüster parodieren. Er entwirft Möbel und richtet Restaurants ein. Sein kühnstes Projekt ist allerdings gescheitert: Mit der Schweizer Unternehmerfamilie Schärer baute er ein Hotel auf einem Felsen oberhalb von Zermatt. Es sollte ein Ort werden, von dem die Leute träumen. Die Betten standen auf Drehscheiben, die sich über Nacht bewegten. Am Morgen hatten die Gäste das Matterhorn vor Augen. In der Präsidentensuite gab es einen Whirlpool, der sich wie eine Hebebühne hochfahren ließ: Man schwebte so im Wasser sitzend über dem geöffneten Dach.

Kurz nach der Eröffnung dieser vor Extravaganzen nur so strotzenden Herberge kam es zum Bruch. Die Schärers warfen Julen bauliche Mängel vor, erteilten ihm Hausverbot und ließen mit dem Furor eines Exorzisten alles wieder rausreißen, was an den Gestalter Julen erinnerte. Der hat seither andere Hotels in Zermatt gebaut (die tadellos funktionieren), doch dieses zerstörte Werk erhebt er in die Sphäre der Mythen: "Das ist jung gestorben wie James Dean."

Extreme Entwicklungen sind eine Spezialität von Zermatt. Im Jahr 1811 lebten hier 335 Menschen, im Winter waren sie von der Welt abgeschnitten. Heute hat der Ort 5 600 Einwohner, 124 Hotels und 17 500 Gästebetten. Eine multimediale Projektion im Matterhorn Museum nennt das reich gewordene Bauerndorf ironisch "Zermoney ". Ein Mitarbeiter des Tourismusbüros, auf dessen Visitenkarte "Junior Manager" steht, sagt staunend: "Auch wenn die Welt untergeht, sind die Hotels hier immer noch voll."

Wie ein Leuchtturm ragt das Matterhorn heraus

Wer wissen will, warum die Engländer und Amerikaner, Russen und Araber hierherkommen, steigt am besten in die Zahnradbahn, die seit 1898 Touristen auf den 3 135 Meter hohen Gornergrat transportiert. Sie war von Beginn an elektrisch betrieben, und das Panorama, das sich auf der Fahrt bietet, beeindruckt noch heute jeden Passagier. Langsam steigt die Bahn aus dem dicht bebauten Talkessel. Am Riffelbord schützt eine 800 Meter lange Galerie das Gleis vor Lawinen, und ab der Riffelalp öffnet sich der Blick.

Wie in einem Amphitheater präsentieren sich die markanten Gipfel der Westalpen: Das Zinalrothorn ragt spitz wie der Reißzahn eines Raubtiers in den Himmel, der Alphubel duckt sich wie abgehobelt. Das Breithorn trägt einen mächtigen Eispanzer, nur bei der Dufourspitze darf man seinen Augen nicht trauen. Diese unscheinbare Zacke auf dem Monte Rosa-Massiv ist der höchste Berg der Schweiz, 4634 Meter hoch. Gletscher leuchten türkis, sie haben messerscharfe Randmoränen ins Gebirge gefräst.

Kaum ein Ort in den Alpen zeigt die schroffen Formen des Hochgebirges so majestätisch wie Zermatt. Ringsherum stehen 38 Viertausender, aber einer ragt wie ein Leuchtturm aus diesem Meer von Gipfeln: das Matterhorn. Der Berg der Berge, der Zermatt weltberühmt gemacht hat. Der stramme Wind bläst Schnee von der Spitze dieser überwältigenden Pyramide, eine weiße Fahne steigt steil in die eisblaue Luft.

Im 19. Jahrhundert kamen die ersten Bergsteiger nach Zermatt. Weil die irgendwo schlafen mussten, bot der Arzt des Dorfs in seinem Haus drei Betten an. 1854 kaufte der aus dem Goms stammende Seifensieder Alexander Seiler das Chalet und baute es zum "Hotel Monte Rosa" mit 35 Betten aus. Heute hat das Haus am Dorfplatz vier Sterne und 88 Betten. Die dunkelroten Wände in der Bar schaffen eine warme Atmosphäre. Die Möbel sind mit elegant gemusterten Stoffen bezogen, an der niedrigen Decke hat man kürzlich knorrige Balken freigelegt - kein auf alt getrimmtes Holz, mit dem die Tourismusindustrie in den Skigebieten Tradition vorgaukelt, sondern die originale Decke des historischen Chalets.

