Berlin Neue Künstler an der Spree

Freitagabend in Kreuzberg. Ringsum deutscher Wirtschaftswunderbeton in allen Grautönen, davor bunte Dönerbuden und ein Hauch von Istanbul. Der Mann mit der Glatze geht in einen Hinterhof, steigt über eine Eisentreppe hinauf in den ersten Stock, Raum Nummer 58. Es ist Sommer, lau die Luft, Neonröhren werfen bizarre Schatten.

Das ist einer der Momente, die Tom Biber besonders mag. Wenn er nicht weiß, was auf ihn zukommt. Wenn es nicht um große Namen und opulente Inszenierungen geht. Wenn der Erfolg des Abends nicht vom Hype der Medien oder der Qualität des Buffets abhängt. "Forever and A Day Büro" heißt die Initiative, die von zwei jungen Berliner Künstlern gegründet wurde. In unregelmäßiger Folge präsentieren sie Arbeiten junger, unbekannter Künstler an wechselnden Orten. Diesmal im kahlen Raum eines Neubaus Nähe Kottbusser Tor.

 

"Hier gilt es, sich zu beweisen", sagt er, "an solchen Orten fängt alles an. Hier muss man sich der Kritik aussetzen." Hier ist unten. Keine Plakate, die auf die Ausstellung hinweisen. Keine Annoncen. Keine Zeitungsartikel. Keine E-Mail-Kampagnen der Galeristen. Nur Mundpropaganda. Das sei gut so, sagt er, weshalb er einem Journalisten die Adresse nur ungern verraten würde: "Wer Kunst wirklich entdecken will, der soll mehr tun müssen als nur Zeitung lesen." An der Wand drei Bilder, im Raum eine Installation, eine Skulptur. Die Besucher sind überwiegend Leute aus der Szene. Man trinkt Bier aus der Flasche,Wein aus Pappbechern. Irgendwann stehen alle auf dem Balkon.

Tom Biber hätte den Abend genauso gut irgendwo im Stadtbezirk Mitte verbringen können. Auguststraße. Brunnenstraße. Torstraße. Sophienstraße. Dort, wo die hippen, angesagten Galerien sind, die Berlin zur Kunstmetropole gemacht haben, die frequentiert werden von internationalen Kunstsammlern, der lokalen Schickeria. In Mitte werden Trends gefunden und Meinungen gemacht. Hier wird das große Geld umgesetzt.

Es könnte Bibers Welt sein. Er besitzt eine ebenso umfangreiche wie beachtliche Sammlung. Er ist täglich in Sachen Kunst unterwegs, besucht Künstler, knüpft Kontakte und trägt Kunstwerke zusammen als Kurator für " ", eine Online-Auktion, bei der einmal im Jahr Arbeiten von Künstlern für ein SOS-Kinderdorf versteigert werden.

Doch die etablierten Adressen sind nicht Bibers Welt. Die Galerie Eigen + Art, mit der Gerd Harry Lybke die Neue Leipziger Schule zum Weltseller gemacht hat? Biber: "Ich gehe da nicht hin, ich höre auf meine Künstler, und die schätzen dort keinen außer Neo Rauch." Die Sammlung Hoffmann, eine der bemerkenswertesten Privatsammlungen Deutschlands? Biber: "Sicherlich gut, aber ich bin in meinen Zirkeln unterwegs."

Seine Zirkel also, wie hier in Kreuzberg. Da steht er nun unübersehbar, ein großer, breitschultriger, kahlköpfiger Mann mit Brille. Und alle kennen ihn. Alle grüßen. Alle begegnen ihm mit einer Mischung aus Respekt und Sympathie. Man kann das sehen, wie sie auf ihn zugehen. Wie sie mit ihm reden. ie sie zuhören, wenn er etwas kommentiert. Da ist kein Lächeln aufgesetzt. Mit vielen Künstlern ist er befreundet, hat ihnen bei sich zu Hause Wiener Schnitzel serviert; anlässlich einer Performance von Jonathan Meese trat er sogar mal als Wies'n-Wirt in Lederhosen auf.

