Berlin Jakob Hein: "Bin ich Berliner? Niemals!"

Liebe Leser, in der Hoffnung, dass wir unter uns sind, dass keiner von Ihnen Berliner ist, kann ich es hier ruhig einmal sagen: Ich lebe gern in Berlin, sehr gern. So, jetzt ist es raus. Ich fühle mich leichter. Irgendwann musste ich das mal sagen dürfen, aber in Berlin selbst darf man das auf keinen Fall tun. Man würde sich damit automatisch als Zugereister zu erkennen geben. Aber eins nach dem anderen.

Meine Berliner Eltern studierten einige Jahre im schönen Leipzig. Kurz vor dem Ende ihres Studiums wurde ich im dortigen Universitätsklinikum geboren. Als ich fünf Monate alt war, zogen meine Eltern wieder zurück nach Berlin. Seitdem habe ich hier meinen Hauptwohnsitz. Ich bin in Weißensee aufgewachsen und lebe im Prenzlauer Berg. Wenn ich nicht aufpasse, berlinere ich wie Günther Pfitzmann in einer Vorabendserie. Ich trinke gern Pils und schätze eine gute Currywurst. Ich kann Ihnen sagen, wo Sie den besten Döner der Stadt bekommen. In den Semesterferien habe ich früher bei der Berlinale (!) gearbeitet. Ich kenne zwei geheime und den teuren Weg zum Flughafen Tegel.

Bin ich also Berliner? Niemals! In den Augen eines echten Berliners könnte ich das Rote Rathaus auf- und wieder abbauen, den Kudamm retten oder als großer Ballon über dem Potsdamer Platz schweben, aber ein Berliner könnte ich niemals werden. Wäre ich hingegen im Waldkrankenhaus Berlin-Spandau geboren, kurz bevor meine Leipziger Eltern wieder mit mir zurückgezogen wären, würde ich heute Fettbemmen auf dem Hauptbahnhof verkaufen, Fan des VfL Leipzig sein und sächseln, die meisten Berliner würden zwar bedenklich den Kopf wiegen, durch den Geburtsort in meinem Ausweis wäre ich letztendlich aber akzeptiert.

Auch John F. Kennedy wird allgemein als Berliner akzeptiert. Dabei wäre niemand sonst mit seinem berühmten Satz "Ich bin ein Berliner" durchgekommen. Probieren Sie es bitte gar nicht erst aus. Ich habe diese Auseinandersetzung, diese Scham sogar täglich bei mir zu Hause zu ertragen. Mittlerweile wohnen in meiner Wohnung zwei echte Berliner und machen hinter meinem Rücken ihre Witze: meine Frau und unser zweijähriger Sohn. Ich habe mir vorgenommen, dass ich bei der nächsten Schwangerschaft meine Frau bei den ersten Anzeichen von Wehen in ein Krankenhaus vor die Tore der Stadt fahre, damit ich nicht mehr der einzige Rucksack-Berliner in meinem Haushalt bleibe. Dieses Wort ist einmalig, ich habe noch nie von einem Rucksack-Hamburger oder Rucksack-Ulmer gehört. Damit soll auch nicht zum Ausdruck gebracht werden, dass sich die betreffende Person einst mit einem Rucksack in Berlin eingefunden hat, sondern dass sie wie ein schwerer Rucksack auf den Schultern der echten Berliner lastet.

Das Ganze hat mit einem Phänomen zu tun, das wohl auch einzigartig für diese Stadt ist. Jeder, der sich hier länger als drei Wochen aufhält, möchte gleich Berliner sein. Der bajuwarischste Bayer und die schwäbischste Schwäbin, die hier ein zweimonatiges Praktikum machen, nach kürzester Zeit sagen sie alle: "Ich bin Berliner." Und dagegen sind die Eingeborenen etwas allergisch. Eigentlich ist es ein Kompliment an die Stadt, dass die Menschen sich gern mit ihr identifizieren. Aber mit Komplimenten tun Berliner sich schwer. Seien Sie froh, dass ich kein richtiger Berliner bin! Zwar lehne ich diese Ablehnung der Berliner normalerweise ab. Ich empöre mich, dass ich waschechter Berliner sei, dass diese Festlegung lächerlich ist, dass ich ja wohl kein Sachse bin.

Wenn ich die Stadtgrenze verlassen habe, dann behaupte ich sogar einfach, dass ich Berliner sei. Aber dann denke ich, wenn ich ein echter Berliner wäre, würde ich jetzt nicht hier sitzen und Ihnen etwas über diese Stadt aufschreiben. Für einen echten Berliner wäre das unter seiner Würde. Wenn ihn ein Reisender zu seiner Stadt fragen würde, käme als Antwort nur ein freundliches: "Dann bleibt doch zu Hause!" Womit wir bei einem wichtigen Thema wären: der berühmten Berliner Unfreundlichkeit. Sie ist eine Fehleinschätzung, nicht existent.

Sicher, die Umgangsformen sind rau. Ich erinnere mich, wie ich nach einem längeren Aufenthalt im leisen Stockholm wieder in einer Schlange vor einer Berliner Kasse stand, plötzlich von hinten angebellt wurde, zurückschreckte und noch sah, wie ein Mann an mir vorbei den Laden verließ. Als der Schock nachließ, registrierte ich, dass er mich mit "Kann ick mal bitte durch?" angebrüllt hatte. So ist es: Die Form ist rau, aber der Inhalt ist pure Höflichkeit. Folgende Situation: Ein Bus steht an der Haltestelle, von hinten kommt ein Passagier angehetzt. In Köln schließt der Bus die Türen und fährt ab. In Berlin wartet der Busfahrer mit offener Tür, und wenn der abgehetzte Fahrgast sich dann im Bus befindet, beschimpft ihn der Busfahrer, dass er so nie beim Berlin-Marathon mitlaufen könne und dass er nun ja nicht wagen solle, das Fahrgeld nicht passend zu haben. Aber ich frage Sie: Wer hat es besser, der Kölner an der Haltestelle oder der Berliner im Bus?

