Schloss Sanssouci Sorgenfrei am Weinberg

Zwei Dutzend Touristen aus Indien, Amerika und Sachsen schlurfen in Filzpantoffeln dem Museumsführer hinterher, der mit reichlich gegeltem Haar und langem Anorak auch ein Schauspieler vom Stadttheater sein könnte, so leicht und charakterstark präsentiert er seinen Text.

Fotografieren verboten in Sanssouci, Handys sind ausgeschaltet. "Was Sie hier sehen, war damals modern", erklärt der Mime und deutet auf Gemälde, die Friedrich II. ("ein aufgeklärter Despot") in seinen jungen Herrscherjahren sammelte. Dunkle Hintergründe, von denen sich helle Gesichter, bunte Kleider und biegsame Gestalten abheben, galante Feste von Watteau, Lancret und Pater. Rokoko-Time. Und noch etwas ist modern. Die vier antiken Götterstatuen waren Schnäppchen. Fritz erwarb sie zu günstigem Preis aus der Sammlung des Kardinals Polignac, er liebte günstige Preise. Danke, denke ich, dass Sie nicht sagen: Geiz ist geil.

Durch eine Glastür dürfen wir die Bibliothek des Königs betrachten, einen kreisrunden Raum in sonorem Farbklang von Braun und Gold. Vier breite Wandfelder nehmen die niedrigen Bücherschränke auf. 2100 Bände in französischer Sprache, in hellbraunes Maroquinleder oder rotes Ziegenleder gebunden, Kernstück Voltaire, daneben Übersetzungen griechischer und römischer Dichtung und Geschichtsschreibung.

Es geht nicht nur um Geschmack und Reichtum, sondern auch um die andere Seite des gnadenlosen Feldherrn, um den Bruch in dieser komplizierten Persönlichkeit. Die erste Bibliothek hatte Friedrichs Vater, der Soldatenkönig, vernichtet, denn ein künftiger Herrscher sollte nicht abschweifen, Lesen und Dichten führten zu Verweichlichung, meinte Friedrich Wilhelm I., ein kleiner feister König, den seine Diener aufs Pferd stemmen mussten, aber wenn er erst mal oben saß, ging es rund.

Soll man Friedrich unter-, soll man ihn überschätzen? Beides wäre leicht. "Ich mag die absoluten Verehrer nicht, aber die absoluten Gegner noch weniger", sagt Rudolf Böhm, Werkstattleiter der Skulpturenrestaurierung.

Der Soldatenkönig hatte seinen Sohn nicht umsonst gequält. Kaum auf dem Thron, wurde Friedrich zum extremen Pflichtmenschen, marschierte in Schlesien ein und machte das unbedeutende Preußen in drei Kriegen zur europäischen Großmacht. Und war noch Schöngeist, Verseschmied, Flötenspieler und Philosoph genug, um Sehnsuchtsorte nicht nur in der Seele zu haben, sondern sie auch in die Welt zu setzen. Die großen Paläste in Berlin und Charlottenburg fanden seine Zuneigung nicht. Er suchte Eleganz und Ländlichkeit, der Schritt vor die Tür soll genügen, um umfangen zu sein von Natur. Der Anfang von Sanssouci war ein Spaziergang bei Bornstedt, der Wüste Berg, dessen geografische Gunst Friedrich intuitiv erfasste, so dass er hier einen Weinberg anlegen ließ. Und wo ein König erst einmal einen Weinberg hat, braucht er auch ein Lustschloss. Er kritzelte einige krumme Linien aufs Papier, sagte seinem Freund Knobelsdorff "so will ich es haben" und nannte es Sans Souci, Sorgenfrei.

Das Schloss sollte der Ort jenseits der Kriege sein, aber deren Schatten verfolgte den König lebenslang. Friedrich erreichte alles,was er angestrebt hatte, eher mehr als weniger, und wurde doch zynisch, weil in Wirklichkeit nichts so war, wie er es sich vorgestellt hatte. Er lebte ein Leben ohne Liebe und ohne Kinder. Seine Frau Elisabeth Christine entsorgte er im Schloss Niederschönhausen. Maria Theresia von Habsburg nannte ihn den bösen Mann, nie anders als so. Seine Philosophenrunden waren Männerveranstaltungen in französischer Kommunikation, die immer freudloser gerieten.