Ist das die Geschichte? Ein Mann, der die Kunst liebt, mit und für die Kunst lebt, aber dem Kunstmarkt so oft und so weit als möglich fern bleibt? Der lieber über die schwierigen Bedingungen spricht, unter denen die Mehrzahl der Künstler arbeitet, als zu diskutieren, ob die diesjährige documenta aussah wie ein bulgarischer Trödelmarkt; der lieber in die Niederungen der Ateliers abtaucht als darüber sinniert, in welchem Hotel er bei der Biennale in Venedig absteigen wird (er fährt gar nicht erst hin).

Ein Mann, der stundenlang über Kunst schwärmen kann und genauso lang poltern über den Kommerz des Kunstmarkts; der seine Sammlung seinem Auge, seinem Instinkt und dem Kontakt zu Künstlern verdankt, nicht seinem Scheckbuch und der Einkaufsliste eines Beraters. Biber hat meist gekauft, als die Leute noch nicht bekannt waren, bezahlt auf Raten. Oft waren sie beide arm, der Künstler und der Sammler. Das verbindet. Ist das die Geschichte?

Ein paar Tage später, kurz nach Mittag. Biber sitzt in seinem Audi, Baujahr 1994, leicht verbeult, verblasstes Bordeauxrot, auf dem Tacho 300.000 Kilometer. Er ist auf dem Weg zur Galerie Ben Kaufmann in der Brunnenstraße. Nicht wegen der großformatigen Schwarzweißfotografien des Dänen Poul Gernes, nackte Gesäße, die dort ausgestellt sind. Biber hat noch ein Bild bei Kaufmann, das er abholen will. Und er schaut ständig bei Galeristen vorbei, möglichst jenen, die nicht so etabliert sind, die junge Künstler vertreten oder solche, denen, wie Biber meint, der Kunstmarkt trotz erwiesener Qualität die Anerkennung verweigert hat. Wie etwa Berthold Reiß, der für ihn "ein malender Philosoph" ist, der "über Kant und die Gotik publiziert hat, der einem noch sagen kann, o Form und Wahrnehmung herkommen". Kaufmann hat ihn neulich ausgestellt. Biber musste ein Bild haben.

Er kann nicht anders. Kauft, auch wenn er schon pleite ist. Muss sich beteiligen, wenn über Kunst diskutiert wird. Wie jetzt, als Kaufmann, ein junger, sanftmütig wirkender Mann, dessen Galerie versteckt hinter einer Hofeinfahrt liegt, sich freut. Das Geschäft geht gut. Der Kunstmarkt floriert, Vernissagen sind die neuen Partyevents, die Preise explodieren. Es ist ein universelles Phänomen. Kaufmann: "Das Feuilleton hat sich geöffnet, es gibt immer mehr Künstlerporträts, selbst in Blättern wie 'Vogue' oder 'Elle'." Biber kontert: "Wenn Journalisten über Kunst schreiben, ist das der Beginn der Vermassung."

Kaufmann preist seine Ausstellung von Gernes. Biber: "Lasst uns lieber über Künstler reden, die noch leben." Kaufmann verweist auf eine Kritikerin, die über Gernes' Fotos geschrieben habe und sogar bei Monopol publiziere. "Monopol?" sagt Biber, "für mich ist das ein Blatt, das man auf der Toilette durchblättert und hinterher genug weiß, um mitzureden."

Thomas Biber wuchs auf in Ingolstadt, Oberbayern. Einst Residenz bayerischer Herzöge, später geprägt von Katholizismus, CSU, Audi und Media Markt. In der Jugend reichte Bibers Horizont kaum über das Kinoprogramm hinaus ("Die Filme hießen 'Karate Tiger 2' oder so ähnlich"), doch dann kam er als Beleuchter und Roadie einer freien Theaterproduktion Anfang der neunziger Jahre nach Graz. Dort gibt es den "Steirischen Herbst".

