Europop Im Reich der Gurke

Nachhaltigkeit hat sich auch im Tourismus zum wohlfeilen Kampfbegriff entwickelt. Sie ist die knackigere Schwester der überstrapazierten Wellness, die zu beliebig geworden ist, um an der Vermarktungsfront noch entscheidend punkten zu können. Das nächste große Ding, genau wie Enthaarungs- oder "Waxing"-Lounges das Sonnenstudio als suburbane Allerwelts-Geschäftsidee abgelöst haben. "Nachhaltig" als Trendbegriff markiert eine höhere und gleichzeitig entspanntere Dimension des Reisens. Das beginnt beim Nachdenken über Fernflüge. Und hört bei ökologisch erzeugten Lebensmitteln aus der Region noch lange nicht auf. Landliebe als nächster Schlenker der Freizeitgesellschaft.

Damit ist die große Chance der Naherholungsregionen gekommen, die lange Zeit als spießig und tantenhaft galten. Auf diese Weise wird aus dem Spreewald, vormals ein beliebtes Reiseziel von Ost-Berliner oder Cottbuser Rentnern, das "deutsche Amazonasgebiet". Gewürzgurken, Schlangenkopf-Häuser und Pellkartoffeln mit Quark erscheinen nunmehr in einem anderen Licht: der edle Schimmer der Nachhaltigkeit.

"Das Biosphärenreservat Spreewald meistert seine Aufgabe als Modellgebiet für nachhaltige Entwicklung auf beeindruckende Weise", sagt etwa Dr. Lutz Spandau, der geschäftsführende Vorstand der Allianz-Umweltstiftung, die schon vor Jahren eine Patenschaft für die sumpfige Bruchzone übernommen hatte. Rund 75% der Anbaufläche im Spreewald ist ökologisch oder durch extensive Grünlandnutzung bewirtschaftet. Ein deutschlandweiter Spitzenwert. Auch die in den 1990er Jahren eingeführte Regionalmarke "Spreewald" hat sich etabliert.

Über 1.000 Produkte sind zertifiziert und bürgen für die regionale Herkunft. In der aktuellen "Gurkenkrise" rings um den Darmvirus EHEC durchaus ein Trumpf. "Gerade jetzt zahlen sich die Vielfalt der angebauten Produkte und die Direktvermarktung aus", versucht Thomas Goebel, der Vorsitzende des Bauernverbandes Südbrandenburg, alle Verunsicherungen der Verbraucher sozusagen im Keim zu ersticken. Schließlich lobte bereits Theodor Fontane in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" die Spreewaldgurke als vorzügliche Delikatesse.

Heute gibt es nachhaltig aufgemöbelte Stadt-Silhouetten wie das von Lübbenau ("Top of Spreewald"), den als "Kundenfreundlichster Kleinstadtbahnhof 2005" ausgezeichneten Bahnhof in Lübben oder den 250 Kilometer langen und mit einem flotten Logo ausgestatteten . Das Hotel-Ressort "Bleiche Spreewald" flirtet gar über sein Top-Angebot mit der Hauptstadt-Schickeria und darf sich zu den 100 besten Wohlfühl-Hotels in Europa zählen. Spreewald reloaded, der nun auch die Porsche-Cayenne-Klientel in seine Erlenwälder lockt. Weißstörche, Seeadler und Kraniche gibt's inklusive.

Die klassische Kaffeefahrt auf dem Spreekahn ist weiterhin die wacklige Angelegenheit, die sie immer schon gewesen ist. Plärrende Kinder nebst Großeltern zählen auch weiterhin zur Hauptklientel dieser Postkarten trächtigen Ikone der Region. Lausitzer Gondoliere staksen schmale Bötchen mit langen Stöcken durch grün umrankte Wassertunnel und geben ihre Dönekes zum Besten. Da mischen sich dann Alltags-Ärgernisse wie die immer mal wieder verkündete Abschaffung der beliebten Postkähne mit alten Sagen um italienische Adelsmänner, Schlangenkönige und Flötenspiel. Auf kleinen Holzstegen warten Senfgurken-Ensembles auf romantisierte Kunden. Was einst als kostenloses Proviant an die Kahnreisenden für den Kilometer langen Flusstrip verteilt worden ist, feiert nun seine Wiederauferstehung als Nachhaltigkeits-Snack. Und dann geht es wieder hinaus auf irgendeinen mäandernden Nebenseitenarm der Spree, während die grüne Hölle die dahin schippernden Menschen wie ein gieriger Schlund verschlingt.

Und wenn sich dann doch irgendwann der Natur- und Nachhaltigkeits-Koller einstellt, bleibt ja immer noch der in Kleinwelka. Das bewaldete Gelände ist bereits Ende der siebziger Jahre von Privatgründer Franz Gruß angelegt worden. Ein pittoreskes Relikt aus DDR-Zeiten, das mit viel Engagement den Sprung in 21. Jahrhundert irgendwie geschafft hat. Dino-Nachhaltigkeit gegen hektische Modernisierung.

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Autor:
Ralf Niemczyk