Berner Oberland Bollywood in der Schweiz

Das Hotelzimmer ist groß. Nicht ganz zeitgemäß möbliert, aber geräumig. So wie es sich gehört für einen, der Anweisungen erteilt. Der indische Filmregisseur Bharathiraja hat sich selbst imposant auf das breite Bett dekoriert, ganz leger mit einem sonnengelben Tuch um die Hüften und einem gut eingeschenkten Glas Whisky in der Hand.

"Tomorrow", sagt er mit einer tiefen, sonoren Stimme, wie man sie möglicherweise nur von reichlich Whisky bekommt. "Tomorrow I need a lake, two boats and two divers."

"Na super", seufzt Jean-Pierre Francioli, "dann mal schönen Abend noch." Francioli ist ein hoch aufgeschossener, sehniger Mann, nur seine Schultern hängen leicht, und seine Augen hinter den kleinen, runden Brillengläsern wirken müde. Er schält sich langsam aus dem Türrahmen und sagt leise im Gehen: "It's a little late for that, but I see what I can do." Er hätte auch brüllen können: Seid ihr total wahnsinnig? Ich bin seit 17 Stunden auf den Beinen! Ich habe euch heute durch die halbe Schweiz kutschiert auf der Suche nach einer Wiese, die so grün war, wie ihr sie gern hättet! Es ist Freitagabend, 22 Uhr - könnt ihr euch nicht mal ein bisschen früher überlegen, was ihr wollt?

Francioli weiß, es würde nichts ändern. Er hat sich heute schon mehrmals den Mund wund geredet, hat das 20-köpfige indische Team in einem altersschwachen Reisebus kurvige Bergstraßen hinauf- und hinuntergekarrt, hat das Panorama auf dem Hornberg angepriesen, als wäre es sein Lebensziel, jede Kuh der Schweiz auf Zelluloid gebannt zu sehen. Auf dem Hornberg jedoch war das Gras zu braun, dem Jahrhundertsommer sei Dank. In der Nähe von Zweisimmen schließlich fand sich am Ende des Tages eine saftige Weide.

Die Abendsonne zauberte ein Funkeln auf die Kostüme der Darsteller, und Bharathiraja war zufrieden. "Yes, very good - the erotic glow of the moment", schnurrte er. Francioli stöhnte:"Wir drehen - ich nagel ein Kreuz an den Himmel!" Dann verschwand das Licht hinter dem Bergmassiv. Es sah nach Feierabend aus.

Seit sieben Jahren betreut Francioli indische Filmschaffende, die mit der Bergwelt seiner Heimat Liebesgeschichten aus Bollywood garnieren. Und das nur, weil er Bus fahren kann, weil er Englisch spricht und Französisch, vor allem aber, weil er viel Humor hat und noch mehr Geduld. Im Busunternehmen "Tritten Reisen" in Zweisimmen im Berner Oberland jedenfalls ist er neben Chef Jakob Tritten der Einzige, der mit den Indern kann. Die anderen chauffieren lieber japanische Touristengruppen oder den öffentlichen Nahverkehr. "Man muss das mögen. Die Herausforderung."

Freitagabend in Zweisimmen, einem kleinen Bergdorf 15 Kilometer entfernt von Gstaad. Es ist nicht viel los hier mitten im August. Jakob Tritten sitzt schon eine Weile im Gasthof Alpenrose, während Francioli noch sein Handy heißtelefoniert auf der Suche nach See, Booten,Tauchern. Er hebt gelassen sein Rotweinglas und erklärt die Größe der Aufgabe sowie den ewigen Grund des Scheiterns: "Die Inder sind nicht lernfähig." Diese Filmemacher kennen keine Drehpläne, keine Tagesdispos, im schlimmsten Fall haben sie noch nicht mal ein Skript. So war es nur von Vorteil, dass Tritten keine Ahnung vom Filmemachen hatte, als seine Karriere als Produktionsleiter begann.

Vor 30 Jahren hatte sich der erste indische Filmproduzent in Trittens Gegend verirrt und bereits die Nerven zweier Busunternehmer verschlissen, bis er bei dem geschäftstüchtigen Schweizer mit der gemütlichen Aura landete. Der hat schnell gewittert, dass "da mehr zu holen ist" und sich "recht ins Zeug gelegt", um die Wünsche seiner asiatischen Kunden zu erfüllen.

