Potsdam Hohenzollern

Andreas Kalesse hat schon wieder was gefunden. Er findet dauernd was - barocke Wandgemälde, verloren geglaubte Fassadenteile, Schmuckstücke aus der Bronzezeit. Diesmal ist es ein ganzes Haus: ein mit Holzbohlen verkleideter Fachwerkbau - "nicht besonders groß", sagt Kalesse, "aber ganz bestimmt einmalig".

Bis 1935 hatte es als Spielhaus für Kinder im Gutspark Groß Glienicke gestanden. Wer es danach abtrug und wohin es gekommen war - niemand wusste es, 70 Jahre lang. Jetzt erhielt Andreas Kalesse, Potsdams oberster Denkmalpfleger, den entscheidenden Hinweis. Ein Kollege hatte am Rande Berlins ein seltsames Haus bemerkt. Kalesse fuhr hin, verglich Archivfotos mit dem Gebäude - kein Zweifel: Das Spielhaus war wieder da.

Die Presse berichtete, und wie immer, wenn Kalesse etwas gefunden hatte, klingelten am nächsten Tag die Telefone, riefen alteingesessene Potsdamer an: Man habe zu Hause noch eine Kiste alter Fotos, ob der Herr Stadtkonservator nicht einmal schauen wolle, wie dieses und jenes vor dem Krieg ausgesehen habe.

Früher, sagt Kalesse, war das anders. Da hagelte es wütende Briefe: "Erst hatten wir die SED, jetzt haben wir den Denkmalschutz!" Die Potsdamer wollten ihre Häuser in Stand setzen, Kalesse seine Vorschriften einhalten: Die morschen Türblätter sollten drinbleiben, die Satellitenschüssel am Fenster musste wieder weg. Damals galt Kalesse als Verhinderer, als einer, der jahrelang gehegte Umbaupläne mit einem Wort zunichte machen konnte und im gleichen Atemzug Betonplatten von der Straße reißen ließ, um sie - "als gäbe es nichts Wichtigeres"- durch Pflastersteine zu ersetzen.

Potsdam hat lange warten müssen. Als in Weimar, Erfurt und Leipzig die ersten Baugerüste fielen, lag die Stadt noch immer da wie verwunschen. Auf mehr als 80 Prozent der Altbausubstanz lagen Rückübertragungsansprüche. Die "Wiederannäherung an das historisch gewachsene Stadtbild" kam und kam nicht voran.

Erst Mitte der neunziger Jahre ging es vorwärts. Und mit jedem Straßenzug, der seine barocke Pracht wiedergewann, mit jedem Mosaik, das wieder in altem Glanz erstrahlte, wurden die Proteste leiser. Als im Frühjahr 1999 Bauarbeiter begannen, Teile des in den Sechzigern zugeschütteten Stadtkanals wieder auszugraben, kippte die Stimmung. Plötzlich war der alte Stadtgrundriss wieder sichtbar und mit ihm kam die Vorstellung zurück von dem, was Potsdam einmal gewesen war: der Traum einer ganzen Dynastie.

"Das ganze Eyland muß ein Paradies werden", hatte Johann Moritz von Nassau-Siegen seinem Freund Friedrich Wilhelm 1664 geraten. Dem Großen Kurfürsten schien das kleine Potsdam wie geschaffen für seine Pläne - nahe Berlin, mitten in einer lieblichen Seenlandschaft, eine zweite Residenzstadt zu errichten. So entstand Potsdam, ähnlich wie Versailles und St. Petersburg, vor allem aus einer Idee heraus. 250 Jahre lang arbeiteten die Hohenzollern an ihrem irdischen Paradies, jeder Herrscher setzte einen anderen Farbtupfer - das Gesamtkunstwerk Potsdam aber verlor niemand aus den Augen.

Wer heute durch Potsdams Mitte geht, steht vor einem Rätsel. Was will diese Stadt? Man erschrickt angesichts der breiten Straßen um den Bahnhof, verliert sich in den romantischen Gassen am Neuen Markt, bewundert die italienische Leichtigkeit an Kirchen und Schlössern, sieht die hochgeputzte Fußgängerzone in der Brandenburger Straße und manches vor dem Ruin stehende Barockhaus.

