Mit Stil Steif wie eine Barbie-Puppe

Sie bewegten sich zielstrebig in Richtung Hamburger Michel und von weitem dachte ich zuerst: Da fahren Menschen auf großen Personenwaagen durch die Gegend! Das war natürlich ein absurder Gedanke, so etwas Bescheuertes würde ja niemand machen. Erst als sie schnell näher kamen, erkannte ich: Das sind Menschen auf großen Personenwaagen! Und sie lachen dabei, obwohl sie Helme tragen, surrende Geräusche machen und aussehen, als seien sie in einer schlechten Folge von Mr. Bean gelandet.

Ungefähr ein Jahr ist das jetzt her und ich hätte ziemlich viel Geld darauf verwettet, dass sich diese Dinger nicht durchsetzen. Aber das Geschäft läuft prächtig, das kann ich leider nur bestätigen: Die Berliner Dependance von "Segway - die Kult Tour" sitzt nämlich genau neben meinem Büro.

Wenn ich beim Arbeiten aus dem Fenster schaue, kann ich also täglich irgendwelchen Touristen dabei zusehen, wie sie versuchen, auf diesem Brett mit zwei Rädern zu balancieren. Unser Hof ist quasi der zentrale Segway-Verkehrsübungsplatz, wo die Betreiber ihren Kunden das "kulttouren" erklären. Auf der Webseite steht: "Verblüffend: Sekunden nach dem Besteigen übernehmen unbekannte Kräfte die Gleichgewichtssteuerung und halten das Trittbrett in der Waagerechten." Äh, na ja, das wiederum kann ich nur halb bestätigen. Eine Schwäbin um die fünfzig hat kürzlich eine geschlagene Viertelstunde gebraucht, bis sie halbwegs planvoll vor und zurück schaukeln konnte, ohne in unsere Mülltonnen zu rollen.

Der Segway soll sich allein durch die Bewegung des Körpers steuern lassen, aber richtig festhalten darf man sich an der Lenkstange nicht, sagen jedenfalls die Einweiser immer, soviel habe ich schon mitbekommen bei offenem Fenster. Ansonsten besteht die Geräuschkulisse im Hof vor allem aus dem leisen Aufheulen von kleinen Elektromotoren. Die Zukunft des Verkehrslärms findet also quasi direkt vor meinem Fenster statt.

Auch die Betreiber preisen ihr Konzept als ein Stück Zukunft an, womit sie wahrscheinlich sogar Recht haben: die Zukunft des degenerierten Sightseeings, noch bequemer als Busrundfahrten oder Bike-Taxi, und man ist so wahnsinnig autark dabei und kann endlich selbst entscheiden, von welcher Seite man in die Menschenmenge vor dem Brandenburger Tor einfährt. Wenigstens sind die Segways emissionsfrei.

Es ist ja vollkommen verständlich, wenn man nicht fünf Stunden durch die Stadt laufen will oder kann, aber wenn ich mir die meiste Klientel so anschaue (keineswegs nur Senioren), würde ich diese Old-School-Fortbewegung vielleicht doch empfehlen. Oder warum nicht Fahrrad fahren? Da sieht man jedenfalls, selbst mit Helm, deutlich weniger lächerlich aus, als so steif wie eine Barbiepuppe über den Gehweg zu rollen.

Erfunden hat das ganze natürlich ein Amerikaner, mittlerweile werden sogar Polizisten und Pizzadienste damit ausgestattet und angeblich gibt es in den USA bereits Segway-Polo. Billiger und verlässlicher als Pferde ist das bestimmt, nur halt mit Sport hat das nichts mehr zu tun. Vielleicht sollte der Hersteller, wenn die Dinger schon so aussehen wie Personenwaagen, auch gleich einen Kalorienzähler einbauen lassen. Der kann dann, während der Reichstag und das Kanzleramt vorbeirauscht, gleich ausrechnen, wie viele Kalorien man gerade nicht verbrannt hat.

Autor:
Silke Wichert