Berlin Kultur in Berlins Unterwelt

Vor dem Gesundbrunnen-Center, einem dieser üblichen, gesichtslosen Einkaufspaläste mit Modeshops und Kaffeeröster-Filialen, verkaufen fliegende Händler billige Sonnenbrillen, stumpfe Küchenmesser und Handtaschen aus Kunststoff. Kein schöner Ort, wirklich nicht. Hier weht ein rauer Wind, hier gönnt man sich gern auch mittags schon einen Kurzen. In Gesundbrunnen präsentiert sich Berlin so grau, ruppig und, wenn man so will, ehrlich, dass es auf den ersten Blick wenig Grund gibt, sich als Tourist hierher zu verirren.

Gesundbrunnen, nördlich von Mitte und östlich vom Wedding gelegen, ist mehr Wedding denn Mitte. Die Gentrifizierung hat gerade andernorts zu tun und keine Zeit, sich auch noch dieses Problemquartier vorzuknöpfen und aus ihm einen weiteren In-Kiez mit Coolness-Faktor, Cocktailbars und schicken Penthouses zu machen. Gesundbrunnen ist ein Maueropfer, das sich 1961 von einem Tag auf den anderen von seinen östlichen und südlichen Nachbarbezirken isoliert sah, seine Rolle als Umschlagplatz zwischen West und Ost verlor und vor sich hinzudümpeln begann. Investitionen wurden fortan woanders getätigt, und so ist das Viertel heute geprägt von Sanierungsstau, einer der höchsten Migrantenquoten in Berlin und einem Sozialindex, der in einer ohnehin nicht von prosperiendem Reichtum verwöhnten Stadt auf den Plätzen 390 bis 430 (von 447) rangiert.

Und doch gibt es hier etwas zu entdecken, was den Abstecher in den Gesundbrunnen, insbesondere in die Gegend rund um den U- und S-Bahnhof, lohnt. Wortwörtlich unter der Oberfläche eröffnen sich Einblicke in die Eingeweide der Stadt, ihre verborgenen Räume, Tunnel und unterirdischen Bunker: Gesundbrunnen ist Ausgangspunkt für Entdeckungsreisen in eine dunkle, verschlungene Welt - und für ein Theater unter Stahlbeton.

Die "Berliner Unterwelten" erforscht und erschließt ein gleichnamiger Verein seit 14 Jahren, der in Gesundbrunnen ein "Unterweltenmuseum" eingerichtet hat, Führungen anbietet durch Luftschutz- und Atombunker, zu alten Brauereikellern, unteriridischen Geisterbahnhöfen und den legendären Fluchttunneln, die sich Menschen mit mühevoller Handarbeit buddelten, weil sie von der DDR die Nase voll hatten. Doch Berlin wäre nicht Berlin, wenn nicht schon bald die ersten Künstler aufgetaucht wären, um sich diese Räume unter der Stadt zu greifen und mit neuem Leben zu füllen: Unter dem schützenden Dach des Vereins, nahezu völlig ignoriert von der Berliner Kulturpolitik und ihren Fördertöpfen, gleichzeitig aber international gefeiert und mit zahlreichen Auszeichnungen versehen, bespielt die freie Theatergruppe die Bunker am Gesundbrunnen mit einer ganz eigenen Mischung aus Theater und Führung, einer Art historischer Theatertour.

Es ist kurz vor acht, Freitagabend. "Gesichter des Krieges", eine szenisch-theatrale Montage von Einzelschicksalen im Zweiten Weltkrieg, steht auf dem Spielplan. Der Eingangsbereich des U-Bahnhofes Gesundbrunnen wird für einen kurzen Moment zum Theaterfoyer - ohne Sekt, Lachsschnittchen und Abendgarderobe zwar, doch das braucht es hier nicht. Ein junger schwäbischer Tourist holt eine Wasserflasche aus dem Rucksack und reicht sie an seine Freunde weiter, eine ältere Dame spendiert Pfefferminz. Der Einlass, so hören wir, verzögert sich noch ein wenig. Irgendwas mit der Technik funktioniert nicht. Nun, da warten wir doch gern. Wer ist schon gern in einem Bunker eingeschlossen, wenn es da unten technische Probleme gibt.

Wenige Minuten später aber kann der Abstieg beginnen. Willkommen in einer anderen Welt: "Männer-Abort ->" steht da an der dicken Wand geschrieben und "Raum 27/50 Personen" an einer anderen. Noch schnell ein paar Hinweise ans Publikum: Vorsicht, die Wände sind schmutzig. Achten Sie auf Ihre Köpfe, die Decken sind teils äußerst niedrig. Und bitte die Mobiltelefone ausschalten! Die dürften hier unten zwar eh Empfangsprobleme haben, aber sicher ist sicher. Über allem schwebt ein Zitat des Philosophen Georges Santayana: "Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen." Die U-Bahn rattert durch den benachbarten Schacht, ein vertrautes Geräusch, das hier unten bedrohlich klingt. In fünf Minuten fährt die nächste.