Merkwürdige Entdeckungen bietet die Stadt: Zu Füßen des Kapellenberges liegen 13 reich verzierte, mit Holzbohlen verkleidete Bauernhäuser - die russische Kolonie Alexandrowka. Friedrich Wilhelm III. ließ sie 1826 errichten, zum Andenken an Zar Alexander I. - gemeinsam hatte man 1813 Napoleon besiegt. Nur einige Schritte weiter erstreckt sich das Holländische Viertel: Dicht an dicht schmiegen sich die ziegelroten Häuschen mit ihren geschwungenen Giebeln und den spielzeughaft anmutenden, buchsbaum-grünen Fensterläden. Die Häuser wurden 1734 auf Befehl Friedrich Wilhelms I. errichtet, um holländische Handwerker nach Preußen zu locken.

Nur wer Lust auf Multikulti hat, muss nach Berlin

Hinter Potsdams alter Stadtmauer, vier Meter hoch, in der Mitte eine schmale Holztür, arbeiten Mario Weber und Thomas Winkler - die beiden letzten Fischer von Potsdam. Jeden Morgen legen sie vor der Stadt ihre Netze aus,manchmal nehmen sie Touristen mit, nur früh aufstehen muss man. An diesem Morgen geht es hinaus auf den Tiefen See. Leise tuckert der Bootsmotor, pflügt sich der Kahn durch die weichende Nacht. Blässhühner flattern aufgeschreckt zur Seite. Noch schläft die Stadt, nur am Ufer der Schiffbauergasse brennt schon Licht. Hier, auf dem Gelände des alten Gaswerks, entsteht das neue Potsdam: großzügige Büros am Wasser, Ateliers, Restaurants und - in der früheren Kaserne der Garde-Husaren - Spielstätten für die alternative Kunstszene. Auch ein kleiner Hafen ist geplant.

Das Wichtigste aber, was zurzeit an der Schiffbauergasse entsteht, ist das neue Theater. Seit der Zerstörung der alten "Kanal-Oper" durch britische Bomber mussten sich die Potsdamer mit Provisorien begnügen, zuletzt mit einem 1992 aus Leichtmetall errichteten armseligen Kasten - Blechbüchse genannt. Jetzt entsteht eine neue Spielstätte, und was für eine: Wie drei ineinander geschobene Muschelschalen entblättert sich das Dach zum Wasser hin. Schon heute gilt das Gebäude als neues Wahrzeichen der Stadt. Vom Foyer aus, das Sektglas in der Hand, wird man schon im Sommer 2006 über den See schauen können zum "Kleinen Schloss" hinüber und weiter hinauf über die grünen Hügel.

"Ein See direkt vor der Haustür, wo kriegt man das schon geboten?"- nur wenige Meter vom Theater-Rohbau entfernt, im sechsten Stock eines ehemaligen Kohlenbunkers, steht Hannes Häfele am Fenster seines Büros und breitet fragend die Arme aus. Von hier oben lenkt Häfele seit drei Jahren eine Vertriebsabteilung des amerikanischen Softwareherstellers Oracle. Natürlich hätte das Unternehmen auch andere Standorte geprüft, München zum Beispiel oder Berlin, aber: "Potsdam war unschlagbar!" - "Hier können Sie in der Pause baden gehen, und wenn Sie Lust auf Multikulti haben, sind Sie in 20 Minuten in Berlin." Ein Vorteil, den auch die Volkswagen AG nutzen will: Nebenan wurde soeben das erste VW-Design-Center außerhalb von Wolfsburg eröffnet.

