Berlin Nach dem Mauerfall

Wer wie ich kurz nach dem Fall der Mauer nach Berlin gezogen war, dem erschien die ganze Stadt wie ein Geschenk, ein wieder aufgetauchtes Atlantis am oberen, zugigen Ende der Bundesrepublik. Im Westen aufgewachsen, hatte ich an jedem Abend "Tagesschau" mit den Eltern gesehen, auf der Wetterkarte und am 1. Mai wurde dort West-Berlin gezeigt, ein kleiner Schnipsel BRD und drum herum ein anderes Land.

Als ich nach Berlin kam, war es nicht so, als sei ich innerhalb Deutschlands umgezogen, tatsächlich fühlten wir Ankömmlinge uns wie Auswanderer, das sagten wir uns jeden Tag, wenn wir uns auf den aufgebrochenen Straßen trafen, in den improvisierten Bars, die aus nicht mehr als ein paar Bierkisten in Kohlenkellern bestanden. Wir sagten es uns im Morgengrauen in fremden Wohnküchen, wir flüsterten es uns zum Einschlafen, wenn es draußen hell wurde und die Einheimischen ihren Tag begannen.

Wir, das waren die anderen, die hier wie Exilanten lebten, so dachten wir, so träumten wir, nach eigenen Gesetzen, eigenen Plänen, für ein eigenes Ziel. Welches Ziel überhaupt? - Das Leben zu lernen, eine solche Lehrzeit konnte sich nur leisten, wer nach Berlin aus eigenem Entschluss gezogen war.

Am Anfang wohnte ich in Kreuzberg, bei einer Freundin, direkt an der Spree. Ich ließ mich von ihr durch diese Stadt führen, die U-Bahn war für uns die einzige Verbindung in die anderen Teile, die mir, jedes für sich, wie eine eigene, unabhängige, geheimnisvolle Stadt erschienen: In Schöneberg gab es den Winterfeldmarkt, in der Goltzstrasse das Café M, wo wir am Samstagnachmittag beim Milchkaffee saßen, um Studenten von der Hochschule der Künste zu beobachten. Wir hofften natürlich, von ihnen angesprochen zu werden, vielleicht einen Freund zu finden. In Charlottenburg gingen wir am Tauentzien ins Fitnessstudio. Oder ins KaDeWe, mit der Rolltreppe fuhren wir nach oben, in die Delikatessenabteilung, da besorgten wir uns amerikanische Spezialitäten, die es sonst nirgends gab. Zum Beispiel: Marshmallow-Fluff. Eine klebrige rosa Masse, die man sich aufs Brot streichen oder nachts mit dem Löffel essen konnte, wenn man hungrig und erschöpft nach Hause kam.

Meistens nahmen wir den Nachtbus vom Hackeschen Markt, wenn wir den Abend in Mitte verbracht hatten. Hier liefen wir von dem Club "Delicious Donuts" die Auguststraße hinunter, weiter die Oranienburger entlang, am Ende gab es das "Obst und Gemüse", eine Selbstbedienungsbar, schräg gegenüber das "Tacheles", in dessen Ruine damals noch ein prächtiger Kronleuchter hing. Diesen Anblick werde ich nie vergessen, für einen Moment fühlte ich mich versetzt in eine ferne, vergangene Zeit. Nun war ich mitten drin. Etwas weiter die Synagoge. Golden. Und bewacht. Ehrfürchtig stand ich auch hier davor, gegenüber, zum Kanal hin das Bodemuseum. Auf der Mauer davor saßen wir oft im Abendämmer, sahen hinunter ins Wasser, liefen weiter zum Pergamonmuseum, legten uns nachts auf den Vorplatz, ließen die Möwen über uns kreisen. Sogar der Wedding hatte seine schönen Seiten. Tatsächlich! Diese eine Straßenbahnstation war so grün bewachsen, dass ich es kaum fassen mochte, in dieser so trostlosen Gegend. Doch Kreuzberg war mein Zuhause, hier fühlte ich mich geborgen, auch wenn die Steine flogen, als es um die Öffnung der Oberbaumbrücke ging.

Es ist übrigens ganz merkwürdig mit dem Leben in Berlin und den Steinen, weshalb Erich Kästner die Stadt auch einmal als "verrückt gewordenen Steinbaukasten" beschrieb. Bei jedem Krawall fliegen tatsächlich immer noch die Pflastersteine, das geht soweit, dass potentielle Wurfgeschosse, rechtzeitig vor dem 1. Mai, in den Vierteln Kreuzberg und Friedrichshain von den Stadtangestellten weggeschlossen werden. Dann die Bilder von der Mauer kurz nach der Öffnung, als glückstrunkene Mauerspechte den Beton in kleine Teile klopften - bunte Stücke, die bis heute an Touristen verkauft werden. Wir, die Zugezogenen, bauten uns mit Hilfe Berliner Quadersteine wacklige Bücherregale, es reichte uns nicht, in dem Steinbaukasten zu leben - wir wollten ihn in unseren Zimmern. Baustellen gab es reichlich, wir mussten uns nur bedienen.

