Berlin Revuetheater im Friedrichsttadtpalast

Die Weidendammer Brücke hinter dem Bahnhof Friedrichstraße. Auf der einen Seite der Spree trommelt das glitzernde Berlin-Mitte, mit reichen Menschen, schicken Einkaufspassagen und einem bisschen Midtown Manhattan. Auf der anderen Seite verlangsamt sich schlagartig der Puls, denn dort beginnt der Teil der Friedrichstraße, der kleiner anmutet, unspektakulär, und weniger mit Geld vollgepumpt, kurz: ehrlicher. Und noch ungefähr hundert Meter weiter auf Ostberliner Seite, da liegt er dann, der Friedrichstadtpalast. Gerade tagsüber liegt er wirklich, scheint zu schlafen, in seinem beigefarbenen Beton, ohne Licht und ohne Tamtam, der Tempel der DDR-Abendunterhaltung. Das größte Revuetheater Europas.

Es ist wie mit jedem Theater: Wenn auf der Bühne nicht gespielt wird, kein Publikum da ist, dann ist es einfach nur ein Haus. Aber abends, so gegen sieben, halb acht, fängt der Friedrichstadtpalast an zu blinzeln. Dann geht langsam das Licht an. Dann spucken die Busse Reisegruppen aus und der Bahnhof Friedrichstraße Schulklassen auf Berlin-Tour, dann stehen elegante ältere Herren in hellen Anzügen auf den Treppen zum Theater und warten auf ihre Verabredung, als würde das in Berlin dazugehören, ein Besuch in der Revue. Das Rendezvous trägt gepunktete Seide und an den Füßen verschämt Bequemschuhe, und so entsteht vor den Toren des Palasts ein Cocktail aus nicht ganz knitterfreiem Leinen und vorsichtig verwegenem Fünfziger-Jahre- Look, aus knappen Shirts, kurzen Ponys und toupiertem Grau, dekoriert mit einer operettenhaften Gruppe Italiener und einem merkwürdig ehrwürdigen Trio: eine feine Dame im rosa Chanelkostüm, ein groß gewachsener Herr in dunkelblauer Goldknopfkombination, und, an dessen Arm, ein ungefähr Hundertjähriger im gleichen Aufzug - es muss sein Vater sein. All diese Leute haben diesen ganz besonderen Blick in den Augen, den man nur hat, wenn gleich etwas passiert: Heute geht noch was. Los, rein da.

Und so ergießt sich das Publikum ins Foyer, in eine samtrote, mit Buntglas bestückte Mischung aus Ostalgie, Las Vegas und nachgemachtem Jugendstil, und dann im Saal steht die Bühne unter Starkstrom, weil 20 wunderschöne Tänzerinnen auf leuchtenden Buchstaben stehen und sitzen und balancieren. Sie tragen kleine Kostüme aus goldenem Licht und hohe, helle Frisuren, sie schmeißen ihre Beine zum Himmel und ihren Esprit ins Publikum, und die Buchstaben fahren irgendwann in eine Reihe und dann glänzt da auf der Bühne das Wort "Friedrichstadtpalast", und einer sagt leise, jetzt stell dir mal vor, das hast du in deinem Wohnzimmer, wow, und alle wissen: Die Glitzerwelt ist echt. Verdammt, die machen das wirklich. Das ist live, das ist Riesenshow! Die halten tatsächlich Wort.

Nächster Morgen, 10 Uhr, Ballettsaal. Klassisches Training, wie jeden Morgen. Schmerzliche Gesichter an der Stange. Schweiß. Knochenarbeit. Hier wird die Grundlage für den Tag der Tänzer gelegt. Hier machen sie ihre Körper weich und disziplinieren sie gleichzeitig. Hier üben sie ihr hartes Handwerk, das sie perfekt beherrschen müssen, wenn sie das Glitzern auf die Bühne bringen wollen. Sie haben alle eine klassische Tanzausbildung hinter sich, sie könnten alle auch an Balletthäusern arbeiten, und doch ist da etwas anders: Diese Mädchen sind groß, ein Revueballett braucht lange Beine, und die Männer sind ungewöhnlich männlich für Tänzer, manche fast rüpelhaft, machen auf dicke Hose, als wären sie im Herzen Piraten.

