Berlin Kreuzberg mutiert

Der Blick durch die Fensterfront ist perfekt. Die Spree fließt gemächlich vorbei. Die Oberbaumbrücke mit ihren Ritterburg-Türmchen aus roten Backsteinziegeln wirkt wie eine majestätische Filmkulisse. Es ist eine der schönsten Aussichten, die man in Berliner Musikclubs genießen kann. Seit fast zehn Jahren residiert an dieser prominenten Stelle das Watergate. Einst der Paradeplatz für die hektischen Beats des Drum'n'Bass, nun innovative Stätte für Club-Elektronik aller Art. Direkt gegenüber haust die Plattenfirma Universal Music in einem ungebauten DDR-Eierspeicher.

Showrooms und Modefirmen haben sich hier auf der Friedrichshainer Uferfront angesiedelt. Einige Hausnummern weiter versuchen MTV und Viva in der harten Wirklichkeit des Nischen-TV zu überleben. Eine wasserseitige Kreativmeile wie aus dem Bilderbuch und eine Toplage für die Clubszene.

"Als wir hier aufgemacht haben, war hier noch nichts. Das tote Ende vom alten Kreuzberger Postbezirk SO 36", erzählt Watergate-Betreiber Steffen Hack, genannt Stoffel. "Darum war es auch nicht schwierig, hier eine Konzession zu bekommen. Die heruntergekommene Gegend sollte schließlich werden. Gerade mit jungen, kreativen Leuten." Ein Jahrzehnt später sind diese Jungkreativen zum Fluch geworden. Lärm, grüngraue Flecken mit Erbrochenem, vollgepinkelte Hauseingänge und mit Scherben übersäte Radwege sind die Früchte eines steilen Booms aus Musik, Nachtleben und Außengastronomie. Rund um die Oberbaumbrücke herrscht mittlerweile eine dauergereizte Stimmung. "Hilfe, die Touris kommen!" lautete vor einigen Wochen das Motto einer Bürgersitzung im Nachbarschaftsheim an der Cuvrystraße, bei der es wild durcheinander ging. Zugezogene aus Sindelfingen forderten ihr gutes, altes Autonomen-Kreuzberg zurück. Der Mann von "BerlinTourismus" musste dezent darauf hinweisen, dass das Fremdenverkehrswesen mit rund 200.000 Arbeitsplätzen die größte Branche der de-industrialisierten Zone Berlin ist. Erst jüngst hatte die Stadt sich nach London und Paris auf Platz Drei der beliebtesten europäischen Städte geschoben. Das Szene-Las-Vegas an der Spree boomt.

Graffiti-Safari für Bob und Jane aus Idaho

In besagter Motzki-Sitzung schossen die bekannten Gentrifizierungs-Phänomene wild durcheinander: Mietsteigerungs-Erfahrungen und die Angst vor der Vertreibung alteingesessener Geschäfte mischten sich mit einem kruden Junge-Leute-Bashing. Auch die Grünen, die in Kreuzberg-Friedrichshain das Bezirksparlament anführen, bekamen ihr Fett weg. Keine neuen Hostels mehr, war zumindest eine Parole, auf die sich alle einigen konnten. "Unfreundlicher werden!" lautete ein bewährtes Berliner Rezept zum aktiven Selbstschutz.

In der Falckensteinstraße kommt man sich zuweilen wirklich vor wie auf einem Freiluft-Rave. Vor der - wirklich guten - Pizzabude nebenan bilden sich babylonische Menschentrauben. Gelegentlich gestört von alternativen Fahrradtouren, die unter kundiger Anleitung eines behelmten Reiseführers die wilden Ecken einer wilden Stadt erkunden. Graffiti-Safari für Bob und Jane aus Idaho.

Kein Wunder, dass auch moderate Menschen wie ich sich manchmal ein Laserschwert wünschen um die Bürgersteige frei zu räumen. Etwa, wenn man wirklich eilig zur S-Bahn-Station an der Warschauer Straße möchte und auf der Brücke Dauerstau durch Handy-knipsende Kate-Perry-Darstellerinnen herrscht.

Nicht nur einmal habe ich die Bahn verpasst, weil internationales Ausgehpublikum im Dutzend sich nicht entschließen kann, auf welchem Bahnsteig sie jetzt ihre Beck's-Flaschen zu leeren gedenken. Diese Aktion "Blockierte Treppe" wird sich in den kommenden Sommermonaten sicherlich vervielfachen.

An warmen Wochenenden herrscht auf der nahen Zentralachse Schlesische Straße internationaler Dauerpartybetrieb. Spanier, Skandinavier, Engländer und Franzosen fliegen per Billigjet ein, bleiben ein, zwei Wochen oder auch mal ein ganzes Jahr und glühen mit Wodka vom Kiosk und polnischem Bier vor, bis es Zeit wird in die Clubs zu gehen. Auch der Mann vom Watergate kommt sich zuweilen vor, als würden die Traditionsclubs vom hektischen Strom des Kreuzberg-Booms in einen Strudel hineingerissen. Die relaxte Kreuzberger Mischung läuft Gefahr aus dem Ruder zu laufen. "Hier im Watergate herrscht eine angenehme und grundsätzlich friedliche Stimmung. Sonst macht das Ganze keinen Spaß mehr", sagt Steffen Hack. "Doch wie lange das noch so bleibt, weiß kein Mensch. Wir müssen jedenfalls viel mehr dafür tun als früher. So haben wir das Eintrittsalter auf 21 Jahre herauf gesetzt haben. Das bedeutet weniger Teenager-Stress und Komabesoffene!"

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Autor:
Ralf Niemczyk