Berlin Prenzlauer Berg: Generation Buggy kommt

Kollwitzstraße/Ecke Sredzkistraße. Es ist so weit, ein Gerüst wird aufgebaut. Vier Stockwerke malerisch verfallende Fassade, rostige Balkongitter und dünne Birken, die aus der Regenrinne wachsen, verschwinden hinter langen Plastikplanen - Prenzlauer Bergs meistbestauntes Mietshaus wird saniert.

Hier verlangsamen sonst Reisebusse aus ganz Europa ihre Fahrt, damit die Stadtführerin am Mikrofon erläutern kann, was es mit dem Bezirk auf sich hat: Arbeiterviertel der Gründerzeit, ungesunde Hinterhöfe, in der DDR jahrzehntelang vernachlässigte Altbausubstanz und damit schon vor '89 idealer Rückzugsort für Künstler und Habenichtse, ein Labor alternativer Lebensweisen und nach der Wende eine Art neues Kreuzberg mit illegalen Kneipen, wildem Nachtleben und statt des Hauchs Orient einer Prise Realsozialismus.

Jahrelang war es einfach, vom Reisebus aus diesen Mythos zu beschwören. Touristen konnten den Blick ohne spezifische Anleitung schweifen lassen über bröckelnde Fassaden, bepflanzte Badewannen ehemaliger Hausbesetzer und verblassende HO-Inschriften, doch in jüngster Zeit mussten sie bei ihrer Fahrt um Wasserturm und Kollwitzplatz herum ausharren bis zur Kollwitzstraße/Ecke Sredzkistraße, um einen äußeren Beleg dafür zu bekommen, was sich im Innern des Viertels Geheimnisvolles abspielt, und nun ist es auch damit vorbei. Zeit ist vergangen.

Im ehemals größten zusammenhängenden Sanierungsgebiet Europas ist fleißig saniert worden, und kaum eine renovierte Wohnung bleibt hier unbezogen oder unverkauft. Dass der alte Ost-Berliner Bezirk für junge Familien bei der Nestsuche zur ersten Wahl gehört, ist nicht zu übersehen: Im Café "Sowohl Als Auch" beispielsweise gibt es kaum einen Tisch, an dem kein Buggy parkt, zwei Häuser weiter hat das Kinderkaufhaus "nanito" eröffnet, gegenüber der Kinderschuhladen "Kokami". Schwangere Frauen, wohin das Auge fällt, äußerst belebte Spielplätze und Schlangen vor den Eisdielen. Gewiss sind die Voraussetzungen günstig - das Durchschnittsalter der Frauen hier liegt durch den massiven Zuzug von Studenten in den neunziger Jahren im besten Gebärbereich - aber das ist nicht der einzige Grund für den Babysegen.

Kinder zu haben greift hier weniger stark in dein Lebenskonzept ein", sagt Berit Stumpf, Mutter von Rosa Mae, 2, und Performancekünstlerin. "Es geht auch ohne Eigentumswohnung und geregeltes Einkommen, du bist nicht schlagartig abgeschnitten von deinen kinderlosen Freunden oder dem, was du vorher gemacht hast." Sie wohnt seit '98 im Prenzlauer Berg, zusammen mit Sean Patten, auch einem Performancekünstler aus England, der meint, dass sich gewiss viel verändert habe in den vergangenen Jahren, es nicht mehr nach Braunkohle rieche und der Kollwitzplatz richtig schick geworden sei. Aber trotz der steigenden Mieten könne man hier, im Vergleich zu anderen europäischen Großstädten, immer noch günstig leben, sei der Bezirk ein Ort alternativen Denkens geblieben. Das hat die beiden auch bewogen, mit ihrer englisch-deutschen Live-Art-Gruppe "Gob Squad" nach Berlin zu gehen.

