Mit Stil Shoppen im Niemandsland

In Berlin gibt es einen Laden namens "F95", der wirklich sehr gut sein soll. Ich selbst wusste das bisher nur vom Hörensagen, weil dieser "Fashion Store" auf der Frankfurter Allee sitzt und ich in diesen Teil von Friedrichshain normalerweise nie komme. Erst recht nicht zum Einkaufen. Wobei das Angebot an Handyzubehör und Backwaren dort überdurchschnittlich gut ist, wie ich kürzlich feststellen konnte. Da war ich nämlich zum ersten Mal doch dort, auf einer Abendveranstaltung im F95, und fragte den Verkäufer ehrlich fasziniert: "Wer kommt denn hier hin?"

Offensichtlich hatte er diese Frage schon häufiger gehört, jedenfalls antwortete er sofort, das nenne man "Destination Shopping". Die Leute kämen gezielt hierher, nur des Ladens wegen, Touristen sogar mit Reiseführer in der Hand. Ich stellte mir eine Gruppe Spanier vor, die ja nie unter Sechs-Mann-Stärke verreisen, ungläubig auf die vierspurige Hauptverkehrsstraße und die hässlichen grauen Fassaden starrend.

Tatsächlich war ich schon mehrmals ein Destination-Shopper. In Istanbul etwa. Da hatte mir der Reiseführer aus der "SZ"- Reihe den Vintage-Laden "Ece Sukan" empfohlen. Und zwar so positiv, dass ich der Meinung war, wenn wir schon quer durch die Stadt zu irgendeinem Fischrestaurant fahren ("Destination Dining" würde ich im Nachhinein sagen), dann können wir auch einen Abstecher zu diesem etwas abgelegenen Modegeschäft machen.

Leider kannte der Taxifahrer weder Laden noch Adresse und musste an drei Teestuben und einer Spielhölle fragen und sehr viel laut fluchen, um schließlich den Weg zu finden, aber allein deswegen hatte sich der Ausflug schon gelohnt. Seitdem habe ich etlichen Leuten von diesem tollen, extrem schwer aufzufindenden Geschäft erzählt. Dabei habe ich nicht mal was gekauft. Obwohl ich im Laden angekommen wirklich das Gefühl hatte, ich müsste jetzt und hier unbedingt zuschlagen.

Das ist nämlich der eigentliche Trick am Destination Shopping.

Wenn man einmal den weiten Weg auf sich genommen hat, um zu einem dieser Geschäfte zu fahren, wird als Rechtfertigung für den Aufwand (sich selbst und demjenigen gegenüber, den man den ganzen Weg dorthin mitgeschleift hat), versucht etwas zu kaufen. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, warum ich in Woodbury, diesem Factory Outlet mehr als 60 Kilometer außerhalb Manhattans, ein Diane-von-Fürstenberg-Teil mitnahm, das sich bei genauerer Betrachtung als Schwangerschafts-Kleid herausstellte. Und weil wir gerade von den USA sprechen: Für einen echten Destination Shopper zählen "Malls" nicht, das ist "One-stop Shopping", habe ich kürzlich erst gelernt.

Bei allem was man sagen kann: Am Ende ist Destination Shoppping all die Mühe wert, nicht zuletzt, weil es extrem kommunikativ ist. Im Westen Mailands auf der Via Tajani Filippo etwa treffen sich Leute, die alle das gleiche Ziel haben und es oft nicht finden: das Outlet von Marni, versteckt hinter einem gewöhnlichen Gitterzaun in einem schmucklosen Flachbau. Vor allem Japaner lernt man dort kennen und teilt sich hinterher ein Taxi zurück ins Zentrum mit ihnen und ihren großen Tüten. Sie mussten einfach so viel kaufen, sie konnten ja nicht anders.

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Autor:
Silke Wichert