Berlin Reichstagsgebäude

Stolz steht der Mann auf dem Dach seiner Gesandtschaft und zeigt um sich. "Eine echt prominente Lage", sagt Botschafter Werner Baumann. Rechts residiert der Kanzler, links thront das Reichstagsgebäude, im Rücken umkurvt uns die Spree, dahinter glitzert der neue Hauptbahnhof. Der Rest ist leeres Grün, der Nabel Berlins, der prominenteste Platz der Republik.

Das Ensemble gefällt dem schweizerischen Botschafter, der üppige Raum und die "eindrücklichen Gebäude". Seine Residenz ist das letzte Relikt des Alsenviertels, das auf dem Spreebogen stand. Das Bürgerhaus, 1919 von den Eidgenossen erstanden, diente einst als Wohnung und Praxis des Geheimen Obermedizinalrats Friedrich Theodor von Frerichs. Dostojewski kam als Patient.

Das Alsenviertel war dem faschistischen Monumentalismus des Generalbauinspekteurs Albert Speer im Weg, der hier die Welthauptstadt Germania in den sandigen Grund rammen wollte. Der Krieg kam dazwischen. Rundum versank alles in Trümmern. Nur das Haus der Eidgenossen blieb unzerstört. Die Legende sagt, die Schweizer hätten die Feuerwehr mit Schokolade bestochen - damit sie immer schnell zum Löschen kam.

"Dies war das letzte Schlachtfeld des Zweiten Weltkrieges", sagt Baumann. Mit einem Schindler-Lift von 1912 geht es in den Keller. Im hinteren Eck stehen noch Bunkerräume von damals - eine Reihe enger Betonbutzen, letzte Zuflucht vor dem Bombenhagel. Die Luft ist feucht. In der Nacht zum 30. April 1945 rückte die Rote Armee zur finalen Schlacht über die Spree. Die Botschaft wurde ihr Stützpunkt zur Eroberung des Reichstags. Die SS feuerte von den Ecktürmen. Die Russen brauchten für die kurze Strecke viele schreckliche Stunden. Tausende Menschen starben hier.

In Friedenszeiten sind es keine fünf Minuten zu Fuß. Sittsam schlängeln sich Kuppelbegierige zwischen den gewaltigen Säulen des Westportals. Russisch, Spanisch, Englisch, Deutsch und viele andere Sprachen schwirren durcheinander. "Is' ja wie im Flughafen", brummt einer, als er die Kontrollschleuse erspäht. Routiniert stopft das Personal Jacken und Accessoires in die Röntgengeräte. Geduldig steht die Schlange, an die zwei Millionen Menschen streben alljährlich aufs Dach, laufen die Kuppelspirale hinauf und hinab. Hier fühlen sie sich in der Mitte Berlins, spähen durchs Glas in alle Richtungen - "Da, guck mal, und da, da" - und begreifen die Stadt.

Wer hätte gedacht, dass das völlig erneuerte Reichstagsgebäude, das zuvor so viele Jahre düster und dräuend an der Mauer kauerte, zum Magneten des neuen Regierungsviertels werden würde? Im Nu war die Kuppel das neue Symbol der Republik. Auch das Innere des eher plumpen Gemäuers gewann durch den Umbau an Leichtigkeit.

Es ist das demokratische Happy End einer traurigen Geschichte. "Reichsaffenhaus", raunzte schon Kaiser Wilhelm II. Mit dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 ging die Demokratie in Flammen auf. Die Nazis zeigten hier die Ausstellung "Der ewige Jude", die AEG fertigte kriegswichtige Röhren. Dann wurde der Reichstag ein Lazarett. Heute trennt eine gewaltige, drei Etagen hohe Glaswand das Besucherfoyer vom Parlament. Touristen laufen direkt an der Riesenscheibe entlang und blicken in die Lobby. Das Polit-Personal wirkt wie in einem Terrarium - in Griffweite und doch unerreichbar. Gerade zehn Schritte sind es bis zum Plenarsaal. Auch umgekehrt ist der Effekt kurios: Bürger hinter Glas, glotzend und stumm wie Fische.

Nach innen Transparenz: Einander sehen Abgeordnete fast zu gut. "Das ist gehobene Käfighaltung", klagt eine altgediente Parlamentarierin, deren Blick in eine durchsichtige Batterie von Kollegenbüros fällt. Von außen aber erspäht keiner die Volksvertreter. Treten sie doch einmal vor die Tür, warten schon die allzeit bereiten Limousinen der Fahrbereitschaft.