Hier gastierten schon Laurie Anderson und Günther Brus, Wiens radikalster Aktionskünstler. Man trank Wein und Vogelbeerschnaps und erging sich in wilden Diskussionen. Mit diesen Eindrücken ging Biber nach München, schmiss sein Studium in Mathematik und Physik, schrieb vorübergehend Videotexte, entrümpelte Wohnungen. Er geriet in die Künstlerkreise des Baader Café, besuchte erste Ausstellungen. Irgendwann kaufte er sich ein Bild von Thomas Zipp, den damals nur Insider kannten. Er zahlte es ab in Raten von zehn Mark.

Kunst ist kein Spaß

Biber sagt den schönen Satz: "Ich hatte kein Geld, aber ich hatte die Kunst." Das klingt nach Plattitüde. Doch wenn er so dasitzt, den Kopf zwischen den hochgezogenen Achseln, jedes Wort abwägend, langsam sprechend, dann spürt man: Für den ist das kein intellektuelles Spiel, kein Accessoire des modernen Metropolenmenschen. Der meint das ernst. Man wundert sich nicht, dass Biber Oskar Maria Graf ("Wir sind Gefangene") verehrt, einen oberbayerischen Bäckerssohn, der in der Münchner Bohème der zwanziger Jahre seine Berufung als Schriftsteller entdeckte.

Was für Graf die Literatur, war für Biber die Kunst. Er fährt nach Köln, sieht Martin Kippenberger. Fährt nach Frankfurt, trifft den Kreis um die Städelschule. Reist kreuz und quer durch die Republik. Der Kunst hinterher. Er taucht ein in die Künstlerzirkel, redet mit, trinkt mit, gibt Coupons aus; für einen Coupon gibt es ein Wiener Schnitzel bei ihm zu Hause, je fünf Coupons tauscht Biber gegen eine Arbeit. Er schult sein fotografisches Gedächtnis, kann dadurch Stile, Ausdrucksformen einordnen, wird respektiert. "Kunst war eine eigene Sprache", sagt Biber, "wenn man die beherrschte, konnte man mitreden, auch als Bauarbeiter, da gab es kein Klassensystem."

 

2003 ist er bei Freunden eingeladen. Ebenfalls am Tisch Ingrid Famula, Kommunikationsleiterin der "SOS-Kinderdörfer weltweit". Sie hat eine Idee. Künstler und Prominente sollten Arbeiten stiften, die versteigert werden. Das "SOS-Kunststück". Schöner Gedanke, großes Problem. Die Versteigerung soll anonym stattfinden, den Werken kein Name zugeordnet werden können. Die Künstler sperren sich, haben Angst um ihren Marktwert; auch die Galeristen helfen nicht. Die Auktion soll im November stattfinden, es ist Juli, und Famula hatte kein einziges Bild. So kommt Biber zu seinem Job. Famula: "Erst sagte er nee, nee, nee, doch dann sagte er ja, ja, ja." Er kennt die Künstler. Die Künstler vertrauen ihm, wissen, dass es ihm nicht um Geld geht: Biber hat noch nie ein Bild verkauft. Im November hat er 65 Kunstwerke von Größen wie Meese, Förg, Bayrle, von Bonin, die teilweise eigens für SOS geschaffen wurden; in den darauf folgenden Jahren werden Arbeiten von Richter, Polke, Lucander, Reyle oder Fischli/Weiss versteigert.