Einmal kam mein kleiner Bruder aus der Heimatstadt Hannover zu Besuch. Stolz führten wir ihn herum, zeigten ihm, nach unserem Geschmack, die schönsten Ecken: Von hektischen Diaprojektionen beflimmert, saßen wir nachts in einem aufgegebenen Elektroladen, dem Panasonic. Kalt war es, wir tranken Wodka aus Plastikbechern, von der Decke tropfte es, hinter einem halb heruntergerissenen Vorhang befand sich das WC. Schnell lernte man in diesen Nächten andere Leute kennen. Man verabredete sich für den nächsten Abend, bis die Gäste vor der Tür standen, wusste man allerdings nie, ob sie kommen würden. Dennoch, das hatten wir zu Hause gelernt, wollten wir ihnen etwas bieten: Gemütlichkeit. Zu diesem Zweck mussten wir unsere Besorgungen im Spätkauf machen. Einer Art Kiosk, der auch mitten in der Nacht mit Taschentüchern, Drehtabak, Kochzwiebeln, Buletten und natürlich Alkohol handelte. Das Angebot dieser Läden war durchweg von eher mittelmäßiger Qualität. Die Beliebtheit solcher Ware funktionierte nur über den schwer erklärbaren Lokalpatriotismus aller Neuberliner - allein, dass es damals diese Möglichkeit gab, war besonders.

Wir hatten eingeschweißten Schafskäse und Fladenbrot anzubieten. Die Gäste kamen mit einer Flasche Whisky - ebenfalls vom Spätkauf am Ende der Straße. Wir aßen zaghaft. Dann tranken wir, mein Bruder gierig, war er doch zum ersten Mal ohne Aufsicht. Ich ließ ihn gewähren, schließlich wollte ich ihm Berlin nahbringen, mit all seinen Verlockungen. Gegen 4 Uhr morgens saß er mit gelöstem Lächeln und nacktem Oberkörper am Tisch - meine Freundin nannte ihn nur noch Iggy Pop.

Das Sensationelle an Berlin ist und war, dass ganz Deutschland, ganz Europa, wenn nicht sogar die ganze Welt, aufmerksam auf diese Stadt schaute. Was man dort in den zusammengeschusterten Bars, den schlecht möblierten WGs, den alten DDR-Straßenbahnwagen erleben konnte, war größtenteils nichts Besonderes, uns aber bedeutete es so viel, weil es mit uns in diesem magischen Zentrum geschah. Alle wollten hier sein, wir waren da.

Wir liebten Berlin. Wenn wir zu Weihnachten bei unseren Eltern saßen, in einem Fernsehkrimi war nur kurz der Alexanderplatz zu sehen, dann ging uns das bis ins Herz und wir reisten früher zurück als geplant - getrieben von der Sorge, eine Sensation zu verpassen. Egal wie niedergedrückt wir uns an manchen Tagen fühlten, von all dem Angebot, diesem Gefühl, nicht alles erleben zu können, weil die Wege ins nächste Stadtviertel zu weit waren, versprach die Straße, in der man wohnte, Versöhnung und Ruhe. Sie symbolisierte das Vertraute, das keine Forderung stellte, sondern uns frei ließ, die neue Heimat durch unsere bloße Anwesenheit zu gestalten.

Trotzdem zog man dauernd um. Das Leben blieb ungewollt provisorisch, mal wurde das Haus verkauft und kernsaniert, mal abgerissen, mal war es Zeit, sich von der alten WG zu trennen. Es war nicht schwierig, eine neue Wohnung zu finden, war man doch nicht eitel, eher gespannt, wie es sein würde, im zweiten Hinterhof, im vierten Stock, mit Kohlenofen und Außentoilette zu leben. Das kannte man nur aus dem Fernsehen, jetzt war man mitten drin, das war die pure Inspiration. Vielleicht auch ein Grund, warum es in Berlin nur so von Künstlern wimmelt, hier kann man freiwillig lernen, was Entbehrung und Treppensteigen heißt.

Hatte man plötzlich doch wieder Sehnsucht nach frischer Luft, etwas Grün, wurde es schwieriger. Das ist etwas, wovon Berlin zwar im Umland viel besitzt, aber in sich selbst kaum zu bieten hat. Natürlich gibt es den Tiergarten, den Volkspark Friedrichshain, den Mauerpark, alle, die Natur suchen, finden sich hier wieder, spätestens beim ersten Sonnenstrahl liegt ein Handtuch neben dem anderen, und alle bringen ihre Hunde mit. Am Stadtrand gibt es noch den Grunewald, der ist immer eine Reise wert. Hier liegt die Betonung auf "Reise", denn die zurückzulegenden Strecken in Berlin sind beträchtlich.

Mit eigenen Kindern ändert sich der Blick auf die Verhältnisse. Sowieso wurden wir alle etwas ruhiger, aus den WGs wurden Wohnungen für Paare, immer mehr Kinder kamen, Trennungen und neue Verbindungen. Das Bedürfnis, sich abends noch einmal aufzumachen, um Freunde zu treffen, hielt sich plötzlich immer mehr in Grenzen: das Hindernis der langen Wege. Schnell war man isoliert.

Als ich mich entscheiden musste: Einsamkeit und Berlin - oder ein ganz anderes Leben -, habe ich mich gegen Berlin entschieden. Da es keine Alternative zu dieser Stadt gab, wohne ich heute wieder dort, wo ich hergekommen bin. Mein Ausflug in die Schule des Lebens hat länger gedauert, als es vielleicht nötig war, ich weiß gar nicht, was genau ich dort gelernt habe, aber ich bin mir sicher, es hat mir gut getan. Zu Besuch zu kommen ist etwas anderes, als dort zu wohnen. Berlin, ich vermisse dich!

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Autor:
Alexa Hennig von Lange