Christian Seiler sitzt auf dem Sofa, ein Glas Weißwein in der Hand. Ein Mann mit einem vollen Gesicht, Jahrgang 1943, der wohltuend zurückhaltend auftritt. Seiler trägt ein braunes Sakko und ein Wollhemd, auf Schmuck und Krawatte verzichtet er. In der vierten Generation leitet er das Imperium der Seiler-Hotels und ist der größte Arbeitgeber in Zermatt. Im Winter beschäftigt er mehr als 500 Mitarbeiter.

Das Verhältnis der Dörfler zu dieser Hoteliersdynastie darf man sich nicht zu harmonisch vorstellen. Der Pionier Alexander Seiler, der den Bergbauern mit dem Tourismus eine sagenhafte Einnahmequelle erschloss, wollte in die Burgerschaft aufgenommen werden. Also in die Versammlung der Einheimischen, die über Grund und Boden bestimmt. Doch in zwei Abstimmungen ließen die Zermatter ihn dröhnend durchfallen - er bekam keine einzige Stimme. Man stritt sich vor dem Walliser Staatsrat und dem Bundesgericht. Nach 18 Jahren erhielt Alexander Seiler schließlich den Burgerbrief. Das Abkommen endete mit den Worten: "Eintracht, Friede, Einigkeit und gegenseitiges Zutrauen sollen stetsfort zwischen den Zermattern und der Familie Seiler walten."

Christian Seiler, der Urenkel, zieht erst dieses Jahr in sein Dorf. Bislang hat er in Sion gelebt, kam nur zu Besuch nach Zermatt. "Weil ich Abstand haben wollte", sagt er. "Zermatt ist keine Stadt, Zermatt ist ein Dorf geblieben." Für die Urlauber ist das schön, weil dieser groß gewordene Ort immer noch viel Geborgenheit bietet. Doch trotz des Wohlstands, den der Tourismus ins Tal gebracht hat, herrschen unter den Einheimischen oft Neid und Missgunst. Der Nachbar soll ja kein größeres Stück vom Kuchen abbekommen. Um böses Blut zu vermeiden, beziehen die Seiler-Hotels das Brot zum Frühstück vom Bäcker Fuchs, zum Abendessen von der Bäckerei Biner.

Christian Seiler ist stolz auf das, was seine Familie in der Hotellerie aufgebaut hat. Schon sein Urgroßvater hatte die kühne Idee vom Wintertourismus in Zermatt. Bereits 1862 führte er in der Weihnachtszeit den englischen Alpinisten Christopher Smyth zwei Tage zu Fuß durch das Tal. Er zeigte ihm die Pracht der verschneiten Berge und bot an, sein Hotel auch im Winter zu öffnen. Doch als der Engländer dort ins Gästebuch schreiben wollte, fror ihm die Tinte ein. Sein Sohn Hermann organisierte im Jahr 1902 den ersten Skikurs.

Erst seit 2002 macht Wintersport in Zermatt richtig Spaß

1928 nahm die Eisenbahn erstmals den Winterbetrieb auf, und die fünfziger Jahre brachten schließlich die Wende: Seither kommen in der Skisaison mehr Gäste ans Matterhorn als im Sommer. Die Skisportler können sich auf 350 Pistenkilometern austoben. Auch hier bieten sich großartige Kontraste: zwischen den steilen Buckelpisten am Stockhorn und den flachen Carving-Autobahnen am Theodulgletscher, zwischen den wilden Strecken am Schwarzsee und den mehr als zehn Kilometer langen Abfahrten in den italienischen Teil des Skigebiets. Dort ist man nach ein paar Schwüngen in einer anderen Welt. Auf den Hütten gibt's Polenta statt Rösti, in Valtournenche zeigen alte Steinhäuser den herben Charme des Aostatals.