Und doch kann man Friedrich Respekt nicht versagen, so wie es auch die Museumsführer von Sanssouci tun, ob sie nun heimliche Royalisten sind oder heimliche Antiroyalisten. Er schuftete wie ein Kuli, er ließ Gerechtigkeit walten und verbreitete die Kartoffel in Pommern und Schlesien, er spielte jeden Tag ein paar Stunden Flöte, bis ihm die Zähne ausfielen, er litt unter Gicht, Rheuma und Wassersucht, er führte Kriege wie ein Hasardeur, er dachte an Suizide, und er stand alles durch. Bis zum Tod im Lehnstuhl, ein kleiner eingelaufener Körper in Uniform. "Das wirklich Große beginnt immer erst dort, wo die Gemütlichkeit aufhört und der Schrecken einsetzt, hart vor dem Abgrund, der schaudern macht", schrieb der Historiker Christian Graf von Krockow auf Friedrich gemünzt.

Sanssouci war, bevor die Dinge ihre eigene Dynamik entwickelten, eine Zwölfzimmervilla am Weinberg, im Ostflügel die Wohnung des Königs, im Westflügel die Gästezimmer, im Mittelbau der kleine Marmorsaal, für den das römische Pantheon das Muster lieferte. Man sagt: eine der edelsten Raumschöpfungen jener Zeit. Aber auch eine der fußkältesten. Für Friedrich war dieses Schloss seine Privatsache, eine Art elegantes Kloster, er modernisierte nicht, er ließ nichts reparieren, er war von der Idee besessen, dass das Schloss mit ihm untergehen könne. Was ihn nicht hinderte, anderswo im Park weiterzubauen.

Er baute westlich von Sanssouci die Neuen Kammern, weil er Gästewohnungen, Festsäle und Wintergärten für seine Feigen- und Orangenbäumchen benötigte, er baute östlich des Schlosses wegen seiner Rubens', van Dycks (und wegen der Symmetrie) die Bildergalerie, und nach der enormen Kraftanstrengung des Siebenjährigen Kriegs folgte die nicht minder enorme Bemühung um den Bau des Neuen Palais, das er für Staatsgäste und ihren Hofstaat, für große Feste und mittleres Theater benötigte - auch, um zu zeigen, dass Preußen nach dem verheerenden Krieg nicht am Ende, sondern auf der Höhe seiner Macht war. Man gab sich eine Gloriole in Europa, wenn man Gemälde bei Pariser Malern bestellte und die besten Kunsthandwerker nach Potsdam lockte.

Königlicher Park - Klassik im Sand

Hundert Jahre nach Friedrich übernahm sein Urgroßneffe die Macht, Friedrich Wilhelm IV., der Romantiker und Melancholiker auf dem Thron, der von seinem Vater FW drei (so spricht man in Sanssouci) den Vorleser und Kammerherrn Alexander von Humboldt übernahm. Der war schon ein alter Herr von mehr als 70 Jahren und schlotterte in allen Schlössern vor Kälte, und wenn er, aus meist wissenschaftlichen Werken, stundenlang vorlas, nickten die Zuhörer ein.

FW vier ließ ein Gutshaus von Schinkel zum klassizistischen Schloss Charlottenhof umbauen, in Blickweite entstanden die Römischen Bäder und schließlich die ausgedehnte Neue Orangerie. Es müssen Zeiten gewesen sein, in denen es kein Herrscher fertig brachte, im Umfeld seines Schlosses nüchterne Zweckbauten zu errichten. Skulpturen und üppiger Bautenschmuck mussten darüber hinwegtäuschen, dass ein Schloss letztlich auch nur ein Haus mit einem Dach und vier Wänden und ein König ein Sterblicher ist, der sich am Leben aufreiben kann wie jeder andere auch.