Der Raum braucht Liebe, aber Berlin ist "überfordert"

Sie kommen nicht zueinander in diesem Regierungsviertel, das Volk und seine Vertreter. Die Politik ist entrückt. Schon aus Sicherheitsgründen. Aber auch qua Architektur: Alle Parlamentsgebäude sind mit Brücken und unterirdischen Gängen verbunden, was praktisch ist, aber die Straße zum Niemandsland macht. Der Abgeordnete kann morgens in die Tiefgarage gleiten und den Tag in einer abgeschotteten Welt verbringen, in 5000 Büros, auf Hunderttausenden Quadratmetern Fläche. "Kaum eine Regierung und ein Parlament der Welt sind so isoliert vom Leben der Stadt wie die in Berlin", sagt die Architekturkritik.

Den Bürger lockt wenig in dieses Viertel. Alle Macht geht vom Volke aus, aber viel Volk ist nicht da. Nur auf der Besuchertribüne erlebt der angemeldete Besucher Politik. Aufgeregt schnattern dann die Schülerscharen, von ihren Lehrern wie von Hirtenhunden umkreist, und auch die Gruppen gesetzter Herrschaften im Freizeitlook blicken recht erwartungsvoll. Da kann man was erzählen beim Kegelabend. Manche wissen, wenn sie herauskommen, genau Bescheid über die parlamentarische Demokratie, im Guten wie im Bösen. Der große Rest sagt "Aha", "So so" und "Na ja".

Schon das Regierungsviertel in Bonn galt immer als "das Raumschiff". In Berlin sollte die Politik endlich Teil des Lebens werden. Die Großstadt, glaubte man, werde das schon richten, werde die Horizonte der Politik aufreißen. Irrtum. "Man hat es geschafft, sofort wieder ein Raumschiff zu bauen", sagt ein Insasse des Kanzleramtes, der schon in Bonn dabei war. "Die Abschottung funktioniert perfekt." Das ganze Areal sei "ein Campus für die Politicos, die begegnen niemandem." Und abends gehen sie in Kneipen am Schiffbauerdamm oder am Gendarmenmarkt - Politiker, Begleitpersonal, Medienleute, alle wichtig, wichtig und unter sich.

Kanzler und Co. leben auf ödem Gelände. Im Osten liegt der Bundestag, im Norden, hinterm Bahndamm, das arme Moabit, wo man die Folgen der Sozialgesetzgebung hübsch studieren könnte. Ganz nah, aber Lichtjahre entfernt. Im Westen grünt der Tiergarten, seit Jahrhunderten Ort des Lustwandelns. Die alten Bäume haben schon viel Polit-Personal gesehen. "Hier gehen Beamte mit langen Ton- oder anderen Pfeifen einher, sprechen über Bürogeschäfte", heißt es in einer Chronik von 1831, "über die Gehalts- und Amtserhöhung eines Freundes, teilen sich Staatsgeheimnisse mit, die ihnen aus sicherer Quelle zugeflossen sind, bestreiten die Ansichten, welche die Zeitungen über dies oder jenes Ereignis aufstellen."

Wie könnte das Regierungsviertel Anschluss an die Restwelt finden? Es gibt kein historisches Vorbild, an das sich anknüpfen ließe. Die schnell gewachsene Stadt war immer Baustelle, gerade auch das Zentrum. Dort wurden von 1845 bis 1945 weit mehr als hundert, von 1945 bis 1975 hingegen gerade 77 Gebäude abgerissen. "Das Werk der Vernichtung", klagte der Publizist Siegfried Kracauer bei einem Rundgang 1930, auf "kalte glatte Marmorplatten" blickend, sei "schon beinah vollendet".

Das Leben begann schon damals weit östlich vom Brandenburger Tor, hinten an der Friedrichstraße, auf der Weidendammer Brücke, wo Kästners Pünktchen und Anton einst Streichhölzer und Schnürsenkel feilboten. Die Aufteilung war einfach: Die Linden dienten als Lauf-, die Leipziger als Kauf-, die Friedrich als Saufstraße. Selbst zu DDR-Zeiten wurde hier noch ein bisschen gelacht. Das Zentrum aber war ein zerschossener, dann gevierteilter Ort; nach der Wiedervereinigung lockte die wohl größte Brache, die es in einer Weltmetropole je gab. Ein Traum für Großplaner. Zugleich ein Raum für fette Fragezeichen: Was ist Stadt? Wie soll die Mitte des neuen Deutschland aussehen? Wer wird hier leben? Wofür steht "Berlinische Architektur"?

Es ist ein Taumeln zwischen Stuck und Stahl. Das Brandenburger Tor bleibt Fixpunkt, Pflichtprogramm für Tausende Touristen, die sich hier tagtäglich drängen, draufgucken, weiterirren über den feinen Pariser Platz, dessen neue Architekturmischung gar nicht uninteressant ist. Und der dennoch gewollt wirkt, pseudoalt. Dahinter ragt das Hotel Adlon auf, dieses wuchtige Imitat, das sich, renditehungrig, an kaiserliche Nobelzeiten klammert. Im Foyer plätschert es aus Fröschen und Löwenköpfen; im Restaurant mümmelt man Saiblingsfilet und starrt auf knipsende Japaner. Die Betuchtesten holt der Maybach-Service im Hause direkt am Flugzeug ab. Das Adlon bedient alle Klischees der guten alten Zeit. Wann war die eigentlich?