Aber erst seit 2002 macht Wintersport in Zermatt richtig Spaß. So lange hat es gedauert, bis sich vier Bergbahnbetreiber endlich zu einer großen Gesellschaft zusammenschlossen. Seitdem wurden neue Bahnen gebaut, die vernünftige Verbindungen zwischen den einzelnen Teilen des Skigebiets schaffen. Jetzt kann man zur "Matterhorn Ski Safari" aufbrechen. Schilder zeigen etwa die Route vom Rothorn über Testa Grigia bis Breuil-Cervinia. Ohne eine Bahn oder eine Piste zweimal benutzen zu müssen, kann man auf dieser Tour 10 000 Höhenmeter bewältigen.An einem Tag schaffen das nur sportliche Skifahrer, die morgens die erste Gondel nehmen und mittags nicht lange in der Hütte verweilen.

Wer so unterwegs ist, verpasst allerdings Findeln. Das ist ein Weiler oberhalb von Zermatt. Jahrhundertealte Holzhäuser und Speicher ducken sich hier aneinander, die Sonne hat ihre Balken fast schwarz gegerbt. Früher haben die Bauern mit ihrem Vieh im Frühjahr hier gelebt, bevor sie im Sommer auf die Almen gezogen sind. Aus einem primitiven Unterstand für Kühe ist der "Findlerhof" geworden. An rustikalen Tischen servieren Franz und Heidi Schwery ihren Gästen Austern und Stopfleber. Die Theke ist mit dem Holz von Wein-Kisten beplankt, der Lammrücken aus dem Goms ist butterzart, und die Rösti schmecken nach Kartoffeln statt nach Fett.

Wem es hier zu rummelig ist, der geht zu Max und Greti Menning. Die beiden betreiben ein noch idyllischeres Feinschmeckerlokal im Weiler Zum See, dreißig Fußminuten von Zermatt entfernt. Ihre Fischsuppe muss keinen Vergleich mit einer Bouillabaisse in Nizza scheuen. Diese Gourmet-Hütten am Pistenrand riechen aber nicht nach St. Moritz. Man isst hier gut (und teuer), aber die Wirte feiern keine Hummer-und- Champagner-Orgien. Zermatt kriegt die Kurve, Luxus ist hier edel, aber nicht dekadent.

Christian Seiler erklärt das aus der Geschichte des Ortes:"Unsere ersten Gäste waren Alpinisten. Die haben lieber in einer Hütte als in einem Palast geschlafen. Wir haben auch heute nicht die Klientel für mondäne Palace-Hotels." Wer protzen will, geht woanders hin. Zumal in Zermatt ein wichtiges Statussymbol nicht ausgespielt werden kann: Das Auto kann noch so teuer sein, es bleibt in der großen Garage unten im Tal. In dieser Demokratie der Fußgänger zeigen sich Standesunterschiede subtiler, wie in Romanen aus einer vergangenen Zeit.

Im großen Spa des Seiler-Hotels "Mont Cervin Palace" trägt eine Kinderfrau aus Südamerika ein Baby spazieren, während sich die Eltern am Pool räkeln. Man muss in Zermatt nicht zwangsläufig Ski anschnallen, um auf spektakuläre Berge zu gelangen. Auch Damen im Pelz fahren mit der höchsten Seilbahn der Alpen auf das Klein Matterhorn. Die Aussicht ist kaum zu übertreffen. An einem klaren Tag sieht man Mönch und Jungfrau, vor dem hellen Mont Blanc fällt die Wand der Grandes Jorasses dunkel in die Tiefe, und im warmen Licht des Südens leuchtet die Gran-Paradiso-Gruppe.

Seit die Aktiengesellschaft der Bergbahnen angekündigt hat, mit Heinz Julen eine Pyramide auf diesen Gipfel zu setzen, steht Zermatt im Zentrum kontroverser Diskussionen. Naturschützer gehen auf die Barrikaden. Kritiker halten das Projekt für größenwahnsinnig. "Ich habe was gegen verlogene Architektur ", sagt Heinz Julen, "und gegen unehrliche Haltungen." Er zeigt auf die Anlagen, die heute für Touristen die Spitze erschließen. Der betonierte Schlund der Seilbahnstation verhunzt seit 1979 die Silhouette des Kleinen Matterhorns. "Entweder geben wir dem Berg seine Einsamkeit zurück und bauen alle Anlagen ab", sagt Julen, "oder aber wir inszenieren eine spektakuläre Bühne für die Alpen."

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Autor:
Johannes Schweikle