Mit Stil Planieren statt Flanieren

Street by Construction Site

Wir hatten kürzlich Besuch von einer Freundin meiner Mutter aus New York. In New York lebt nach meiner empirischen Erfahrung der größte Anteil uneingeschränkter Berlin-Fans. Ich weiß nicht, mit welcher Propaganda das hiesige Fremdenverkehrsamt das angestellt hat, aber beim bloßen Erwähnen der deutschen Hauptstadt sagt eine bestimmte Gruppe New Yorker reflexhaft "OMG - I looooove Berlin!", egal, ob sie schon einmal dort waren oder nicht. Vielleicht lag es ja an der Promotiontour von Klaus Wowereit zum "Berlin Day", den ich vor gut vier Jahren in New York miterleben durfte. Damals unterstrich er typische Coolness-Faktoren wie den noch höheren Brücken-über-Fluss-Anteil als in Venedig mit einem vehement vorgetragenen "It is so, it is so!"

Die Freundin meiner Mutter ist schon etwas älter und lebt auf der Upper West Side, deshalb ließ sie sich nach ihrer ersten Berlin-Erkundung lediglich zu einem beeindruckten "What a vibrant city!" hinreißen, was sie, wie ich später feststellte, nicht etwa auf die Kunstszene, das Berghain, die Leute oder was auch immer bezog, sondern vor allem auf die zahlreichen Baumaßnahmen rund um unsere Straße. Sie sei tief beeindruckt, dass auch zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer immer noch so intensiv am Stadtbild gearbeitet werde.

Ich verstand nicht sofort, was sie meinte. Wir wohnen in der Oderbergerstraße, nicht in Lichtenberg oder Marzahn, aber durch die Nähe zur ehemaligen Mauer an der Bernauerstraße hielt sie die Baustellen um uns herum offensichtlich ganz selbstverständlich noch für Altlasten aus DDR-Zeiten. Zu gern hätte sie gesehen, wie die Straßen noch mit all den alten tiefen Schlaglöchern und dem unter seiner Geschichte ächzenden Trottoir aussahen! Sicher sei auch irgendwo noch ein Abdruck eines schweren Panzers im Asphalt zu finden gewesen. Aber natürlich sei es toll, dass hier so viel getan werde, schön sei Verfall ja auch nicht unbedingt.

Ich überlegte kurz, ob ich sie ausführlich in die Komplexität der "K21"-Debatte einführen sollte, über die seit Monaten umstrittenen Baumaßnahmen an der Kastanienallee im Besonderen und das gleichzeitige Aufreißen von ganz Mitte und Prenzlauer Berg im Allgemeinen, entschied mich dann jedoch für den eher radikal knappen Diskurs und sagte etwas wie "Äh, ja, so kann man das natürlich auch sehen."

Wie hätte ich ihr auch erklären sollen, dass unsere Straße eigentlich schon lange hübsch saniert war und deshalb gerade in amerikanischen und englischen Reiseberichten immer unter "to stroll around Prenzlauer Berg" genannt wird, und man dort wirklich toll flanieren konnte - bis im vorletzten Frühling einfach mal alles zur Hälfte aufgerissen und eingezäunt wurde und seitdem so wenig passiert, dass ich schon Verschwörungstheorien aufgestellt habe, nach denen das Arbeitsgerät in etwa so umsichtig organisiert wurde wie in Jonathan Frantzens Roman "Freiheit", wo der Sohn Joey möglichst teure, aber völlig unbrauchbare polnische Lastwagen für den Einsatz im Irak beschaffen soll.

Aber nun weiß ich ja wenigstens, dass nur die Anwohner völlig entnervt sind von den kiesgrubenartigen Gehwegen und den nicht vorhandenen Parkplätzen, die Touristenscharen jedoch, die diese Straße jeden Sonntag in die Einflugschneise zum Mauerpark verwandeln, den Bauwahn als "vibrant", vielleicht sogar als "very Berlin" erleben, weil die Cafebesitzer ihre Tische zwangsweise einfach auf halbfertiges Kopfsteinpflaster stellen und die Autos anarchisch zwischen Bauzäunen und Planierraupen parken. Wahrscheinlich freuen sich sogar insbesondere die italienischen Besucher, dass im sonst so organisierten Deutschland auch einfach mal völlig planlos losgebaut wird wie in Neapel, auch wenn die sicherlich keine Ahnung haben, dass eine Baumaßnahme auf einer Strecke von etwa 500 Metern auch ohne Mafia, sondern nur mit einem Berliner Senat länger als ein Jahr dauern kann.

Die gleichzeitige Koordination sämtlicher Baumaßnahmen in Mitte führt außerdem dazu, dass Berlin verkehrsmäßig nun endlich auch so verstopft erscheint wie es sich für eine echte Metropole gehört. Da fühlen sich dann insbesondere New Yorker und Londoner auch sehr viel wohler. Und es steigen noch mehr Touristen auf eine Stadterkundung mit dem Fahrrad um. Die oft zwanzig Mann starken, aber völlig planlosen "Berlin by bike"-Touren sind zwar zu einer der größten öffentlichen Bedrohungen dieser Stadt geworden, aber die Gefahrenlage war ja im Vergleich bislang auch überdurchschnittlich gering. Wirklich höchste Zeit, dass Berlin ein bisschen "more vibrant" wurde.

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Autor:
Silke Wichert