Auch wenn alle die gleiche Choreografie tanzen, so macht es doch jeder auf seine eigene Art. "Wir haben hier starke Persönlichkeiten in der Truppe", sagt Miguel Cartagena. Der Chilene ist einer von drei Ballettlehrern, er hat ein Tänzerleben hinter sich und fasst sich verdächtig oft an die linke Kniescheibe. "So etwas ist wichtig für eine Revue, das bringt die Ausstrahlung. Im klassischen Ballett wäre es nicht möglich, das zuzulassen. Da müssen alle genau auf die eins, zwei, drei sein." Und während ungefähr 50 Tänzerinnen und Tänzer sich weiter vor dem Spiegel schinden, kommt vorsichtig eine junge Frau auf den Trainer zu. Sie ist blass, hat blondes Haar und sehr helle Augen. Sie trägt eine schwarze Hose und einen dicken, viel zu großen Pulli. Sie lächelt. Die Knie-OP ist überstanden, aber das ist noch nicht lange her. Miguel Cartagena überschüttet sie mit einem Blick voller Zuneigung und Mitgefühl.Wird schon wieder. Da müssen wir alle durch.

Susann Malinowski-Märtens tanzt seit 15 Jahren im Friedrichstadtpalast. Seit 13 Jahren ist sie erste Solistin des Balletts. Sie sitzt in ihrer Garderobe, einer rosafarbene Prinzessinnenstube. An den Spiegeln kleben kleine, goldene Engel und Fotografien von Freunden, unter dem Schminktisch stapeln sich 1,5-Liter-Flaschen Cola light mit Zitrone. An der Kleiderstange hängen paillettenbestickte Tüllröcke und Korsagen, in den Regalen liegen jede Menge T-Shirts, weiche Rollis und schlanke Baumwollhosen. Entspannungsklamotten. Susann Malinowski ist von außergewöhnlicher Schönheit, eine Frau mit ebenmäßigen Zügen, glänzendem, rotblonden Haar, ihr Gesicht voller Liebreiz und Wärme und so zierlich, dass man sie sofort in den Arm nehmen und aufpäppeln möchte. Sie sagt, ihre Fußsehnen hätten sich entzündet, die roten Schuhe, die sie in der aktuellen Revue "Rhythmus Berlin" trage, seien zu hart. Alltagsprobleme. Sie sagt, sie sei immer noch nervös, wenn sie tanzt.Wenn das Publikum mit verschränkten Armen auf den Stühlen klebt und auf nichts reagiert, was von der Bühne kommt. "Oder", sagt sie, "wenn kein Drehwetter ist." "Kein Drehwetter" heißt: Heute läuft es nicht, heute geht es schwer, und keiner weiß, warum: "Dann wird es wahnsinnig schwierig, die Show durchzutanzen, weil jede Bewegung so viel mehr Kraft kostet."

Manchmal ist sie auch einfach nur müde. Der Arbeitstag im Palast ist lang. Um zehn beginnt das Training, dann kommen die Proben für die Abendshow und die zukünftigen Produktionen, mit ein bisschen Glück können die Tänzer am Nachmittag für ein, zwei Stunden die Beine hochlegen, gegen fünf beginnen dann die Vorbereitungen für die Show, dann gehen alle in die Maske und lockern nochmal ihre Körper, um acht ist Vorstellung, gegen elf sind sie runter von der Bühne, schminken sich ab, fahren nach Hause, dürfen endlich richtig essen, vor eins, halb zwei liegt keiner im Bett. Macht im Schnitt: sechs Stunden Schlaf pro Nacht, sechs Nächte die Woche, nur am Montag ist frei. "Es gibt Abende", sagt Susann Malinowski, "da habe ich Angst, auf der Bühne einzuschlafen." Wie lange sie den Job noch machen kann, wird eines Tages ihr Körper bestimmen. Ihre Seele freut sich jetzt schon aufs Ende: Endlich mal übers Wochenende Freunde besuchen.

Endlich mal abends frei haben. Angenommen, der Friedrichstadtpalast wäre ein Wesen, ein Körper mit Kopf, Lunge, Herz und Seele. Der Körper wäre dann das Gebäude, das seit 1984 an diesem Platz steht. 1867 fing alles an, mit einer riesigen Markthalle, die sechs Jahre später zu einer Zirkusarena mit 5000 Plätzen umgebaut wurde. Nach dem ersten Weltkrieg wurde wieder umgebaut, unter der Leitung des berühmten Regisseurs Max Reinhardt, da war es mit 3000 Plätzen das "Große Schauspielhaus". In den zwanzigerJahren traten hier große Stars auf: Marlene Dietrich, Claire Waldoff, die Comedian Harmonists. 1933 übernahmen die Nazis, das Haus hieß "Theater des Volkes", es sollte beim Durchhalten helfen.