Um ein Pflaster über die Wunde zu kleben, ersann der Architekt Axel Schultes das "Band des Bundes", eine West-Ost-Achse, die zweimal die geschwungene Spree überquert, eine Gebäudereihe aus viel Glas und Sichtbeton. Sie beginnt im Osten mit dem Bibliotheksanbau des Parlaments, dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, wird zum Paul-Löbe-Haus, in dessen Betonrotunden Ausschüsse tagen. Dann folgt Schultes' Kanzleramt, ein 36 Meter hoher, von zwei Bürotrakten gerahmter Kubus, den die Berliner Schnauze im Nu die "Waschmaschine" nannte. Im Dunkeln, vom anderen Spreeufer betrachtet, sieht das Amt ganz hübsch aus - es schimmert wie ein just gelandetes Groß-Raumschiff.

Nach der zweiten Flussüberquerung läuft das Band im "Kanzlerpark" aus: grün, gerahmt von Betonwänden, an die vier Meter hoch, bekrönt von Kameras. Die Achse - ein Marterpfahl der Landschaft? Dahinter steht die steinerne Schlange, ein für Abgeordnete gedachter Wohnkomplex, wo nun - mangels Volksvertreterakzeptanz - viele Bedienstete logieren. "Die kommen Montag und fliegen Donnerstagabend wieder aus", sagt Michael Spiegel vom Schwaben-Lokal "Weitzmann", wo sich Immigranten aus dem Süden bei Spätzle und Trollinger stärken. Über dem Lokal dröhnt die Bahnstrecke Paris - Moskau. Etliche Geschäfte sollten in der Schlange leben. Doch selbst der Lebensmittelhändler hat aufgegeben.

Eine Crux, dieses Regierungsviertel. Es wirkt unwirklich, wie eine Kulisse. Gerade die Ecke am Bundestag - null urbane Tradition. Der Platz lag ursprünglich außerhalb Berlins. Friedrich Wilhelm I. ließ die Fläche roden, um einen Exerzierplatz zu schaffen. Der Volksmund nannte ihn bald die "Wüste Sahara".

Viele Pläne wurden für diesen Platz geschmiedet, der Königsplatz des Deutschen Reiches war, dann Bauplatz für Speers Germania-Wahn, danach Todesstreifen. 1993 schließlich wurde das Areal per "Entwicklungsverordnung" für Parlaments- und Regierungsfunktionen vorgemerkt. Beim landschaftsplanerischen Wettbewerb träumten Planer das ganze Panorama durch - von Sumpfwäldern bis zu hingestreuten Internet-Terminals.

"Wir haben sehr, sehr viele verrückte Ideen für diesen geschichtlichen Raum gehabt - und verworfen", sagt Landschaftsarchitekt Jan Wehberg, der mit seiner Kollegin Cornelia Müller das riesige Areal gestaltet hat. Einst, erzählt der Planer, saß er oft hier an der Spree, wo es viele Vögel und Füchse gab. Und den großen Bolzplatz vor dem Reichstagsgebäude.

Kern ihrer Idee war es, "den hierarchischen Aufbau des Platzes zu brechen" - durch luftige Gestaltung und das Herüberspringen einzelner Bäume aus dem Tiergarten. Im Zentrum, zwischen Parlament und Kanzleramt, sollte Leben sein: Pavillons mit Cafés und Zeitungsständen - aber das wurde "gekippt, ohne Begründung".

Wehberg wirkt ermüdet vom endlosen amtlichen Schriftverkehr. Ihn stört dieses Tipi-Zelt hinter dem Kanzleramt, "ein Treppenwitz". Ihn ärgert die Straße, die quer durch das Gelände schneidet. "Peitschenmasten und röhrende Autos", sagt er, "wie in der Vorstadt." Ihn quält auch das Schicksal des Ebertplatzes östlich des Bundestags. Wo jetzt das Ballett der dunklen Polit-Limos tanzt, sollten eigentlich fröhliche Bürger flanieren.

"Überfordert" sei Berlin, resümiert Wehberg. Dieser tiefe Raum bräuchte Liebe, ein Programm: "Man kann ihn so inszenieren, dass er wunderbar ist." Der Architekt sehnt sich nach einem Volksvertreter, der sich kümmert um diesen "Garten der Republik." Vielleicht wächst er noch. "Oft sind andere Städte bloße Gespenster besserer Vergangenheit", schrieb Ernst Bloch 1932 mit gedämpfter Hoffnung. "Das hohle Berlin ist möglicherweise das Gespenst einer besseren Zukunft."

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Autor:
Tom Schimmeck