Shakespeare kann warten

Dort, wo im Zweiten Weltkrieg Berliner Schutz vor den Luftangriffen suchten, wo Menschen starben, Kinder zur Welt kamen und Zwangsarbeiter geknechtet wurden, baut sich in einem engen, kalten, dunklen Schacht das Ensemble vor dem Publikum auf, steht vis-à-vis, um dann für knapp eineinhalb Stunden durch die Räume des Bunkers zu führen und die Zuschauer mitzunehmen auf eine Reise in die Vergangenheit. Nach und nach tauchen diese ein ins Stück, bekommen gar - und das ist der eigentliche Kunstgriff der Regie - eine eigene Rolle zugewiesen: Als stumme Beobachter, die von Leid erfahren und doch nicht handeln. "Das lässt in vielen Momenten vergessen, dass es sich um Theater handelt", schrieb eine Kritikerin. "Man denkt, man sei selbst dabei", eine Schülerin.

Hinter diesem direkten, unmittelbaren Theater, das sich durch die Integration von Jugendlichen aus sogenannten "Problemkiezen" in das Ensemble auch als theaterpädagogisches Projekt versteht, stecken zwei Frauen: Katharina Goebel (43) produziert und organisiert, die gebürtige Ukrainerin Marina Schubarth (45) schreibt und inszeniert. Die Aufgabenverteilung zwischen beiden ist - typisch freie Theatergruppe - fließend, gemeinsam ist ihnen, "etwas bewegen zu wollen." Die Arbeit mit Zeitzeugen, ihre Erinnerungen und Texte bilden die Grundlage für die Montagen. Es geht darum, so Marina Schubarth, diesen "Erfahrungsschatz der Zeitzeugen für ein Theater gegen das Vergessen, für die wahren Geschichten, hinter den Menschen stecken und keine Fiktion, zu nutzen, so lange er noch vorhanden ist. Bis dahin kann Shakespeare warten."

Das Projekt begann 2003 mit einer humanitären Aktion zugunsten ehemaliger Zwangsarbeiter. Das Stück "Ost-Arbeiter", die erste Arbeit von Marina Schubarth in dem Bunker in Gesundbrunnen, war ursprünglich als einmalige Spendenaktion gedacht - und stieß auf derartige Resonanz, dass sie das Dokumentartheater Berlin gründete und schon bald Katharina Goebel dazu holte. Seitdem waren Arbeiten des Ensembles weltweit, unter anderem in der Ukraine, Weißrussland, Russland, Tschechien, Frankreich, Spanien, Kanada und Armenien zu sehen. "Uns geht es auch darum, dokumentarische Theaterbeit mit humanitären Begegnungen und politisch-kultureller Bildung zu verbinden", so Katharina Goebel. "Deshalb schlafen unsere jugendlichen Schauspieler auch nicht im schicken Hotel, wenn wir auf Gastspiel sind, sondern wohnen bei Zeitzeugen."

Zeitzeugen waren es auch, deren Texte und Erinnerungen die Grundlage für das Stück "...und der Name des Sterns heißt Tschernobyl" in der ehemaligen Zivilschutzanlage "Blochplatz" bilden, einem zu Beginn der 1980er Jahre reaktivierten Schutzbau aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Im Falle eines Atomschlages sollten hier 1318 Menschen für maximal 48 Stunden Schutz finden. "Is' ja verdammt eng hier, dabei sind wir nur 30", witzelt ein Schüler beim Einlass und erntet Gelächter von seinen Kumpels - doch schon bald ist Schluss mit lustig, wird ihnen anders zumute werden, denn unten, im Atomschutzbunker, stehen sie den Geschichten von Liquidatoren und Krankenschwestern, von zynischen Politikern und Ehefrauen verstrahlter Feuerwehrleute ungeschützt gegenüber. Abschalten? Undenkbar.

"Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen": Die Erinnerung an den Satz von Santayana, der die "Gesichter des Krieges" im Nachbarbunker geprägt hat, drängt sich bei diesem Stück, 25 Jahre nach Tschernobyl und wenige Wochen nach der Atomkatastrophe von Fukushima, wieder auf. Am Ende, nach minutenlangem Schlussapplaus, erscheint die Treppe wie eine Befreiung. Der Klassenkasper ist verstummt. Eine Mitschülerin schaut erst ihn an, dann die anderen. "Das hat gesessen", sagt sie.

das dokumentartheater berlin zeigt im Bunker am U-Bahnhof Gesundbrunnen "Gesichter des Krieges" von Mai bis Juli an jeden 1. und 2. Freitag im Monat, 20.00 Uhr. An jedem 3. Freitag im Monat, ebenfalls 20.00 Uhr, steht "Ost-Arbeiter" auf dem Spielplan. Sondervorstellungen für Gruppen ab 15 Personen auf Anfrage.

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Autor:
Jens Breder