Die Nähe zu Berlin zahlt sich aus, auch für die Stadt. Potsdam profitiert von den zahllosen Hauptstädtern, die am Wochenende kommen. Manche bleiben für immer: Während anderswo in Ostdeutschland ganze Viertel leer stehen, steigen die Einwohnerzahlen in Potsdam seit 2000 wieder. Heute leben 145.000 Menschen in Potsdam, die Kaufkraft ist hoch, die Arbeitslosigkeit niedrig. Doch was die Zahlen nicht zeigen, ist, wie ungleich sich die Stadt entwickelt hat: da der arme Süden, hier der reiche Norden. Dort Plattenbauten, da prächtige Bürgerhäuser und Villen - die schönsten stehen in der Berliner Vorstadt.

Das Viertel erstreckt sich auf einer schmalen Landzunge - auf der einen Seite der Tiefe See, auf der anderen der Heilige See. Oben, an der Zungenspitze vor der Glienicker Brücke, lag früher der Todesstreifen. In diesem Dreieck ist Susanne Fienhold Sheen aufgewachsen. Als Kind hängte sie ihre Badesachen am nahen Grenzzaun zum Trocknen auf. Auf dem Kopfsteinpflaster der Mangerstraße lernte sie Fahrrad fahren und hier wohnt sie auch heute noch. Ein Glücksfall. Denn viele Alteingesessene zogen weg, als Mitte der Neunziger Baugerüste die Häuser umstellten, die alten Villen am Seeufer neue Besitzer fanden. Heute wohnen hier Jauchs und Joops.

"Man komme gut zurecht miteinander", sagt Susanne Fienhold Sheen. Vor zwei Jahren gründete sie Potsdams erste Ich-AG. Seitdem ist sie Stadtführerin. Wenn man mit Fienhold Sheen durch die Stadt spaziert, beginnen Häuser und Straßen ihre Geheimnisse auszuplaudern, wird die Stadt zur Vertrauten. "Potsdam ist nicht nur Sanssouci!", sagt Fienhold Sheen ihren Gästen immer wieder. Nur eines würde sie nie tun: Touristenbusse zum "Promis gucken" durch die Berliner Vorstadt dirigieren.

Viele West-Berliner, Kölner und Hamburger kamen nach der Wende nach Potsdam und blieben. Die wenigsten zog es in den Süden der Stadt. Zwar wurden die Plattenbauten aufwendig saniert und Innenhöfe begrünt, aber Platte bleibt Platte. Mehr als 50 Prozent der Einwohner Potsdams leben hier. Armut ist relativ: Alt-Potsdamer, die es sich leisten konnten, sind aufs Land gezogen. Und diejenigen, die geblieben sind, fahren blankgeputzte Autos und jedes Jahr nach Spanien oder in die Türkei. Doch Potsdam ist eine kleine Stadt - nirgendwo sonst in Ostdeutschland sind die Kontraste zwischen neuem Besitzbürgertum und Alteingesessenen so stark wie hier. Am deutlichsten werden sie jeden Samstag zwischen Nauener Tor und Bassinplatz. Hier, fast nebeneinander, existieren zwei Bauernmärkte: Auf dem einen tragen die Käufer Plastiktüten und ausgetretene Schuhe. Auf dem anderen nippen die Besucher um 11 Uhr morgens am ersten Gläschen Sekt.

Wohin entwickelt sich Potsdam? Zu einer Medienstadt mit noch mehr TV-Shows und Actionfilmen, produziert in Babelsberg? Zu einer Stadt der Hightech-Forschung, in die Menschen wie SAP-Gründer Hasso Plattner bereits Millionen investierten? Auch hier wird man die Antwort nicht allein in der Gegenwart und Zukunft finden. - Das alte Stadtschloss soll wieder aufgebaut werden. Doch um die 1968 auf Anweisung der SED gesprengte Garnisonkirche ist ein heftiger Streit entbrannt. Hier hatten die Nazis im März 1933 "die Versöhnung des preußischen Geistes mit der neuen Bewegung" beschworen, hier haben sich Hindenburg und Hitler die Hand gereicht. Während Traditionsverbände der Bundeswehr und wohlhabende Potsdamer Geld für den Wiederaufbau sammeln, will die PDS verhindern, dass der "Geist von Preußen" wieder aufersteht.

Autor:
Lotta Wieden