Die Berliner lieben es zu meckern und nehmen dafür alles in Kauf. In dieser Stadt kann sich deshalb jeder wohlfühlen. Das liegt insbesondere daran, dass die Berliner Definition "normal" erheblich von der woanders abweicht. Wenn man in einer silberglänzenden Leggins mit bauchfreiem T-Shirt, Lockenwicklern in den Haaren und rosa Plüschpantoffeln eine Zeitung kaufen geht, könnte man in Gera oder Münster vielleicht Aufsehen erregen, in vielen Berliner Bezirken würde man nur eine Menge Leute im Zeitungsladen treffen, die genauso aussehen.

Wie bewege ich mich in Berlin?

Die gepiercte Oma, der überschminkte Transsexuelle oder der langhaarige Mittvierziger, der auch im November barfuß mit Jesuslatschen und kurzen Jeans umherläuft, sie fallen in Berlin nicht auf. Daher zieht es viele Menschen hierher, die woanders als Außenseiter gelten würden. Manche aber kommen mit diesem neuen Zustand der Normalität dann nicht zurecht. In ihnen erwacht der Ehrgeiz, weiterhin aufzufallen, der Individuellste in dieser Stadt von Individualisten zu sein. Das ist schwer. Um ein Berliner Original zu werden, braucht man viele Ideen und Durchhaltevermögen.

Wie, um Himmelswillen, soll ich mich nun in dieser Stadt bewegen?, werden Sie sich jetzt vielleicht ängstlich fragen. Ganz natürlich!, rufe ich Ihnen zu. Kommen Sie zahlreich, steigen Sie in den Bus und kommen vorbei! Wenn Sie Lust haben, setzen Sie sich einen lustigen Hut oder eine bunte Sonnenbrille auf, Sie können sich auch gern noch schnell die Haare azurblau färben. Versuchen Sie bloß nicht, sich unauffällig oder schlicht zu kleiden! Denn mit nichts werden Sie sich unpassender gekleidet fühlen als mit einem mausgrauen Mantel oder Anzug. Sie würden jedem unangenehm auffallen und die prüfenden Blicke der anderen auf sich ziehen. Aber tun Sie sich und uns bitte einen Gefallen: Sehen Sie bitte davon ab, einen Berliner zu spielen.

Stellen Sie sich ruhig in die Mitte einer viel befahrenen Kreuzung, entfalten Sie ihren Riesenstadtplan und schauen fragend in alle Himmelsrichtungen. Nehmen Sie Ihren Fotoapparat und knipsen Sie mit den Japanern um die Wette! Studieren Sie mit gerunzelter Stirn stundenlang das Tarifsystem der Berliner Verkehrsbetriebe! Niemand kann es verstehen, aber die Berliner haben sich damit abgefunden. Und vor allem: schwäbeln, sächseln und plattdeutschen Sie, wie Sie nur können. Nichts ist den Berlinern unangenehmer als getarnte Touristen. Aber das allerschlimmste ist, wenn ein Tourist so wenig Tourist sein möchte, dass er zu berlinern probiert. Machen Sie das nicht! Es gibt keinen Grund, sich als Tourist zu verstecken. Freuen Sie sich doch einfach Tourist zu sein, die Berliner freuen sich gern mit Ihnen.

Die Stadt ist nämlich auf zwölf Generationen hinaus verschuldet und wenn nicht in nächster Zeit eine Ölquelle unter dem Zoo gefunden wird oder sich eine Diamantmine unter dem Alexanderplatz öffnet, sind und bleiben Sie unser wichtigster Wirtschaftsfaktor auf Jahre hinaus. Fast jeder in dieser Stadt ist Künstler und nicht einmal alle sind schlecht. Aber dadurch gibt es an jedem Abend ein solches Überangebot an Lesungen, Konzerten und Vernissagen, dass es ohne Touristen gar nicht gehen würde. Künstler, die woanders ansehnliche Hallen füllen, begrüßen Sie an der Eingangstür mit Handschlag und freuen sich, dass ausgerechnet Sie in den kleinen Club gekommen sind, wo sie heute Abend auftreten.

Die Berliner selbst nutzen das kulturelle Angebot der Stadt sehr selten. Eigentlich gehen sie nur in die Museen und Theater, wenn sie Besuch von außerhalb haben, dem sie anderes zeigen wollen als ihre Eckkneipe. Die Berliner gehen aus unerfindlichen Gründen lieber zu Ereignissen, die auch in jeder Kleinstadt stattfinden könnten. So bekommt man hier jederzeit Opernkarten, aber wenn mal ein neuer S-Bahnhof mit Blasmusik, Wurst und Freibier eingeweiht wird, dann findet man keinen Stehplatz mehr. Kommen Sie also gern vorbei, es gibt hier unendlich viel zu entdecken. Jeder Hinterhof erzählt Geschichten, der Abend geht erst nachts los, dafür aber bis in den Morgen und ein letztes Bier kann man rund um die Uhr trinken.

Lassen Sie sich nicht von den grimmigen Gesichtern der Berliner abhalten, das ist nur unser Versuch, Sie anzulächeln. Aber finden Sie es lieber selbst heraus, denn ich kann mich auch täuschen. Ich bin ja kein richtiger Berliner.

Autor:
Jakob Hein