Wieder ein paar Tage später, nachmittags. Biber schaut bei Hans-Jörg Mayer vorbei, Prenzlauer Berg, Hinterhaus, 4. Stock. Nicht weit von seiner eigenen Wohnung. Mayer gehört zu Tom Bibers Lieblingsmalern. Das hat auch damit zu tun, dass im Münchner Café Baader ein bemaltes Stück Schuhkarton über der Bar hing. "25 Hot" stand drauf. Biber war fasziniert. Das Bild war von Mayer, den er für einen "großartigen, ernsthaften Maler" hält, vermutlich einen der besten Deutschlands, Leipziger Schule hin oder her. Und so sitzt er wie so oft bei Mayer zwischen mit Farbe verkleckerten Paletten und Magazinschnipseln an der Wand, die dem Künstler als Inspiration dienen. Es riecht nach Terpentin und Nescafé. An die Wand gelehnt eine riesige Leinwand, drei mal zwei Meter, auf der seltsame, elfengleiche Figuren zu schweben scheinen. Groteske, leicht grelle Farben. Schwer zu beschreiben. Biber fragt: "Die Stromleitung willst du damit die Energiekrise darstellen?" Mayer stöhnt: "Nein! Sag nichts! Letztes Mal hast du eine Hexe gesehen, die hab ich darauf wegmachen müssen."

Für Biber ist Mayers Küche der "schönste Platz in der Berliner Kunstszene". Da sitzen sie, plaudern, philosophieren. Und tatsächlich schön ist es, Mayer, einen Schelm in kurzen Hosen und Turnschuhen, dem ständig die Brille von der Nase zu rutschen scheint, über Biber erzählen zu hören. Mayer: "In München erzählten sie immer von einem Biber-Tom, der so umtriebig sei." Als er ein Bild kaufte, gab es Komplikationen zwischen zwei Galeristen. Mayer: "Der Tom ist nur simplizissimusmäßig durch die Gegend gelaufen." Mayer ist in Malerkreisen ein hoch angesehener Mann, das Rampenlicht hat er dennoch verfehlt. "Ich lebe auch so gut", sagt er, "ohne überall rumstehen und mich wichtig tun zu müssen." Und wie geht man mit einem Bewunderer wie Biber um? Mayer: "Ab und zu schlecht behandeln." Biber rührt betreten in seiner Tasse Nescafé. Mayer lächelt: "Aber dafür kriegt er auch immer wieder was geschenkt." Gerechte Belohnung. Famula hat gesagt: "Tom macht seine Arbeit mit hoher Verantwortung, er fragt immer: Wie geht es dem Künstler dabei, wie könnte er sich fühlen?"

Auf dem Weg zu seiner Wohnung, sagt Biber: "Ich habe die Kunst immer als Lernfaktor wahrgenommen, nicht als Konsum." Ihm gefalle nicht, wie sich die Szene verändert habe. Zu viel Trara in den Medien, zu viel Promis, zu viel Geld, zu viel Oberflächlichkeiten. Und letztlich zu viel Druck auf die jungen Leute. Auch sein Job wird nicht leichter. Die ständigen Begegnungen mit Künstlern sind schwieriger zu arrangieren, die Debatten werden anstrengender. Biber: "Kunst ist kein Spaß, Kunst ist Arbeit." Manchmal kommt er abends nach Hause, fällt aufs Sofa. Nimmt kaum noch wahr, was da an den Wänden hängt: Mayer, Zipp, Schrören, Hufnagel, Gilbert, die Betonköpfe von BARA, die auch schon im Kolbe-Museum ausgestellt waren. Die durchgeknallten Sachen von Optik-Mörphy. Das Zeugs vom Flohmarkt. Das sind die Momente, die er nicht mag. Dann verflucht er seine Leidenschaft, seinen Sammelwahn. Die ganze Wohnung eine Mischung aus Museum und Lager. Biber: "Mit all dem zu leben, ist nicht einfach." Dann verflucht er das Geschäft, das ihm immer noch ein Mysterium ist. Dann will er nie wieder Kunst sehen, über Kunst reden, mit Kunst zu tun haben. "Dann will ich nur Urlaub machen am Strand." Doch jetzt ist es zu spät. Geld hat er immer noch nicht, aber die Kunst hat ihn.

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Autor:
Gerhard Waldherr