Szenenapplaus für die Technik

Nach dem Krieg war das Theater zerbombt, die Artistin Marion Spadoni kämpfte für den Wiederaufbau, es gab Varieté, Ballett und zum ersten Mal die berühmte Girlreihe - wer kein Geld für den Eintritt hatte, konnte auch mit Kohlen bezahlen. 1947 bekam das Haus den Namen "Friedrichstadtpalast" und 1961 begann es zu blühen. Louis Armstrong trat auf, Ella Fitzgerald, Juliette Greco, Gilbert Bécaud, und das DDR-Fernsehen sendete ab 1972 live "Ein Kessel Buntes". 1980 musste der Palast schließen. Marode Bausubstanz. 1984 erstand er wieder, schräg gegenüber in einem Neubau mit fast 2000 Plätzen, moderner Ausstattung. Hier lebt sie seitdem, die Große Berliner Revue.

Die Beine und die Arme und die Bewegung dieses Wesens, das sind die Tänzer. Der Kopf, die Idee, das ist die Intendanz. Die Lunge ist die komplizierte Technik, die unter, hinter und über der Bühne schlummert, damit die Multifunktionsshow überhaupt stattfinden kann. Und das Herz, das, was Blut durch den ganzen Körper pumpt, das, was ständigen Nachschub für die bunte Welt des Theaters heranschafft, das sind die Werkstätten.

Die Damen Reimann und Schulz sitzen an ihrem Tisch in der Putzmacherei. Hier wird der Kopfschmuck für die Tänzer hergestellt, hier kommt der Glitzer auf den Scheitel. Frau Reimann hat früher als klassische Hutmacherin gearbeitet, aber das wurde irgendwann zu langweilig: "Das ist doch immer das Gleiche". Da wollen die Leute vor allem dunkelblau und sagen meistens: "Aber nicht so doll, bitte, ich will ja nicht auffallen."

Und so sitzt sie lieber seit fast zwanzig Jahren Frau Schulz gegenüber - "wir sind so gut wie verheiratet" - und arbeitet mit schönen Farben und weichen Materialien. Ihr Liebstes: der Samt für die Weihnachtsshow. Ihr Schlimmstes: 32 Paillettenstirnbänder für die Girlreihe.

Die Seele des Hauses aber ist der Fundus. Riesige Räume voller Plüsch und Plunder und Talmi hinter einer dicken Brandschutztür. Simone Fahrich ist 43 und arbeitet seit 26 Jahren in der Damenschneiderei des Friedrichstadt- palastes. Sie hat lustige, blonde Haare und ein herzliches, liebes Gesicht. In der Schneiderei wird all das gefertigt, was hier hängt. Zurzeit eine Wagenladung Cancan-Röcke mit unzähligen Volants, da sitzen die Damen rund um die Uhr an ihren Maschinen, niedlich lächelnde Nähmäuse, es ist ein bisschen wie bei Chanel unterm Dach, es rattert leise, es wird nicht viel geredet, und mindestens einmal am Tag bleibt eine Nadel in einem Finger stecken. "Hier", sagt Simone Fahrich, und hält ihren rechten Zeigefinger in die Luft, "da ging die Maschine glatt durch, ich saß samt der Nadel im Finger in der Charité", und mit der anderen Hand fährt sie über die Tüllröcke, die von der Decke runterbaumeln.

Der Fundus ist ein Mädchentraum. Man wird fast besoffen vor Begeisterung zwischen all den wunderbaren Klamotten, die im echten Leben streng verboten wären. "Manchmal gehen wir hier natürlich hin und ziehen das Zeug an", sagt Simone Fahrich, und man fragt sich, wie es wäre, wenn man jetzt genau diesen lila Kopfputz hier, den mit den Federn und dem silbernen Strass, mit der Boa, die fast bis zur Taille runterbaumelt, wenn man den einfach aufsetzen und mit nach Hause nehmen würde, und dann sagen würde: "Liebling, ich habe einen neuen Hut?" Die Folge wäre ein Riesenspaß oder ein Riesendrama.