Eines ist jedenfalls klar. Man kommt von der profanen Stadt unvermittelt in den königlichen Park. Plötzlich ist man drin. Ergriffen von königlichen Gefühlen. König ohne Macht, aber mit Parklandschaft. Moderner König eben. Jogger und Nordic Walker. Ein Punk führt seine Hunde aus. Kinder, Väter, Flugzeuge. Kondensstreifen am gewölbten Himmel. Die Gunst, ein Potsdamer zu sein, besteht darin, jederzeit durch diesen Park wandeln zu können. Ein Stück Italien in der Mark. Römische Bäder und Hofgärtnerhaus. Vielstimmigkeit von Raum und Zeit. Vier Hermenfiguren, Gebälkträger, sind in Holzrahmen eingespannt und harren der Restaurierung. Dahinter ein Schlachtfeld von Sandstein- und Marmorfragmenten, die Reste des Stadtschlosses, gerettet, geborgen. Ein Dach über dem Kopf fehlt, das haben wir noch nicht geschafft, sagt Restaurator Böhm. Der Blick verfängt sich an der Friedenskirche, der offene Glockenturm nach dem Vorbild stadtrömischer Campanili, wieder ein Treffpunkt von Welten und Zeiten, davor Lennés künstlicher See, in dem sich die Kirche spiegelt.

Die Sensation ist perfekt, wenn man von der Hauptallee abbiegt und vor Fontäne, Weinberg und Schloss steht. Endlich Sanssouci. Es ist ein Anblick, den man von tausend Fotos kennt, die große Fontäne umgeben von Marmorstatuen antiker Götter, die sechs parabolisch geschwungenen Weinbergsterrassen gerecht geteilt durch die Freitreppe in der Mittelachse, das Schloss schließlich über der sechsten Terrasse, das aus der Ferne eine leichte Neigung zeigt, im Erdboden versinken zu wollen.

Wenn man die Stufen hinaufgeht, an den verglasten Kammern der Weinstöcke vorbei, vor dem gelben, mit vielen Skulpturen geschmückten Bau steht, ist man sich sicher, an einem der schönsten Orte der Welt zu sein. In Sanssouci kann man exemplarische Deutsche wie Friedrich II. und Friedrich Wilhelm IV. verstehen, den Versuch, groß von sich zu denken, die Lust, südliche Lebensgefühle zu importieren. Die raffiniert angelegten Sichtachsen eröffnen immer neue Aus- und Einblicke, neue Verheißungen, Schlösser, Tempel, künstliche Paradiese.

Etwa 500 Mitarbeiter gehören zur Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, die meisten mit tiefen Wurzeln dem Universum der Schlösser verbunden, auch Generaldirektor Hartmut Dorgerloh hat schon als Schüler Besucher geführt. Die Zusammenlegung der Schlösser und Parks Ost und West war einer der glücklichsten Teile der deutschen Einheit. Das größte Schloss- und Parkensemble nördlich der Alpen fand wieder zu sich selbst. Durch Kriegsverlagerungen waren die Bestände der Schlösser völlig durcheinander geraten, so wie auch die Gebeine von Soldatenkönig und Altem Fritz auf dem Stammsitz der Hohenzollern in Hechingen lagerten. 1991 wurden die sterblichen Überreste zurückgeführt. Friedrich II. kam endlich in seine Gruft, in die Nähe seiner Windhunde, wie er es zu Lebzeiten gewollt hatte.

"Die Wiedervereinigung war für die Vermittlung von authentischer Ausstattung in den Schlössern ein einziger Fortschritt", so formuliert der Kunsthistoriker. Burkhardt Göres ist Direktor der Abteilung Schlösser und Sammlungen. Im Krieg waren jede Menge Kunstgüter quer durch Berlin, Potsdam und das Umland verlagert worden. Das führte dazu, dass zum Beispiel das Neue Palais ein Dasein als zufällig zusammengewürfeltes Kunstgewerbemuseum fristete, was seiner historischen Bestimmung widersprach. Für einen Mann wie Göres ein permanenter Schmerz. Da konnte nach der Vereinigung ausgetauscht und zurückgeführt werden, nach und nach wurden die zweckentfremdeten Schlösser in Rheinsberg, Oranienburg und Caputh, die Neuen Kammern und die Bildergalerie wieder eröffnet. "Jetzt brauchen wir nur noch unsere Kriegsverluste, die verschollenen Kunstwerke, zurück, dann wären wir wieder gut dran", sagt Göres. Die Preußischen Schlösser waren das Museum mit den höchsten Kriegsverlusten.