Zurzeit proben sie im "Prater", dem ehemaligen Kreiskulturhaus mit traditionsreichem Biergarten, der 1995 als Nebenspielstätte der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz wieder eröffnet wurde. Und weil die Stücke von "Gob Squad" Interaktion mit Leuten von der Straße vorsehen, spielt die Lage an der Kastanienallee, im Volksmund Castingallee, eine der beliebtesten Kneipen- und Bummelmeilen des Bezirks, eine entscheidende Rolle. Es sei nicht leicht, unter den Leuten, die hier des Nachts unterwegs sind, "normale Menschen" zum Mitspielen zu finden.

"Für unser letztes Stück waren wir zu Proben in Nottingham, wo es oft hart war, die Reaktion der Passanten in den Griff zu kriegen, aber auch weit spannender. Die Leute im Prenzlauer Berg sind abgebrühter, weil sie entweder selbst Kunst machen oder eben ständig jemand mit der Videokamera ankommt", sagt Patten.

Der Kiez der Väter mit dem iBook

Die Geborgenheit unter Gleichgesinnten hat auch ihre Schattenseiten. In Momenten düsterer Verfassung macht sich ein Ghettogefühl breit, kann man als Freiberufler um die 30 schon den Eindruck bekommen, es gäbe zu viele von der eigenen Sorte. Sean erzählt, dass er eine Weile gezögert habe, Rosa eines dieser Laufräder zu schenken, auf denen die Kleinkinder die Bürgersteige entlangflitzen - unter einem Arm das Like-Bike, unterm anderen das iBook, würde er als Prenzlauer-Berg-Vater ab und zu an seiner Individualität zweifeln. Und tatsächlich sind ein weiteres neues Merkmal des Bezirks all die Ladenlokale, in denen Schreibtische mit Macintosh-Rechnern stehen und vor deren Schaufenstern im Sommer die jungen Unternehmer mit Milchkaffeebechern sitzen und ihren Kindern beim Laufradfahren zuschauen.

Einer der Ersten mit einem solchen Büro war Matthias Gerber, als er Anfang 1999 zusammen mit Kathrin Kreitmeyer "südost typografik" gründete. Der Schweizer Grafikdesigner lebt seit 1996 in Berlin, und ihm gefiel der Gedanke, aus dem Büro heraus am Straßenleben teilzuhaben. Er schätzt die Stimmung im Viertel als tolerant und lebensfroh. Ob das nicht auch an der einheitlichen Bevölkerungsstruktur liege, in der der Ausländeranteil nur aus gutsituierten Westeuropäern wie ihm bestehe? - Er lacht, sicherlich, aber wieso solle er sich darüber beschweren? Dass der Bezirk seit der Sanierung nobler ist, die Studenten inzwischen Eltern sind und viele Wohnungen in Eigentum umgewandelt wurden, komme ihm ebenfalls zugute. Seit 2001 produziert er mit seiner Kollegin unter dem Label "extratapete" ungewöhnliche Tapeten in Kleinstauflagen, und wer nicht mehr so oft umzieht, bestellt sich ein "individuelles Design" nach eigener Vorlage.

Auf die Frage, warum ein Berlin-Umzug vom Ausland Mitte der Neunziger automatisch nach Prenzlauer Berg führte, haben Gerber und Patten dieselbe Antwort. Der Osten sei einfach spannender gewesen, etwas Neues, ein Ort, wo mit Gewissheit nicht seit hundert Jahren alles seinen festen Gang gehe. Wo man mit wenig Geld und eigenen Ideen die Chance hatte, zum gestaltenden Part einer Nachbarschaft zu werden.

"Als hätten sie zur Stunde Null die Stadt erobert und würden ihr jetzt aufhelfen!" Katja Oskamp, Schriftstellerin und Theaterkritikerin, hat naturgemäß einen anderen Blick auf die Entwicklungen im Prenzlauer Berg. Sie ist hier aufgewachsen und zu dem Zeitpunkt, als der Bezirk unter jungen Westlern in Mode kam, weggezogen zum Studieren. Seit anderthalb Jahren ist sie zurück in Berlin, aber nach Prenzlauer Berg kommt sie nur selten. "Mir fehlt irgendwie die Kraft, mich hier wieder ins Spiel zu bringen. Manchmal mach' ich einen Spaziergang."