Die Inder wollten vor allem blitzblanke Alpenromantik für die musicalartigen Einlagen ihrer Filme. Über die seltsame Liebschaft werden mittlerweile wissenschaftliche Arbeiten geschrieben, die gegenseitige Zuneigung hat viele Gründe. Liebe und Sex sind im indischen Film ein Tanzvergnügen. Der Ringelpietz in Traumlandschaft steht für alles, was man im Film nicht zeigen darf, selbst Küssen ist verboten. Die Fantasie im Naturidyll spiegelt die ewige Variation eines indischen Mythos: die Liebesgeschichte zwischen dem blauhäutigen Gott Krishna und dem Hirtenmädchen Radha, die in vielen Episoden, aber immer vor paradiesischem Hintergrund spielt.

Die Gebirge der Kaschmir-Region waren dafür als Folie bald überstrapaziert und außerdem wegen der ständigen Konflikte als Drehort zu riskant. Die Inder entdeckten die Schweiz als makellose Kitschkulisse. Und: Die Leinwandliebe hat mittlerweile auch touristische Konsequenzen. Wer sich eine Hochzeitsreise ins Ausland leisten kann, träumt von den Gletschern der Schweiz. Seit den neunziger Jahren steigt die Zahl indischer Besucher im Alpenland gewaltig. 2001 stellte die Schweizer Botschaft in Indien mehr als 58.000 Visa aus. Auf dem Jungfraujoch erwartet die weit gereisten Flitterwöchner das indische Restaurant Bollywood, und das Engelberger Hotel Terrace hat sich ganz auf indische Gäste eingestellt, mit authentischer Küche und geschultem Personal.

Der Regisseur: "I love Switzerland"

Für die Filmemacher hat die Arbeit in Europa auch ganz pragmatische Gründe. Daheim in Indien besteht ein Team gern mal aus mehr als hundert Personen, weil jeder, der sich für wichtig hält, seine gesamte Familie ans Set einlädt. Obendrein ist es bei den Filmstars üblich, gleichzeitig mehrere Engagements anzunehmen und zwischen den Produktionen auf dem riesigen Subkontinent zu pendeln. Das kostet Zeit und damit Geld, das sich in der Schweiz sparen lässt.

Tritten grinst: "Wenn zu viele auf der Stabliste stehen, bekommen die einfach kein Visum." Obwohl "Tritten Reisen" bis zu 40 Teams pro Jahr betreut, hat sich der Chef aus der Arbeit am Set so weit wie möglich zurückgezogen. Zweimal im Jahr reist er nach Indien, um Kontakte zu pflegen. Ansonsten beschafft er Visa, bucht Hotels und ahnt so schon bevor das Abenteuer beginnt, was dabei auf seinen Mitarbeiter Francioli zukommt.

"Bei denen habe ich gleich gewusst, das wird schwierig." Tritten nickt in die Richtung eines Hotels, dessen Fassade aussieht wie das Bühnenbild eines exotisch besetzten Theaterstücks. Alle Balkone sind belagert von Mitgliedern des indischen Teams - beleibte Produzenten unterhalten sich mit ernster Miene, der Kostümassistent hängt gemächlich ein paar funkelnde Kostüme an die Leine, die Choreografen entspannen sich bei einer Zigarette, das hübsche Hauptdarstellerpärchen verlässt das Haus zu einem Abendspaziergang. Durch die Straßen Zweisimmens wabert der Geruch von Basmati-Reis und Curry.

Letzteres ist ein nicht unwesentliches Detail, um den harmonischen Ablauf der Drehwoche zu garantieren. Inder essen indisch, zu diesem Zweck haben die Schweizer vor ein paar Jahren einen Küchenwagen gebaut, in dem ein eigens engagierter Koch die vertraute Schärfe anrührt. Nur: Der Meister war diesmal ein Fehlgriff, er kann nicht kochen, die Mannschaft murrt. In diesem ausgewählten Fall demonstrieren zur Abwechslung die Inder die hohe Kunst der Improvisation: In der Küche regiert nun die Mutter der Hauptdarstellerin, assistiert von einem rundlichen Kerl, der seine neue Aufgabe mit Begeisterung wahrnimmt. Vielleicht deswegen, weil ohnehin nicht klar war, was er bislang am Set zu tun hatte.

So ist das beim Film, nicht nur beim indischen: Einige stehen immer im Weg. Bei der Produktion der "Lakshmi Movie Makers" aus dem südindischen Chennai sind es meist die Produzenten. Drei an der Zahl, ein Dicker mit, ein Dicker ohne Halbglatze, beide sind fast rund um die Uhr damit beschäftigt, um Geld und Drehgenehmigungen zu feilschen. Dazu ein schmaler Hyperaktiver mit Schnurrbart, der gern in zu großem Ledermantel als Kleindarsteller finstere Blicke in die Kamera wirft. "Lakshmi" übrigens ist die Göttin des Glücks und des Reichtums, da muss es nicht verwundern, wenn Produzent Chitra Lakshmanan (der Dicke mit Halbglatze) vergnügt erzählt, er sei noch nicht so lange im Filmbusiness und sich am Rande der Dreharbeiten nach den Stahlpreisen in Deutschland erkundigt.