Der Katalog der verschollenen Kunstwerke ist ein opulentes Buch, 3000 Bilder sind verschwunden. Briten und Amerikaner bedienten sich, die Russen nahmen im großen Stil mit. 1958 wurden 500 Kunstwerke aus der Sowjetunion zurückgebracht. Göres galt damals in Sanssouci als der Verrückte, der einen Narren an den Schlössern gefressen hat. Er arbeitete in den Schulferien in Sanssouci und durfte die zurückgeführten Kunstwerke inventarisieren. Ein Schlüsselerlebnis. "Ich habe da Kennerschaft erworben", sagt Göres nüchtern.

Wer die größte Marmorskulpturensammlung nördlich der Alpen besitzt, trägt auch eine Last. Viele Plastiken verzieren die Dachfirste, das sind Tonnenlasten, und selbst am härtesten Stein nagt der Zahn der Zeit. Das ist das Problem von Rudolf Böhm und seinen Leuten, die etwa 4000 skulpturenähnliche Objekte betreuen. Einen Schock erlebte man 1978. Der Kastellan fand von der Plastik des Knöchelspielers in der Neuen Orangerie von heute auf morgen nur noch einen Hügel Marmorstaub vor. Natürlich denkt man an einen Anschlag, aber so kann kein Mensch ein Stück Marmor pulverisieren. Die Analyse ergab, dass sich die Marmorkristalle durch den Einfluss ständiger Nässe und gelegentlichen Frosts gelockert hatten, in den entstandenen Fugen wucherten Mikroorganismen, die den Stein zersetzten.

Seitdem wird angespannt gereinigt, konserviert, restauriert und kopiert. Nach der Wende konnten sich die Restauratoren auf die Suche nach dem Marmor farbig inkrustierter Wandverkleidungen und Fußböden begeben. "Nichts", sagt Böhm, "ist so der Mode unterworfen wie der Stein. Wenn ein Stein Mode ist, wird der gebrochen und verarbeitet, wenn die Mode out ist, werden die Steinbrüche zugeschüttet." Anhand alter Briefe und Akten hatte der Restaurator Stefan Klappenbach herausgefunden, dass der in der Bildergalerie verwendete Marmor Giallo antico aus Plünderungen antiker Tempel stammte. Ursprünglich wurde dieser Marmor in Tunesien gebrochen. Klappenbach hat ihn dort ausfindig gemacht und in Florenz die Techniken gelernt, um die Wandverkleidungen restaurieren zu können.

Besucher ahnen davon nichts. Besorgt äußert eine Dame im Gästeflügel: Waren das etwa alles Durchgangszimmer? Ja, waren es, jeder Raum hatte allerdings auch eine Tür zur Terrasse. Aber es war schon so, dass die Zwischentüren offen stehen sollten, um die weiten Fluchten zu zeigen. Um die Privatsphäre war es nicht so gut bestellt unter dem Alten Fritz.

Auf dessen Grab liegen Rosen und Kartoffeln. Leben und Sterben in Sanssouci. Wie schön, dass wir es haben, dieses Sanssouci, immer noch und gegen Friedrichs Intentionen. Jetzt wird über Eintrittspreise diskutiert und alles ist empört, denn der Eintritt in den Park ist bislang frei. Frei für die Enthusiasten, die Spaziergängerinnen von Sanssouci, frei für Radfahrer, frei für Vandalen, denn Vandalismus gibt es auch - Graffiti, Beschädigungen beim Klettern an Statuen. Eine Parkaufsicht kann sich die Stiftung nicht leisten, man hat nur einen Etat wie ein Berliner Opernhaus. Aber sonst ist alles gut in Sanssouci. Keine Sorge.

Autor:
Fritz-Jochen Kopka