Wir sitzen im Café "Wohnzimmer", Katja Oskamp zum ersten Mal, obwohl das Café seit Jahren zu den angesagtesten am Helmholtzplatz gehört. Auch hier stimmt die liebevoll präparierte Vergangenheit des Gastraums mit seinen unbehandelten Wänden und rohen Dielen nicht mehr so recht mit dem topsanierten Zustand der Hausfassade überein. Aber die Polstersessel sind gemütlich und der Kuchen schmeckt wie von Oma gebacken. Oskamp zeigt auf das DDR-Kantinengeschirr, in dem der Kaffee serviert wird. "Ich versteh schon, inwiefern solche Dinge hip sind. Aber das geht nur, wenn du das nicht echt hattest." Sie fragt sich, ob dieses Feiern von Ost-Accessoires nicht die Leute verhöhnen, die damals nichts anderes bekommen konnten oder solche Dinge schön fanden, damals, in den Siebzigern. So wie sie und ihre Eltern die Wohnung mit Durchreiche und Balkon im Plattenbau jenseits der Greifswalder Straße, einem Teil von Prenzlauer Berg, der nicht zum üblichen Bild des Stadtbezirks passen will.

1977 war es ein Privileg, vom düsteren Altbau mit Badeofen in das moderne Wohngebiet mit Schule und Kaufhalle an der Thomas-Mann-Straße umzuziehen. Nur 25 Jahre später hat die Schule wieder zugemacht, der Jugendclub ist zu verkaufen, und man trifft hauptsächlich ältere Leute auf dem Wochenmarkt an der Greifswalder. Hier gibt es neben günstigen Hollandtomaten auch Büstenhalter und Schälmesser und damit ein völlig anderes Marktgefühl als samstags auf dem Kollwitzplatz-Markt mit seinen Ökobauern und Kunsthandwerkern. Wer in Prenzlauer Berg den Osten sucht, findet ihn am ehesten hier. In diesem Teil des Bezirks kostet ein Bier die Hälfte seines Preises am Helmholtzplatz. Und auch wenn die Plattenbauten inzwischen saniert wurden,wohnt doch noch ein großer Teil der Erstbezieher darin. So wie Katja Oskamps Eltern, Doris und Hartmut Eisenschmidt.

Sie erzählen von früher, als endlich das Gaswerk an der Danziger Straße abgerissen wurde, das im ganzen Bezirk die Luft verpestete, und der Ernst-Thälmann-Park entstand.Was für ein Gefühl es war, selbst bei der Begrünung eines neuen Viertels mitzuhelfen, von Festen mit anderen jungen Familien, den Veränderungen nach der Wende und dass sie nun häufig gefragt würden, warum sie noch "in der Platte" wohnten.

"Hör dir diese Stille an", sagt Doris Eisenschmidt, und wir schweigen einen Moment.Vogelgezwitscher, Pappelrauschen. Eine Oase, zehn Minuten Straßenbahnfahrt vom Alexanderplatz entfernt. Die Spielplätze zwischen den Häusern werden nur noch von Elstern und Spatzen besucht. Und während man im Sommer zwischen den Büschen des Mauerparks die Zeitung des benachbarten Sonnenanbeters mitlesen kann, verirrt sich kaum ein Tourist oder Zugezogener in den Volkspark Prenzlauer Berg. So weit geht die Ostalgie dann doch nicht, dass sich auch heute wieder junge Prenzlauer-Berg-Familien im Plattenbauviertel ansiedeln würden. Die Architektur der Gründerzeit zeigt größere Flexibilität und birgt mehr Glamour als die des Wohnungsbausystems 70. Doch wer weiß, was in zehn Jahren ist. Dem Prenzlauer Berg ist einiges zuzutrauen.

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Autor:
Anke Stelling