Das Berner Oberland protzt derweil mit allen Reizen: Wiesen, Seen, Berge und gleißendes Sonnenlicht. Die Taucher sind auch bestellt, nur Regisseur Bharathiraja ist unzufrieden. Es fehlen die richtigen Boote zu seinem Glück. Zu klein, zu langsam, das Angebot des Verleihs am Strandbad in Thun gefällt ihm nicht, und beleidigt stapft er mit seinen juvenilen Stars davon. Priyamani und Vasikaran sind 19 und 22, sie Model, er Informatikstudent, Bharathiraja hat sie entdeckt und will sie zu großen Stars machen in Bollywood. Davon träumt in Indien jedes Kind.

Bharathiraja, so raunen Produzenten und Darsteller ehrfürchtig, sei sehr berühmt, und: Er sei ein Avantgardist. Weil er nicht nur die Tanzszenen in der Schweiz filmt, sondern gleich die halbe Handlung seines Films "Kangalaal Qaithu Saei" dorthin verlegt hat. Eine wilde Geschichte von einem tamilischen Unternehmerssohn mit Hang zur Kleptomanie und einer Juwelenverkäuferin, die hinter dem Diebesgut her ist und außerdem vor der Polizei fliehen muss. Bharathiraja erzählt seine Vision mit großer Gestik und funkelndem Blick. Spielszenen in realer Umgebung, das sei im indischen Film revolutionär. So viel Willen zur Kunst kann unmöglich an Schweizer Bademeistern und Bootsverleihern scheitern.

Mit Kameramann und Gefolge marschiert der Regisseur an der Kasse des Strandbads vorbei. Dort, wo sich jetzt auf der Badewiese vor dem Bergpanorama knapp bekleidete Familien Handtuch an Handtuch grillen, sollen gleich seine Helden in Anzug und Glitzerrock neckisch Fangen spielen. Die Frau an der Kasse flippt aus, angemeldet war das Team am Vormittag, lange vor dem Hochbetrieb. Da war das Team indes damit beschäftigt, das indische Essen, das sie jeden Tag in Henkelmännern zum Drehort karren, von Schweizer Alpenstraßen zu kehren, weil, so Francioli "irgendein Depp" die Ladeklappe nicht richtig zugemacht hatte, und dann war erst mal Mittagspause.

Stunden später läuft die Kamera dann doch, weil Francioli den Bademeister beschworen hat, dass die Badegäste nur in der Unschärfe zu sehen seien. Am Seeufer warten schon die Taucher, und der Bootsverleiher zieht seinen letzten Trumpf: "Sch'Partyboot." Endlich also ein schwimmendes Gefährt, erfunden wohl für opulente Vatertagsausflüge mit mehreren Bierkisten, das groß genug ist, so viele Team-Mitglieder wie möglich auf den See hinauszuschippern. Um zuzusehen, wie der Held im Anzug aus einem schnittigen Schlauchboot plumpst und die schöne Priyamani verzweifelt die Hände ringt. "Kann er schwimmen?", fragt Francioli sorgenvoll. Alle nicken, Francioli bittet die Taucher dennoch, obwohl bereits abgedreht, mit ihrem Boot in der Nähe zu bleiben.

Als Vasikaran schließlich springt, ist der Kopf des Regisseurs noch im Bild und Franciolis Handy läutet. Der dritte Produzent, zuständig für Einkäufe, verlangt augenblicklich nach einem Auto, das ihn jetzt - kurz vor Drehschluss - an den Ort des Geschehens bringt. Francioli blickt auf die Uhr: Seit zehn Minuten steht sein Bus im absoluten Halteverbot und droht abgeschleppt zu werden. Die Taucher wollen nach Hause und verlangen nach ihrem Geld. Die indischen Produzenten beginnen zu feilschen, vom Ufer des Sees nähert sich hupend ein Dampfer. Ein paar Bündel Franken wandert schließlich von Boot zu Boot. "Merci", sagen die Taucher, bevor sie mit großer Bugwelle von dannen brausen. Am Heck des Partyboots hievt sich keuchend der Hauptdarsteller aus dem Wasser.

Über dem Thuner See senkt sich die Sonne. Ein ganz normaler Drehtag der Lakshmi Movie Makers neigt sich seinem Ende zu. Francioli treibt seine Schützlinge in den Bus und streitet sich nebenbei mit den sturen Schweizer Verkehrswächtern. Den Strafzettel bekommt er trotzdem."Wonderful pictures we shot today - I love Switzerland", seufzt der Regisseur.

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Autor:
Martina Wimmer