Es ist kurz nach 15 Uhr. Es wird ruhig im Haus. Die Künstler atmen kurz durch, bevor es losgeht. Gleich neben dem Ballettsaal ist die Raucherecke. Da steht ein großer Aschenbecher. Er ist bis obenhin voll. 20 Uhr, die Show beginnt. Der Saal ist nicht komplett ausgebucht, aber es ist okay, bestimmt 70 Prozent der Plätze sind besetzt, davon kann ein Theater nicht leben, aber Sponsoren kriegt man mit dieser Auslastung. Auf der Bühne: "Rhythmus Berlin", eine Geschichte über 24 Stunden in der Metropole des 21. Jahrhunderts, über ein Liebespaar, das sich sieht, sich verliert, am Ende wiederfindet. Ehrlich gesagt: Die Geschichte ist völlig nebensächlich, und wenn man versucht, sie mit den Shownummern in Beziehung zu setzen, verliert man fast den Verstand. Oder, im besten Fall, hält die auf der Bühne für total durchgedreht.

Der Sound ist blechern, scheppert manchmal unangenehm, obwohl 35 Profimusiker am Werk sind, aber nach fünf Minuten ist man fast froh, wenn man erkennt: Das ist sehr unamerikanisch. Das ist einfach mal keine Soundsoße, die elektronische Geräte über einem auskippen. Das ist Revuemusik. Das ist vielleicht deutsch, das ist gutes, hartes, ehrliches Handwerk. Beeindruckendes Handwerk. Und was die Tänzer da machen: Das ist sensationell. Die reißen sich den - pardon - Arsch auf, nur um ihre Gäste zu unterhalten. Wo gibt's denn so was noch? Das ist so gar nicht: Drück da mal drauf, dann geht das alles von alleine. Das ist: atmen, atmen, atmen und immer lächeln und niemals an die Schmerzen denken.

Zwischendrin rasen Artisten auf die Bühne, fliegen durch die Luft, räkeln sich in einem kleinen, durchsichtigen Wasserbecken in zehn Meter Höhe, erwecken Stein zum Leben, bringen die Publikumsherzen fast zum Infarkt, und kurz bevor man denkt, och, doch nur doofes Musical, weil die Sänger immer wieder das Tempo rausnehmen, kommt der Regenvorhang. Ein poetischer, leuchtender Wolkenbruch fast über die gesamte Breite der riesigen Bühne, der Bilder regnen lässt mit Hilfe computergesteuerter, magnetischer Ventile. Man kann sich nicht vorstellen, wie das aussieht, sowas träumt man normalerweise nur. Es ist so gut, dass es Szenenapplaus für die Technik gibt, immer wieder, mit jedem neuen Bild. Wenn so ein Publikum heiß drauf ist, mehr zu sehen, dann kann es eine Tänzerin in die Höhe heben. Susann Malinowski tanzt gut heute Abend, es scheint Drehwetter zu sein, sie wirft ein Strahlen nach dem anderen von der Bühne, und dann marschiert die Girlreihe herein, 32 Tänzerinnen, 64 Beine, die fliegen, und das sieht so leicht aus, und doch weiß jeder, der mal versucht hat, Fernsehballett nachzumachen, wie schwer das ist.

Das ist alles so wahnsinnig rührend - nicht aus Mitleid, sondern aus Dankbarkeit. Was für ein Aufwand! Das ganze Training, die ganze Technik, die unglaublichen Kostüme, das Gerackere und Geacker, nur damit die Leute, die hier sitzen, einen aufregenden Abend haben. Man nimmt es irgendwann persönlich, klammert sich an die Lehne des Vordermanns und freut sich und freut sich und freut sich, und denkt immer nur: Danke!

Später, als es vorbei ist, wartet eine Limousine vor dem Palast. Ein großes, dunkelblaues Schiff mit Hamburger Kennzeichen. Es steigen ein: die Dame im rosa Chanelkostüm, der Herr im hanseatischen Goldknopfensemble, und der schicke Greis an seinem Arm. Und plötzlich ist klar: Das ist hier alles ein bisschen altmodisch, ein bisschen ostalgisch, ist auch hin und wieder bitter, wenn es jung sein will und modern und es aber nicht schafft, weil es gerade dann gut ist, wenn es so ist wie früher, wenn es eben nicht Musical ist, sondern gute, alte Revue. Aber diese Revue, die ist wirklich große Klasse.

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Autor:
Simone Buchholz